12/30 – Spice

Ein guter Tag, mit wenig Druck. Alles ein bisschen langsamer angegangen.

Entschleunigung tut mir gut. Es ist aber nicht die Entschleunigung alleine, sondern das Zusammenspiel zwischen Hochfrequenz und Entschleunigung, zwischen dichten Erlebnissen und ruhigen Alltag. Wie in der Musik, wie ein gutes Album, mit schnellen, kraftvollen Songs und langsamen Balladen.

Ein langes Gespräch mit meinem Mentor geführt, der in einer anderen Abteilung und in einem Land für das gleiche Unternehmen arbeitet, zwei oder drei Ebenen über mir. Er hat mehr für meine berufliche Entwicklung getan als jeder andere, und ist darüber hinaus noch ein wirklich guter Freund. Über gehen oder bleiben und Exit-Strategien gesprochen, dahinter meine große Frage an mich selbst, was ich mit der nächsten Dekade meines Lebens anfange. Bleiben und abwarten, rät er. Es sind gerade viele Dinge in Bewegung, und nicht abzusehen, wie die Würfel fallen werden.

Je mehr ich hinter den Vorhang der Führungsetage schaue, umso klarer wird für mich, dass es dort meistens gar keinen Masterplan gibt, manchmal noch nicht einmal einen Plan, und dass so manche weitreichende Entscheidung von persönlichen Empfindungen oder purem Egoismus getrieben ist, wie man es von einer Schulklasse voller Teenager in der Pubertät kennt. Das hat mein Vertrauen in die Welt ein bisschen erschüttert, denn ähnlich scheint es ja auch in der Politik abzulaufen. Da wünscht man sich fast Illuminati, die im Hintergrund alles regeln und die Welt am Laufen halten. In Dune heißt es: das Spice muss fließen. Im Kapitalismus ist es das Geld, das immer in Bewegung sein muss. Vielleicht ist irgendjemand so schlau zu erkennen, dass dieser Kreislauf ein Ende haben wird, wenn die Ressourcen final aufgebraucht sind.

Aber was weiß ich schon.

11/30 – Cleveland, Ohio

Mehr Zeit würde meinen Texten guttun. Ich hatte mir vorgestellt, mich einmal die Woche nach der Arbeit in ein Café zu setzen oder eine Bibliothek. Ich liebe Bibliotheken, die Stille, die Atmosphäre, das Licht. Ich arbeite gut in Lesesälen oder in kleinen, versteckten Nischen am Ende der Bücherregale und fühle mich dort immer jung, wie im Studium, konzentriert und voller Energie.

Frankfurt verfügt nicht nur über diverse Fach- und Universitätsbibliotheken, sondern auch über die Deutsche Nationalbibliothek, zumindest eine davon, die andere ist in Leipzig. Der Lesesaal in Frankfurt ist sogar bis 22 Uhr geöffnet! Ich habe dort im Mai digital ein Konto eröffnet, alle Pläne, dort hinzugehen, sind aber bislang versandet. Hatte ich keine Zeit oder wollte ich sie mir nicht nehmen? Beides – die Zeit war bis Juli eng und knapp, und ich war nicht bereit, etwas anderes dafür aufzugeben. Dabei ist ja genau das der Clou, der Schlüssel für mehr Lebensqualität: Zeitinseln schaffen, die den Strom des Alltäglichen unterbrechen, in denen Schönes passiert, wir andere Rollen ausprobieren können, Resonanz mit der Welt möglich wird. An dritte Orte gehen. Schwimmen, Kunst, Karaoke, Konzerte, Freunde treffen, über Bücher sprechen, spazieren gehen, in einer Bibliothek sitzen und etwas schreiben. Machen Sie doch mal einen vhs-Kurs, geben Sie Verantwortung ab meinte meine wir-nennen-es-Coaching-nicht-Therapie-Frau. Frau Novemberregen hat mir neulich die wunderschöne Schale gezeigt, die sie getöpfert hat.

Außerhalb des Alltags fällt es mir leichter, die Zeit für Bibliotheken zu finden. Vor ein paar Jahren hatte ich einen schönen Nachmittag in der Haus-Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin. Wenn meine Fotos besser sortiert wären, wüsste ich auch, wann das war und könnte ein Foto posten. Im März war ich in der Cleveland Public Library in Ohio, und habe dort auch geschrieben, ein paar Fragmente nur. Ein schöner Ort, sehr groß und dennoch leer, wie vieles in den USA. Absolut begeistert war ich von der Vancouver Public Library mitten im Herzen der Stadt. Hier war es voll, die Bibliothek scheint vor allem Begegnungsort und Anlaufstelle bei Fragen aller Art zu sein. Es gibt jede Menge Kurse und eine wunderschöne Dachterrasse.

Ich sollte wirklich die Deutsche Nationalbibliothek besuchen.

(Cleveland Public Library)

10/30 – seidene Fäden

(Fragmente.me war gestern down, ich habe die veraltete PHP-Version im Verdacht. Ich habe daher bei Novemberregen gastgebloggt und diesen Beitrag rückdatiert.)

Ich habe wahrscheinlich mehr als fünf Lieblingsbücher, aber das sind die fünf – je nach Publikum auch nur drei – die mir immer sofort einfallen, wenn ich gefragt werde:

  1. Brideshead Revisited – Evelyn Waugh: wegen der vielen unterschiedlichen Arten von Liebe, die beschrieben werden, und die ich immer wieder neu entdecke, je älter ich werde.
  2. Never let me go – Kazuo Ishiguo: hat zu Recht einen Nobelpreis für Literatur bekommen. Das Allerschwerste wird federleicht erzählt. Es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt keine Rettung, auch durch die Liebe nicht.
  3. The Bone Clocks – David Mitchell: wegen Holly. Und weil das Buch an unerwarteten Stellen sehr witzig ist.
  4. Alchemised/Manacled – Senlinyu. Dieselbe Geschichte, unterschiedlich erzählt. Eine unausweichliche, griechische Tragödie. Alle, die nur das beste wollen, sich dafür selbst opfern, erreichen damit am Ende nur das schrecklichste. Und dann ist die Geschichte nicht zuende. My Roman Empire.
  5. Bloody, slutty and pathetic – whatmurdah. Völlig verrückt, und doch in sich so stimmig. Kaum zu beschreiben.

Jedenfalls: the Bone Clocks besteht aus sechs (kurzen) Teilen, die teilweise ganz unterschiedliche Geschichten erzählen, und in allen kommt Holly vor, mal als Hauptfigur, mal nur ganz am Rande. Der erste Teil spielt 1984, da ist sie gerade fünfzehn und läuft von zuhause weg, wenngleich nur für ein oder zwei Tage, immer am Fluß Thames entlang, es ist sehr heiß. Dann folgen Episoden aus den Jahren 1991, 2004, 2015, 2025 und schließlich 2043. Die Welt ist da schon am Ende, die Ressourcen aufgebraucht, die Klimakatastrophe voll da, und das Internet ist kein Netz mehr, sondern nur noch ein Thread, über den es Holly gelegentlich gelingt, ganz kurz ihren Bruder zu erreichen.

Ihre Tochter ist bei einem Flugzeugabsturz umgekommen, damals, als alle Flugzeuge auf einmal aufhörten zu fliegen. Und von ihrer tausendfach fotografierten und gefilmten Kindheit und Jugend ist Holly nur ein einziges, schlecht ausgedrucktes Bild geblieben. Denn alles war in der Cloud, und die Cloud gibt es nicht mehr.

Es klingt so melodramatisch. Aber es ist ja auch ein Buch. In meinem Leben gibt es ein paar Fotoalben, von meiner Mutter angelegt, unten im Keller. Ein paar Schuhkartons mit Fotoabzügen, 1995 – 2005, vielleicht auch 2010, in einer Truhe in meinem Arbeitszimmer. Eine große Lücke, in der ich schon digital fotografiert habe, vielleicht auf Ordern auf meinem PC, oder auf Speicherkarten, oder auf einem iPhone 5. Und seit 2017, sicher auf jeden Fall seit 2019 in der Cloud: 20.000 Fotos, auch ein paar Videos, alle unsortiert.

Ich sollte nicht bis zur Rente warten, mich darum zu kümmern. Oder bis zum Ende der Welt, je nach dem, was zuerst eintritt.

9/30 – Jupiter

Ich war glücklich heute. Morgen vielleicht wieder?

Das Glück fühlt sich federleicht an, und macht mich stillvergnügt. Komm, wir erledigen heute ALLES!, sagt es zu mir, und ich wasche die Wäsche, hänge sie im Sonnenschein auf, mache eine Einkaufsliste, bringe den Biomüll runter, entsorge Altpapier und den gelben Sack, und gebe der Geschirrspülmaschine eine Grundreinigung, bringe das Altgals weg und schon ist die Wäsche trocken. Im Einkaufszentrum fließe ich geschmeidig and den urlaubsmüden Eltern mit ihren Kindern vorbei, alle können es kaum erwarten, dass die Schule endlich wieder anfängt. In der langen Schlange am Pfandautomaten bleibe ich gelassen und laufe dem Pärchen hinterher, das den Pfandbon hat stecken lassen (been there, done that). An der Kasse ein junger Mann, er hat auf seinem gesamten linken Arm ein Weltraummotiv tätowiert. „Schönes Tattoo!“, sage ich, und er sagt: „die Erde habe ich hier, und auf dem Rücken: Jupiter!“

Und dazwischen: wir. Unterwegs auf einem Planeten, der sich um die Sonne dreht. Ich habe daran gar nichts zu bemängeln, nur, dass mir die Tage, so wie heute, viel zu kurz sind.

8/30 – in Bernstein

Ich interessiere mich grundsätzlich für die Welt, wie sie funktioniert und was sie zusammenhält, und wie wir Menschen wurden, was wir sind. Dinosaurier interessieren mich nicht so, Ammoniten dagegen sehr. Vor hundert Millionen Jahren war hier ein Meer.

Menschen sind in Europa erst seit kurzem zu Gast, etwa 40.000 Jahre. Wir wissen wenig über sie, auch deshalb, weil viele Materialien, zum Beispiel aus Pflanzenfasern, die Jahrtausende nicht überstanden haben. Wir haben auch erkannt, dass vieles, was wir zu glauben wussten, in Wirklichkeit nur eine Projektion unserer eigenen Kultur ist: dass Männer immer Jäger sind und Frauen stets Sammlerinnen, dass eine Person, die mit einem Schwert oder einer Axt bestattet wurde, nur ein Mann gewesen sein kann, oder: dass in diesen Gesellschaften nur das Überleben und Weitergeben der eigenen Gene wichtig war.

Wir wissen wenig über diese Menschen, aber die Spuren, die sie hinterlassen haben, beeindrucken mich sehr: ihre Umrisse von Händen an den Wänden von Felshöhlen, daneben filigrane Zeichnungen von Auerochsen und Mammuts. In Fels geritzte Füße, und daneben die eines Kindes. Die astronomische Genauigkeit von Stonehenge und Newgrange. Flöten, aus Knochen gearbeitet. Winzige Muscheln, durchbohrt und auf eine Kette aufgezogen, als Grabbeigabe eines Säuglings. Verheilte Wunden als Zeichen dafür, dass eine verletzte Person gesundgepflegt wurde. Tierfiguren aus Bernstein, die zehntausend Jahre später immer noch leuchten, und von jemand in einem Museum angeschaut wird, die sich denkt, dass die Menschen damals schon geliebt haben und getrauert, Dinge nur zum Spaß gemacht haben und verstehen wollten, mit ihren sehr begrenzten Mitteln, wie die Welt funktioniert und was sie zusammenhält.

Vielleicht sehe ich nur mich selbst. Wir wissen es nicht.

7/30 – Teelichter

Das letzte Mal war ich in den Nullerjahren in Halle, also vor mehr als zwanzig Jahren. In Erinnerung geblieben ist mir vor allem, dass mitten durch Halle eine Autobahn führte, in Armeslänge von zerfallenen Häusern, bröckelnden Fassaden, gesprungenen Fensterscheiben. Unser Ziel war ein Jugendclub im Keller eines Plattenbau-Hochhauses, wo eine Cure-Party stattfand. Als ich die Treppe ins Dunkle hinunterkam, stand dort ein gerahmtes Bild von Robert Smith, umringt von zahllosen Teelichtern. „Alles nur ironisch“, meinte der Gastgeber, aber ich war lange genug katholisch, um zu verstehen.

Ich hörte dann auf, zu Fan-Treffen zu gehen. Ich hatte gehofft – und das ist mit Anfang zwanzig ein legitimer Wunsch – über The Cure meinen Tribe zu finden, my people. Aber so einfach war es leider nicht.

Heute habe ich mir die Himmelsscheibe von Nebra angeschaut, sehr beeindruckend. So gut wie alles in der Innenstadt scheint saniert zu sein, viele Gebäude sind sehr liebevoll restauriert. Am Samstagabend vibriert die Stadt, sie wirkt jung und lebendig und ein bisschen wie Leipzig, bevor Leipzig hip wurde.

Junge Menschen gehen heute Abend durch diese Stadt, und suchen ihren Tribe. Ich wünsche ihnen viel Glück dabei, ganz ohne Ironie.

6/30 – who will produce the media?

Heute noch ein bisschen eingeklemmt gewesen zwischen Dinge erledigen wollen und einer leicht verbissenen „aber ich habe Urlaub!“-Haltung.

Am Nachmittag dann aber mit sehr großer Freude aus den Empfehlungen der letzten beiden Monate die Fanfics zusammengestellt, die ich lesen möchte. 22 Stück sind das, zwischen Kurzgeschichte und 400.000 Worten ist alles dabei. Ich kann es kaum erwarten.

Die Dreharbeiten (genauer: Table Reads) für Heated Rivalry Season 2 haben in Toronto begonnen.

Martha Wells hat eine sehr gute Buchreihe über den Murderbot geschrieben (All Systems Red, auch als Serie verfilmt). Ein Killerroboter knackt seine Programmierung, nutzt seine neu gewonnene Freiheit aber vor allem, um eine Seifenoper („Sanctuary Moon“) in seinem Helm zu streamen, während alle denken, dass er ausgeschaltet ist. Gelegentlich kontempliert er, die Menschheit auszulöschen, diese stinkenden, unhygienische, laute, unangenehme, unvernünftige und zerstörerische Bagage. Aber, wenn es keine Menschheit mehr gäbe – who will produce the media?

Abends meiner Mutter in ihrem Garten geholfen, eine der schönen Momente, die ich mal sehr vermissen werde.

Eine Handvoll Tomaten gegessen von meinem eigenen Balkon, winzigklein wie Perlen und zuckersüß. Mich an meinen Wunsch nach Tomaten züchten erinnert und gedacht, dass es eigentlich darum geht, Wege zu finden, meine Wünsche in mein jetziges Leben zu integrieren und nicht nach hinten zu schieben in eine unbekannte Zukunft. Paradise now. Es wäre vielleicht mehr möglich, als ich annehme.

5/30 – Referrer

Anstrengend war das heute. Von den 8 Items auf meiner nicht-beruflichen To-do-Liste habe ich nur zweieinhalb abgearbeitet: das Auto von der Werkstatt abgeholt, das Mobilfunkthema weiter vorangetragen und das Hotel für morgen storniert. Ich wollte mit meiner Mutter drei Tage wegfahren, wir haben das jetzt aber in gemeinsamen Einvernehmen auf zwei Tage gekürzt.

Wirres hat in seinem Blog über mein Blog geschrieben, wie in den Frühzeiten des Internets. Wir hatten ja damals nichts, kein Twitter etc, und haben dann in den Kommentarspalten und über die Referrer miteinander kommuniziertund es „die Blogosphäre“ genannt. Als ich Teenager war, gab es gar kein Internet und auch keine Mobiltelefone, also kein SMS. Da habe ich manchmal Botschaften für meine Schulfreunde mit Kreide auf den Gehweg geschrieben: „die fünfte Stunde ist ausgefallen, sitze im Cafè Huber!“.

Bloggen verändert das Denken, meint Wirres. Ich weiß nicht, ob ich soweit gehen würde. Es verändert auf jeden Fall den Blickwinkel: anstatt jemand zu sein, dem die Dinge widerfahren, werden wir zu einem Autor, einer Autorin, die die Dinge erzählt, und das Erzählen gibt uns Macht über die Dinge. Kreativ sein fühlt sich außerdem oft sehr lebendig an. Ich schreibe zwar nicht gerne, aber ich mag das Gefühl, etwas geschrieben zu haben.

Zum Thema Urlaub findet Wirres, zuhause sei es doch am schönsten. Es gibt in der Tat nur selten Ferienhäuser, die mir denselben Komfort bieten wie meine Wohnung (mit Ausnahme eines Pools). Mit dem Wegfahren ist es aber wie mit dem Bloggen: es ist der Rollenwechsel, der mir gut tut. Nichts tun, oder doch zumindest nur tun, worauf ich gerade Lust habe, fällt mir daheim nicht so leicht. Denn ich könnte ja jederzeit den Badezimmerschrank durchsortieren oder die Steuererklärung machen oder den Laptop aufklappen und nur ganz kurz diese Email…Vielleicht auch eine Übungsfrage, oder, wie Frau Novemberregen seit kurzen sehr gerne zu mir sagt: „du hast es ja in der Hand!“. Morgen kann ich es auf jeden Fall einmal ausprobieren, denn ich habe frei und bleibe zuhause.

4/30 – durchs Teleskop

Heute mal wieder den großen Fehler gemacht, einerseits ganz viel erledigen zu wollen und mir andererseits einen gemütlichen Tag zu wünschen. Das führt dann zu einem kleinen Kurzschluss in meinem Gehirn. Prokrastination und erhöhte Bildschirmzeit.

Beruflich wollte ich dieses Jahr drei Dinge erreichen: im Aufsichtsrat vortragen, eine Initiative zu einem Fachthema gründen, und einmal durchdenken, wie ich meine Abteilung aufstellen würde, wenn ich gänzlich frei von Zwängen wäre. Die Initiative hatte heute ihr Kick-off Meeting. Und bei allem jammern darüber, dass mich niemand mehr anleitet, mir niemand mehr Themen vorgibt: es ist schon ganz schön cool, die Themen selbst bestimmen zu können. Ich wollte das machen, und ich habs einfach gemacht. Knapp zwanzig Leute waren da heute im Call, einer hatte sich für seinen Vortrag extra ein weißes Hemd angezogen, es kamen gute Fragen und einmal auch eine blöde, die habe ich aber gleich unterbunden. „Deine Einleitung war zu lang“ hat der Kollege zu mir gesagt. Bei mir bleibt aber ein ziemlich beschwingtes Gefühl. Ich glaube, das wird gut.

Wenn die Disziplin ein Tier wäre, was wäre sie dann? Eine Katze, schlafend in der Ecke, weich, aber mit scharfen Krallen, schreckhaft und nie kommt sie, wenn man sie ruft? Oder ist sie wie ein Heizlüfter, der nicht mehr angeht, wenn er sich überhitzt hat? Oder eine dieser handwerklichen Geräte aus Vorkriegszeiten, eine Teigknetmaschine oder ein Weintrauben-Entsafter oder eine Häkelmaschine – absolut brilliant, wenn sie funktioniert, aber es gibt keine Ersatzteile mehr und nur noch zwei Rentner, die sie bedienen können?

Heute ist sie jedenfalls nicht hier.

Morgen trenne ich als allererstes meine Entscheidungsinstanz von der Exekutiven. Ich mache mir selbst einen Stundenplan, und arbeite den dann einfach stumpf runter. Das gefällt der Disziplin, meistens kommt sie dann von selbst, schaut ein bisschen zu und bekommt ein Leckerli.

Zwischen dem zweiten und dem dritten Absatz dieses Textes war ich auf dem Balkon und habe durch mein Teleskop den Vollmond angeschaut. Schön und rund war er, und ich habe die Krater und Mondmeere gesehen. Bin jetzt mit allem wieder milde versöhnt.

3/30 – the end is getting faster

Müde.

In den ersten dreieinhalb Stunden im Büro heute sehr gerockt. Es galt, eine sensitive und risikoreiche Anfrage in einen gut dokumentierten, technisch soliden Prozess zu verwandeln. Ich hatte dazu gestern Abend, als die ersten Mails dazu wirr durcheinanderflogen, längere Zeit mit einem leicht blöden Gesichtsausdruck vor mich hingestarrt, weil ich so hart nachdenken musste. Ich fühle mich da immer an den ehemaligen Europachef von vor zwei Arbeitgeber zuvor erinnert, der ein wunderschönes Eckbüro in einem Büroturm im 38. Stock besass und den ich häufig aus dem Fenster stierend angetroffen habe. Damals kam mir das komisch vor, jetzt kann ich es verstehen.

Ich hab von ihm – und natürlich von SGM – gelernt, dass überstürzter Aktionismus nichts bringt, daher beschlossen, eine Nacht drüber zu schlafen, let’s discuss in a quick call tomorrow morning geschrieben, die Antwort des CEOs morgens kurz vor neun an der roten Ampel stehend wegignoriert und zu dem Call nur die drei Leute eingeladen, die wirklich produktiv mitwirken, und nicht die sechs anderen. Vor dem Call einen Plan entworfen, im Call den Plan besprochen, den Plan mit einigen Fachexperten weiterentwickelt, eine Entscheidung getroffen und jetzt rollt der Zug. Ich find mich gut in solchen Momenten, weil ich weiß, wer was weiß (und wer nicht), weil alle immer gerne mit mir sprechen, weil ich selbst ein grobes Verständnis von fast allem in diesem Unternehmen habe, und weil ich die Dinge einigermaßen auf den Punkt formulieren kann.

Ob es tatsächlich einen Unterschied macht? Wahrscheinlich würden die Dinge ohne mich auch einigermaßen laufen, vielleicht nicht so schnell und nicht so gut, aber man würde es irgendwie hingewurstelt bekommen. Die Welt ist voller Frühstücksdirektoren, es wäre gut, wenn ich es ein bisschen besser annehmen könnte, auch mal einer zu sein.

Ein Interview in der Süddeutschen mit einem Stuttgarter Arbeitsrechtler gelesen, der hauptsächlich Führungskräfte von Porsche, Mercedes, Bosch und Co. in Sachen Abfindung berät. Er hatte bei Mercedes zeitweilig Hausverbot. Ein eher unsympatischer Typ, mit klarem Blick auf das Marionettentheater eines Konzerns. Er erzählt von den aussortierten Top-Managern, die dann zuhause sitzen und „ihren Kindern auf den Geist gehen, weil die plötzlich an ihn reporten sollen.“. Sehr gelacht.

Zum Lunch Novemberregen getroffen, das ist immer schön, und diesmal auch ein bisschen traurig. Mir werden irgendwie die Augen feucht bei Papa N., auch wenn es Zeit war.

Auch ich bin endlich, und finde das eine Zumutung, eine Beleidigung gar. Meine große Sorge ist ja, dass ich, wenn die finale Klappe fällt, noch nicht fertig bin mit dem, was ich mir vorgenommen habe. The world is ending, as it always must, but the end is getting faster.

Ich wollte ursprünglich einen Blogbeitrag über meine To-do-Liste schreiben, lamentierend natürlich, war mir dann aber doch zu peinlich und wäre wahrscheinlich auch zu langweilig. Ich habe außerdem aus Versehen drei größere Items bereits halb gelöst: für das Auto (neue Bremsen), den Mobilfunkvertrag (soll auf meine Mutter übertragen werden), und meinen Weisheiszahn oben (muss wahrscheinlich auch raus) gibt es zeitnah Termine.

Eigentlich ganz schön, vorwiegend lösbare, eher triviale Probleme zu haben. Fast schon paradiesisch.