Gin

Ich sitze an meinem Esstisch im Wohnzimmer und blogge. Meinen Arbeits-Laptop habe ich schon wieder weggeräumt, auch das Atomphysik-Lehrbuch, das mir als Laptopständer gedient hat. Ich war nur heute im Home Office, morgen geht es wieder ins Büro.

Frau N. ist mir per Videokonferenz zugeschaltet und sitzt im Arbeitszimmer in ihrer Wohnung. Sie schreibt heute nicht an ihrem neuen Chromebook, sondern am „Gamer-Laptop“, das höre ich sofort, weil die Tasten viel lauter klappern. Frau N. trinkt ein großes Hefeweizen, ich einen Gin Tonic, ausnahmsweise.

Frau N. hatte heute einen schwierigen Tag, und zwar nicht wegen Büro, sondern wegen den fundamentalen Themen: Gesundheit, Leben, Tod, und die Liebe, die wir für andere empfinden. Es scheint aber alles ein gutes Ende zu nehmen.

Mir geht es schlecht, seit ein paar Tagen oder gar Wochen schon. Wenn ich mich abends ins Bett lege, tut mir alles weh, innen wie außen. Es geht ums Büro, aber im Büro versteckt, wie eine Matrushka, die großen Themen: Gesundheit, Leben, Tod, und die Liebe, die wir für andere empfinden. Die Endlichkeit, die Fragilität der Körper, der Rollen, und der Organisation.

Wie ich versuche, mich mit Macht dagegen zu stemmen. Das ist dumm, natürlich, jeder weiß das, auch ich. Aufhören ist keine Option. Zu hohes Risiko, und der Einsatz ist – alles.

Mein Denken läuft in diesen Tagen mit zweihundert Stundenkilometer, die Gedanken halten sich mit schwachen Ärmchen an der Stange des Karrussells fest.

Ich suche nach einem Ausweg. Ich nehme noch einen Schluck Gin Tonic. Er ist mittelmäßig, das Tonic nicht kalt genug, der Gin zu scharf, es fehlt Zitrone. Aber was ist schon perfekt.

Ich werde weiterhin das Risiko beobachten, werde es dokumentieren und mitigieren, soweit möglich. Ich werde mich besinnen auf das, was in meinem Verantwortungsbereich ist. Ich werde nur dafür die Verantwortung übernehmen, und für nichts darüber hinaus.

Und dann kommen mir doch kurz die Tränen, weil ich mich selbst sehe, wie ich mir so viel Mühe gebe, mich bis zur Erschöpfung anstrenge, und doch nicht erreiche, was mir wichtig ist. Selbst schuld, kann man jetzt denken, mich professoral belehren, mir aufzählen, was ich alles anders machen müsste. Aber ein bisschen tut sie mir schon leid, dieses andere ich, das sich da so reinhängt, und scheitert, an den Strukturen, an mangelnder Führung, an sich selbst. Ein Geschmack wie bittere Asche im Mund, und ich wische die Tränen weg.

leichtfertig

Ich sitze am Esstisch von Frau Novemberregen und blogge, genauer gesagt sitze ich an der Stirnseite des Tisches mit Blick zum Fenster, links neben mir ein freier Platz, und erst dann Frau N., die ihre Füße auf den Stuhl zwischen uns gelegt hatte. Eins Komma Fünf Meter Abstand.

Frau N. ist ganz in schwarz gekleidet heute, sehr schön und trägt keine Socken. Ihre Füsse sind nackt. Ich bin auch in schwarz gekleidet, aber meine Hose hat ein feines, blaues Karomuster. Window Pane sagen die Engländer. Am Fenster von Frau N. hängt eine überraschend spießige Fenstergardine, Halbmast, die ich bereits vor einigen Jahren kommentiert habe, was Frau N. aber unberührt lies. Auf dem Tisch eine Häkeldecke, handgefertigt von der Putzfee, sowas kriegt man nie wieder los.

Frau N. tippt schon wieder sehr schnell. Sie hat ein neues Chrome Book, deshalb tippt sie jetzt leiser als vorher, aber es kommt mir noch schneller vor. Wir haben gerade gegessen, eine Platte mit Mezze aus dem Damaskus Haus, sehr gutes Hummus, perfektes Toum, zwei eher fragwürdigen Fatoush-ähnlichen Salate, solide Kibbe, sowas wie Pilaki, sowie Falaffel, die ich nicht gegessen habe. Ich finde, Falaffel schmecken immer nach frittiertem, feuchtem Pappkarton.

Ich esse übrigens nahezu alles, außer Kimchi und Fenchel.

