28/30 – Bucket List

SGMaus hat gefragt, was auf meiner Bucket List steht. Ehrlich gesagt gar nicht mehr so viel. Karrieretechnisch bin ich zufrieden und eher skeptisch, ob ich den mit einem weiteren Aufstieg verbundenen Stress möchte. Materiell bin ich eigentlich gesättigt. The Cure möchte ich natürlich immer wieder spielen sehen, aber ich habe mir vor allen mit den Konzerten in den USA einen ziemlich großen Wunsch erfüllt. Mehr oder weniger ist – wie hier beschrieben – die final form erreicht.

Ich habe lustigerweise vor fast zwanzig Jahren schon einmal über meine Bucket List geschrieben, mit dem Zielhorizont 2037. Was ist daraus geworden?

  • Bouillabaisse essen, vorzugsweise am Gare du Nord: ja. Letztes Jahr in Marseille erledigt, hat mir nicht besonders geschmeckt. Insgesamt in den letzten Jahren oft und gut in Frankreich gegessen.
  • eine Kreuzfahrt: Ja, zwei Expeditions-Kreuzfahren und zweimal die Postschiffroute.
  • business class fliegen: ja, mehr als mir lieb ist.
  • first class fliegen: nein, wäre nice to have und wird auch irgendwann mal passieren, aber längst kein dringender Wunsch mehr. Die goldenen Zeiten des Fliegens sind vorbei.
  • einen Hund haben – nein, und DAS ist weiterhin eine sehr große Sehnsucht.
  • einen Porsche 944 probefahren: nein. Damit kann ich mich gar nicht mehr identifizieren.
  • eine bestimmte Sextechnik: ja, das war sehr schön.
  • beim Karaoke die Bar rocken: nicht vor ganz großem Publikum, aber dafür ganz schön oft, also: ja.
  • eine Reise durch Amerika: ja, zumindest die Westküste, Chicago, bisschen mittlerer Westen.
  • mit Rome von Rounders einen Whiskey trinken: ja, es war allerdings ein Gin Tonic.
  • tauchen lernen: möchte ich nicht mehr, zu gefährlich
  • einen Diamantring mit Marquiseschliff besitzen: möchte ich nicht mehr, siehe Porsche.
  • meine Eltern einladen, Weihnachten bei mir zu verbringen: ja, ich habe, was das Tochter sein angeht, wirklich alles erledigt.
  • fließend französisch sprechen: es reicht, um sich nach dem Plat du Jour zu erkundigen und die Antwort einigermaßen zu verstehen.
  • in Schwaben leben, aber wieder wegziehen können: muss nicht sein.
  • rausfinden, was mein Großvater in der Nazizeit so gemacht hat: ja, ich habe lustigerweise erst vor ein paar Tagen seine Akte runtergeladen.
  • das Dorf in Ungarn besuchen, in dem mein Vater geboren wurde: ja, das war sehr eindrücklich. Er war da leider schon verstorben.
  • mich gut mit meiner Schwester verstehen: ja. Wir sind nicht eng, aber stehen sehr wohlwollend zueinander.
  • Schlittschuhlaufen lernen: nein, das ist noch offen!
  • ein paar Lieder von The Cure auf dem Klavier spielen können: kommt vielleicht noch.
  • weniger besserwisserisch sein: naja. Final form usw.

Was würde ich heute auf meine Bucket List schreiben? Das mit dem Hund. Ein Leben leben, in dem ich einem Hund gerecht werden könnte. Tomaten züchten. Mich mehr um meine Gesundheit kümmern, ich bin wirklich nicht fit. Frau Novemberregen hat mir neulich erzählt, dass sie gelegentlich die Treppe hoch zu ihrem Arbeitsplatz nimmt. Ich bin nach zwei Stockwerken schon völlig außer Atem.

Mich vielleicht noch einmal öffnen für die Liebe. An einem Samstagmorgen so wie heute aufwachen neben einem Mann, mich zu ihm umdrehen und unaufgeregten, unsportlichen, vertrauten Sex haben. Den Tag beginnen, mit dem Hund gehen, ein paar Tomaten ernten. Sanft miteinander umgehen und mit den Stellen in mir, die zerbrechlich sind.

