Runter vom Gas, Kupplung kommen lassen

Guten Tag gehabt heute. Arbeit macht mir gerade Spaß. Ich mag meine Arbeit ja generell gerne, und die Arbeit mag mich auch zurück, glaube ich, aber oft genug ist darin auch eine Schwere eingeflochten, etwas mühevolles, zähes, unbewegliches. Und oft auch schlicht zu viel. Gerade aber geht es ganz gut, kitzelt mich intellektuell ordentlich, bewegt sich und geht voran. Vielleicht bleibt es noch ein paar Tage so.

Frau Novemberregen sieht heute sehr seriös aus, trägt eine gestreifte Bluse und ein Strickjäckchen drüber, fast ein bisschen hanseatisch. Sie stand im Stau, ist aber natürlich trotzdem pünktlich, aber hungrig, bestellt nebenbei Pizza. Wir sprechen aus naheliegenden Gründen über Essen. Ich arbeite ja diese Woche im Büro in der Stadt und nicht im Büro in meinem Wohnzimmer. Gestern habe ich mich zum Essen einladen lassen – so kann man sich bei mir am besten für geleistete Dienste revanchieren – und wurde mit griechischer Vorspeise, Hauptspeise und sensationell leckerer Nachspeise verwöhnt, Galaktoboureko und Schokosouffle mit flüssigem Kern. Nice little restaurants where they know your name. Heute habe ich bei meinem Lieblings-Thai bestellt, Frühlingsrollen und Tom Kha Gai, da blieb sogar noch etwas übrig, das ich gerade als Abendessen verputzt habe.

Frau N. bekommt die Pizza geliefert, beisst rein und zählt dann die Katzen durch. Alle da. Herr N. hat auch eine Pizza bekommen, mit extra Käse, das ist wichtig.

Auf dem Weg zur Arbeit habe ich mir einen Vortrag von Esther Perel angehört, einer belgischen Paartherapeutin, die einen schönen Podcast hat: How’s work? Esther Perel postuliert, dass wir alle ein Relationship Diary mit auf die Arbeit nehmen, und in den zwischenmenschlichen Interaktionen im Büro dazu neigen, das auszuagieren, was wir an Beziehungsmustern in unserer Kindheit und Jugend erlebt haben. Büro ist Familienaufstellung.

Ich habe ihren Podcast sehr viel am Anfang dieses Jahres gehört, als ich einen Konflikt mit einer Mitarbeiterin hatte. Ich habe auch mit einem externen Coach an diesem Thema gearbeitet, weil es mich sehr belastet hat. Der Coach hat, wie das oft in solchen Sessions ist, eine Reihe von guten Sätzen gesagt, Sätze, die bei mir haften lassen. Einer davon war: die wertvollsten Lektionen erhalten wir von Menschen, die uns diametral entgegengesetzt sind. Die Mitarbeiterin ist tatsächlich ein starkes Gegenteil von mir, bis hin zum Äußeren. Klick hat es bei mir aber erst durch Esther Perel gemacht: die Mitarbeiterin hat mich sehr an meine Schwester erinnert, und daher war der Konflikt für mich nicht ein normaler Konflikt, wie er zur Berufstätigkeit dazu gehört, sondern so stark emotional aufgeladen, dass es mich über die Maßen belastet hat.

Der Mitarbeiterin habe ich gekündigt, und mit meiner Schwester rede ich nur etwa einmal pro Jahr small talk, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Ein Konzept von Esther Perel, das in mir Widerhall gefunden hat, ist the power of the helpless (schön aufgedröselt in dieser Episode). Wenn man jemanden, der in einer verfahrenen Situation ist, immer wieder Vorschläge zur Veränderung unterbreitet, aber diese Vorschläge immer wieder abgelehnt werden, dann kommt es zu einer Verschiebung des Machtgefüges. Die hilflose Person ist in einer Position der Macht, wo sie wie eine Königin sagen kann: das nicht, und jenes nicht, und das schmeckt mir auch nicht, und dieses will ich auch nicht, und alles ist blöd, und du bist es auch. Und plötzlich fühlt man sich tatsächlich blöd, und am Ende genauso hilflos wie die hilflose Person. Die hilflose Person hat erfolgreich ihre Gefühle auf einen selbst übertragen. Ich neige dazu, diese fremden Gefühle sehr empathisch in mir zu fühlen, merke dann aber irgendwann, dass es nicht meine eigenen sind. Dann werde ich wütend, und hart, und erbarmunglos.

Mit Frau N. noch ein bisschen über Mitarbeiterführung gesprochen. Darin übe ich mich ja gerade, als Bürgermeisterin von Gurkfeld. Ich wünsche mir sehr, ein paar alte Strukturen aufzubrechen, Potentiale zu heben und Leistung zu bekommen, wie sie meinen Ansprüchen genügt. Andere durch mein Beispiel zu inspirieren. Klingt bescheuert, ist aber so.

Im Moment sieht es eher so aus, als ob meine Bemühungen nicht erfolgreich sind. Das ist das tückische an Beziehungen: man kann sich nie sicher sein, dass sie gelingen werden. Es gibt keine Proportionalität von Aufwand und Ergebnis. Vielleicht runter vom Gas, Kupplung kommen lassen?

Noch so ein Satz, der bei mir hängen geblieben ist:

You set boundaries, not because you want to end the relationship, but because you want it to continue.

Ist aber nicht von einer Psychologin, sondern von TikTok.

COVID-19

Jetzt doch ein Text zu COVID-19. Zum einen möchte ich heute, am 28. Juni 2020, schildern, was wir über COVID-19 wissen bzw. was vom Weltwissen bei mir angekommen ist und welche Verhaltensregeln ich für mich selbst abgeleitet und ausgehandelt habe. Zum anderen bin ich sehr bewegt über die hohe Anzahl an COVID-19 Infektionen in Fleischfabriken und möchte ein paar meiner Gedanken dazu niederschreiben. 

