Hinter dem Vorhang

Der Tod trennt uns auf seltsame Weise von denen, die wir lieben. Der Tod ist wie ein Vorhang, hinter dem der Verstorbene verborgen ist. Ganz nah, und doch unerreichbar. Denn die eine Wahrheit ist, dass jemand Geliebtes, der verstorben ist, immer mit uns verbunden bleiben wird: in unseren Erinnerungen, im Erlebten und manchmal auch als Stimme, die uns etwas zuflüstert.

Für mich sind es vor allem die Alltäglichkeiten, die in ihrer Vergänglichkeit unerträglich sind. Sein Hut, der noch oben auf dem Bauernschrank liegt, im vertrauten Dunkelblau, und auf seinen Besitzer wartet, als würde er jederzeit wiederkommen. Die Art, wie mein Vater die Salami in schmale Rädchen schnitt und dann die Rinde entfernte.

Was mich tröstet, sind die Momente, in denen ich plötzlich denke: „das hätte ihm jetzt auch sehr gefallen“. Der Blick zu St. Paul’s über die Themse, die Neugestaltung von St. Pankras. Der Duft des Kürbis, den ich gerade ausgehöhlt habe, und der jetzt, kleingeschnitten, zur Suppe wird. Und mit einem Mal erinnere ich mich ganz deutlich daran, wie sehr er das Leben genossen hat, wieviel Kraft darin lag, und wieviel Freude. Ich kann dann gar nicht anders, und freue mich auch.

Es wäre so schön, wenn er noch da wäre. Wenn ich all dies mit ihm erleben könnte. Wenn ich neue Erlebnisse und Erinnerungen mit ihm schaffen könnte, anstatt dies alles nur in der Vergangenheit zu haben. Aber ich weiß, dass er fertig war mit diesem Leben, dass er es aufgebraucht hatte, dass er all dem müde war. Was dennoch schmerzt, das ist, dass er nicht sehen kann, wie mein Leben, wie meine Geschichte weitergegangen ist und weitergehen wird. 2016 ist so ein gutes Jahr für mich, voller Erfolge und Anerkennung. Er kann nicht mehr runter gehen in den Keller, eine Flasche Sekt hochholen und mit mir anstoßen. Das ist die eine Wahrheit. Die andere ist, dass ich mit unumstößlicher Gewissheit weiß, dass er es sofort tun würde. Er war mein größter Fan. In manchen Situationen ist es, als stünde er hinter mir, und feuert mich an. Er fand mich ziemlich klasse. So werde ich nie mehr geliebt werden. So sehr wurde ich geliebt.

Er ist immer bei mir, in meiner Erinnerung, in meinem Herz, in meinem Blut. Er ist unerreichbar für mich.

Der Vorhang trennt uns.

Er ist unerreichbar für mich, und doch immer bei mir.

Wie man sich entliebt.

(für @lostformat_)

Wenn man unglücklich verliebt ist, und das nicht mehr sein will, gibt es da einen ganz einfachen Trick: going no contact, was man vielleicht mit „selbstauferlegter Kontaktsperre“ übersetzen könnte. Im Detail bedeutet das: nicht mehr die Nähe der Person suchen, in die man verliebt ist, sie nicht mehr anrufen, keine SMS mehr, auf Twitter und auf Facebook entfolgen, die Fotos löschen und sich auch nicht mehr auf Instagram anschauen, wie glücklich der- oder diejenige ist ohne einen selbst. Gemeinsame Freunde ins Vertrauen ziehen, darum bitten, auch mal was ohne die große Ex-Liebe zu unternehmen. Mehr alleine oder mit neuen Leuten machen: sich ein Hobby zulegen, egal was, russisch oder JavaScript lernen, syrischen Flüchtlingen helfen, ein Kraulschwimmkurs oder, wenn einem gar nichts einfällt, ins Fitnessstudio gehen (hier ein guter Text dazu).