Muss nicht so kommen. Aber schön wär’s.

27/30 – Tempi

Meistens habe ich zu wenig Zeit – ein Zustand, der mich schon sehr lange begleitet. Ich interessiere mich daher schon sehr lange für alles, was mit der Zeit und unserem Umgang mit ihr zu tun hat. Vor einigen Jahren bin ich über einen TED-Vortrag von Laura Vanderkam mit dem ansprechenden Titel „how to gain control of your free time“ gestolpert und musste mich dann leider sehr über den Inhalt aufregen. Besonders empört hat mich das Beispiel einer erfolgreichen Unternehmerin und Mutter, deren Keller überschwemmt wird. Sie findet neben ihrem stressigen Alltag die Zeit, dieses Problem zu lösen. Frau Vanderkam leitet davon ab, dass wir alle ausreichend Zeit für wichtige Dinge haben: wir müssen es nur wollen. Stellen Sie sich hier bitte meinen gequälten Gesichtsausdruck vor.

Mein Keller stand übrigens schon einmal unter Wasser. Ich habe das Problem gelöst, und es war schrecklich anstrengend. Was ich definitiv sagen kann: ich will kein Leben, als stünde ständig mein Keller unter Wasser. Ja, man findet in Notsituationen die Zeit, es ist ja auch alternativlos. Man findet die Zeit, man borgt sie sich von der Nacht, von der Zukunft, von der Gesundheit, und muss sie zurückzahlen mit Zinseszins.

Mit der Zeitersparnis und der Zeiteffizienz ist das ohnehin so eine Sache. Zeit ist ja wie Musik, sie lebt von Tempi-Wechseln: schnell und langsam, leise und laut, pianissimo und forte. Wenn wir die Zeit immer dichter machen, immer enger, dann verlieren wir die Muße, die Langsamkeit, die Wiederholung. Alles wird nur noch Hetze und Zeitdruck.

Anlässlich meines 30-Tage-Blogexperiments habe ich mir den Vortrag kürzlich noch einmal angeschaut. Ich finde ihn weiterhin schwierig, Frau Vanderkam ist mir persönlich ziemlich unsympathisch. Ich stelle gleichzeitig fest, dass ich die Zeit gefunden habe, jeden Tag zu schreiben, obwohl es mir vorher fast unmöglich vorkam.

Woher kommt diese Zeit? Ich habe sie ein bisschen von meinem Schlaf abrasiert. Ich scrolle auch ein bisschen weniger sinnlos auf TikTok rum. Sie kommt aber vor allem daher, dass ich außerhalb meiner Arbeitszeit weniger an die Arbeit denke, und mehr an die Themen, über die ich schreiben möchte. Genauer: ich bleibe an den Themen, über die ich nachdenke und die mich bewegen, länger dran, um sie aufzuschreiben und festzuhalten.

Ich will Frau Vanderkam nicht Recht geben. Ich bin aber auf anderem Wege zu einem ähnlichen Schluss gekommen wie sie: ich habe Zeit für das, was mir wirklich wichtig ist. In meinem Leben ist aber nicht der Klemptner gefragt oder die Feuerwehr, sondern eine kluge Navigatorin, die immer wieder den Standort bestimmt, mit einem Zirkel in der Hand und einer Karte vor sich, und die sich immer wieder fragt: Wo will ich hin?


26/30 – Draco called her. Often.

Manacled war nicht mein erstes Fanfic. Es war aber ein Fanfic, ein Buch, eine Erzählung, ein Erlebnis, das meine literarische Welt im September 2023 in ein Vorher und ein Nachher geteilt hat.

