Schreib darüber, sagst Du.

Ich stapfe über die Warschauer Brücke, die Hände in den Taschen. Es ist kalt, nachts um halb drei, aber immer noch belebt. Ich schlucke die Tränen runter, die entgegenkommenden Menschen sollen mich nicht heulen sehen. Warum hast Du mich nicht angefasst, den Arm um mich gelegt, wenigstens? Ich habe Dir die Stadt gezeigt bei Nacht, wir haben Cocktails getrunken und den Zügen nachgeschaut. Einmal habe ich Deine Hand berührt und gleich gemerkt, es ist Dir unangenehm. Jetzt bin ich wie ein Kind, wütend und frustriert.
Es ist ein Fehler in mir, denke ich. Wie ein Webfehler in einem Teppich, immer bleibt man mit dem Finger daran hängen und kann es nicht mehr berichtigen.
Ich soll nicht immer alle Schuld bei mir suchen; mir nicht immer Vorwürfe machen, hat mir mal jemand gesagt. Jetzt erst begreife ich, was es damit auf sich hat: wenn ich alles Falsche in mir vermute, dann nehme ich dem anderen das Recht, seine eigenen Gründe zu haben. Gründe, die mir verborgen bleiben.

***

Du sitzt in meinem weißen Sessel. Du hast mich nach Hause gebracht, hast Dich nicht davon abbringen lassen, ich verstehe nicht, warum, oder was anders ist als in der Nacht, in der Du mich allein hast gehen lassen. Du hast Dir Mut angetrunken, das mag ich nicht. Ich lasse Dich unliebsame Hausarbeiten machen, mitten in der Nacht, und Du erledigst sie mit so viel Freude, als gäbe es nichts schöneres für Dich, als mir zu gefallen. Es wärmt mir das Herz.
„Willst Du hier schlafen?“, frage ich Dich im Vorübergehen und verschwinde in der Küche; Dein verblüfftes Gesicht im Augenwinkel. Als ich zurückkomme, habe ich einen Spruch auf den Lippen, der uns beiden einen Rückzug ohne Gesichtsverlust ermöglicht, aber Du ziehst mich einfach zu Dir, greifst nach mir, lässt mich nicht mehr los und küsst mich, küsst mich.

***

Nacht. Morgengrauen. Morgen. Vormittag. Mittag. Früher Nachmittag.
Leidenschaft. Sex. Ekstase. Knutschen. Löffeln. Umarmen. Streicheln. Dösen. Reden. Zärtlichkeit. Sex. Schweiß. Rumschreien. Löffeln. Lachen. Dösen. Reden. Umarmen. Zärtlichkeit.

***

Es ist nicht der Sex, der bleibt. Es ist das Gefühl, umarmt zu werden, festgehalten, die Zärtlichkeiten. Ich sei wohl sehr verletzt worden, schrieb mir ein Leser; ich habe darüber nachgedacht, aber konnte keine Wunde benennen. Anderen ist Schlimmeres widerfahren. Und doch fängt etwas in mir an zu heilen, in diesem Bett, mit Dir. Du bist sehr gut zu mir.
Auch in meinem Kopf rückt etwas gerade. Ich dachte, mein Leben wäre wie der Sternenhimmel, immer gleiche Sternbilder, Jahr ein, Jahr aus, und mir bliebe nichts, als sie zu beobachten, wissend, welchen Verlauf sie nehmen. Aber unsere Geschichte war nicht, wie sonst üblich, nach dem ersten Absatz zu Ende. Sie hat mich überrascht; es kam anders als gedacht. Du hast mich überrascht; unter Deinen Kleidern kam zum Vorschein, was ich nicht vermutet hätte. Das Leben hat mich überrascht, es ist viel größer, wilder, unerforschter als in meinen Berechnungen.

***

Wie wird es nun weitergehen?
Wir wissen es nicht.

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