COVID-19 kann über drei Wege übertragen werden: droplets, aerosols und fomites. Droplets bedeutet, dass eine infizierte Person, die COVID-19 Viren absondert, dies in Form von Tröpfchen tut, vor allem durch Husten oder Niesen. Droplets sind 5-10 µm groß, Aerosole kleiner als 5 µm. Aerosole werden eher beim Sprechen, ggf. auch beim Singen und natürlich beim Ausatmen produziert. Droplets fallen aufgrund ihrer Größe relativ schnell zu Boden, so dass hier Abstand halten recht wirkungsvoll sein kann. Aerosole sind klein, und können deshalb in Innenräumen länger in der Luft verbleiben (wie lange, wissen wir noch nicht). Fomites sind kontaminierte Oberflächen, zum Beispiel eine Türklinke oder ein Papiertaschentuch. Berührt man eine solche Oberfläche mit der eigenen Hand und fasst sich dann mit der Hand an die Schleimhäute, kann man Viren übertragen und sich anstecken. Hier hilft Händewaschen und Händedesinfektion, Fomites scheint aber von allen Übertragungswegen der am wenigste gefährliche zu sein. Ich habe dazu keine Quelle. Für Aerosole als Hauptübertragungsweg gibt es ebenfalls noch keine Belege, anekdotisch wird von Gottensdiensten und Chorproben berichtet, bei denen trotz Abstand und Händedesinfektion viele Infektionen stattgefunden haben. Lesenswert ist auch dieser recht wütende wissenschaftliche Artikel. Es ist denkbar, dass Aerosole auch daher sehr gefährlich sein könnten, weil über das Einatmen die Viruspartikel direkt tief in der Lunge deponiert werden. Droplets oder Fomites müssen erst den Weg über die Schleimhäute gehen. 

Ich vertrete daher aktuell die Theorie, dass es die Aerosole sind, gefährlich sind. In meiner Vorstellung sind Aktivitäten, die draußen stattfinden, eher ungefährlich, weil sich die Viruspartikel in der Luft stark verdünnen. Außerdem kann es sein, dass das Sonnenlicht die Anzahl an Viruspartikeln reduziert (Quelle: Simulated Sunlight Rapidly Inactivates SARS-CoV-2 on Surfaces). Im Gegensatz dazu erscheint mir alles, was drinnen stattfindet, gefährlich, vor allem, wenn viele Menschen sich wenig Luft teilen (öffentlicher Nahverkehr!), keine Luftzirkulation stattfindet und in den Räumen gesprochen oder gesungen wird. 

Zu Beginn der Pandemie hieß es, Masken (Mund-Nasen-Schutz) würde nichts bringen, da diese nach ca. 15 Minuten von unserer Atemluft durchfeuchtet und damit durchlässig werden. Die Meinung – auch meine – hat sich seitdem stark gewandelt: wer eine Maske trägt, reduziert auf jeden Fall die Anzahl an Droplets, die er oder sie selbst abgibt. Es ist auch vorstellbar, dass Stoffmasken, die z.B. außen aus Baumwolle und innen aus Seide oder Kunststoff bestehen, aufgrund der statischen Aufladung einen zusätzlichen Schutz bieten. Recht sicher sind auf jeden Fall Ffp2/N95 oder Ffp3-Masken, mit denen sich auch medizinisches Personal bei der Behandlung von infizierten Patienten schützt. Mittlerweile ist es möglich, solche Masken über Apotheken zu beziehen. Ich bin hoffnungsvoll, dass man sie nicht dem medizinischen Personal wegkauft. Die Maske kann übrigens zum Fomite an der Außenseite werden, wenn dort die Partikel hängenbleiben, die wir nicht eingeatmet haben.

Mein eigener Mix an Maßnahmen ist widersprüchlich. Ich gehe nur einmal die Woche Lebensmittel einkaufen. Ich trage an öffentlichen Orten in der Regel Masken (Ffp2). Ich treffe mich seltener mit Freundinnen, und wenn, dann nur zu zweit und vorwiegend draußen. Wir versuchen Abstand zu halten, gravitieren aber immer mal wieder zueinander hin. Mein größtes Risiko: ich gehe wieder ins Büro, zwar nur reduziert, aber ich trage im Büro keine Maske. Wir versuchen Abstand zu halten, aber wir  – nunja – gravitieren immer mal wieder zueinander hin. Und wir reden viel, sitzen (mit Abstand) im Meetingraum, und sprechen lange. Das ist unvernünftig. Es ist der Kern meiner beruflichen Tätigkeit, dazusein, physisch, zuzuhören und zu reden. Es ist mir so wichtig, dass ich hier ein großes Risiko eingehe, obwohl ich es besser weiss. Dass wir beinahe eine Art von häuslicher Gemeinschaft sind, und ich den Kollegen zutraue, privat sehr vernünftig zu sein, ist hier nur ein kleiner Trost.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Freunde treffen, in kleinen Gruppe, draußen und mit Abstand: das sollte man jetzt machen, die warmen Tage und das Sonnenlicht genießen. Vielleicht wird es im Frühjahr 2021 eine Impfung geben, mit Glück. Der Winter wird lang.

Am 20. Juni 2020 wurde bekannt, dass in der Fleischfabrik Tönnies in der Nähe von Gütersloh über 1.000 Mitarbeiter positiv auf COVID-19 getestet wurden. Die Tests waren behördlich angeordnet worden, von den ca. 7.000 Mitarbeitern sind Stand heute ca. 1.500 infiziert, davon ca. 30 im Krankenhaus, 5 auf der Intensivstation und 2 müssen beatmet werden (Quelle). Fleischfabriken sind schon länger Hot Spots für COVID-19 Infektionen: der Guardian berichtete bereits am 15. Mai über zahlreiche Fälle in den USA, in Großbritannien schreibt die BBC am 21. Juni über 158 Infektionen in einer britischen Fleischfabrik. In Deutschland gab es neben Tönnies auch Ausbrüche bei anderen Fleischproduzenten (Quelle). 

Warum immer wieder in der Fleischindustrie? Das Fleisch wird am Fließband zerlegt, und zwar in einem Kühlraum. Kühlen ist teuer, daher stehen die Arbeiter dicht gedrängt nebeneinander. Die Maschinen sind laut, die Arbeiter müssen laut rufen. Es ist anzunehmen, dass dieselbe gekühlte Luft immer wieder zirkuliert, damit möglichst wenig Luft von außen heruntergekühlt werden muss. In der Kälte bleiben die Aerosole besonders lange in der Luft, weil sie nicht so schnell verdampfen wie bei Wärme. Sonnenlicht gibt es nicht. Die Kälte schwächt das Immunsystem, und die Arbeitszeit ist lang. Es scheint also beinahe unmöglich, sich nicht anzustecken – es sei denn, die Mitarbeiter hätten eine Ffp2-Maske getragen und Abstand gehalten. Vielleicht hätte es auch eine Möglichkeit gegeben, einen Filter in der Klimaanlage einzusetzen? Dass die Mitarbeiter in beengten Unterkünften leben, und viele Stunden in Kleinbussen herantransportiert werden, ist erwähnenswert, scheint aber bei oben genannter Situation kaum noch ins Gewicht zu fallen. 