Warum hilft das? Weil die Liebe in der Zeit lebt. „Entlieben“ trifft es nicht so richtig, man kann das Gefühl nicht rückgängig machen, aber man kann das unglücklich verliebte Selbst in der Vergangenheit zurücklassen und vorangehen in eine Zukunft, in der man ein anderer, eine andere ist. Man kann neue Erfahrungen und Erlebnisse sammeln, andere Seiten an sich entdecken, neue Stärken und neue Vorlieben, und neue Wege mit anderen beschreiten. Und wer weiß, wo einen solch ein Weg hinführt? Durch die Kontaktsperre löst man sich von der Fixierung auf die vermeintlich einzige Person und von der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, und richtet den Blick auf einen anderen Horizont. Auch biochemisch verändert sich etwas: innerhalb von sechs Wochen sinkt der Oxytocinspiegel, die Synapsen programmieren sich um. Erst denkt man nur noch einmal am Tag an die Liebe, dann nicht mehr jeden Tag, dann nicht mehr jede Woche, bis irgendwann die Erinnerung nur noch sporadisch kommt, ausgelöst durch einen Duft oder einen Ort, ein Kleidungsstück, eine Speise. Manche Songs kann man nach ein paar Jahren wieder hören, und nur wenige nie mehr.

Es ist also ganz einfach, sich zu entlieben, und doch so schwer. Es braucht eine bewusste Entscheidung, einen Punkt, an dem man genug hat, an dem es einem reicht mit dem unglücklich verliebt sein. An dem man die Hoffnung aufgibt. Die Hoffnung ist die zerstörerischte Kraft überhaupt. Man kann sich ein Leben lang an der Hoffnung festhalten, dass sich die unglückliche Liebe umkehrt in eine erfüllte Liebe, dass der verheiratete Mann sich doch noch scheiden lässt, dass die ewig unentschlossene sich doch noch für einen entscheidet, dass du aufhörst zu lügen, dass sie endlich mal die Augen aufmacht und sieht, wie großartig man doch zueinander passt. Aber man kann ja den anderen nicht verändern, nur sich selbst. Das Verlieben ist einfach, man fällt da einfach so rein, aber sich selbst zu verändern, das kostet Kraft, das lehrt uns schon die Physik und das 2. Gesetz der Thermodynamik. Manchmal ist uns die Rolle des unglücklich Verliebten, des Leidenden und des Märtyrers schon so vertraut, schon so zur Gewohnheit geworden, dass wir es nicht ändern wollen. Wir wollen nicht aufgeben, wir haben schon so viel investiert. Wir sehnen uns nach der Liebe, sie zieht uns in eine Richtung und macht uns blind für alles andere. In der Liebe werden wir größer, das Entlieben hingegen macht uns kleiner, die Tage werden weniger schmerzhaft, aber auch gleichförmiger.

Warum also aufhören? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich mochte es nie, eine Tanzbärin zu sein, einen Ring durch die Nase, tanzen müssen zu den schrägen Tönen einer Geige. Dann lieber bluten, eine Zeitlang, und vernarben, aber frei sein. Auf einer Bank in der Sonne sitzen, ein zartes Vermissen von etwas, jemanden, und doch milde versöhnt mit allem.

(ohne Titel)

Geträumt, ich bin in einem Haus. Es ist keines, das ich kenne. Ich stehe im Wohn- und Esszimmer, im Hintergrund irgendwo meine Mutter. Mein Vater kommt in den Raum, leicht gebeugt, in der Hand einen Korb mit Walnüssen, den er auf den Tisch stellt.

„Na, freust du dich, mich zu sehen?“, sagt er zu mir. Ich umarme ihn; er hat seinen dunkelvioletten Cashmere-Pullover an, ganz weich. In meinen Armen fühlt er sich dünn an, von der Krankheit bereits gezeichnet, und er erträgt die Umarmung mit jener Verwunderung, die ich aus seinen letzten Jahren nur allzu gut kenne. Gleichzeitig wird dieses Bild überlagert von einem anderen; er weiß, dass ich weiß, dass er verstorben ist, dass dies ein Traum ist, eine seltene Möglichkeit, sich zu begegnen. Ich bin so froh, ihn zu sehen, und ich bin so traurig, ich schluchze; im Halbschlaf bebt auch mein echter Körper, laufen mir die Tränen.

„Mein armes Kind“, sagt er, und drückt mich an sich.

Blogroll

Das erste Mal habe ich 2001 oder 2002 von Blogs gehört. Meine Freundin erzählte mir, dass ihr Arbeitskollege ein Blog hat, mit Geschichten, die sie ziemlich umgehauen haben. Das Blog war Rounders, und damit hat es begonnen.

