Abgründe

Vor mehreren Jahren erlebte Frankfurt am Main einen Bankenboom. Jeder, der nicht bei drei auf dem Baum war, wurde eingestellt. Es ist eine andere Geschichte, daß auf den Boom immer der Crash folgt, jedenfalls suchte Ruth dringend Arbeit und in Berlin gab es schon damals nichts. So fing sie zusammen mit ein paar Studienabbrechern in einer Frankfurter Bank an. Von einem Typen erzählte sie öfter: daß er unglaublich böse gucken konnte, aber auf dem Weg von der U-Bahn die Alditüten für sie trug. Ein rätselhafter, scharfsinniger, charismatischer Mann. Sie trank ihn unter den Tisch.
2001 wurde der Mann von der Frau, die er liebte und mit der er zusammengelebt hatte, wegen eines anderen verlassen. Daraufhin (temporal? kausal?) begann er unter dem Namen „rome“ und der url „rounders.de“ ein Weblog. Ein verstörendes, schonungsloses Weblog, schonungslos gegenüber sich selbst und den anderen. Moralisch zweifelhaft, voller Nutten- und Casinogeschichten. Misantroph. Mit detaillierter Beschreibung all der Wunden, die ihm jene, die er liebte, zugefügt hatten. Voller Ratlosigkeit darüber, was denn nun zu tun sei mit der Zeit zwischen dem ersten und dem letzten Atemzug.
Irgendwann wollte Ruth nichts mehr mit rome zu tun haben, die Gründe dafür sind vielschichtig und wohl in ihrer komplizierten Persönlichkeit zu suchen; sein Weblog jedoch hat seinen Teil dazu beigetragen.

Ich habe sein Blog ebenfalls gelesen, vielleicht sogar intensiver als Ruth, es hat mich auf eine unerklärliche Art und Weise beeinflußt und berührt. Rome hörte Anfang 2003 mit dem Schreiben auf und hinterließ eine Lücke, die nicht zu schließen war. Ich erinnerte mich an eine Äußerung, daß er sein Zeugs lieber lesen als schreiben wolle, und so wuchs in mir der Gedanke, daß ich vielleicht das, was ich lesen möchte, einfach selbst schreiben muß. Denn wer sonst tut es?

Ich verschwieg dieses Weblog vor Ruth. Das ist ja auch nur eine kleine Sache, nichts wichtiges, die paar Zeilen. Doch es wurde schwierig. Vieles, was mich bewegte, konnte ich nicht erzählen, und sie merkte das. Sie spürte, wie wir uns entfernten und sprach es auch aus.

Als ich ihr vor wenigen Tagen von meinen Fragmenten erzählte, fragte sie mich sofort, ob es so sei wie Rounders. Nein, sagte ich, Herr Rounders hatte Stil und gute Geschichten. Dennoch, so vermutete Ruth, rome und ich, wir schreiben wohl beide über die menschlichen Abgründe. Über die Abgründe in uns. Über das, worüber man besser schweigen sollte.

Ruth fühlt sich von mir belogen und verraten; ich kann ihr kaum widersprechen. Sie sagt, Rome hätte geschrieben, weil er es niemanden hatte erzählen können. Aber bei mir lägen die Dinge doch anders, oder?

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