Wir sollten alle weniger Fleisch essen, das ist klar. Aber zusätzlich zum einzelverantwortlichen Handeln brauchen wir auch einen strukturellen Wandel. Das Vermögen von Clemens Tönnies wird auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt (Quelle). Es scheint also nicht nur darum zu gehen, dass die Bratwurst billig sein muss, damit der Verbraucher spart, sondern sie muss auch billig sein, damit jemand anderes reich werden kann. Vielleicht ist “struktureller Wandel” auch ein zu großes Wort, und es würde reichen, Werkverträge und Subunternehmer zu verbieten, die Einhaltung des Arbeitsschutzes zu kontrollieren und Gewerkschaften und Betriebsräte zuzulassen. So etwas würde auch der Paketbranche gut tun. 

COVID-19 ist ein Vergrößerungsglas, dass die Ungleichheit der Welt noch deutlich sichtbarer macht, unsere Schwächen hervorhebt und manchmal auch unsere Stärken. Es ist eine großartige Chance, Dinge neu zu denken und neu anzugehen: Fleischkonsum, Klimaschutz, Arbeitsschutz, Tourismus. Ich habe einen Funken Hoffnung und einen Eimer Pessimismus. Und ganz besonders beunruhigen mich die Orte auf der Welt, die so still sind in diesen Tagen: Südafrika, Nigeria, Jemen, und die Flüchtlingslager der Rohingya.

gemischte Tüte

Frau Novemberregen sieht heute unzufrieden aus, beteuert aber, es nicht zu sein. Ihre Haare sitzen sehr gut, ich hingegen habe eine Mischung aus Corona- und Urlaubsfrisur, da müssen wir jetzt durch. Ich sitze im Schlafzimmer, hinter mir Klamotten auf dem Bett, aber eigentlich ist es aufgeräumter, als es aussieht. Hinter Frau N. räkelt sich mal wieder ganz süß eine Katze, und das Licht scheint hell und klar auf ihren Schreibtisch, ganz anders als vor ein paar Monaten, als wir angefangen haben. Es ist Sommer geworden.

Wir sprechen erst über ihr Büro und was da schon wieder alles los ist, mir klappt die Kinnlade herunter, als ich höre, wer sich erdreist, den nOC direkt anzumailen. Dann lachen wir ein bisschen über die Kabelkarte, und sprechen über Gauner und Betrüger, die kleinen wie die großen, mit Anzug oder ohne. Ich erzähle, dass ich einen Führerschein für ein Motorboot machen möchte, gar nicht so schwierig, ein paar Praxisstunden, ein paar hundert Theoriefragen auswendig lernen, und 9 Knoten können, da könnte ich ja Vorwissen aus meiner Vergangenheit einbringen, und die Anspielung hängt kurz zwischen uns im Videochat. Dann aber muss Frau N. ihre rote Beete umrühren. Der Ziegenkäse gratiniert nicht so richtig, lässt sie mich wissen.

Frau N. hat heute gute Nachrichten erhalten von allerhand Ämtern, und auch sonst scheint es gut zu laufen, und ich freue mich aufrichtig und tief für sie. Das hat sie verdient. Schnell bucht sie uns noch zwei Tickets für den Badesee, damit es uns noch besser geht. Ob wohl der Stand für Pommes und Eis geöffnet hat? Nirgendwo schmecken die Pommes so gut wie im Freibad oder am Badesee. Letztes Jahr gab es sogar eine gemischte Tüte zu kaufen, mit Gummitieren und sauren Schlangen.

Ich höre die Schwalben, die vor der offenen Balkontür von Frau N. rufen, während das Abendlicht weicher wird.

Frau N. hat mich gebeten, über mein Fußdings zu berichten. Bei meinem Fußdings handelt es sich um eine Vorrichtung, in der man während des Duschvorgangs seinen Fuß zur Reinigung stecken kann, ohne sich bücken oder auf einem Bein balancieren zu müssen. Ich hatte das Fußdings bei Amazon bestellt und wir hatten darüber bei unserem letzten Videotermin gesprochen, weil sich Frau N. für die Kiste, die im Bildhintergrund zu sehen war, interessiert hat. Das Fußdings hat micht qualitativ leider enttäuscht, es war sehr billig verarbeitet und wirkte außerdem so, als hätte es schon jemand ausprobiert. Ich habe es daher retourniert und bin jetzt wieder fußreinigungs-gadgetlos, es sei denn, ich erwerbe ein Konkurrenzmodell. Mal sehen. Hier ein Produktlink.

Ich hatte Frau N. angekündigt, heute noch über ein Thema zu schreiben, das nicht zu Ton und Thema dieses Weblogs passt. Mich bewegt sehr der Cluster an Covid19-Infektionen in einer Großschlachterei/fleischverarbeitenden Betrieb – es gab bereits mehrere solcher Cluster in genau solchen Betrieben in den USA, und es wird auch noch weitere in Deutschland geben. Es ist ein spannendes Thema an der Schnittstelle zwischen Biologie, Physik, Menschen- und Tierrechten, Gesellschaftspolitik und Kapitalismuskritik. Für heute abend auf jeden Fall zu groß, aber ich hoffe, ich komme in den nächsten Tagen dazu, aufzuschreiben, was aus meiner Sicht wichtig ist. Und sei es auch nur für das Archiv und die Erinnerung.

Jahrmarkttricks

Die Haare von Frau Novemberregen stehen heute auf der rechten Seite (also von mir aus links gesehen) beinahe rechtwinklig ab, als hätte sie sie sich an diesem Mittwoch schon mehrfach und mit zunehmender Verzweiflung gerauft. Ich glaube, Frau Novemberregen würde manchmal gerne mit Profis arbeiten. Indes, die Welt und insbesondere die Bankentürme sind voller Schlawiner, und dazwischen hier und da eine Diva und ein Clown.

Hinter Frau Novemberregen sitzt ein großer Teddybär, wie man ihn manchmal auf dem Rummel gewinnen kann. Ob sie ihn wohl von dort her hat? Ich kann mir nicht so richtig vorstellen, dass Frau N. Spaß an Jahrmarktspielen hat, wo einem das Geld aus der Tasche gezogen wird, und mit gezinkten Karten, gefälschten Losen und festgeschraubten Konservendosen gearbeitet wird.

Im Schoß des Teddys liegt hin und wieder einmal eine ihrer beiden Katzen, deshalb hat sie ihn, damit sich die Katzen nicht einsam fühlen, wenn niemand zuhause ist, um mit ihnen zu kuscheln. Jetzt gerade liegt keine darin, und ich sehe einen Katzenschwanz, interessiert zu einem kleinen ? geformt, auf dem Weg auf den Balkon durch die offene Balkontür, links von Frau N. Also von mir aus gesehen rechts.