Bevor das Essen kam, haben Frau N. und ich uns unterhalten. Bisschen überraschend, wie wir heute sofort auf die Kernthemen zu sprechen kommen, nahezu ohne Smalltalk. Frau N. ist gerade in einer besonderen Stimmung, entspannt im Urlaub, mit langen Gedanken statt den kurzen Späßen, ich mag das alles an ihr, auch ihre Wut und ihre Härte. Wir haben über Führung gesprochen, Führung, die wir bekommen, und Führung, die wir anderen geben, und wie das zusammenhängt. Ich bekomme richtig gute, hilfreiche, bereichernde Führung vom Geschäftsführer, aber nicht von meinem direkten Chef. Frau N. hat mich gefragt, bei welchen Themen mein Chef und ich zusammenarbeiten, aber mir ist nichts eingefallen. Das kann doch nicht stimmen? Mein Chef interessiert sich nicht so richtig für das, was ich mache, es läuft ja alles. Ein Stück weit kann ich das verstehen, und ich frage mich, inwieweit ich mich auch nicht interessiere für die Tätigkeiten anderer, bei denen ich weiß, alles läuft. Aber ich möchte auch wachsen, mich entwickeln, möchte Hilfestellung dazu, und das ist von der Art von Manager, die mein Chef ist, vielleicht zu viel verlangt. Und mir fällt auf, dass ich mich bereits anders organisiert habe: mit Frau N. als regelmäßiger Feedbackgeberin in ihrer Rolle als Peer, mit zwei Mentoren innerhalb meiner Organisation an einem anderen geografischen Standort, mit dem Chef meiner Fachabteilung, der in einem anderen Land sitzt, mit einem externen Coach, mit anderen Peers, mit externen Dienstleistern.

Es gibt so einen Satz in mir: mir hilft niemand – aber das wollte ich ja so. Da bin ich empfindlich, da triggert was, da bin ich noch nicht fertig mit dem Nachdenken und dem Position finden.

Mein Chef findet mich manchmal brüsk. Frau N. sagt, sie weiß genau, was er meint, aber sie findet das nicht brüsk, sondern das kommt, wenn ich eine Haltung zu etwas gefunden habe, wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, und wenn ich nicht mehr bereit bin, mir denselben Bullshit anzuhören, immer und immer wieder.

Ihr würde auffallen, sagt Frau N., dass ich niemals leichtfertig sei. Das macht mich sehr zuverlässig, sagt sie, weil ich die Dinge genau durchdenke, eine Entscheidung fälle, und diese dann durchziehe. Das hätte – wie alles im Leben – auch eine dunkle Seite. Und ich bin kurz gerührt, warme und kitschige Gefühle durchströmen mich, weil Frau N. das so sensibel formuliert, auch in der Einleitung („das hat jetzt nichts direkt mit dem Thema zu tun, aber in dem Zusammenhang ist mir etwas aufgefallen, vielleicht hilft dir das weiter“).

Es hilft mir sehr, und ich bin überrascht, wie häufig es diese Parallelen gibt bei Frau N. und mir, wenn unabgesprochen dasselbe in unserem Blog oder unseren Gedanken vorkommt. Ich wollte heute eigentlich über das Risiko schreiben, darüber, wie risikoavers ich mich zur Zeit fühle, und dass ich mich frage, ob das so richtig ist. Jeder gute Banker weiß, dass der Gewinn nur dort entsteht, wo auch das Risiko ist.

Ich habe so wenig Risikoappetit gerade, ich will, dass alles gleich bleibt, ich möchte nichts, aber auch wirklich gar nichts ausprobieren, das ich nicht vorher genau durchdacht und die Folgen abgeschätzt habe. Da ist was fragil in mir, vielleicht so ein Grundgedanke, dass das Glück und der innere Wohlstand, die Sicherheit und die Privilegien nur eine vorübergehende Erscheinung sind, und ein Lufthauch, ein falscher Schritt, ein unüberlegtes Wort alles ins Wanken bringen könnte. Du hast jahrelang Dreck gefressen, sagt mir jemand, und ich überlege, ob die vergangenen Jahre doch schlimmer waren, als ich sie in Erinnerung hatte. Francine hat einmal das Wort Trauma benutzt.

Ich überlege, aber ich bin noch zu keiner Entscheidung gekommen, und vielleicht werde ich das auch nicht, vielleicht nehme ich es einfach so hin, und richte meinem Blick auf die nahe Zukunft, und das NEIN in mir, wenn sich ein Risiko nähert, wird irgendwann einmal schwächer.

Frau N. reicht Datteln, dick und süß und saftig. Alles ist gut.

Zucchini

Frau Novemberregen und ich sitzen auf einer Terrasse hinter den Bankentürmen und bloggen. Wir hatten beide ein sehr gutes Essen, jetzt steht ein Nachtisch neben uns und ein Cappucino dazu, und am Nebentisch reden zwei Männer über Business.