Manacled ist ein Epos, eine griechische Tragödie. Fast alle Figuren wollen nur das beste und handeln aus einer jeweils nachvollziehbaren moralischen Position heraus. Genau dadurch stürzen sich und alle anderen tief ins Unglück. Es ergreift einen, man wünscht sich doch noch einen Funken Hoffnung für die Figuren und kann sich nicht vorstellen, wie die Autorin dort hinkommen könnte. Die Geschichte von Manacled beginnt in der Mitte, erzählt dann den ersten Teil in Rückblende, bevor wir zum dritten Teil springen. Wir wissen immer genau soviel wie Hermione – und das ist nicht besonders viel. Dafür, dass sie ausgesprochen klug ist, versteht sie ein paar Sachen überhaupt nicht oder erst sehr spät. Diese Erzähltechnik voller Wendungen, die unvorhersehbar sind, aber im Nachhinein total schlüssig sind, wirken wie literarisches Crack.

Mir hat die Neuinterpretation der Figuren sehr gut gefallen, wobei die Charaktere eine gewissen Stimmigkeit mit den Originalen behalten haben. Die Geschichte funktioniert aber auch in der HP-fernen „Alchemised“-Version sehr gut.

Mein erstes Fanfic war aber tatsächlich aus dem „Chronicles of Riddick”-Universum, nämlich „The Apprentice“. Ich habe es wohl im Jahr 2001 gelesen, ausgedruckt und acht Umzüge überleben lassen. Die Autorin, Ardath Rekha, veröffentlicht weiterhin. Weitere Riddick-Fanfics haben mich aber nicht abgeholt, und ich bin erst über Manacled so richtig in die Fanfic-Welt eingetaucht.

Ich denke manchmal, dass Fanfiction die Literatur gerettet hat. Zumindest, wenn man nicht nur Geschichten von alternden Männern lesen will, die über alternde, aber erfolgreiche Männer schreiben, die sich in junge Frauen verlieben. Fanfiction ist unmittelbar, jeder kann etwas schreiben, es wird nicht zensiert, und es braucht keinen Verlag. Es ist eine Experimentierplattform, und es haben viele sehr gute Autorinnen über Fanfic das Schreiben gelernt, zum Beispiel Naomi Novik oder Ali Hazelwood. Fanfic hat eine Community hervorgebracht, oder zehntausend Communities, wenn man es so sehen möchte. Lektoriert wird von Freiwilligen. Fanfiction rüttelt an dem, was Publizisten als publikumstauglich definieren. Fanfiction traut sich was, und es vertraut den Lesenden. Es schafft Raum für queere Themen, ich würde fast sagen: queere Geschichten sind der Motor. Fanfiction inspiriert Menschen: sie machen Hörbücher aus ihren Lieblings-Fics, binden sie zu wunderschönen Büchern und zeichnen Illustrationen dazu. Der Kapitalismus hat mittlerweile seine kleinen, klebrigen Tentakel ausgestreckt, aber noch ist es eine sehr schöne Welt, und ich bin froh, dass ich sie wiederentdeckt habe.

Nachtrag für DönertellerVersace: meine Fanfic-Empfehlungen:

Die „Klassiker“ der Dramione-Fanfics benötigen wahrscheinlich keine Erläuterung: Manacled, Draco Malfoy and the Mortifying Ordeal of Being in Love, the Auction, wait & hope, the fallout, measure of a man. Ich möchte dennoch kurz „Draco Malfoy and the Mortifying Ordeal of Being in Love“ hervorheben. Draco ist mittlerweile ein Auror geworden, also eine Art magischer Kriminalbeamter. Hermione ist eine berühmte Biowissenschaftlerin und steht kurz vor einem Durchbruch. Leider wird sie von Unbekannten bedroht und Draco wird ihr als eine Art Personenschützer zur Seite gestellt. Die beiden sind zunächst recht unbeeindruckt voneinander. Hermione muss für ihre Mischung aus Magie und Biochemie allerdings zu bestimmten Zeitpunkten an verschiedenen Orten Stoffe oder Gegenstände einsammeln und die beiden verbringen auf diese Art und Weise viel Zeit miteinander. Die Geschichte ist allein aus der Sicht von Draco erzählt, unglaublich witzig und meiner Meinung nach besser als die veröffentlichte Variante.