Was Frau N. auch ein bisschen stresst, das ist die Gemüsekiste: es kam ein sehr großes Brot und insgesamt eine recht große Menge an Gemüse, so dass Frau N. jetzt Platz im Kühl- und Gefrierschrank schaffen musste und in absehbarer Zeit ein Eis verzehren muss, sowie Wassermelone, Bananensmoothie, Schlangengurke, und ein paar Äpfel wären auch nicht schlecht.

Frau N. wohnt ja mit einem Teenager und einer weiteren Person zusammen, und insbesondere die Verzehrmengen des Teenagers sind wohl sehr unvorhersehrbar – und hängen natürlich auch start von der An- und Abwesenheiten jenes Teenagers ab.

Frau N. und ich haben uns bereits am Montag gesehen. Es war – wir haben das soeben noch einmal in einem kurzen Gespräch überprüft – das erste Mal seit Corona, meint das erste Mal seit Ende März. Wir hatten das aber beide gar nicht mehr präsent, wahrscheinlich, weil wir praktisch dauern in Kontakt sind: nicht nur einmal die Woche per Video zum bloggen, sondern aus verschiedenen Anlässen auch dazwischen per Video, täglich per Twitter, manchmal per WhatsApp, oder wir rufen uns im Büro an. Frau N. hat kürzlich sogar begonnen, mir beruflich klingende Emails auf meine berufliche Email-Adresse zu schreiben.

Jetzt gerade tippt Frau N. gar nix. Sie tippt normalerweise sehr laut, KLACK KLACK KLACK, wie ein kleiner Hagelsturm, das kann man gar nicht verpassen. Jetzt gerade isst Frau N., es muss nämlich auch die Ananas weg, mit Ahornsirup. Zum Abendessen gab es Bohnensuppe mit Paprika, scharf angebratener Chorizo und Tabasco. Nicht mein Ding, aber ich habe ja auch nicht mitgegessen.

Am Montag haben Frau N. und ich uns zum Lunch getroffen. Frau N. trug eine ankle length Hose, die ich hasse und die sie liebt. Wir haben früher Hochwasserhose dazu gesagt. Um mich noch weiter zu quälen, hatte Frau N. die Hose mit Schnürschuhen kombiniert und trug Söckchen dazu, die halbtransparent, schwarz gepunket und mit umgeschlagenen Ringelsaum verziert waren. Auf Knöchelhöhe natürlich.

Frau N. hat einen Stylisten, einen virtuellen natürlich, der Zeit angemessen. Er arbeitet für ein großes Versandhaus, das zwei gaunerhaften Brüdern gehört, die einst mit einem blauen Frosch auf einem Motorrad berühmt geworden sind. Frau N. hat einige Zeit überlegt, ob es den Stylisten wirklich gibt, oder ob es sich um eine AI handelt, aber es scheint tatsächlich ein Mensch zu sein. Man denkt sofort an einen prekär lebenden Hipster in Berlin, der auf seinen großen Durchbruch mit irgendwas anderem wartet, unter Mindestlohn verdient und nebenbei schwarz kellnern geht.

Jedenfalls: Frau N. und ich waren am Montag essen. Da ich Lust auf Burger hatte, sind wir einen Burger essen gegangen. Der Burgerladen hatte ein recht durchdachtes Hygienekonzept: am Eingang hat eine Frau kontrolliert, dass nur hineinging, wer seine Kontaktdaten abgegeben hatte und eine Maske trug. Kontaktdaten konnte man auch über eine App abgeben, die man sich per QR-Code laden konnte. Mit einem Kärtchen wies einem die Frau dann auch direkt einen Tisch zu. Bestellen durfte man wie immer an der Theke. Die Bestellung wurde einem dann an den Tisch gebracht, die Stationen für Ketchup und Mayo waren abgebaut, das gab es jetzt auch in der Tüte. Burger mit Pommes ist übrigens kein so gutes Coronaessen, weil man beides ja gerne mit der Hand essen möchte. Ich konnte mir die Hände aber mit Desinfektionsgel desinfizieren, und auch Besteck gab es auf Nachfrage. Der Burger war sehr gut, die Pommes etwas labbrig, und mir hat es an Mayo gefehlt.

Wir saßen natürlich draußen, an dem uns zugeteilten Tisch, und wurden während der relativ kurzen Zeit drei Mal angebettelt: ein mal von einem Drogensüchtigen auf Entzug (mit Beschimpfung), zwei mal von derselben Sintifrau (Frau N: „Sie waren doch gerade eben erst hier!“). Corona muss sehr hart sein, insbesondere für die Drogensüchtigen, denn wie bei Trockenhefe und Klopapier gibt es auch hier eine Lieferkette, die es ganz schön durcheinander gewirbelt hat; außerdem wie in der Gastronomie einen sehr starken Rückgang der Einnahmequellen.

Ich muss es neu lernen, das essen gehen, die neuen sozialen Spielregeln. Als wäre ich in einem neuen Land. Es ist nicht schwer, und ich fand, dass sich am Montag auch alle sehr bemüht haben, auch wenn niemand perfekt war. Aber eben noch alles sehr ungewohnt.

Den Rest der Woche viel Regen. Ich mag das gerne, wenn die Stadt still wird, reingewaschen, das tock tock tock auf dem schwarzen Regenschirm. Überhaupt hat sie mir gefehlt, zumindest ein bisschen, diese Stadt mit mir darin, und das Büro, und der Lunch mit Frau N. oder Sarah oder Francine oder meiner syrischen Freundin. Nice little restaurants where they know your name.

Gestern noch bis spätabends mit der Geschäftsführung zusammengesessen, bisschen Abstand, ein lockeres gleichschenkliches Dreieck. Die Wolken verschwinden, die Abendsonne scheint goldenes Licht in das Büro des Geschäftsführers. Unsere Themen sind dunkel, nein, pechschwarz, aber wir lachen, so wie man es nur kann, wenn alles sehr bitter ist. Könnte sein, dass das hier alles bald vorbei ist, denn wir werden wohl in einem anderen Land einen Vorturner bekommen, mit dem nicht gut Kirschen essen ist – nein, schlimmer: vor dem wir keine Achtung haben. Es gibt Videokonferenzen zum Thema Cost Savings, und in anderen Ländern brennen die Banken.

Aber jetzt blinken die Lichter, bunt, ich habe eine Zuckerwatte in der Hand, und das Riesenrad dreht sich. Mal ist man oben, dann wieder unten. Dann wieder oben, und immer so weiter, und weiter, und weiter.

Bis das Licht ausgeht.