Es gab damals noch kein Twitter, kein Tumblr, Facebook war irrelevant. Um neue Blogs zu finden, nutze man die Blogroll, mit der sich die Blogs untereinander vernetzten. Von  Rounders kam ich zu argh, und von dort in den Kosmos von antville und blogger.de, und fing dann selbst an zu bloggen, auf twoday, weil antville und blogger zu dieser Zeit keine neuen Blogs zuliessen. Es folgten die Jahre der Blogs, in denen es jeden Abend neue Geschichten gab, und ich mich durch die Links klickte, bis ich auf einen Feedreader umstieg und dort etwa zweihundert Blogs abonnierte. „Die Kommentarkultur ist tot“, sagte neulich Casino zu mir, und erinnerte mich daran, dass es sie gab, und dass manchmal die Kommentare spannender war als das, was in den Blogs stand. Die Welt der Kommentare war eine Frühform von Twitter und wurde, so glaube ich, letztendlich durch selbiges ersetzt. Irgendwann kam ich dann im Feedreader mit dem Lesen nicht mehr nach, mit dem schreiben schon gar nicht, irgendwas war passiert: das Leben, das Erwachsenwerden, man hat alles schon gesagt. So begann nach und nach das Blogsterben, manche verschwanden ohne Spur, andere gingen in den Winterschlaf, so wie dieses, und nur ein paar hielten tapfer durch.

Vielleicht aber kommt jetzt die zweite Welle der Blogs. Wer es ernst meint, ist auf die eigene Domain umgezogen, zu wenig Verlass auf Bloggingdienste. Novemberregen bloggt konstant, seit mehr als tausend Tagen, und hat mit einer Wette zunächst Herzbruch angesteckt, dann mich. Weitere tägliche Blogger findet man hier. Sonntags bloggt Kittykoma. Ganz besonders stolz bin ich auf Heartcore, den Novemberregen und ich per Wette zu 42 Blogeinträgen  verpflichtet haben. Und unter dem Sternenhimmel habe ich meine Freundin Safran zum bloggen bewegt, sie schreibt sehr speziell, und wie ich finde, wunderschön: Pas de deux.

Meine Blogroll links habe ich aktualisiert, und ich freue mich, wenn bald noch mehr dazu kommen, damit wir wieder reisen können durch die Geschichten und durch die Leben der anderen.

Sommer

An manche Sommer habe ich gar keine Erinnerung.

Ich erinnere mich an die Sommer meine Kindheit, nackt unterm Rasensprenkler, die Kirschen direkt in den Mund, Mähdreschergeräusche, die gelben Stoppelfelder. Urlaub mit meinen Eltern in Südfrankreich, sehr heiß, im Auto noch heißer, die Fenster runtergekurbelt. Fahrtwind, Lavendelfelder, Netzmelonen, zuckersüß. Ein Kleidchen über den Kopf, ein Unterhöschen, in die Sandalen geschlüpft: fertig angezogen.

Als Teenager wurde es schwieriger: schwarz tragen bei dreißig Grad und mehr, dicke Jeans, geschlossene Schuhe, die Fingernägel schwarz lackiert. Doch die Abende, da konnte selbst ich nicht zynisch bleiben: kurz vor Zehn und immer noch nicht dunkel, eine Ruhe, die sich über alles legt, Töne von Blau und Grün, über die sich die Schatten der Nacht senken.

In Berlin dann der Sommer 2003, und ich im Radioaktivlabor, geschlossene Schuhe, lange Hosen, Laborkittel, Laborbrille, zwei Lagen Handschuhe, 39°C, Fenster, die sich nicht öffnen lassen. Schweiß wie Wasser, der mir beim Ausziehen der Handschuhe entgegenläuft. Schlaflose Nächte in Wohnungen, in denen kein Durchzug möglich ist.

Viele Jahre später dann, dreißig Stockwerke über der Stadt, alles klimatisiert, immer ein Strickjäckchen in Reserve über dem Bürostuhl, und abends beim Rausgehen die Hitze wie eine Wand, in die man hineinläuft. Und einmal, Safran und ich, weit heraus gefahren aus der Stadt, bam Waldrand liegend und in den Himmel schauend: Milchstraße, ISS, Sternschnuppen. Wünsche und Wassermelone, bis wir die Wildschweine hören, grunzend und grabend, und ganz schön Schiß bekommen.

Und dazwischen? Nichts. Ganze Jahre: nichts, keine Erinnerung. Waren die Sommer mau? Die Tage grau? Saß ich nur drinnen, die Rolläden runtergelassen, auf den Herbst wartend? Wo war ich? Im Ernst: wo war ich, war ich neben mir? Wieso war ich nicht hier, bei mir?