Frau N. sieht heute sehr gut aus, ein bisschen casual in einer tief dunkelblauen Jeans, dazu ein Kapitänsjäckchen, sie ist hier die wahre Schiffsführerin. Sie trägt weiße Schuhe, mit Budapester Muster, das gefällt mir gut. Wir haben uns wie immer an der Ecke getroffen, ich schrieb ihr gerade eine Nachricht, da sah ich sie am Ende der Straße auf mich zukommen, ganz klein, ganz eindeutig sie, und ich habe dann so warme, kitschige Gefühle, über die sie sicher hier nicht lesen möchte.

Ich habe ihr eine Zucchini mitgebracht, aus dem Garten meiner Mutter, das hat sie sich gewünscht. Ich habe gerade kein gutes Verhältnis zu Zucchini, vielleicht sogar schon länger, seit meiner Kindheit, in allen Gärten, die meine Mutter hatte, wuchsen sie immer wie Unkraut, und ich musste Zucchini essen, monatelang. Die Haupzubereitungsart in der Küche meiner Kindheit war Letscho, das heißt, die Zucchini – oft schon sehr groß und ausgehöhlt – wurden in Scheiben geschnitten und mit Tomaten und anderem Restgemüse stundenlang gegart. Letscho hat stets mein Vater gekocht, mit großer Ruhe und Vergnügen, Deutschlandfunk dazu am Sonntagmorgen. Das Ergebnis ist mir wie etwas in Erinnerung geblieben, das bereits einmal verzehrt wurde. Mittlerweile kenne ich weitere Zubereitungsarten, gebraten, als Salat, als Auflauf. Das ist schon okay, aber irgendwie schmeckt mir Zucchini immer nach feucht gewordener Pappe, die mit Gemüsebrühe aus dem Glas bestreut wurde. Am ehesten mag ich Zucchini so, wie sie der Ehemann meiner syrische Freundin macht: mit Knoblauch und Minze.

Frau N. mag keine Minze, das überrascht mich immer wieder. Dafür aber – ganz klar – Zucchini.

Neulich hatte ich einen Traum: ich war in einem sehr großen Gebäude, mit Atrium und Galerie, ein bisschen wie der Eingangsbereich des Restaurants, in dem wir gerade sitzen, oder ein modernes Ministerium oder Museum. Eine ätherisch aussehende Frau, die eindeutig die Macht besass, und ein ihr untergebener Mann haben mich begrüßt. Und überall: Zucchini. Grüne und gelbe, runde und lange, manche klein, andere meterlang, wuchsen alle liebevoll platziert in diesem Gebäude meines Traumes. Es war eine Sekte, für die Zucchini kultische Bedeutung hatte.

Ich wollte nicht beitreten.

Frau N. und ich haben uns eine Weile nicht gesehen, es war zu heiß für sie und sie hatte sehr schlechte Laune, da hält man sich besser fern. Jetzt ist sie schon deutlich entspannter, aber immer noch liegt eine Härte in ihr, und eine Strenge, und bei manchen Themen zucken ihr die Augen, und bei anderem zeigt sie ihr Haifischlächeln.

Und ich? Ich schwimme so mit, ein bisschen weicher als sie, härter als viele, gerade etwas unter Strom, aber auch sehr interessiert an allem, was gerade passiert. Beim Rausgehen heute aus dem Büro gespürt, dass ich etwas vergessen habe, zweimal überlegt, aber erst, als die Aufzugstüren sich öffnen, fällt mir ein, dass es meine Maske war. Angekommen in der neuen Normalität, während um uns die Zahlen steigen und steigen.

Bizarr ist, dass dieses Jahr so viel besser für mich ist als letztes, als ich die Zucchinipflanzen meiner Mutter gießen musste, während sie mit gebrochenen Fuß sehnsüchtig in ihren Garten blickte. Es ist alles gut gerade, die Sonne scheint und Frau N. rettet eine Wespe aus ihrem Glas. Nichts fehlt, die Sternschnuppen fallen, und ich wünsche mir, dass alles so bleibt, wie es ist, und weiß doch, dass sich alles ändert, immer.

Sterne

Ich sitze auf dem Balkon der zauberhaften Sarah und blogge. Gerade eben saß sie noch neben mir und wir haben uns unterhalten, ein schönes mäanderndes Gespräch an einem Sommerabend, über dies und das, das leichte und das schwere, und hier und da mussten wir sehr lachen. Frau Novemberregen ist es heute zu heiß, es ist wirklich nicht ihr Wetter.

Als ich über die Autobahn zu Sarah gefahren bin, hat es angefangen zu gewittern. Dicke, fette Tropfen, die auf der Windschutzscheibe explodieren, alles wird ganz langsam und in einem seltsam verwaschenen Grauton, und alles fokussiert sich auf den Moment, wie in einem Tunnel. Es blitzt am Himmel, und auch hinter mir, Lichthupe, denn ich habe vergessen, die Scheinwerfer einzuschalten, und etwas später in der Stadt eine Radarfalle. Früher, als ich andere Gründe hatte, hier zu sein, waren höhere Geschwindigkeiten erlaubt.