2030

Mein Weblog war down, hat aber niemand vermisst, außer mir. Blog like nobody is reading.

„Warum machen wir das eigentlich?“, frage ich Novemberregen, und sie macht unverbindliche Laute und beißt in ihre Schlangengurke. „Darauf weißt du auch keine Antwort, hm?“ sage ich, und wir nicken und fangen an zu tippen.

Beim Reparieren meines Weblos hab ich ein bisschen ins Archiv geschaut. Was so war, 2010, 2013 oder so. Wenn ich 2030 in mein Weblog schaue und mich frage, was mich so bewegt hat – gestern, heute, und morgen – dann werde ich hier folgendes lesen:

Lange mit Novemberregen unterhalten, über die Arbeit vor allem, und die Welt und die Menschen darin. Frau N. war heute ungewohnt ruhig, fast schon in sich gekehrt am Anfang unseres Gesprächs. Sie war vorher in einer Videokonferenz, und der Inhalt hat sie sehr beschäftigt. Ich sah es so richtig in ihr denken, das ist immer sehr schön.

Später hat sie mir dann von ihrem Problem erzählt, das ihr über den Kopf gewachsen ist. Es geht – ich denke, das darf ich verraten – um Sozialversicherungen. Mir scheint es so zu sein, dass das Problem Frau N. nicht über den Kopf gewachsen ist, nein, es handelt sich um eine Mischung aus Expertenwissen und Entscheidungskompetenz, die eben mal ausnahmsweise nicht in zwei halben Tagen, sondern eher nach ein bis zwei Dekaden relevanter Berufserfahrung erreicht wird. Und Frau N. macht eben hauptsächlich andere Dinge als Sozialversicherungen. Ich kam dann noch in den Genuß eines ca. 15minütigen, sehr detailreichen Vortrags von Frau N. zu diesem Thema. Etwa 8 Minuten lang konnte ich mithalten, dann düste Frau N. roadrunnermäßig gedanklich ab und ließ mich mit großen, verständnislosen Augen im Staub zurück.

Frau N. sah heute übrigens sehr gut aus, der Haarschritt steht ihr. Aber sehen Sie selbst:

Was war sonst noch. Sehr gutes Gespräch mit dem Head of Llama am Wochenbeginn. Hat mir Kraft gegeben für einige notwendige Schritte. Nächste Woche Gespräch über Kostenreduzierung mit dem Headquarter. Bei Frau N. war das schon, die sind uns immer etwa drei Wochen voraus, in allem. Es wird oft gesagt, dass wir keine Leute entlassen werden, beinahe schon zu oft. 2030 werde ich wissen, wie es ausgegangen ist.

Nach der Arbeit mit meiner Mutter spazieren gegangen. Ein Mann mit Hund an der Leine hat lange gewartet, bis wir endlich an ihm vorbeigegangen sind. Der Hund hat uns angebellt, er hat ja gemerkt, dass sein Halter ganz auf uns konzentriert war. Der Mann hat den Hund dann sehr angeschrien, ins Platz gezwungen, ist ihm dabei auf die Pfote getreten, und der Hund hat gejault. Wie eben ein Hund jault, wenn er oft geschlagen wird. Bricht mir das Herz.

Viele Bilder auch auf Twitter, die mir wehtun: George Floyd, wie er erstickt. Tränengas auf Demonstranten. Ein älterer Mann, der von Polizisten gestoßen wird, nach hinten fällt, mit dem Kopf aufschlägt, eine Blutlache bildet sich an seinem Hinterkopf, während sich der Griff seiner Hand um sein Mobiltelefon lockert und er ohnmächtig wird. Die Polizisten gehen weiter, niemand hilft ihm.

Wird sich 2030 etwas geändert haben? Oder werden die USA bis dahin eine Art von failed state sein, irgendwo zwischen Libanon und Russland?

Ein Bild von einem Mann aus dem Kongo, aufgenommen vor mehr als einhundert Jahren, der mit einem thousand yard stare auf abgetrennten Fuß und Hand seiner etwa fünfjährigen Tochter blickt. Kongogräuel auf wikipedia nachgelesen.

BoJack Horseman geguckt. Morgen dann die beiden letzten Episoden, the view from halfway down. BoJack, eine gezeichnete Figur mit dem Kopf eines Pferdes und dem Körper eines Mannes, war in den 1990ern Hauptdarsteller in einer berühmten Sitcom („Hey, aren‘t you the horse from Horsin’ around?“). Jetzt, beinahe am Ende der Serie, hat er so gut wie alles verloren, mehr als wir es uns als Zuschauer hätten vorstellen können. Vor allem sein Ruhm ist gänzlich zerstört. Ob er genau das braucht, um endlich frei zu sein?

Man weiß nie genau, was kommt, und wie es weitergeht. Vielleicht machen wir es deshalb, Frau N. und ich, mit diesem aufschreiben. Um einen Moment innezuhalten, Bestandsaufnahme, sehen und fühlen, was ist, reflektieren, bevor sich alles, unvermeidlich, so wie es sein muss, weiterdreht.

Gurkfeld

Ich bin heute befördert worden. Also wahrscheinlich. Ich warte noch ein bisschen damit, neue Visitenkarten drucken zu lassen.

Das mit der Beförderung kam so: Anfang des Jahres habe ich meinem Chef vorgeschlagen, dass wir aus dem, was ich mache, und dem, was andere Leute anderswo machen… nein, ich fange nochmal an. Die Karten wurden neu gemischt, und ich habe gesagt: lass uns doch daraus eine neue Abteilung machen. Und ich mache Head of. Wahrscheinlich habe ich noch ein paar andere Sachen gesagt, Außenwirkung, Arbeitsenlastung für ihn, sowas, jedenfalls fand er das ganz gut. Vielleicht fiel auch so etwas wie ich sorge dann dafür, dass die Dinge reibungslos im Hintergrund ablaufen. Bereue ich mittlerweile leicht. Dann habe ich gesagt, dass ich dafür eine Gehaltserhöhung möchte, und habe einen unverschämt hohen Betrag genannt. Dann haben wir 45 Minuten gestritten, am Ende habe ich 60% davon bekommen. Ich war dann eine Weile unzufrieden, dann kam die Bonuszahlung und mir ist wieder eingefallen, dass ich insgesamt schon gut vergütet werde.

Als nächstes war ich in eine Sache verwickelt, an deren Ende eine Entscheidung gefällt wurde, die ich für notwendig hielt, die aber meinem Ansehen geschadet hat. Gerade als ich dachte, wir könnten das Thema Head of wieder aufnehmen, trat das ein, was Frau Novemberregen gerne aufgrundderaktuellenSituation nennt. Tausend Gedanken, aber keine an den Titel, sondern nur machen, machen, machen. Schwimmen, und nicht untergehen.