Und jetzt. Erst jetzt, im Urlaub, neun Tage am Stück keine Socken getragen. Zuhause oft nur Höschen und Kleid, obwohl ich *wirklich* einen BH brauche. Wassermelonen gegessen, Himbeeren, Kirschen, gerade Aprikosen und Zwetschgen. Eine Playlist gemacht und sie „Südfrankreich“ genannt. An drei Seen gewesen. Sand, naja, der ist mir zu sandig, aber der Sommerabend, das ist meine Zeit. In der Hollyoodschaukel gesessen, der Sonne zugeschaut, wie sie hinter den Hochhäusern verschwindet, die Grillen zirpen gehört, den Wind an meinen Beinen gespürt. Er fühlt sich gut an, dieser Sommer, mehr wow als mau. Ihn zu erleben, fällt mir nicht mehr so leicht wie als Kind, sondern verlangt eine bewußte Entscheidung. Aber ich bin ja auch kein Kind mehr, und ich weiß jetzt mehr denn je, dass meine Sommer nicht mehr unendlich sind.

 

bunt gemischt

Letzter Tag der Challenge, und auch mein letzter Urlaubstag. Ich hätte noch mindestens eine weitere Woche Urlaub gut gebrauchen können. Mein großes Thema ist die Zeit. Es ist immer zu wenig. Die Forschung sagt, die Zeit kommt uns auch deswegen immer so kurz vor, weil wir sie zu sehr mit Erwartungen überfrachten. Ich habe von meiner freien Zeit zu viel erwartet, wollte zu viel machen, und hatte teilweise auch entgegengesetzte Ziele (Nichtstun vs. Dinge erledigt bekommen). Ich werde nicht mehr täglich bloggen, aber alleine schon deshalb weiterschreiben, weil ich noch mehr über unser Verhältnis zur Zeit erzählen will  (ich hatte ich glaube ich auch Giardino versprochen).

Für den heutigen Tag hatte ich um Themenvorschläge gebeten, und folgende Anregungen bekommen:  

Nach meiner Dissertation war ich fast ein Jahr arbeitslos. Wie es mir dabei erging, habe ich hier aufgeschrieben; diesen Text habe ich etwas später auch vor Publikum gelesen, das kann man sich hier anhören. Weil sich jemand persönlich für mich eingesetzt hat, habe ich eine Stelle in einem fachfremden Bereich, der so rein gar nichts mit meinem Studium zu tun hat, bekommen. Vor etwa einem Jahr habe ich zu einem Konkurrenzunternehmen aus derselben Branche gewechselt. Die Arbeit macht mir größtenteils Freude, und es zeichnet sich eine zarte Möglichkeit ab, dass ich mich in eine Spezialistenrolle hinein entwickeln könnte. Wie ich das realisieren könnte, ist gerade die große Frage. Der Bruch in meinem beruflichen Lebenslauf schmerzt mich mal mehr, mal weniger. Ich habe an dem Thema viel gearbeitet und hole mir auch immer wieder professionelle Unterstützung, wenn es darum geht, meine Zukunft zu gestalten. Es ist nur wenig Trost, dass es allen, die mit mir zusammen studiert oder promoviert haben, ähnlich geht wie mir. Meine berufliche Herausforderung ist es, Rahmenbedingungen zu finden, unter denen ich mein Potential entfalten kann. Es wäre schön, wenn dies bei meinem jetzigen Arbeitgeber gelingen würde.

Manchmal denke ich, ich müsste mich viel mehr schämen. Wenn ich andere Frauen über ihren Beziehungsstatus oder ihr Verhältnis zu ihrem Körper sprechen höre. Und ich weiß, dass das alles für mich auch einmal sehr wichtig war, aber dann ist etwas passiert, das Leben vielleicht, und jetzt ist es mir ziemlich egal, in dem Sinne, dass es mein Selbstwertgefühl nicht signifikant beeinflusst. Alleinsein finde ich oft sehr klasse. Partnersuche, zum Beispiel über Onlinebörsen, mache ich vielleicht nach dem Ende des Trauerjahrs wieder einmal, keineswegs früher. Ich trage ganz schön Narben, auch, weil ich eine Fake-Geschichte erlebt habe wie Victoria Hamburg, deren Seite real fakes ich sehr empfehlen möchte. Aber ich finde Männer auch sehr schön, Sex ist mir wichtig und fehlt mir. Mir fehlt es, meinen Kopf an die Schulter eines Mannes zu legen, den T-Shirt-Stoff zu spüren und darunter Haut, Körper, Atemzüge. Es fehlt mir, wenn sich Männerbeine zwischen Oberschenkelinnenseiten schieben, sich ein Gesicht in meinen Brüsten vergräbt, und dann in mir. Aber das drumherum ist so kompliziert, und es scheitert oft.