Ich überquere den Rhein, bin wieder einmal überrascht, wie mächtig und breit der Fluß hier ist. Ich möchte hier mit einem Boot fahren, unbedingt, jetzt gleich.

Die zauberhafte Sarah hat eine neue Wohnung, traumhafte Lage, Altbau, sehr viel Charme, und einen wunderschönen Balkon, liebevoll und mit einer Brigarde an Topfpflanzen auf dem Balkongeländer. Innerstädtisch, ein Supermarkt nebenan, aber hier ist es ruhig, die Autos weit weg wie sanfte Wellen, ein Blick über vier oder fünf Hinterhöfe entlang, ganz am Ende die Terrasse einer Sauna, dunkle Männerstimmen, nackte Oberkörper. Die zauberhafte Sarah reicht Häppchen an, und ich sitze neben ihr und weiß, dass ich das beste Leben lebe.

Ein wenig erinnert mich Sarah an eine normannische Königin: sie ist sehr schön, aber ach zart und würdevoll, hart und unnachgiebig. Ich habe von ihr einige Lektionen in Sachen Durchhaltevermögen gelernt: aushalten, nicht mehr Kraft mit Klagen vergeuden als nötig, Gesicht bewahren, still die Rache planen. Es ist wünschenswert, sagt die zauberhafte Sarah, wenn die Dinge so sind, dass man sich emotional zwischen 4 und 7 auf der Skala von 1-10 befindet. Aber manchmal sind die Dinge nicht so gut, und wenn wir unter vier rutschen, sagt sie, dann ist es auch egal. Dann geht es nur noch ums durchhalten und abwarten.

Die zauberhafte Sarah und ich möchten heute in den Himmel schauen, Perseiden beobachten. Es hat aufgehört zu regnen, der Himmel ist bedeckt, aber wir hoffen, dass es gleich aufklart. Vor drei oder vier Jahren haben wir das schon einmal gemacht, sind rausgefahren auf eine Wiese, haben uns hingelegt und nach oben geschaut. Die Perseiden sind ein Sternschnuppenregen, ausgelöst durch einen Komet, der um die Sonne zieht. Einmal im Jahr bewegt sich die Erde durch den Partikelschweif, den der Komet hinterlassen hat, und feinste Teilchen verglühen in der Erdatmosphäre. Und wir sehen Sternschnuppen.

Irre, dass es gar nicht die Sterne oder Planeten sind, die sich bewegen, sondern wir, auf diesem Raumschiff, das die Erde ist.

Solange es nicht bewölkt ist, kann man die Sterne jederzeit sehen. Aber wir machen es nur, wenn es Perseiden gibt. Ich versuche sie jedes Jahr zu sehen, und ich hatte großartige Erlebnisse, aber auch sehr mittelmäßige: bewölkt, zu viel Lichtverschmutzung, Wildschweine. Das ist die Magie: dass sich besondere Erlebnisse nicht ohne weiteres replizieren lassen, dass immer auch ein Quentchen Glück dazu gehört, damit wir in Resonanz kommen mit uns und der Welt.

Die zauberhafte Sarah sitzt neben mir, liest auf ihrem Handy, trinkt ein Glas Wein, und lacht manchmal leise, und wartet, bis ich fetiggeschrieben habe. Ein Glück, dass wir uns begegnet sind.

Es ist Nacht geworden, und wir müssen los.

(ohne Titel)

Heute ohne Frau N., die hat besseres zu tun – wir haben gemeinschaftlich beschlossen, unsere Mittwochsverabredung aufgrund hoher Termindichte heute abzusagen.

Auf Twitter gefragt, worüber ich schreiben soll. Eine Menge interessanter Antworten bekommen: die Farbe schwarz (und was sie mir bedeutet), Atomphysik, oberflächliche Atomphysik, Socken, Bürgermeisteramt Gurkfeld, wie mich Wissenschaft geprägt hat, warum der Sommer so warm ist, Brokkoli, Review eines Blogartikels von vor zehn Jahren, und wie man aus nicht vorhandenen Gefäßen trinken kann. Auf meiner eigenen Liste stehen noch TikTok und Alice in Chains.

Tatsächlich aber bin ich sehr müde heute. Gestern bis um acht im Büro, heute bis um sieben, und zunehmend arbeite ich selbst gar nicht mehr direkt, sondern manage andere Leute. Ich ahnte es schon, aber das ist tatsächlich gar nicht so einfach, insbesondere wenn es um Gebiete geht, in denen ich selbst nur rudimentär Ahnung hat. Ich muss mich darauf verlassen, dass die anderen wissen, was sie tun. Und vielleicht ist das die große Kunst: ihnen Sicherheit zu geben, und die richtige Antwort, den nächsten guten Schritt aus ihnen herauscoachen, ohne ihn selbst zu wissen. Ich werde noch eine Weile brauchen, bis ich darin wirklich gut werde.

