Wie wir uns verpasst haben

Ich habe ihn sofort erkannt.
Ich gehe an ihm vorbei, checke die Lage, und als ich zurückkomme, spreche ich ihn an.
„Es würde jetzt wahrscheinlich blöd klingen, wenn ich sagen würde, wir haben uns schon einmal gesehen…“ Ich gehe davon aus, daß er nicht weiß, wer ich bin, nicht weiß, daß er mir aufgefallen ist, aber er sagt: „ja, wir haben uns bei der Lesung in der Laine-Art gesehen. Sie sind Frau Fragmente, und Sie haben über mich geschrieben.“
Erst sehr viel später werde ich realisieren, was für eine abgefahrene, seltsame, durchgedrehte Situation das ist. Daß er sich offensichtlich von jemanden hat zeigen lassen, wer die Frau Fragmente ist; denn allein von den Bildern kann er mich nicht erkannt haben; daß er mein Blog liest, daß ihn aber irgendetwas – es wird wohl nichts gutes gewesen sein – davon abgehalten hat, Kontakt zu mir aufzunehmen. Ich hätte es also besser wissen müssen, so aber schlittern wir in den Smalltalk. Ich bemühe mich, charmant, geistreich und eloquent zu sein und merke dann, daß ich lediglich bemüht wirke; werde schüchtern, vergesse manche Worte. Wir reden übers Bloggen (worüber sonst?); er sagt, daß er nicht bloggt. „Dann haben Sie wohl nicht genug Leid erfahren?“, versuche ich einen Witz. Ob ich keine Freunde hätte, denen ich meines erzählen kann, fragt er. Und zwischen der verunglückten Kommunikation, den Vorbehalten und subtilen Beleidigungen blitzt doch für einen Moment ein interessanter Mann auf; ein genauer, kluger, stiller Beobachter. Ich liebe das Muster seines Anzuges.
„Die Lesung geht weiter“, sagt er, und ich verstehe: es ist Zeit, die Unterhaltung zu beenden.

Zuhause suche ich nach dem Text, in dem er auftaucht. In meiner Erinnerung habe ich ihn in einer Rezension der Lesung im Dezember erwähnt; aber ich schreibe nicht mehr über Lesungen, ich habe auch so schon genug Probleme. Stattdessen finde ich ihn hier: der Mann mit der rosafarbenen Zeitung. In dem Beitrag ist er eine Metapher für jemanden, dem man nicht nahe kommen kann; für eine verpasste Gelegenheit.
Ich glaube, ich hätte Dich gut leiden können. Und Du mich vielleicht auch, wenn nicht das Blog, wenn nicht meine komische Art, und überhaupt, die ganzen wenns. So bleibt mir nur, Dir alles Gute zu wünschen.

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