Ja, da fällt mir Sufjan Stevens ein. Hat ein neues Album herausgebracht, Carrie & Lowell, über den Tod seiner Mutter. Muss ich immer sehr weinen. Schöne Titel sind: Should habe known better und Fourth of July. Schön sind auch, aus früheren Alben, Chicago und The dress looks nice on you. Von Chilly Gonzales gefallen mir eher die älteren Sachen, Manifesto zum Beispiel oder White Keys. Gerade höre ich sehr viel Knight Moves, gerne auch das Cover von The Magic Keys. Henning May, der bei Hurra die Welt geht unter den Hook singt, möchte ich mit Barfuß am Klavier erwähnen.    

Gar nicht wahr. Was in einer Partnerschaft auch schön wäre, neben dem Sex, das wäre, gepflegt am Esstisch Mahlzeiten gemeinsam einnehmen. Wie so zivilisierte Menschen. Ich bilde mir ja eh ein, dass man in einer Partnerschaft nicht so sehr verlottert, weil man ein gewisses Niveau aufrecht erhalten möchte, dass man mehr unternimmt und generell eine ein wenig bessere Version des Selbst ist. Aber mir fehlt hier der Vergleich. Jedenfalls: ich esse vor dem Fernseher. Und im Fernsehen läuft meistens nichts. TBBT hat eine ideale Mahlzeitenlänge, ist unterhaltsam und tut nicht weh. Theoretisch finde ich ja auch Breaking Bad oder Game of Thrones super, aber praktisch ertrage ich Drama, Gewalt und Leid gerade nicht. Das ist mir alles zu aufregend. Ich bin eine zartbesaitete Memme geworden, so sieht es aus. TBBT gucke ich eigentlich auch nicht mehr, weil es einen Todesfall in der Serie gab, aber vielleicht gebe ich mir einen Ruck, sonst bleibt mir nur noch Deutschlands schönste Bahnstrecken.

Vor ein paar Jahren, mein Vater war schon leicht erkrankt, habe ich mich beim Abspülen in der Küche meiner Eltern an einem kaputten Glas geschnitten. Einer dieser kleinen Schnitte, die nicht schlimm sind, aber ziemlich bluteten. Ich hab das dann meinen Vater gezeigt, nach einem Pflaster gefragt, und er sagte zu mir: „Nichts leichter als das, komm mit.“ Wir gingen zum Schrank mit der Hausapotheke, und er hat mir ein Pflaster aufgeklebt. Der Satz stammt aus der Serie „Piggeldy und Frederick„, die wir früher zusammen geguckt haben. Mein Vater hat mir auch immer viel erklärt, so wie Frederick, wir haben über vieles gesprochen, das kleine und das große in dieser Welt. So ein Vater war er, und so bin ich die geworden, die ich bin.  

Ich habe hier schon einmal über meine Schulzeit geschrieben. Da ich ein ziemlicher Klugscheisser war (und teilweise noch bin), hatte ich keine so einfache Zeit. Ich habe dann aber mit 16 die Schule gewechselt, Freunde gefunden und alles wurde besser. Rückblickend waren für mich die schlimmen Jahre auch eine gute Lektion: ich habe gelernt, mich mit mir selbst zu beschäftigen, bin unabhängiger und in sozialen Gefügen nicht erpressbar. Es ist darüber hinaus ja auch nicht Aufgabe der Jugend, leicht zu sein.

Gegen einen klebenden Küchenboden nach einer Wassermelonenexplosion hilft wischen, wischen, wischen. SGMaus ist hier die große Expertin, sie hatte seinerzeit einen großartigen Text über ihre Wassermelonenerfahrung geschrieben, der leider nicht mehr online ist. Sie empfiehlt sehr heißes Wasser, das kann ich bestätigen. Viel Wasser, das Wasser auch aufnehmen, das Wischwasser im Eimer häufig wechseln. Spüli und Essigreiniger schaden nicht, ist aber nicht kriegsentscheidend. Mein Problem ist, dass der Wassermelonensaft auch hinter den Küchenschrank gelaufen ist, wo ich nicht wischen kann. Mal sehen, ob ich demnächst ein Insektenthema haben werde. Im Moment ist jedenfalls alles gut.  