Jetzt schwimmen wir ganz gut, müssen wieder einiges an organisatorischen Kram machen. Und um diesen Kram zu machen, brauchte ich eine Entscheidung. Und habe meinem Chef gemailt: „sollen wir das machen, mit dem Head of für mich, oder möchtest du mit diesem Schritt noch etwas warten?“

Innerhalb weniger Minuten die Antwort: „wir sollten diesen Schritt unbedingt gehen.“

So eine Email ist eigentlich schöner als ein Titel.

Head of bei meinem Arbeitgeber ist ja so ein bisschen wie Ministerpräsidentin von Island. Wobei Island wahrscheinlich noch zu cool ist. Wenn mein Arbeitgeber ein Land wäre, dann vielleicht sowas wie Slowenien. Niemand weiß genau, wo Slowenien liegt. Aber sie sind ganz gut aus dem Jugoslawienkrieg herausgekommen. Unternehmertum innerhalb sozialistischer Strukturen, das würde meinen Arbeitgeber ganz gut beschreiben, aber wie der Postkommunismus in Slowenien so ist, weiß ich nicht genau. Head of zu sein, das ist ein bisschen wie Bürgermeisterin von Krško (Gurkfeld). Hat ein eigenes Atomkraftwerk!

Zeitverschiebungen

Am Anfang, so Mitte März, hatte ich eine falsche Vorstellung von der freien Zeit, die mir zur Verfügung stehen würde. Es war schon abzusehen, dass wir ins Home Office gehen würden, bis Ostern, dachte ich damals. Ich hatte Sorge, dass die Bandbreite nicht ausreichen würde, wegen alle, die per VPN von zuhause arbeiten oder nicht arbeiten und netflixen. Hintergrund war, dass der Knotenpunkt DE-CIX im März einen neuen all time peak von 9 Terabyte pro Sekunde erreicht hatte. Ich verstand und verstehe aber zu wenig, um diese Information korrekt einordnen zu können, wir hatten auf jeden Fall weiterhin genügend Internet, manche vielleicht zu viel. Ich hatte extra noch ein paar Bücher gekauft, Papierform, nicht dass mein Stapel ungelesener Bücher nicht schon hoch genug war, aber kein Internet und nicht genügend Bücher, das hat mir wirklich Angst gemacht.

Tatsächlich habe ich dann aber bis Ostern gearbeitet wie verrückt, ständig Anrufe und Videokonferenzen und Krisen und nur noch das nötigste. Erst nach Ostern, als wir uns stabilisiert hatten, wurde es besser, und ich konnte ein paar hundert ungelesene Emails abarbeiten.

Ich hatte damit gerechnet, mehr Zeit zu haben. In Wirklichkeit ist es eher eine Zeitverschiebung.

Die Zeit und ich, wir haben ein schwieriges Verhältnis miteinander, ich habe nie genug von ihr, ich kriege nie genug von ihr, und so langsam beginne ich zu akzeptieren, dass das wahrscheinlich bis zu meinem letzten Atemzug so sein wird. Und das ist nicht das schlechteste.

Jedenfalls – ich wollte die Zeitverschiebung kurz dokumentieren, jetzt ist das langweilig, ja, aber in zwanzig Jahren. Ich spare Zeit, möchten meine Finger tippen, aber das stimmt natürlich nicht. Ich wende aktuell keine Zeit mehr für das Pendeln an meinen Arbeitsplatz auf. Bäm, zwei Stunden pro Tag befreit, das sind zehn Stunden die Woche! Ich würde auch sagen, dass ich etwas weniger in Gespräche im Büro verwickelt werde, wobei die Leute weiterhin mit mir telefonieren und videochatten und emailen wollen, aber nicht so anlasslos. Die wichtigsten Dinge erfährt man oft aus solchen anlasslosen Gesprächen, es vermittelt mir einen Eindruck, und aus der Summe solcher Eindrücke entsteht dann oft etwas neues, kreatives, konzeptionelles. Und die ganz wichtigen Dinge im Büro, die passieren nach 17 Uhr, wenn die meisten schon nach Hause gegangen sind, ich mich kurz zu der Geschäftsführung setze oder umgekehrt, wir ins Reden kommen, und irgendwann geht die Schublade mit den Süßigkeiten auf, während wir den Atem des anderen einatmen. Ein Stück davon fehlt mir, ein Stück weit bin ich froh, davon frei zu sein, und ein Stück haben wir in den Monitor und die Videokonferenzen gerettet. Vier Stunden die Woche, oder mehr.

Statt einem langen Business-Lunch mit Freunden oder Kollegen oder beidem gibt es jetzt Ravioli oder Kartoffelsalat oder ein Brot auf der Hand vor dem Bildschirm. No more nice little restaurants where they know your name. Auch kein Karaoke mehr abends, oder am Abendbrottisch mit Francine und ihren Kindern, oder ein Steak, und die Bankentürme in der Nacht, die leeren Straßen und meine Schritte, klack klack klack. Wenn das alles hier vorbei ist. Auch so eine Phrase, aber meine Fantasie für wenn das alles hier vorbei ist: zu dem edlen Libanesen, eine Gruppe Freunde um den Tisch herum, und der Tisch biegt sich vor Mezze. Und wir sitzen und reden und lachen, irgendwann einmal Kaffee und Baklava. Sechs Stunden die Woche.

Ich verreise nicht mehr. Eigentlich wäre ich jetzt auf Expeditionsreise mit meiner Mutter, die sich gewünscht hatte, einen besonderen Teil der Welt zu sehen, bevor sie stirbt oder das Eis schmelzt, whichever applies first. Ich hätte mich vorbereitet und recherchiert und gepackt und vorgearbeitet. Auch kein kleiner Wochenendtrip zu Ninette und SGMaus oder nach Berlin oder München oder ans Meer. Im Durchschnitt vier Stunden die Woche.

Wohin hat sie sich verschoben, die Zeit?

Ich schlafe mehr. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ich ausgeschlafen bin. Ich kann unter der Woche ausgeschlafen sein, fantastisch. Bisschen mehr Zeit für erotische Gedanken, für Männer, für Körperpflege.

Ich habe mehr Zeit für den Haushalt. Wenn es etwas gibt, dass ich über mich in dieser Pandemie gelernt habe, dann vielleicht das: ich bin gar keine schlechte Hausfrau. Ich bin sogar eine passable Hausfrau, zwei plus in Schulnoten. Die Wohnung ist so gut aufgeräumt, dass jederzeit Besuch kommen könnte. Oh, die Ironie! Der Keller ist top aufgeräumt. Mein Arbeitszimmer ist entrümpelt. Die Ablage ist gemacht. Ich liebäugle damit, die Steuererklärung zu machen. Meine To-do-Liste für den privaten Bereich ist so kurz wie noch nie, unglücklicherweise aber noch nicht leer.