Etwas besser bin ich in letzter Zeit darin geworden, harte Gespräche zu führen. Mitzuteilen, dass jemand die Erwartungen gerade nicht erfüllt, dass da jetzt mehr passieren muss, und was genau geleistet werden soll. Das loslassen danach fällt mir noch schwer, nicht die Verantwortung dafür übernehmen, wie sich jemand nach so einem Gespräch entscheidet oder verhält, ob er den Kopf in den Sand steckt oder das Kinn nach oben reckt.

Was mir sehr liegt, wahrscheinlich immer schon, das ist das gangbar machen von Rädern innerhalb der Organisation. Die richtigen Ansprechpartner finden, sie für mein Anliegen gewinnen, und die erste kleine Bewegung ausführen, um das Rad dazu zu bekommen, sich zu drehen. Damit es in ein anderes Rad greifen kann, und die Maschine hinter allem so rund läuft, dass alle gut arbeiten können.

Sie werden größer, die Räder, an denen ich drehe.

Noch einen Spaziergang mit meiner Mutter gemacht, obwohl eigentlich keine Zeit, und mir die eine oder andere Rüge abgeholt: ich arbeite zu viel, ich bin zu viel weg, ich kümmere mich nicht genügend um dies und das. Es ist halt nie genug, weder für das, was ich für mich will, noch für das, was andere von mir wollen. Eine Zeitlang habe ich geglaubt, ich könnte da mit Optimierung noch was rausholen, aber das stimmt nicht. Die Vorstellungskraft ist immer größer als die Realität.

Ich bin müde, und die Müdigkeit spricht zu mir, und sie sagt: schreib keinen Text über TikTok, obwohl du das gut machen würdest und wirklich gerne möchtest. Leg dich ins Bett, die weiche Sommerdecke zart und leicht auf dir.

Es ist genug.

Steuerrad

Frau Novemberregen und ich sitzen in der Außengastronomie und bloggen. „Überrasch’ mich!“, hat Frau N. gesagt, als ich gefragt habe, wo wir essen gehen möchten. Naja. Das Lokal im Thurn und Taxis-Palais hat pleite gemacht und jetzt sitzen wir gegenüber bei einem Spanier und hatten eine gemischte Tapasplatte. Frau N. hat es nicht so richtig geschmeckt, se leugnet das aber beharrlich.

Frau N. ist gerade im Aufzug von einer mitfahrenden Frau angeflirtet worden – sie wird darüber wahrscheinlich in ihrem eigenen Blog berichten. Dazu muss man vor allem wissen, dass Frau N. sehr weit oben in den Wolken arbeitet und daher eine lange Aufzugfahrt hat, die durchaus Zeit für einen gehobenen Flirt lässt. Frau N. sieht heute in der Tat sehr hübsch aus, mit einer Bluse, die ihr sehr gut steht. Die Füße sehe ich zum Glück gerade nicht. Bin jedenfalls sehr froh, dass Frau N. jetzt gerade mit mir ausgeht und nicht mit der Dame aus dem Aufzug.

Zur großen Überraschung aller – vor allem zu meiner – habe ich am Samstag die Führerscheinprüfung Motorboot bestanden. Ich hatte noch eine weitere Fahrstunde mit einem anderen, sehr geduldigen Fahrlehrer, und habe sehr viel geübt, neben Theorie und Knoten vor allem Visualisierung der Manöver. Am Prüfungstag selbst war ich total überrumpelt, weil ich zuerst die praktische Prüfung ablegen sollte und nicht die theoretische. Ich konnte dann unter großem Druck und Streß alles abrufen, was ich gelernt hatte. Sehr überraschend. Der Fahrlehrer der ersten Stunde war während der Prüfung mit im Boot und ziemlich fassungslos.

Ich selbst habe die paar Tage vor der Prüfung echt gelitten und mich schrecklich gefühlt. Vielleicht erst einmal keine Prüfungen mehr für mich, außer denen, die einem das Leben ohnehin stellt.

Ich kriege öfter Komplimente für meine Intelligenz. Ich selbst finde mich gar nicht so intelligent. Insbesondere, wenn ich etwas neu lerne, dauert es oft ganz schön lange, bis ich es mir merken kann. Ich komme mir dabei regelrecht blöd vor. Ich halte mich allerdings für ziemlich hart, und kann eine Prüfungsvorbereitung auch durchziehen, wenn ich mich schrecklich dabei fühle. Ich habe Durchhaltevermögen und ich bin gut organisiert, ich glaube, das sieht von außen wie Intelligenz aus. Fühlt sich von innen aber nicht so an.