Meine persönlichen und vielleicht weniger bekannten Tipps:

  • Bloody, slutty and pathetic: wurde hier schon mal erwähnt. Plot ist bonkers, Hermione sehr stark, und Draco ein wunderbarer Simp.
  • the witching hour: für mich ein eher ungewöhnliches Sujet – Hermione bekommt ein Kind, Draco ebenfalls, und das verbindet die beiden. Die Prosa ist zum niederknien schön.
  • The spiderwood cabinet – Hermione und Draco sind verheiratet, aber die Erotik prickelt nicht. Da wird Hermione im Spiderwood Cabinet vertauscht. Sie reist in die Zukunft, und ihre ältere Version ersetzt die jüngere. Die ältere Hermione bringt dem jüngeren Draco bei, ein guter Dom zu sein, und die jüngere Hermione lernt vom älteren Draco, dazu zu stehen, was ihr gut tut.
  • an ever-fixed mark: Hermione ist Curse breaker und soll bei Draco ein verzaubertes Objekt entzaubern. Dabei verletzt sie sich aus versehen und ist nun magisch an ihn gebunden. Draco hat mit der Malfoy-Familie radikal gebrochen und lebt mit seinem Sohn in einem Haus der Black-Familie: Matagot. Mir hat in diesem Fic besonders gut gefallen, wie die beiden gelernt haben, mit ihren jeweiligen Traumata umzugehen.
  • I’m never lonely when I’m with you – ein blöder Titel, ein schönes, kurzes Fic. Hermione und Draco teilen sich während ihres Studiums eine Unterkunft, werden erst Freunde und dann mehr. Auch hier steht im Mittelpunkt, wie sie mit ihrer Vergangenheit umgehen.

Hollanov habe ich noch nicht viel gelesen. Mir hat Home economics sehr gefallen. Die beiden leben eine Weile in der Schweiz als Paar zusammen und spielen auch zusammen Hockey. Wie soll es zuhause weitergehen. Außerdem: black dog. Ilya spielt kein Hockey mehr und wohnt im Haus von Svetlana. Shane ist sein Nachbar, und Shane’s schwarzes Hund besucht den niedergeschlagenen Ilya.

Happy reading!

25/30 – Kuhglocken

Ich begebe mich manchmal in meinem Kopf an einen bestimmten Ort, um meine Stimmung zu verändern. Ich rufe zum Beispiel ein bestimmtes Bild auf, wenn ich mir selbst und anderen vermitteln möchte, dass ich standhaft bleiben werde, unverrückbar.

Weitaus öfter begebe ich mich in die Alpen. Ich mag die Alpen eigentlich gar nicht so sehr, oder sagen wir: sie haben wenig mit mir und meiner Autobiografie zu tun. Wahrscheinlich funktioniert es deshalb so gut: ein Ort, der nicht von anderem überlagert wird. Jedenfalls: am Berg führt ein Weg entlang, dann kommt eine Holzbank. Ich setze mich drauf und lasse den Blick über das Tal schweben. Es ist Frühling oder Frühsommer, alles knallig grün, der Himmel blau mit Schäfchenwolken, wie bei Heidi. In der Ferne höre ich die Kuhglocken leise bimmeln – anstatt dem Geschrei der Leute.

Ein guter Ort, um sich nicht aufzuregen, um sich rauszuhalten, um ruhig zu werden.

Ich habe lange gebraucht, um etwas zu finden, das mich zum Lachen bringt. Die Welt ist voll von schlechten Witzen. Sexistische Witze, rassistische Witze, platte Witze, und Witze, die eigentlich zum Weinen traurig sind.

Es begab sich aber, dass ich mit meiner Freundin Sarah auf den Weihnachtsmarkt ging. Ich arbeitete in einem schlimmen, freudlosen Job und hatte mir einen Tag frei genommen, Sarah war gerade in Elternzeit und hatte ihr bezauberndes Kind im Kinderwagen dabei. Wir trafen uns an einem Wochentag am späten Vormittag, der Weihnachtsmarkt war belebt, aber alles noch sehr unaufgeregt. Neben uns stand eine Frau am Würstchenstand, so eine etwas herbe Hessin mittleren Alters, an der Leine einen drahtigen und leicht struppigen, terrierähnlichen Hund. Der Hund war aufgrund der Wurstsituation bereits leicht in Ekstase, und die Frau sagte streng, aber bereits leicht ermüdet zu ihm: „du musst jetzt nicht den Staubsauger vom Weihnachtsmarkt machen!“.