Großartiges Thema! Da schreibe ich demnächst mal drüber.

West Virginia

Eine langjährige, gute Freundin meiner Mutter ist gestorben, die auch in meinem Leben ein Fixpunkt war. Sie lebte auf einem anderen Kontinent, aber seit meiner Kindheit sahen wir uns immer mal wieder. Vor zwei Jahren waren wir alle zusammen im Urlaub auf den Kanarischen Inseln. Auch mein Vater war dabei, schon ziemlich erkrankt, oft unruhig, konnte sich nicht mehr alleine anziehen, aber noch laufen und hat vor allem die Flugreise bewundernswert gelassen ertragen. Mit der Freundin hatte ich lange, tiefe Gespräche, über so alles mögliche, aber vor allem über die Erkrankung meines Vaters. Ihre Mutter war ebenfalls demenzkrank, die Erkrankung ging viele Jahre. Ich weiß noch, wie sie mir erzählt hat, dass sie im Auto auf der Rückfahrt von dem Heim, in dem ihre Mutter untergebracht war, oft einen Gefühlsausbruch hatte: I cried and I screamed and I raged, I let it all out. Ich wusste es damals noch nicht, aber so würde es mir auch gehen.

Anfang des Jahres dann die Krebsdiagnose bei ihr, und jetzt: vorbei. Ich suche nach einer Karte für ihre Familie, drehe den Ständer vor dem Geschäft. Die Glückwunschkarten neben den Kondolenzkarten, und ich denke: so ist das Leben.

Auf meinem Schreibtisch liegt noch eine „get well soon!“-Karte für sie, die ich nie abgeschickt hatte, weil ich die Zeit nicht gefunden habe, die Kraft nicht, weil ich dachte, wir hätten sie noch ewig, und die Zeit mit dazu. Jetzt ist es zu spät.

Zu Besuch bei meiner Mutter. Die Sachen meines Vaters sind noch da, ich habe nur etwas Kleidungsstücke weggegeben, sonst nichts, sagt meine Mutter. Das Pflegebett hatte das Sanitätshaus wieder abgeholt, aber sonst ist sein Zimmer so wie immer. Ich nehme sein Schachbrett mit, die Schachfiguren, und ein Schachbuch, das ich ihm geschenkt habe, und das er nie gelesen hat, weil er schon viel kränker war, als ich hatte wahrhaben wollen. Willst du nicht auch ein paar CDs mitnehmen, fragt meine Mutter, und ich sehe die CDs, die ich für ihn zusammengestellt habe, mit selbstgestalteten Covern, Bilder von mir und ihm vornedrauf, meine Handschrift aus einer Zeit, bevor all dies angefangen hat. Es sind die kleinen Dinge, deren Vergänglichkeit mir das Herz zusammendrückt.

Das Fehlen von jemand hält den Alltag nicht davon ab, weiterzugehen. Man gewöhnt sich daran, dass es ist, wie es ist. Aber ich hätte diese Freundin gerne noch einmal besucht, hätte mir gerne ihr kleines Haus am Meer angeschaut, auf das sie so stolz war, wäre mit ihr gerne im Auto rumgefahren, die Blue Rigde Mountains am Horizont. Und manchmal ist mir danach, mich noch einmal mit meinem Vater zu unterhalten, einen Spaziergang mit ihm zu machen. Ich hätte ihn noch mehr fragen sollen, hätte ihn bitten sollen, mir mehr über sich und seine Sicht auf die Dinge zu erzählen. Wir waren uns nah, aber ich hätte ihn gerne noch besser kennengelernt. Es fehlen mir diese Möglichkeiten, und ihr Fehlen macht die Welt ein Stück schmaler.

bleiben lassen

Seit Dienstagabend war ich nicht besonders produktiv. Innerer Kampf gerade zwischen der einen, die den Urlaub genießen will, und der anderen, die weiß, dass Dinge erledigt werden müssen. Überhaupt immer dieser Kampf zwischen dem Wollen und dem Müssen. Das Wollen gewinnt gerade. Das Wollen lässt sich nicht zwingen. Man kann es bestechen und eine Belohnung anbieten, man kann verhandeln, auch austricksen ist möglich, aber unethisch. Sozialen Druck aufzubauen ist sehr effektiv, zum Beispiel Dinge auf Twitter ankündigen oder Wetten eingehen. Künstliche Deadlines schaffen, das funktioniert auch sehr gut. David Allen sagt, man soll alle Aufgaben und Projekte in kleine, machbare Schritte herunterbrechen. Also eine To-do-Liste schreiben. Vorher den Schreibtisch aufräumen, ja genau, Tinte in den Füller, den Block zurechtlegen, erst nochmal kurz Twitter checken, ein bisschen Musik hören, ein paar Gummibärchen essen, kurz raus auf den Balkon, den Wind um die Beine streichen lassen. Nichts erledigen. Das Wollen lässt sich nicht erzwingen. Dem Anfang wohnt kein Zauber inne, am Anfang ist ein Schmerz, wenn es wirklich so gar keinen Spaß macht, und das Tun noch keine Fahrt aufgenommen hat, die mitreißt. Wenn ich noch nichts geschafft habe, sondern gerade erst anfange. Der Schmerz, durch den ich durchgehen kann ohne Probleme, ich weiß das, tausendmal gemacht, einen Preis muss man immer zahlen, jetzt ist immer besser als später, aber doch nicht jetzt gleich.

Ich bin cooler geworden, lasse dem so seinen Lauf, ich kenne mich selbst mit den Jahren. Fertig wird man ja immer irgendwie, wenn auch leidvoller als nötig. Es liegt auch etwas maßloses in diesem Nicht-Tun von dem, was eigentlich getan werden müsste, etwas sündiges. Aber auch das Nicht-Tun, das bleiben lassen muss ich zulassen, üben, erlauben, ausprobieren, erfahren. Dann klappt’s auch wieder mit dem Tun, und die Dinge werden von mir erledigt.

Marcel

Mit meiner Wohnung bin ich so mittelmäßig zufrieden. Die Küche ist viel zu klein, und ich wünsche mir ein drittes Zimmer. Die Umgebung ist ein bisschen Ghetto, aber noch sind die Drogendealer auf der anderen Seite der Gleise, und an die sehr laute, kinderreiche, rumänische Familie im Nachbarhaus, die in Autoschiebereien verwickelt zu sein scheint, habe ich mich irgendwie gewöhnt. Dafür ist die Nahverkehrsanbindung gut, das Viertel gleichzeitig einigermaßen ruhig, das Haus hat einen Aufzug, die Miete ist okay und ich liebe das Parkett, den Balkon und die bodentiefen Fenster mit Sonnenuntergangsblick.

Lange war alles okay. Unter mir wohnte ein sehr stiller, sehr hagerer Pflanzenliebhaber, der seine Wäsche zum Waschen immer zu Mutti gebracht hat. Leider war er auch sehr sparsam, und zwar so sparsam, dass er sich ein Häuschen gekauft hat und ausgezogen ist. Mit dem Nachmieter hatte ich zunächst indirekt Kontakt, und zwar fuhr ich am Tag seines Einzugs mit seiner Mutter Aufzug. Der Aufzug ist sehr klein; er ist ungefähr dasselbe Baujahr wie ich, und weil es nicht jedem oder jeder liegt, mit Wildfremden auf einem Quadratmeter Grundfläche Aufzug zu fahren, fragte ich die Dame, mehr aus Höflichkeit: „passen wir da rein?“. Sie bejahte, wir stiegen in den Aufzug, und dann brach eine Tirade über mich hinein: Abnehmtipps über Abnehmtipps, eine Bekannte von ihr hätte Hashimoto, ich solle mich doch unbedingt auch einmal untersuchen lassen… Ich channelte den inneren Europachef und wiederholte mantraartig „das interessiert mich nicht!“ (was übrigens der Wahrheit entspricht). Wir stiegen deutlich weniger freundlich aus dem Aufzug aus, als wir eingestiegen waren. Alter! So hart bin ich wegen meines Übergewichts nicht mehr gedisst worden, seit in den späten Neunziger Jahren des letzten Jahrtausends ein Zwölfjähiger vor einem Supermarkt über mich sagte: „guck mal, die dicke Frau isst Schokolade!“.

Marcel heißt er, mein neuer Nachbar. Er hat, was seiner Mutter ja anscheinend sehr wichtig ist, einen durchtrainierten, sportlichen Körper, aber ansonsten läuft es nicht so gut für ihn. Seit Weihnachten streitet er sich immer wieder mit seiner Freundin; sie brüllen sich so laut an, dass ich, Übergewicht und alles, auf meiner Couch so sehr zusammenzucke, dass ich einen Moment lang in der Luft schwebe. Es werden Türen geknallt, Stühle umgeworfen, Geschirr vom Tisch gefegt, tätlich wird eher sie als er, und schreit dann doch: „fass mich nicht an!“. Dann rennt einer von beiden aus dem Haus, und es ist Ruhe, bis zum nächsten Mal. Zwischendrin war es auch mal aus zwischen den beiden, dann hat er gekifft, jeden Abend, und war auch sonst öfter mal auf der anderen Seite der Gleise. Die Nachbarin von gegenüber erzählt, dass es auch eine andere gab, und mit ihr ebenfalls Streit, Gewalt, mitten in der Nacht, er sei gegangen und die Frau, die hätte lange, lange, lange geduscht. Jetzt wieder die Ursprüngliche, deren sich im Streit hysterisch überschlagende Stimme mir schon vertraut ist. Letzte Nacht die große Aufführung: sie brüllen sich an, er weint und schluchzt erbärmlich, er hat wohl gelogen, es geht um Waffen und Fußtritte ins Gesicht.

Mit meiner Nachbarin habe ich darüber gesprochen, was man unternehmen könnte. „Nichts“, meinte sie. Protokoll führe ich schon, nun sollte ich eigentlich das Gespräch mit ihm suchen, aber ich bin ein bisschen feige. Vielleicht zu Recht.

Mit Titel

Angenommen, mein Doktortitel säße mir gegenüber, als Person, dort auf dem Stuhl an dem Tisch, an dem ich gerade sitze. Blass sähe er aus, der Titel, schmal und ein wenig verlottert, wie das halt ist mit Kellerkindern.

Ich arbeite in einem völlig anderen Bereich als in dem, in dem ich promoviert habe. Konsequenterweise trage ich beruflich meinen Doktortitel nicht. Das war zunächst notwendige Überlebensstrategie und hat sich dann so eingeschliffen. Die gute Nachricht ist: inhaltlich geht es aufwärts, seit ich vor fast einem Jahr den Arbeitgeber gewechselt habe; ich mache dort komplexere Aufgaben und bin zunehmend die Frau für Spezialaufgaben. Das macht zum einen sehr viel Freude. Zum anderen erhoffe ich mir, in absehbarer Zeit einen Spezialtitel tragen zu dürfen. Diesem würde ich dann meinen Doktortitel voranstellen. Nix mehr Kellerkind!

Ich werde dazu das Gespräch mit meinem Chef suchen, und habe davor ganz schön schiß. Ich hab Schiß, dass ich zu emotional werde, weil das Thema mir manchmal vom Solarplexus aus die Brust hochkommt, bis in die Kehle, bis in die Tränendrüsen. Ich hab Schiß, dass ich in diesem Gespräch, das ja ein Dialog sein wird, Dinge hören werde, die mir nicht passen. Zum Beispiel: nein, es geht nicht, es sind nicht die Rahmenbedingungen vorhanden. Dann müsste ich gehen, hätte wieder viel Kraft investiert, viel Leistung erbracht, nicht viel dafür zurückbekommen. Oder: ja, schon, aber noch nicht jetzt. Dann muss ich mich in Geduld üben, was mir sowieso schwer fällt, und umso mehr, weil ich ja immer glaube, zu wenig Zeit zu haben. Und ich gehe das Risiko ein, dass es etwas später wiederum heißt: ja, schon, aber auch jetzt noch nicht. Es schnürt mir die Kehle zu, wenn ich mir das vorstelle, denn dieses Spiel habe ich mit meinem Doktorvater bis zum bittersten Ende gespielt: noch drei Monate, dann kannst du abgeben. Noch dieses Experiment, dann.. jetzt solltest du aber noch dieses.. ja, aber jetzt musst du nochmal…

Es sind andere Zeiten, und ich bin eine andere, die Machtverhältnisse sind weniger absolut, ich habe mehr Möglichkeiten. Der Kopf weiß das, ich könnte sowas von cool bleiben, aber das Herz und die Kehle, bei denen ist es noch nicht angekommen.