Ich verbringe mehr Zeit auf Social Media, erstaunlicherweise aber gar nicht so viel mehr Zeit. Twitter ist Grundnahrungsmittel, egal, wie viel ich zu tun habe. Seit kurzen verschwende ich meine Zeit auch genüßlich auf TikTok, das macht mir viel Freude.

Das mit Abstand beste, was die Zeitverschiebung gebracht hat, sind die Spaziergänge. Seit Ende März – und damit auch im größten Arbeitsstress – gehe ich jeden Tag etwa eine Stunde mit meiner Mutter spazieren. Wir kennen mittlerweile jeden Briefkasten und Vorgarten, haben aber nach den Jahren, die wir hier schon wohnen, ganz neue Ecken entdeckt. Wiesen und Felder, eine Gruppe von Pappeln, Ried und kleine Wasserläufe. Wir haben Hasen gesehen und Rehe, Rebhühner und neulich sogar eine Schlange. Ich sehe, wie die Wiesen immer höher stehen, wie die Bäume und Büsche blühen und dann verblühen, die ersten Früchte sich bilden. Ich war lange nicht mehr so in Kontakt mit der Natur, mit den Farben und Gerüchen und dem Fortschreiten des Jahres durch die Zeit.

Es gibt keine Zeit, hat mal jemand gesagt – wir sind selbst die Zeit. Man kann die Zeit verstehen als eine mechanische Bewegung, Uhrzeiger auf einer Uhr, Planeten durch das Weltall. Zeit ist aber auch das, das wir erleben, in uns drin, und sie kann uns kurz vorkommen oder lang, intensiv oder gleichförmig. Am meisten aber lebt sie wie die Musik vom Tempowechsel, und deswegen bin ich – bei allem zarten Vermissen – glücklich, erleben zu dürfen, dass sie sich verschoben hat.

Bilder

Wenn es in meiner beruflichen Tätigkeit nicht um das Besondere geht, keine einmaligen Projekte oder irgendwelche Krisen, kein Brände löschen und kein planerisches Weichenstellen, sondern nur das ganz normale Tagesgeschäft, und wenn ich dann in diesem Tagesgeschäft gerade richtig gut bin, dann habe ich oft so ein Bild vor Augen, als würde ich einen Acker umpflügen. Der Acker ist schwarzkrümelig und ein bisschen feucht, das Gras am Wegesrand ganz grün, in der Ferne ein paar Bäume. Vor meinem Pflug habe ich zwei Pferde gespannt, sie sind ruhig und konzentriert. Wir arbeiten uns Furche für Furche voran, mal ein kurzer Blick nach vorne, oder zurück, ein Durchatmen, ein Schluck aus der Flasche. Wie und wo mache ich weiter? Wo müssen die Furchen verlaufen? Wo liegen Steine, wo geht es bergab, wo muss ich bremsen, wo brauchen wir Schwung?

Dann sind wir fertig, und ein bisschen verschwitzt. Ich blicke auf den Acker. Umgepflügt. Mein Feld ist bestellt.

Seltsam, dass ausgerechnet das meine Assoziiation, mein inneres Bild ist. Wo meine eigentliche Tätigkeit, vor einem Bildschirm zu sitzen, zu lesen und zu tippen, damit ja so wenig zu tun hat.

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Geträumt. Ich bin in Berlin, in meiner dritten Wohnung, eine WG in einem Altbau in Wilmersdorf. Hinter dem Spiegel entdecke ich eine Tür, die in einen anderen Teil des Hauses führt. Die Räume sind riesig, ausgedehnte Flure und ein Atrium mit Galerie, überall Stuck und Art Deco. Alles auch ein bisschen in die Jahre gekommen, schräg eingerichtet.

Ich laufe herum, staune, orientiere mich, denke nach, wie ich mich einrichten möchte. Mir wird klar, dass all dies mir gehört. Ich habe es gekauft, jetzt fange ich an, es zu bewohnen. Ein Makler führt Interessenten durch die Räume, aber ich schicke sie weg. Ich wohne hier, es ist meines.

Das seltsame ist, dass ich diesen Traum seit ein paar Jahren regelmäßig habe. Es ist immer dasselbe oder zumindest ein ähnliches Gebäude. Einmal gab es im Erdgeschoss sogar ein Kino. Kein Heimkino, sondern so ein richtig rotplüschiges Arthouse Kino.

Was das wohl bedeutet? Ich bin jedenfalls jedes Mal ein bisschen traurig, wenn ich aufwache, denn ich wäre gerne noch mehr in diesen Räumen herumgelaufen.

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Ein paar Blogs, die ich lese (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Novemberregen natürlich, die Vorspeisenplatte und auch fortlaufend, alle täglich.

Mit GarNixOderGuru stimme ich nicht immer überein, aber er hat gute Geschichten, der Schreibstil kommt dem einen oder der anderen vielleicht vertraut vor.

Sehr gefesselt gerade von Hystricidae, besonders von diesem Beitrag.

Gerne mag ich auch das Alterswerk, und natürlich die Guthausgeschichten bei Kittykoma.

Post

Ich bin müde heute, und weiß gar nicht so richtig, wovon. Ich bin müde, dabei ist die Sonne noch gar nicht untergegangen. Frau Novemberregen telefoniert noch, ich sehe sie in der Videokonferenz, sie hat ein sehr ernstes Gesicht. Gerade bin ich noch einmal aufgestanden vom Schreibtisch und ins Schlafzimmer gegangen, habe das Bettzeug aufgeschüttelt und aufgedeckt, mein eigener Turndown Service, damit ich nachher direkt ins Bett schlüpfen kann. Das Licht scheint warm und sanft und ockergelb ins Zimmer, gleich geht die Sonne unter.

Frau Novemberregen hat eine gute Frisur heute, sehr füllig, morgen geht sie zum Friseur, das ist eigentlich gar nicht nötig. Obwohl, je länger ich hinschaue, umso mehr sehe ich das fehlen einer Schärfe, das leicht punkige, das ihr so gut steht, weil es zeigt, wie sie ist. Ich bin gespannt auf nächste Woche.

Frau Novemberregen reden über dies und das, vor allem über das Büro. Manchmal sprechen wir auch über unsere Eltern oder gemeinsame Freunde, ganz normale Unterhaltungen, aber nichts, was man aufschreiben könnte. Es ist ja immer schwierig, über andere zu schreiben, wenn sie ihre Zustimmung nicht geben können. Deshalb geht es hier so oft um mich, und alles nur Fragmente.