Ich weiss nicht warum, aber diese Erinnerung funktioniert bei mir wirklich immer, und ich muss lachen.

24/30 – Oblast Archangelsk

My möchte gerne wissen, welche Reisepläne ich noch habe. Ich fürchte, das könnte ein langweiliger Text werden, zumindest überkommt mich bei diesem Thema ein gewisser Widerwille. Das liegt nicht am Reisen – ich fahre natürlich sehr gerne in den Urlaub – sondern daran, dass Urlaub so ein Standard-Gesprächsthema bei Business-Dinnern mit Menschen ist, mit denen man sich sonst nichts zu sagen hat. Wo war man schon, wo will man nie wieder hin (Ägypten!), was ist das nächste Ziel. Welche Luxus-Hotelkette wird bevorzugt, welches Weingut in Südafrika ist zu empfehlen, und wann ist das beste Wetter für die Amalfi-Küste.

Ich bin ja mehr so der arktische Typ und war schon in Norwegen, Schweden, auf Spitzbergen, in Kanada und in der Antarktis (Pinguine). Tromsø halte ich für eine der schönsten Städte der ganzen Welt. Skandinavisch geprägt, aber mit einem Hauch von Science Fiction. Out of this world.

Als junge Frau hatte ich einmal den Traum, die Welt zu umrunden, und zwar immer dem nördlichen Polarkreis entlang. Ich würde in Tromsø anfangen, von dort weiter nach Island und Grönland, Kanada und Alaska und dann die unendlichen Weiten von Russland. Oblast Archangelsk. Damals war es einfacher, durch Russland zu reisen, als heute, zumindest nehme ich das an.

Als ich jung war, hatte ich das Geld nicht, und jetzt habe ich die Zeit nicht.

Und sonst? Ich war noch niemals in New York – weiß aber nicht, ob ich da wirklich hin will. Vielleicht wegen der Museen – Met, MoMA, Guggenheim – oder wegen des Pastrami auf Roggenbrot. Ganz sicher möchte ich einmal nach Florida und mit dem Auto über die Brücken zwischen den Florida Keys fahren, Key Lime Pie essen und Alligatoren in den Everglades bestaunen. Vor ein paar Jahren war ich im Oman, da möchte ich auch mal wieder hin: Wüste, Meer, Wahdis, Datteln und und heißer, starker Kaffee. Den Regenwald möchte ich auch einmal so richtig intensiv erleben, zum  Beispiel in Java und in Sumatra.
Ich finde es aber auch ganz in der Nähe sehr schön. Südengland tut mir immer gut, und auch Deutschland wird unterschätzt. Ich stelle mir vor, eine Ferienwohnung anzumieten, Berlin oder London, oder eine Stadt in einer B-Lage: Hastings oder Münster. Ich würde dort für ein paar Wochen sein, vielleicht belege ich einen Weiterbildungskurs und lebe ansonsten einen Alltag ohne Erwerbsarbeit: in die Bibliothek gehen, die Parks durchstreifen, in Cafes sitzen. Ein Traum wäre das. Könnte ich auch in Tromsø machen.

Ich muss übrigens dringend meine Bilder sortieren und anständig archivieren. Das Bild von Tromsø musste ich aus einem Archiv von einer externen Festplatte ziehen. Ein paar Minuten musste ich befürchten, es sei alles gelöscht – und nur noch in meinem Herzen.

23/30 – silbrig blau

Blaue Stunde. Die Stadt ist in Bewegung, alle wollen irgendwo hin, kommen irgendwo her. Telefongespräche und Musik aus heruntergelassenen Autoscheiben. Die Stimmung ist gut, wir sind am Main, könnten aber auch am Bosporus sein.

Ich komme von einem Essen mit Freunden, ein Lächeln auf dem Gesicht. Ich mag es, wenn es um mich herum so wuselt, und in mir drin so angenehm still ist. Ich bin ganz bei mir.

Ich blicke hoch. Ein Kondensstreifen in einem zarten orange, und über mir der Himmel silbrig blau.