Es ist gar nicht so gut, hart zu sich selbst zu sein. Muss man gut dosieren, damit es schön bleibt. Hart, aber schön.

Meine Arbeit macht mir gerade ziemlich viel Spaß. Da ist es auch öfter mal hart, heute zum Beispiel ein Ritt wie auf einem schwarzen Hengst. Und ich werde niemals, niemals fertig, damit schließe ich so langsam, aaber doch eher widerwillig meinen Frieden. Ich kämpfe etwas damit, zu benennen, warum mir meine Arbeit Spaß macht. Es ist sehr abwechslungsreich, und das, was ich tue, erlebe ich oft als wirksam. Es hat auch oft etwas mit Ordnung schaffen zu tun, aufräumen, kanalisieren, anschieben, lenken.

Der zweite Fahrlehrer hat zu mir gesagt, ich solle nicht so fahren, wie mir der erste Fahrlehrer gezeigt hat. Ich solle es selbst entscheiden, wie ich fahre, und wie ich lenke. Denn ich bin die Schiffsführerin. Ich bin es, die am Steuer ist.

Lenken

Heute zum zweiten Mal in meinem Leben Motorboot gefahren, und zwar im Rahmen meiner Fahrstunde zur Vorbereitung auf die Führerscheinprüfung Motorboot Binnen am Samstag. Das mit dem Führerschein ist eigentlich keine große Sache: man bimst sich 253 Multiple-Choice-Fragen ins Hirn, von denen dann 30 in der theoretischen Prüfung drankommen, davon dürfen 7 falsch sein. Man lernt 12 Knoten und ihre Verwendung, vielleicht sind es aber auch nur 9. Und man absolviert eine etwa fünfminütige praktische Prüfung, in der geprüft wird, was mir durchaus wichtig erscheint: ablegen, Kurs ansteuern, Mann über Bord („Mensch über Bord“, wird mit einer Boje simuliert), wenden, anlegen.

Leider hat sich heute gezeigt, dass ich kein Naturtalent bin. Die einzelnen Ablaufschritte, zum Beispiel fürs Ablegen, kann ich mir so einigermaßen merken. Mensch über Bord klappt sehr gut. Ich habe aber ein fundamentales Problem: ich kann nicht gerade aus fahren.

Sehen Sie: so ein Motorboot reagiert anders auf die Lenkung als ein Auto, nämlich mit einiger Verzögerung (weil, naja, Wasser). Das Steuer des Motorboots, mit dem wir üben, ist wie das Steuer eines Autos (rund), und ich drehe und drehe, und es passiert nichts, und dann passiert ganz viel, und dann drehe ich wieder in die andere Richtung, und wir fahren Schlangenlinien. Das ist, wenn man in einem engen Hafen anlegen möchte, recht blöd.

Der Fahrlehrer war so, wie auch manche Fahrlehrer beim Autofahren sind, oder Reitlehrer oder vielleicht auch Klavierlehrer, zumindest in meiner Jugend: dass es falsch ist, was ich mache, hat er mir deutlich gesagt. Warum machst du das? Du sollst nicht so drehen! Halte doch mal den Kurs! Und warum hast du jetzt das gemacht?? (Ja, man duzt sich in der Motorbootszene). Aber wie ich es anders hätte machen können, das habe ich heute nicht gelernt. Du denkst zu viel, ja, da hat er mich gut erkannt.

Als Krönung habe ich nicht nur einmal, sondern zweimal versehentlich Vollgas gegeben (man hat so einen Hebel, als würde man im Auto den ersten Gang einlegen, nur: danach ist nicht Schluss, sondern Vollgas). Riesenstreß beim Fahrlehrer und auch bei mir, und, äh, Kollisionsgefahr.

Nach anderthalb Stunden war ich einfach nur froh, dass es vorbei war. Ich darf – oder muss – noch einmal zur Fahrstunde kommen, viel Zeit ist ja nicht mehr. Der Fahrschüler, der heute mit mir auf dem Boot unterrichtet wurde, braucht auch noch eine Stunde, das ist ein Trost, obwohl er viel besser geradeaus fahren kann, bzw. überhaupt. Er sagt, er macht die Prüfung vielleicht nicht.

Wie ich mich fühle, hat mich heute jemand gefragt, und ich habe geantwortet: niedergeschlagen. Ich stecke das nicht so einfach weg, zumindest jetzt noch nicht. Es kommen alle Prüfungen wieder hoch, durch die ich gefühlt oder real durchgefallen bin: anorganische Chemie im Studium, wo mir heute noch im Traum manchmal der gekachelte Terracottaboden vor dem Aushang mit den Prüfungergebnissen erscheint. Diverse Vorträge während meiner akademischen Laufbahn, bei denen ich lausig vorbereitet war. Die Verteidigung, natürlich. Dann aber im gleichen Atemzug alles, wo ich erfolgreich war: 15 Punkte im Abitur, unter den besten 10% der Mitarbeiter/innen bei meinem Arbeitgeber, Bürgermeisterin von Gurkfeld. Gestern noch den COO von einer Genehmigung einer wichtigen Sache überzeugt.

