Stanislav

Skalitzer Ecke Wrangelstraße. Strategisch gut gewählt, eine vielbefahrene, zweispurige Straße, und genau hier: eine Ampel mit langer Rotphase. Im Schatten der U-Bahn-Brücke, zwischen den beiden Fahrbahnen: eine Gruppe Punks mit Hunden. Immer zwei wischten den Autofahrern die Scheiben, man gab gerne oder konnte zumindest nicht nein sagen. Manchmal, in den 45 Sekunden der Ampelschaltung, ein Blick auf jemand, der auf der nackten Erde schlief, und immer die Frage im Kopf: gewollte Bohème oder erzwungene Armut?
Als der Sommer zu Ende ging, gingen auch die Punks, ich dachte an ihre manchmal vom Schmutzwasser geschwärzten Hände und wünschte ihnen eine schöne Reise durch Indien oder Thailand. Sie machten Platz für einen anderen Mann, eine Stufe weiter unten in der Nahrungskette, der das Geschäftsmodell übernahm und in der Kälte arbeitete. Ein wenig wunderte ich mich schon, als die Temperaturen sich dem Nullpunkt näherten und er, im Anorak, weiter dort stand, die Hände in kaltem Wasser. Ein paar Mal habe ich ihm etwas gegeben, aber das schien nicht sein Ziel zu sein. Froh war er erst, wenn er einem einen Zettel unter den Scheibenwischer hatte stecken können. Kein Copyshop-Flyer und auch keine Massenverteilung, sondern handbeschriebene Zettel, oft Rückseiten von Papier aus Zigarettenschachteln oder Kassenzetteln. Schwer zu lesen, wirr, mit Wörtern aus einer fremden Sprache – polnisch wahrscheinlich. Eine Kollegin, die ein wenig polnisch versteht, übersetzte den Zettel so, daß „Stanislav“ Arbeit sucht und eine Adresse angegeben hat.

stan

Ich kann nur die fünfte Zeile von oben lesen: Fraulen ich mechte Arbejt. Bite. Eine Zeile weiter unten: Frau Hjlpen kajne Angest Bite mit genau geben.

Ich bin hilflos. Ich kann ihm nicht helfen. Nicht einmal Worte funktionieren.

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