22/30 – to be known

Heute hat mir Novemberregen einen Tag geschenkt. Unsere Serie von Unternehmungen begann damit, dass sie mich mit dem Auto zuhause abgeholt hat. Es handelte sich dabei um eine Premiere: wir sind unzählige Male zusammen Auto gefahren, aber noch nie mit ihr am Steuer. Das liegt vor allem daran, dass ich sehr gerne Auto fahre, und sie überhaupt nicht. Dafür ist die die perfekte Beifahrerin!

Sie holte mich also ab, das war bereits ein Highlight. Dann gab es orientalischen Brunch in einem Café mit Blick auf einen See. Ich liebe orientalisches Essen, und ich liebe es, mich mit Frau N. zu unterhalten, über dies und das: unser jeweiliges Büro, ihren Urlaub, die Rente, unsere gemeinsamen Freundinnen, Blogger und ihre Hosen, die Endlichkeit des Lebens.

Als nächstes haben wir die Tochter von Frau N. in der Universitätsbibliothek besucht. Ich liebe Bibliotheken, und diese ist architektonisch sehr schön gestaltet (siehe Foto weiter unten). In der Bibliothek war es sehr still, ziemlich voll, und es waren ausschließlich sehr junge Menschen dort. Tochter N. bemängelte, als wir sie dann lokalisiert hatten, vor allem, dass die Bibliothek bereits um ein Uhr nachts schließt und nicht wie früher durchgängig geöffnet ist. Unhaltbare Zustände!

Meine erste Begegnung mit Tochter N. ist mir unvergesslich: sie saß in einem Konferenzraum unter einem sehr großen Konferenztisch und spielte mit My Little Pony. Es ist seitdem einiges an Zeit vergangen. Seit sie in die Schule geht, kommt es mir so vor, als ob sich stets eine Gruppe junger Menschen um Tochter N. herum bildet, genauer: eine Lerngruppe mit dem Ziel, sich den in der jeweiligen Institution gerade vermittelten Stoff anzueignen. Die Vibes sind immer positiv, wertschätzen, ja liebevoll, aber es herrscht auch eine ganz besondere Art von Disziplin. Die jetzige Lerngruppe durfte ich auch kurz kennenlernen. Alles sehr höfliche, gut gelaunte junge Leute. The kids are all right.

Als wir Tochter N. die nächste Etappe unseres Tages mitteilten – ein architektonisch interessantes Stadtviertel, denn ich liebe Architektur – sagte sie zu uns: der Weg führt leicht bergauf, also geht langsam! Wir sind ja schon im etwas fortgeschrittenen Alter. Der Weg war angenehm, aber ein bisschen zu heiß. Oben angekommen, setzen wir uns auf eine Bank und blickten auf die Stadt herab, und redeten, wie immer, so über dies und das.

Als nächstes hielt Frau N. eine kühle Pepsi Max für mich bereit (mein Lieblingsgetränk), anschließend gingen wir zu unser beider Lieblingsort: ins Schwimmbad. Das Außenbecken war mir ein bisschen zu voll und Frau N. zu sonnig. Das von Sonntag auf Montag einsetzende Ende des Sommers versetze Frau N. aber in hervorragende Stimmung und war mehrfach Thema. Wir wechselten dann ins Innenbecken, wo das Wasser wunderbar kühl war, und ich habe diverse Bahnen gezogen (Brustschwimmen, wobei es mir ein Anliegen ist, dass meine Haare nicht nass werden, was meinen Schwimmstil für immer negativ beeinflussen wird). Frau N. schwamm kraul und freute sich daran, wie gut das geht, und ich auch. Frau N. krault wirklich sehr schön und es ist eines meiner Privilegien im Leben, dass ich die Evolution ihres Kraulschwimmens mitverfolgen durfte.

