10/30 – seidene Fäden

(Fragmente.me war gestern down, ich habe die veraltete PHP-Version im Verdacht. Ich habe daher bei Novemberregen gastgebloggt und diesen Beitrag rückdatiert.)

Ich habe wahrscheinlich mehr als fünf Lieblingsbücher, aber das sind die fünf – je nach Publikum auch nur drei – die mir immer sofort einfallen, wenn ich gefragt werde:

  1. Brideshead Revisited – Evelyn Waugh: wegen der vielen unterschiedlichen Arten von Liebe, die beschrieben werden, und die ich immer wieder neu entdecke, je älter ich werde.
  2. Never let me go – Kazuo Ishiguo: hat zu Recht einen Nobelpreis für Literatur bekommen. Das Allerschwerste wird federleicht erzählt. Es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt keine Rettung, auch durch die Liebe nicht.
  3. The Bone Clocks – David Mitchell: wegen Holly. Und weil das Buch an unerwarteten Stellen sehr witzig ist.
  4. Alchemised/Manacled – Senlinyu. Dieselbe Geschichte, unterschiedlich erzählt. Eine unausweichliche, griechische Tragödie. Alle, die nur das beste wollen, sich dafür selbst opfern, erreichen damit am Ende nur das schrecklichste. Und dann ist die Geschichte nicht zuende. My Roman Empire.
  5. Bloody, slutty and pathetic – whatmurdah. Völlig verrückt, und doch in sich so stimmig. Kaum zu beschreiben.

Jedenfalls: the Bone Clocks besteht aus sechs (kurzen) Teilen, die teilweise ganz unterschiedliche Geschichten erzählen, und in allen kommt Holly vor, mal als Hauptfigur, mal nur ganz am Rande. Der erste Teil spielt 1984, da ist sie gerade fünfzehn und läuft von zuhause weg, wenngleich nur für ein oder zwei Tage, immer am Fluß Thames entlang, es ist sehr heiß. Dann folgen Episoden aus den Jahren 1991, 2004, 2015, 2025 und schließlich 2043. Die Welt ist da schon am Ende, die Ressourcen aufgebraucht, die Klimakatastrophe voll da, und das Internet ist kein Netz mehr, sondern nur noch ein Thread, über den es Holly gelegentlich gelingt, ganz kurz ihren Bruder zu erreichen.

Ihre Tochter ist bei einem Flugzeugabsturz umgekommen, damals, als alle Flugzeuge auf einmal aufhörten zu fliegen. Und von ihrer tausendfach fotografierten und gefilmten Kindheit und Jugend ist Holly nur ein einziges, schlecht ausgedrucktes Bild geblieben. Denn alles war in der Cloud, und die Cloud gibt es nicht mehr.

Es klingt so melodramatisch. Aber es ist ja auch ein Buch. In meinem Leben gibt es ein paar Fotoalben, von meiner Mutter angelegt, unten im Keller. Ein paar Schuhkartons mit Fotoabzügen, 1995 – 2005, vielleicht auch 2010, in einer Truhe in meinem Arbeitszimmer. Eine große Lücke, in der ich schon digital fotografiert habe, vielleicht auf Ordern auf meinem PC, oder auf Speicherkarten, oder auf einem iPhone 5. Und seit 2017, sicher auf jeden Fall seit 2019 in der Cloud: 20.000 Fotos, auch ein paar Videos, alle unsortiert.

Ich sollte nicht bis zur Rente warten, mich darum zu kümmern. Oder bis zum Ende der Welt, je nach dem, was zuerst eintritt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert