Heute hat wieder jemand in einem Call mit mir geweint. Dabei habe ich gar nichts schlimmes gesagt, im Gegenteil.
Über die Jahre bin ich so etwas wie eine Expertin der Tränen geworden. In einer Weiterbildung – ich meine, das war 2013 – sagte ein von mir bewunderter Trainer im Zusammenhang mit schwierigen Gesprächen: „wenn Sie nicht wollen, dass Ihr Gegenüber weint, dann wird das auch nicht passieren!“. Mit meiner Erfahrung deckt sich das leider nicht, ich würde sogar soweit gehen zu sagen: er lag falsch.
Manche Tränen werde ich nie wieder vergessen. Wir sitzen auf einer Dachterrasse, die Eiswürfel des Aperitifs klimpern im Glas, und er sagt: wir waren vier Geschwister, und jetzt sind wir nur noch drei, und wischt sich übers Gesicht. Eine Sushi-Bar, es ist laut und eng, und sie erzählt von den Schwierigkeiten, eine an Schizophrenie erkrankte Mutter in einem postkommunistischen Land zu betreuen, und die Tränen tropfen, und am Ende wird klar, dass sie es nicht überlebt hat.
Das sind die schweren Momente, in denen ich mich immer wieder und zum Glück nicht allzu oft unverhofft wiederfinde. In denen es darum geht, da zu sein, zuzuhören, sich nicht wegzudrücken, nichts zu verharmlosen. Behutsam mit den Verletzlichkeiten des anderen umzugehen, mit den wunden Stellen auf der Seele, mit der eierschalendünnen, porzellanhaften Zerbrechlichkeit, die in uns allen steckt.
Schmerz verlangt danach, gefühlt zu werden. Meistens weinen die Menschen aber, weil die Gefühle sehr groß ist. Das kann auch Freude sein, oder Rührung. Kassandra weint immer, wenn James von The Twilight Sad sagt: thank you for coming early! Meistens auch nochmal, wenn Robert Smith auf die Bühne kommt, so wie ungefähr die Hälfte des Publikums.
Ich weine hauptsächlich privat, zum Beispiel im Auto. Meistens weine ich aus Selbstmitleid, ein paar Mal im Jahr, das gilt noch als normal. Niemand hilft mir! ist dann meine Klage, was nicht stimmt, sich aber manchmal so anfühlt. Hin und wieder weine ich auch, weil es eine Differenz gibt zwischen dem, wie ich sein will, und dem, wie mir die Welt spiegelt, das ich wirklich bin. Diese Art von Tränen kenne ich auch aus dem beruflichen Kontext zu Genüge, meistens von den anderen. Das ist dann immer eine Möglichkeit zum persönlichen Wachstum – ich meine das nicht so hohl, wie es vielleicht klingt.
Die Person, die heute im Call geweint hat, hat zu mir gesagt, ich sei „professionell, aber doch persönlich“ gewesen und hat das sehr wertschätzend gemeint. You are involved, you care, and you are thorough ist das schönste, was je jemand über meine Art zu arbeiten gesagt hat, und ich hoffe, es stimmt.