Der letzte Punkt unseres Tages war ein Besuch bei McDonalds – traditionell machen wir das meistens nach dem Schwimmen. Frau N. teilte mir mit, dass ich die einzige Freundin bin, mit der sie zu McDonalds geht, das ist bei mir genauso. Der Tradition folgend aß ich Chicken Nuggets und ein Eis. Frau N. verzehrt gelegentlich einen Fischburger und berichtete, dass dies wohl das bevorzugte Menü-Item von Donald Trump sei. Heute jedoch nicht, es gab wettergemäß ebenfalls ein Eis. Während wir auf dem Parkplatz standen, vielen die ersten Tropfen des angekündigten Gewitters.

Ein perfekter Tag. To be loved is to be known.

21/30 – all in

Heute nur rumgelegen und absolut nichts sinnvolles gemacht, sehr schön war das.

Mir vorgenommen, mehr all in zu gehen. Nichts aufsparen, nichts – oder doch zumindest weniger – auf später zu verschieben. Machen. Die Zeit findet sich, der Schlaf lässt sich nachholen.

Ich weiß, woher meine Vorsicht kommt. Meine Gewohnheit, mit den Ressourcen hauszuhalten, immer vorausplanen und bevorraten, weil lange Zeit alles auf Kante genäht war, die Spielräume so eng waren. Was ich aufgebaut habe, ist nicht unzerstörbar, aber durchaus belastbarer, als ich manchmal zu meinen glaube.

Ich lebe ein ziemlich privilegiertes Leben. Ich bin dankbar dafür, und ich bin gut beraten, die Freiheiten, die ich habe, mehr auszukosten.

20/30 – Joker

Ich hatte, als ich mit der Serie begonnen habe, überlegt, (i) mir selbst einen Joker zu geben, und/oder (ii) Beiträge vorzuproduzieren. Ich hatte richtig erahnt, dass es Tage geben wird mit sehr wenig Zeit zum Schreiben. Heute Abend zum Beispiel gehe ich auf ein Konzert, diese Zeilen sind in meiner Mittagspause entstanden.
Das mit dem Joker finde ich irgendwie lame, das hätte nur gepasst, wenn eine andere Person von mir 30 Blogeinträge verlangt hätte, dann hätte ich einen Joker herausgehandelt.

Mit dem Vorproduzieren ist das so eine Sache. Das Schreiben stellt sich für mich als etwas heraus, das sehr im Moment passiert. Ich notiere manchmal Gedanken oder Textfragmente im Laufe des Tages. Gerade versuche ich zu lernen, wie ich während des Autofahrens Sprachmemos in mein Mobiltelefon diktieren kann. Aufschreiben will ich aber vor allem das, was an dem Tag passiert ist oder worüber ich nachgedacht habe. Vorprodizierte Geschichten interessieren mich nicht mehr.

Was wirklich überraschend ist: dass fast jeden Tag etwas passiert, oder etwas gedacht oder erlebt wird, das es mir wert scheint aufgeschrieben zu werden. Dass es aus mir herauskommt, wenn ich die Gelegenheit dazu schaffe. Und dass es mir besser gelingt, genau das in Worte zu fassen, was ich ausdrücken will, je öfter ich es mache.

19/30 – alive

Gerade erst zurückgekommen von einem Treffen mit einer Frau, die mir sehr imponiert. Sie ist mehr als eine Bekannte, noch nicht ganz eine Freundin. Ein schöner Sommerabend auf einer Dachterrasse, Negroni mit Eiswürfeln im Glas, tiefe Gespräche über Fachthemen, unsere jeweiligen Büros, privates, während um uns herum die Sonne untergeht und die Lichter der Bankentürme angehen.

Ich bin sehr müde in letzter Zeit, und frage mich, warum das so ist, und denke, dass es daran liegt, dass ich so viel mache. So viel machen WILL. Ich wünschte, die Tage wären länger, noch länger, als sie im Sommer ohnehin sind. Ich wünschte, ich könnte jeden Tag so oft wiederholen, bis ich alles erledigt habe und alles erlebt habe, so wie ich es mir vorgenommen habe. Ich wünschte, ich hätte einen time turner wie Hemione. Ich wünschte, ich könnte die Nacht in feine Streifen schneiden, und mit ihnen den Tag verlängern, und vielleicht mache ich das auch, ohne es zu merken, und bin deshalb immer so müde.

Ich bin verliebt in das Leben. Ich bin lebendig. I am alive.