Maschinenöl

Soll ich wirklich? Ich könnte auch noch einen Brief schreiben, den Abwasch machen oder fernsehen. Na ja, denke ich, jetzt hast du es dir schon vorgenommen. Ich bin eine Frau, die Pläne macht und sie dann gewissenhaft Punkt für Punkt abarbeitet. Die private to-do-Liste. Und heute im Auto, auf der Heimfahrt von der Arbeit, da dachte ich: ich sollte mal wieder. Nicht wieder so husch husch, sondern langsam und mit Genuß.
Also ziehe ich mich aus, laufe in der dunklen Wohnung herum, stelle den Wecker, suche das Öl. Dann verreibe ich das nach Mandel und Vanille riechende Öl auf meinen Brüsten und auf meinem Bauch. Es passiert nicht viel. Ich stelle mir vor, daß es die Hand eines Mannes ist. Die Massage des Bauches tut gut, aber es ist nichts erotisches dabei, nur eine Frau, die ihren Bauch massiert. Die Hand auf der Brust löst immerhin einen Reiz aus, mechanisch, ohne Bedeutung. Maschinenöl.
Die Hand wandert zu dem Fell zwischen meinen Beinen, die Gedanken wandern ab. Ich denke über die Vor- und Nachteile von Intimrasur nach. Ich mag das Fell, den Pelz. Wieder versuche ich, an einen Mann zu denken. Wie in einer Diashow lasse ich die imaginären Liebhaber an mir vorbeiziehen. Ich denke über meine Arbeit nach, über mein gegenwärtiges Projekt, an welchem Tag ich welche Experimente durchführe und wie sie sich am effektivsten zeitlich staffeln lassen. Ich ärgere mich, daß ich an meine Arbeit denke. Ich lege mich auf die Seite, vielleicht lasse ich es bleiben.
Die Nachbarn sind schon wieder so laut, ich höre Techno-Beats.
Ich denke an einen Schwerverbrecher, einen Mörder, aus dem Gefängnis entkommen, schweigsam, muskelbepackt, undurchsichtig. Ich mag nicht an den Teufel denken.
Ich denke an den Mörder, der dachte, er müsse sein ganze Leben lang im Knast bleiben und würde nie wieder Sonnenlicht sehen. Da ließ er sich die Augen operieren, illegal, Knastgeschäft, damit er im Dunkeln sehen kann. Damit er sehen kann, wer sich im Dunkeln anschleicht. Ich stelle mir vor, bei ihm zu liegen, es ist ein Deal, ein Versprechen, meine Gegenleistung. Er bietet mir an, zu gehen; ich bleibe. Seine Begierde ist aufrichtig. Ich sehe seine Verletzlichkeit, sie spiegelt die meine, sie schafft eine Verbindung zwischen ihm und mir.
Ich denke an das Wiedersehen mit einem langjährigen Partner, die Trennung war lang, wir wissen genau, was dem anderen gefällt. Unsere Körper sollen den Bund zwischen uns bekräftigen. Du gehörst mir, sagt er zu mir.

Ich bringe fertig, was ich angefangen habe. Es ist in Ordnung, es ist nicht schlecht. Es ist wie ein köperlicher Reflex, ohne Bedeutung. Eine Konzentrationsübung.

So viel Aufwand. So viel Arbeit. Aber ich habe Angst, daß ich die Fähigkeit ganz verliere. Austrockne, einfriere.

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