Bisschen an diesen Eintrag gedacht, wo ich mir schwöre, in nächster Zeit keine Prüfung mehr abzulegen. Und jetzt stehe ich hier, und möchte mit meiner Mutter über Rhein und Main tuckern, der Wind sanft in unserem Haar, ein Lächeln auf dem Gesicht.

Nach der Fahrstunde habe ich mir einen Plan gemacht: ich werde mir die Manöver aufschreiben und gedanklich einüben, ich werde noch eine Fahrstunde absolvieren, ich werde die Prüfung antreten und vielleicht reicht es. Wenn ich durchfalle, werde ich noch eine Fahrstunde nehmen, vielleicht auch ein Skippertraining, dreieinhalb Stunden sind das, und dann werde ich die Prüfung noch einmal machen.

Es gibt also wirklich gar keinen Grund, sich aufzuregen, sich so niedergeschlagen zu fühlen. Aber ich merke, dass da eine Diskrepanz in mir ist, zwischen zwei Wahrheiten vielleicht, zwischen backbord und steuerbord, und ich möchte so gerne dagegenlenken, denn es ist eigentlich gar nicht die Prüfung, die mich so aufregt, sondern meine eigene nicht angepasste emotionale Reaktion. Ich möchte mich so nicht fühlen, ich möchte die Mitte finden, gerade aus blicken, lenken, aber ich weiß gerade nicht, wie.

eine Prise Magie

Ich sitze am Küchentisch von Frau Novemberregen und blogge. Frau Novemberregen telefoniert mit ihrer Mutter und macht User Support („was ist denn in der linken unteren Ecke?“… „ist der Bildschirm grün oder ist das so ein grünes Muster?“.. „wenn du das Kennwort eingibst, ist ja ganz rechts ein Pfeil,und vor dem Pfeil ist noch ein Kreis… jetzt sag mir bitte noch einmal, was genau dort steht…“). Um meine Beine schleicht der schwarze Kater, denn er weiß, dass ich weiß, wo die Schublade mit den Leckerchen ist, er lässt sich ein bisschen streicheln, und schon öffnet sie sich.

Ich bin müde gerade, auf so eine ganz wohlige Art. Frau N. und ich sind durch den Regen zum Steakrestaurant gelaufen, ein großer Regen, so groß, dass wir uns einen Moment in einen Hauseingang stellen mussten. Wir hatten beide Regenschirme dabei, das ist selbstverständlich, ich einen Schirm, den mein Vater mal vor ein paar Jahren bei einer Veranstaltung hat mitgehen lassen, es ist nicht ganz klar, ob es ein Versehen war oder ob er ihn schlichtweg geklaut hat. Es ist ein toller Schirm, groß und mit Holzgriff, mit grünem Stoff bezogen, für den großen Regen. Die Tropfen machen tock tock tock darauf, aber die Hosenbeine werden trotzdem nass, wenn es so dolle regnet, deshalb bleiben wir einen Moment stehen, während die Stadt im Schleudergang gewaschen wird, alles leer bis auf vereinzelte Gestalten, die irgendwo hin müssen oder wollen oder gänzlich über den Dingen stehen.

Ich mag es sehr, wenn es in der Stadt regnet, weil sich für eine kurze Zeit fast so eine Art von Parallellwelt öffnet, etwas leicht magisches, aber ich wiederhole mich. In der Autowaschanlage mit dem gigantischen Staubsaugerplatz war heute nichts magisch, aber ich konnte einem der Mitarbeiter ein Trinkgeld geben, und sein Lächeln hat hell gestrahlt. Es sind so feine soziale Konventionen, die es manchmal möglich machen, etwas zu geben, und manchmal gar nicht – neben dem magischen Realismus der Stadt auch ein spannendes Thema für einen kleinen Aufsatz, sollte ich irgendwann einmal dafür Zeit haben.

Im Steakrestaurant habe ich vor etwas mehr als einem Jahr das beste Steak meines Lebens gegessen. Ich habe dies sogar für die Ewigkeit mit einem Tweet festgehalten:

Ich habe seitdem mehrfach versucht, dieses Erlebnis zu replizieren. In diesem Lokal, in seinem Schwesterlokal, in anderen Lokalen. Es war nie wieder so gut, auch heute nicht. Ich beklage dies nicht, denn es war nichtsdestotrotz ein wirklich sehr gutes Essen, ich stelle es nur fest, denn es ist ja oft so, dass die wirklich magischen Momente nicht käuflich sind oder planbar oder herbeiführbar. Man kann nur versuchen, offen zu bleiben, Gelegenheiten zu schaffen, wie Frau N. immer so schön sagt, und es wertzuschätzen, wenn es passiert.

