Nebenan

Am Sonntag klingelt es an meiner Tür. Ich blicke durch den Spion: direkt vor meiner Wohnungstür steht ein älterer, bierbäuchiger Herr. Ich öffne. Es ist mein neuer Nachbar, für den ich die neue Nachbarin bin. Er wolle sich mal vorstellen, sagt Herr Meghar, er sei aus Algerien, er und seine Frau Gisela leben schon 13 Jahre in diesem Haus. „Komme Sie rüber, komme Sie rüber“; er unterstreicht seine Worte mit einer Handbewegung, sein Deutsch ist nicht gebrochen, sondern an den Kanten schon ganz weichgeschliffen. Es wäre gerade ungünstig, sage ich, im „Freizeitdreß“, die Beine unrasiert, habe ich mir heute überhaupt die Zähne geputzt? Ich komme morgen, verspreche ich.
Am nächsten Morgen begegne ich Herrn Meghar im Treppenhaus; ich bin auf dem Weg zur Arbeit, er holt gerade die Bildzeitung hoch. Ich verspreche nochmal, heute abend vorbeizuschauen, „auf ein Schwätzchen“, gegen sieben. Dann wird mir ein wenig mulmig, aber: es gibt kein Zurück. Im Seitenflügel in Berlin, vier Parteien, traf ich einmal meine Nachbarin, ich grüßte, sie grüßte nicht zurück. Solche Nachbarschaft bin ich gewöhnt. Und jetzt habe ich mit meinen soziophoben Tendenzen eine Einladung zu Familie Meghar.
Es ist sieben, ich gehe rüber. Herr Meghar macht mir einen Tee, schwarz, bitter, mit Pfefferminze, er zeigt mir das Bündel getrockneter Pfefferminze, das er aus Algerien mitgebracht hat, und läßt mich daran riechen. Gisela, übergewichtig, sitzt auf der ausgeblichenen Couch vor dem Fernseher und wirkt etwas depressiv. Sie hat, wie so viele Frauen in ihrem Alter, kurzes, lichtes Haar, das sie sich gerade in „aubergine“ färbt. Beide sind in der Rente; sie hat bei Spar an der Kasse gearbeitet. Man stelle sich immer vor, erzählt Gisela, das Rentnerleben sei so schön, endlich habe man Zeit, aber dann stellt man fest, man hat kein Geld. Ein Auto können sie sich nicht mehr leisten. Ihre Wohnung ist genauso groß wie meine, stelle ich fest, zwei Zimmer, 50 qm, Balkon. Ich fühle mich nicht mehr arm, so wie ich mich gestern fühlte, als ich Ausschau nach einem neuen Sofa hielt und feststellte, daß ich mir keines leisten kann. Die Aussätzige bei Möbel Hübner.
Wie die beiden sich kennengelernt haben, will ich wissen. Gisela ist verwitwet, ob Herr Meghar geschieden oder auch verwitwet ist, bleibt unklar, jedenfalls wohnten sie in der gleichen Straße, und da sind sie sich eben begegnet. Zwanzig Jahre ist das her.
Ob sie manchmal nach Algerien fahren? Ja, zweimal im Jahr, im November und im Februar, da sei es in Algerien schön warm, 20 bis 25°C, nachts aber sehr kalt, Wüste eben, baden könne man nicht, aber besser als der deutsche Winter.
Ein Licht im Rentnerleben, so schlecht scheint es mir nicht zu sein, zwischen Schrankwand in schwarzem Lack und aufgereihten Kuscheltieren auf der Sofalehne. Ich spüre eine Zärtlichkeit für diese beiden Leute, und ich habe keine Angst mehr. Vielleicht finde auch ich einen Herrn Meghar, mit dem sich auf die eine oder andere Art zusammenleben läßt, in zwei Zimmern mit Balkon, und einmal im Jahr ab in den Süden. Wie alt ich sei, fragt Herr Meghar, und schätzt: 25? Es klingt, als hätte ich mein ganzes Leben noch vor mir.

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