ich bin schuld und konnte doch nichts machen

Gestern nachmittag, auf dem Weg von einem Projekt an der Charité zu einem Vortrag in Dahlem, fuhr ein Auto auf der Stadtautobahn auf gleicher Höhe wie ich, ein paar Augenblicke länger als nötig. Ein gelbes Auto, kanariengelb, dachte ich, wie der Teufel.

Sicherlich besteht kein Zusammenhang, aber als ich abends bei strömenden Regen von Vortrag nach Hause fuhr und mein Vordermann bremste, fuhr ich auf ihn auf. Aquaplaning, und dieses schreckliche Gefühl, zu bremsen und nichts passiert, wie durch Butter gleitet man reibungslos. Diese lange, lange Sekunde, als ich bremste, aber mein Auto nicht, und ich wußte, ich bin viel zu schnell, gleich knallts. „Gleich knallts“ sagte ich zu den zwei befreundeten Wissenschaftlern, die ich mitgenommen hatte, und dann knallte es.

Keine Verletzten, eben kaputte Stoßstangen und Kühlergrills, mein Vordermann in ein weiteres Auto geschoben, strömender Regen, genervte Polizisten, die meinen, so sähe es jetzt in ganz Berlin aus, sie hätten heute schon x Unfälle aufgenommen.
Ich bin Schuld und konnte doch nichts tun.

Warterei, viel Papierkram, viel Regen. Auf der Heimfahrt sehe ich auf der Warschauer Brücke noch einen Unfall, ähnlich wie meiner, bedrückte Gesichter.
Ein Stückchen weiter, in der Revaler Straße, zwei Polizeiwagen, ein Krankenwagen und ein Leichenwagen.

Zuhause der Pflichtanruf bei den Eltern, die die Versicherung bezahlen. Mein Vater, sarkastisch, aber gelassen, „darin haben wir ja schon Erfahrung“, meine Mutter, „was kann ich tun, um dich zu trösten?“, und mein Auge tränt, während ich mit ihr philosophiere über Straßenverkehr und Schuld und die inneren Stimmen, die sagen, „hättest du mal“, „wieso mußtest du denn“, das ist doch wirklich kein Grund zu weinen.

Heute morgen, auf dem Weg zur Arbeit, Angst, wo sonst Sicherheit war, keine linke Spur mehr, schön langsam. Überlegt, daß die Seele vielleicht eine kleine transparente Kugel sein könnte, die unter dem Solarplexus sitzt und sehr empfindlich auf ruckartiges Abbremsen oder Aufschlagen reagiert.
The Cure gehört, das beruhigt ungemein. Versuchen Sie mal, the same deep water as you oder untitled zu hören und sich dabei aufzuregen, es ist fast unmöglich.
Der Flügelschlag eines Schmetterlings, die Unaufmerksamkeit eines Autofahrers, der die Spur wechselt oder bremsen muß oder plötzlich abbiegt, und alle dahinter müssen bremsen, jeder ein wenig heftiger, am Schluß der Kette ich, die an einer Stelle bremst, an denen das Wasser in Spurrinnen steht, es raubt einem die Illusion von Kontrolle über das eigene Auto, die anderen Verkehrsteilnehmer, das Wetter, die Mitmenschen, die politische Situation, den Zeitgeist, die Arbeitsmarktpolitik, die Gefühle, das Leben.
Ich geh‘ vielleicht doch ’ne Runde heulen.

Hey, hey, just one more and I`ll walk away
how the everything you win turns to nothing today

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