Auf dem Rückweg kein Regen mehr, wir schlendern vorbei an dem Einrichtungsgeschäft mit den sehr ausdrucksstarken, pompösen orientalischen Möbeln, dem großen libanesischen Imbiss mit separater Baklava-Theke, und dem Hinterhof, der sich plötzlich zwischen den Bäumen öffnet, und in dem sich letztes Jahr ein paar Jungs gerauft haben, weißt du das noch, frage ich Frau N, und sie haben uns mit einem lachen gefragt, ob wir die Polizei rufen werden, es bleibt im Gedächtnis, weil es nicht so recht einzuordnen ist, vielleicht als erster Satz in einem Roman.

Ich bin müde, auf eine angenehme Weise, satt von allem, auf die beste Art. Im Büro heute viel nachgedacht, so richtig tief überlegt, so dass auch mein Gehirn angenehm müde ist, wie ein Greyhound, der mal wieder kilometerweit gerannt ist. Viele Eindrücke heute, vergangenes wie auch gegenwärtiges. In den letzten Tagen hatte ich hin und wieder den Gedanken, dass ein glückliches und erfülltes Leben daraus besteht, das Glück und die Erfüllung im Alltag zu finden, im ganz gewöhnlichen – und nicht primär in den Errungenschaften, Meilensteinen oder Gipfeln, die wir erklimmen. Vielleicht ist da was dran, mal sehen, was ich darüber in 15 Jahren denke.

Frau N. sagt:“ dann ist euer Passwort jetzt geändert! Mach‘s gut, Küsschen, Grüße!“, legt auf, seufzt leicht und verschwindet im Badezimmer. Sie ist eine gute Tochter. Dann kommt sie zurück und fängt sehr schnell an zu tippen. Sie ist bestimmt gleich fertig, und ich – naja, ich auch.

Narbengeschichten

Frau Novemberregen ist nicht da, sie hat besseres zu tun. Wir sind für morgen verabredet und werden ein Steak essen gehen, also jeweils jede eines, da freue ich mich schon die ganze Woche drauf. Was sag ich – noch länger!

Vorher besuche ich noch einen magischen Ort: eine große Autowaschanlage mit gigantischen Staubsaugerplätzen. Dort werde ich im Abendlicht mein Auto so richtig durchsaugen, bisschen feudeln, Glasreiniger, dies das. Der Staubsaugerpark hat aber wirklich etwas magisches, diese kurze Gemeinschaft aus Menschen, die eine Aufgabe haben, die meinen, einander nicht zu sehen, und doch alles wahrnehmen, in einem völlig zweckmäßigen Umfeld. Ich kann es nicht so richtig in Worte fassen. Ich bin dort übrigens auch gerne mit Frau N., sie teilt meine Faszination.

Frau N. hat noch gar nix zum Wetter gesagt. Es wird maximal 18 Grad warm, wir sitzen natürlich draußen, ich überlege die ganze Zeit, ob meine dicke Strickjacke reicht, oder nicht vielleicht doch noch ein Mäntelchen, oder der Kaschmirschal. Für Frau N. ist es wahrscheinlich ein ideales Wetter. Nach dem Essen werden wir auf jeden Fall bloggen, sofern wir noch können, vielleicht gibt es auch nur ein Foto vom Steak, mal sehen.

Heute also am besten anderswo lesen. Formschub hat eine Serie ins Leben gerufen: Narbengeschichten. Hier sein Eintrag dazu.

Ich habe eine Narbe von einer Blinddarmoperation, eher unspektakuläre Geschichte, und eine vom scharfen Rand der Hundefutterdose. Mein linkes Bein ist immer noch ein bisschen verbeult, mehr als 15 Jahre später. Auf das Antibiotikum habe ich allergisch reagiert, mir fehlen da weiterhin ein oder zwei Tage, in der ich in meiner Wohnung lag, ohne Erinnerung. Interessant für mich, diese Einträge im Rückblick zu lesen: was ich damals genau erkannt, und was verkannt habe. Wie schwierig damals das Verhältnis zu meiner Mutter war. Wie schwer es mir gefallen ist, im Zustand der körperlichen Schwäche auf meine Freunde zuzugehen und um Unterstützung zu bitten. Was davon bis heute so geblieben ist. Was an mir damals schon so war wie heute, und wo ich gewachsen bin.

Hart aufgeschlagen.

Verletzungsphoto

Dr. Zorn

Dr. Zorn hat es eilig

Jetzt neu!

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal

Mein linkes Bein