Manacled war nicht mein erstes Fanfic. Es war aber ein Fanfic, ein Buch, eine Erzählung, ein Erlebnis, das meine literarische Welt im September 2023 in ein Vorher und ein Nachher geteilt hat.
Manacled ist ein Epos, eine griechische Tragödie. Fast alle Figuren wollen nur das beste und handeln aus einer jeweils nachvollziehbaren moralischen Position heraus. Genau dadurch stürzen sich und alle anderen tief ins Unglück. Es ergreift einen, man wünscht sich doch noch einen Funken Hoffnung für die Figuren und kann sich nicht vorstellen, wie die Autorin dort hinkommen könnte. Die Geschichte von Manacled beginnt in der Mitte, erzählt dann den ersten Teil in Rückblende, bevor wir zum dritten Teil springen. Wir wissen immer genau soviel wie Hermione – und das ist nicht besonders viel. Dafür, dass sie ausgesprochen klug ist, versteht sie ein paar Sachen überhaupt nicht oder erst sehr spät. Diese Erzähltechnik voller Wendungen, die unvorhersehbar sind, aber im Nachhinein total schlüssig sind, wirken wie literarisches Crack.
Mir hat die Neuinterpretation der Figuren sehr gut gefallen, wobei die Charaktere eine gewissen Stimmigkeit mit den Originalen behalten haben. Die Geschichte funktioniert aber auch in der HP-fernen „Alchemised“-Version sehr gut.
Mein erstes Fanfic war aber tatsächlich aus dem „Chronicles of Riddick”-Universum, nämlich „The Apprentice“. Ich habe es wohl im Jahr 2001 gelesen, ausgedruckt und acht Umzüge überleben lassen. Die Autorin, Ardath Rekha, veröffentlicht weiterhin. Weitere Riddick-Fanfics haben mich aber nicht abgeholt, und ich bin erst über Manacled so richtig in die Fanfic-Welt eingetaucht.
Ich denke manchmal, dass Fanfiction die Literatur gerettet hat. Zumindest, wenn man nicht nur Geschichten von alternden Männern lesen will, die über alternde, aber erfolgreiche Männer schreiben, die sich in junge Frauen verlieben. Fanfiction ist unmittelbar, jeder kann etwas schreiben, es wird nicht zensiert, und es braucht keinen Verlag. Es ist eine Experimentierplattform, und es haben viele sehr gute Autorinnen über Fanfic das Schreiben gelernt, zum Beispiel Naomi Novik oder Ali Hazelwood. Fanfic hat eine Community hervorgebracht, oder zehntausend Communities, wenn man es so sehen möchte. Lektoriert wird von Freiwilligen. Fanfiction rüttelt an dem, was Publizisten als publikumstauglich definieren. Fanfiction traut sich was, und es vertraut den Lesenden. Es schafft Raum für queere Themen, ich würde fast sagen: queere Geschichten sind der Motor. Fanfiction inspiriert Menschen: sie machen Hörbücher aus ihren Lieblings-Fics, binden sie zu wunderschönen Büchern und zeichnen Illustrationen dazu. Der Kapitalismus hat mittlerweile seine kleinen, klebrigen Tentakel ausgestreckt, aber noch ist es eine sehr schöne Welt, und ich bin froh, dass ich sie wiederentdeckt habe.

Nachtrag für DönertellerVersace: meine Fanfic-Empfehlungen:
Die „Klassiker“ der Dramione-Fanfics benötigen wahrscheinlich keine Erläuterung: Manacled, Draco Malfoy and the Mortifying Ordeal of Being in Love, the Auction, wait & hope, the fallout, measure of a man. Ich möchte dennoch kurz „Draco Malfoy and the Mortifying Ordeal of Being in Love“ hervorheben. Draco ist mittlerweile ein Auror geworden, also eine Art magischer Kriminalbeamter. Hermione ist eine berühmte Biowissenschaftlerin und steht kurz vor einem Durchbruch. Leider wird sie von Unbekannten bedroht und Draco wird ihr als eine Art Personenschützer zur Seite gestellt. Die beiden sind zunächst recht unbeeindruckt voneinander. Hermione muss für ihre Mischung aus Magie und Biochemie allerdings zu bestimmten Zeitpunkten an verschiedenen Orten Stoffe oder Gegenstände einsammeln und die beiden verbringen auf diese Art und Weise viel Zeit miteinander. Die Geschichte ist allein aus der Sicht von Draco erzählt, unglaublich witzig und meiner Meinung nach besser als die veröffentlichte Variante.
Meine persönlichen und vielleicht weniger bekannten Tipps:
- Bloody, slutty and pathetic: wurde hier schon mal erwähnt. Plot ist bonkers, Hermione sehr stark, und Draco ein wunderbarer Simp.
- the witching hour: für mich ein eher ungewöhnliches Sujet – Hermione bekommt ein Kind, Draco ebenfalls, und das verbindet die beiden. Die Prosa ist zum niederknien schön.
- The spiderwood cabinet – Hermione und Draco sind verheiratet, aber die Erotik prickelt nicht. Da wird Hermione im Spiderwood Cabinet vertauscht. Sie reist in die Zukunft, und ihre ältere Version ersetzt die jüngere. Die ältere Hermione bringt dem jüngeren Draco bei, ein guter Dom zu sein, und die jüngere Hermione lernt vom älteren Draco, dazu zu stehen, was ihr gut tut.
- an ever-fixed mark: Hermione ist Curse breaker und soll bei Draco ein verzaubertes Objekt entzaubern. Dabei verletzt sie sich aus versehen und ist nun magisch an ihn gebunden. Draco hat mit der Malfoy-Familie radikal gebrochen und lebt mit seinem Sohn in einem Haus der Black-Familie: Matagot. Mir hat in diesem Fic besonders gut gefallen, wie die beiden gelernt haben, mit ihren jeweiligen Traumata umzugehen.
- I’m never lonely when I’m with you – ein blöder Titel, ein schönes, kurzes Fic. Hermione und Draco teilen sich während ihres Studiums eine Unterkunft, werden erst Freunde und dann mehr. Auch hier steht im Mittelpunkt, wie sie mit ihrer Vergangenheit umgehen.
Hollanov habe ich noch nicht viel gelesen. Mir hat Home economics sehr gefallen. Die beiden leben eine Weile in der Schweiz als Paar zusammen und spielen auch zusammen Hockey. Wie soll es zuhause weitergehen. Außerdem: black dog. Ilya spielt kein Hockey mehr und wohnt im Haus von Svetlana. Shane ist sein Nachbar, und Shane’s schwarzes Hund besucht den niedergeschlagenen Ilya.
Happy reading!