Frau Novemberregen würde sich gerne streiten. Erst wirft sie mir vor, ich hätte die Blogtermine um WmdedgT herum geplant – ich sehe gar nicht, wie mir das einen Vorteil hätte bringen können – und jetzt unterstellt sie mir, ich würde auf Twitter immer fragen, worüber ich bloggen soll. Heute jedoch nicht, heute habe ich ein Thema vorbereitet. Es wird ihr nicht gefallen. Es gefällt ihr ja so einiges nicht, dass ich gerne über das „new normal“ nach COVID-19 nachdenke, dass ich den Begriff „new normal“ gerne verwende, dass ich die Spülmaschine offen stehen lasse, und über richtig Händewaschen haben wir auch schon lange nicht mehr gesprochen. Frau N. bzw. ihre Tochter hat uns beide mit dem Engel und dem Dämon aus „Good Omens“ verglichen. Der Engel möchte unter anderem die Welt wegen der kleinen charmanten Restaurants retten, wo man ihn persönlich mit Namen kennt. Darin erkenne ich mich wieder.

Mir fehlen die kleinen charmanten Restaurants, wo man mich mit Namen kennt.

Ich hätte ja gerne, dass Frau Novemberregen über den technischen Ablauf der Übergabe von per Eb*y Klein*nzeigen zu verschenkenden Gegenstände in Zeiten von COVID-19 schreibt, aber das macht sie wahrscheinlich nicht. Deswegen hier die Zusammenfassung für die Geschichtsschreibung: sie stellt die Sachen – für jeden Abholer erneut – auf das Fensterbrett im Treppenhaus. Genial.

Jedenfalls: ich schreibe heute über meine Buchempfehlungen. Im Kern soll es um postapokalyptische, aber nicht deprimierende Lektüreempfehlungen gehen, für diejenigen, denen bei dieser Vorstellung ein wohliger Schauer über den Rücken läuft. Weil aber der eine oder die andere aufgrund „der Umstände“ beim Gedanken an postapokalyptische Literatur vielleicht eher ein bisschen erbricht, werde ich mit den positivsten Lektüreempfehlungen beginnen, die ich im Repertoire habe. Dann folgen drei Empfehlungen für Spiele, die man während schlimmer Videokonferenzen oder milden Panikattacken auf dem Tablet spielen kann, und um die Postapokalypse geht es erst am Schluß.

Also:

Drei Bücher, die gute Laune machen

  1. Going Postal – Terry Pratchett: ein Trickbetrüger wird dazu verdonnert, in der irgendwo zwischen Renaissance und viktorianischem London angehauchten Großstadt Ankh-Morpork ein Postimperium (Briefpost, nicht Postapokalypse) aufzubauen. Dabei begegnet die Hauptfigur unter anderem einem Golem, Sammlern von Stecknadeln, einer kettenrauchenden und High Heels tragenden Aktivistin und vielleicht sogar der großen Liebe. Ein unterhaltsamer, fantasiereicher und witziger Roman, in dem sich die Dinge irgendwie ineinander fügen und am Ende alles wenn schon nicht gut, so doch deutlich besser wird.
  2. Among Others – Jo Walton: ein junges Mädchen kommt nach dem Unfalltod ihrer Schwester im England der 1980er ins Internat. Wir beginnen am Tiefpunkt, sie hat chronische Schmerzen, ist isoliert, findet dann aber mit Hilfe eines Lesezirkels, der auf Science Fiction (!) spezialisiert ist, zu neuer Kraft. Sie ist Waliserin und sieht seit ihrer Kindheit Feen und Hexen – sind diese Wirklichkeit, oder Zeichen ihres Traumas?
  3. Motherless Brooklyn – Jonathan Lethem: ein junger Mann mit Tourette Syndrom ist im New York der 1970er – bevor man noch wusste, was Tourette ist – Teil einer Gang von Kleinkriminellen. Als sein Anführer und Vaterfigur ermordet wird, setzt er alles daran, den Mörder zu finden, deckt dabei eine Verschwörung auf und findet zu sich und seiner Kraft. Selten eine so liebenswerte Hauptfigur gelesen. Es gibt auch eine Verfilmung mit Edward Norton, sehr sehenswert.

Spiele für schlimme Videokonferenzen oder milde Panikattacken

  1. I love hue: man sortiert Quadrate nach einem Fabrverlauf. Absolut mesmerisierend.
  2. Happy Color: Malen nach Zahlen. Oft sehr kitschige Motive, aber die Mandalas haben es mir angetan.
  3. Aquarium!: ein altes PopUp Java Spiel, bei dem Goldfische zu füttern sind, die dann Goldmünzen, äh, ausscheiden. Gelegentlich attackieren Aliens die Goldfische. Naja. Klingt jetzt nicht so, ist aber wirklich gut.

leichte postapokalyptische Literatur

Mir ist die Unterscheidung wichtig, denn es gibt auch schwere postapokalyptische Literatur (Marlen Haushofer – die Wand, The Road – Cormac McCarthy), falls man mal eine Depression triggern will. Die leichte postapokalyptische Literatur ist… hoffnungsvoll.

  1. The bone clocks – David Mitchell: In sechs Episoden von 1984 bis 2043 erzählt, und in jeder kommt Holly Sykes vor. Jede Episode ist schillernd, ein eigenes Buch, eine eigene Welt, in die man hineintauchen wird. Fast ganz am Ende bereut Holly, nicht noch eine weitere Insulinpumpe für ihr Enkelkind bevorratet zu haben – eine Szene, an die ich dieser Tage häufig denke.
  2. The last Policeman – Ben H. Winters: Die Welt wird enden, in etwa einen halben Jahr, durch einen Asterioden. Was würdest du tun, wenn du wüsstest, du hast nur noch sechs Monate zu leben? Die Hauptfigur bleibt Polizist und ermittelt in einem Selbstmord, der wohl doch ein Mord war, während um ihn herum die Welt langsam auseinanderfällt.
  3. Parable of the Sower – Octavia E. Butler: Eine junge Frau wächst heran in einem Amerika, das von Hitzewellen, Klimaveränderung, und Armut und Drogen geprägt ist. Noch scheint alles sicher, in dem abgeriegelten, aber nicht besonders wohlhabenden Wohnviertel, in dem sie lebt. Aber sie sieht die Veränderung kommen, sie bereitet sich vor, und als die Zerstörung eintritt, überlebt sie, zieht weiter und baut woanders etwas neues auf.