zwischen halb neun abends und zwei Uhr nachts

Er sitzt an der Bar und trägt einen Anzug. Einen Moment lang bin ich ganz baff, weil er sehr attraktiv ist, ein fein geschnittenes Gesicht, freundliche Augen und eine starke männliche Ausstrahlung hat. Zum Glück habe ich keine Zeit zum Nachdenken, sonst hätte ich mich wohl eingeschüchtert gefühlt. Aber wir kommen sofort ins Gespräch, ich weiß nicht mehr, über was, doch es fühlt sich gut an, fast vertraut, wie eine Verlängerung des Austausches, den wir schon sehr lange per eMail und Chat hatten. Nur, daß er bereit ist, mehr von sich zu erzählen als bisher. Themen, die mit anderen Menschen oder in einer anderen Kommunikationsform oberflächlich abgehandelt werden würden, gewinnen an Tiefe und werden dadurch spannend. Ein spannender Mensch, der auch mir mit Interesse zuhört, hin und wieder nachhakt, mich aber auch zum Lachen bringt. Er fokussiert seine Aufmerksamkeit zu einhundert Prozent auf mich, wie ein Scheinwerferlicht. Manchmal fühle ich mich wie eine Zirkusartistin und genieße es, manchmal fühle ich mich wie ein Reh auf der Bundesstraße. Da ist viel Nähe, auch körperlich. Wir sitzen eng beieinander, sein Knie an meinem Oberschenkel, ich wehre mich nicht. Manchmal wird mir die Nähe bewußt und ich werde innerlich starr, dann wieder tritt alles, die Bar, die anderen Leute, auf angenehme Weise in den Hintergrund; auch ich fokussiere meine Aufmerksamkeit nur auf ihn.

Auf sehr charmante Weise bezahlt er meine Drinks. Als ich aufstehe und wir zu einer anderen Bar gehen, merke ich, daß ich betrunken bin wie schon lange nicht mehr. Später werden wir zur Modersohnbrücke gehen und den Zügen nachschauen, meine Trunkenheit wird einer anderen weichen, als er mir Komplimente macht. Er wird den Arm um mich legen, ich werde wollen, daß er nicht aufhört, es ihm aber nicht sagen können. Noch später werden wir aus einem nichtigen Grund unglaublich lachen müssen, kaum wieder aufhören können. Wir werden ein Segelboot sehen, mitten in Friedrichshain.
Sehr viel später werde ich in Berlins dreckigstem Hinterhof meinen Büstenhalter ausziehen; wir werden lachen und es lustig finden und vielleicht auch ein bisschen erotisch. Ich werde meinen Mantel wieder anziehen und er wird mich küssen. Seine Hand wird auf einer unverfänglichen Stelle meines Oberkörpers liegen, und zwar mit genau dem richtigen Druck, ich werde es wunderbar finden, dann aber doch sehr oft „nein“ sagen. Ich werde ihn sanft fragen, wo Nina sei.
Er wird nach Hause gehen zu Nina, ich werde die Treppe hoch in meine Wohnung gehen, das Gefühl des bärtigen Kusses auf meinem Mund.
Wir werden uns ein Wiedersehen versprochen haben, in einem Monat, bis dahin werde ich ein wenig über Nina nachdenken und über mein Glück, jemanden so sympathischen begegnet zu sein. All die Dinge, die er tut, damit ich mich wohl fühle,. ich nehme sie wahr, jedes einzelne, und für jedes einzelne bin ich dankbar. Ich weiß nicht, was für ihn dabei herausspringt, was ich ihm geben kann, das er nicht auch einfacher haben könnte. Aber mir ist klar, daß ich einen Preis zu bezahlen hätte, wenn… und was mir entgeht, wenn nicht.
Vielleicht rechnet er nicht, und ich sollte es auch nicht.

[Ich bitte um Verständnis, daß für diesen Beitrag die Kommentarfunktion aus bleibt.]

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