Ein anderes Selbst

Dort, wo ich aufgewachsen bin, heißt es Fasching, und nicht Karneval. Auf dem dritten Programm (von drei) lief dann stets den ganzen Tag enthusiastische Berichterstattung über kilometerlange Umzüge voller Fratzen und Tiergestalten. Sehr enttäuschend für mich, Internet war ja noch nicht erfunden, wobei mir im Rückblick nicht ganz klar ist, was ich eigentlich hätte sehen wollen. Spaghettiwestern?

Mit sechzehn, so etwa, vielleicht auch siebzehn, war die Zeit der Faschingsparties. In Turnhallen, auf dem Boden noch jene rätselhaften Sportmarkierungen und Linien. Eine Freundin hatte mich mitgenommen, Anna, und ihr Cousin gab Sekt aus. Ein erster Schwips, und draußen mit jemandem geknutscht, kann aber auch Silvester gewesen sein, sie verschwimmen alle so in der Erinnerung, diese Feste, diese Turn- und Mehrzweckhallen.

Wohl ein Jahr später war ich wunderschön, aber ich wußte es nicht. Ein schwarzes Kleid, zum letzten Mal eine Taille, ein tiefer Ausschnitt, meine Brüste wie immer spektakulär. Eine rote Federboa, und Punkte um die Augenbrauen wie Björk im Video zu Possibly Maybe (es gab nämlich endlich Kabelfernsehen, und MTV). Ein junger Mann, Ziegenbart wie Layne Staley, macht mir ein Kompliment, und wird für kurze Zeit mein erster Freund.

Später im Studium, Berlin schon, habe ich mich noch einmal verkleidet. Schwarzer Rock, schwarze Bluse, die Lippen knallgrün, und Elektronikteile aus einem Telefon (Festnetz!) als Schmuck. Matrix, Trinity. Doch es wohnte eine große Unsicherheit in mir, spürbar auch für andere, und ich konnte nicht festhalten, was ich mir gewünscht hatte.

Zwei Dekaden später. Im Büro wollten sie in den Vorjahren eigentlich nur Kreppel essen, aber wir sind gewachsen, neue Leute, neue Gesichter, und die Frage: dürfen wir uns verkleiden?
Wir lockern die Kleiderordnung, und am Morgen entscheide ich mich recht spontan gegen meine Dienstagshose und für eine, die ein bisschen flippig ist. Dazu trage ich – versehentlich auch im Personalgespräch – Hasenohren.
Ein schöner Tag, gelöste Stimmung, und jede Menge kreativer Kostüme an der Grenze zwischen Business Casual und Kostüm.

Am Abend – die interessanten Dinge in meinem Arbeitsleben passieren beinahe ausnahmslos erst nach 17 Uhr – sitze ich im Büro des Geschäftsführers, mit ihm und mit seinem Stellvertreter. Es ist ein schönes Büro, groß natürlich, lichtduchflutet, mit Blick auf historische Gebäude und andere Bankentürme. Die beiden streiten sich nicht, aber sie sind unterschiedlicher Meinung. Sie sprechen weniger miteinander als vielmehr mit mir über sich und den jeweiligen anderen. Ich habe gar keine Meinung, und denke kurz, dass ich einfach gerne gesagt bekommen würde, was zu tun ist, um das dann zu exekutieren. Ich denke das und weiß doch, dass ich es eigentlich hasse, so zu arbeiten. Kurz blitzt in mir die Erinnerung auf an die Turnhallen, an mein früheres Selbst, und ich frage mich verwundert, wie ich von dort nach hier gekommen bin. Als hätte ich statt einer falschen Abzweigung eine richtige genommen.

Hier müsste eine Pointe stehen, über Fasching und Verkleiden. Ich warte auf die Pointe, aber es gibt keine. Und doch scheint es mir so, als ob etwas wichtiges in diesem Moment gestern Abend liegt, in meinem Gefühl, leicht genervt, ohne ganz zu verstehen, was meine Rolle ist, aber doch so viel Bedeutung zugemessen bekommen, sich doch so sehr verbunden zu fühlen mit all dem, was meine Arbeit ist.

Ein Staunen in mir. Möge es sich mir entschlüsseln, irgendwann.

2019.

Januar
Das Jahr beginnt sehr arbeitsreich mit einer Prüfung für eine Fortbildung. Ein halber Tag mit schriftlichen Prüfungen, zentral von einer Dachorganisation gestellt, 80% braucht man zum Bestehen. Ich nehme die Prüfungsvorbereitungen erst auf die leichte Schulter, lerne dann zwei Nächte durch. Ich schwöre mir, in nächster Zeit keine Weiterbildung mehr zu machen, und erinnere mich, dass ich akademisch eigentlich bereits alles erreicht habe und mir nichts mehr beweisen muss.
Ich bestehe die Prüfung. Das Zertifikat geht in der Post verloren und wird mir erst ein halbes Jahr später nach dramatischem Email-Wechsel zugesandt. Das erlangte Wissen kann ich in meinem Arbeitsalltag bisher nicht anwenden.

Der Rest des Januars (und auch des Februars) ist von Brexit-Vorbereitungen geprägt. Wir wissen alle noch nicht, dass der Brexit noch nicht kommen wird, und bereiten uns darauf vor, am 29. März von einer Art Klippe zu stürzen. Ich lasse mich vom Head of Legal in London zu einer Aktion drängen, die mir sehr viel Streß macht, und sich als übereilter Aktionismus herausstellen wird. Ich lebe stark auf einen Badeurlaub mit Nichtstun im Februar hin.

Februar
Zwei Tage, bevor ich in den Urlaub fliege, stecke ich mich bei meinem Chef mit einem heftigen grippalen Infekt an. Den sechsstündigen Flug nach Dubai verbringe ich fiebrig, hustend und vor allem mit laufender Nase, und trage sicherlich maßgeblich zur weiteren Verbreitung dieses Erregers bei. In Dubai hat es nur 20°C und es regnet immer mal wieder. Der Regen löst bei allen dauerhaften Dubai-Bewohnern große Freude aus und ist Gesprächsthema Nr. 1. Ich friere am Pool, leide, huste und schniefe vor mich her. Die Hotelanlage hat vier große Pools und unzählige südostasiatische Rettungsschwimmer, über die ich viel nachdenke. Zu den guten Erinnerungen zählen einige schöne Momente mit meiner Mutter und eine Fahrt auf dem Dubai Creek mit einem Dhau.

März und April
Unklar, ob ich dauerhaft krank bin oder wieder erneut krank werde. Fest steht, ich kriege keine Luft, vor allem dann nicht, wenn ich auf der rechten Seite liege. Eine ganze Weile schlafe ich einfach immer auf der linken Seite, wache dauernd auf, im Liegen tun mir der ganze Körper weh, und ich huste, huste. Freitagnachmittag dann Fieber, 40°C, ich glühe, keine Arztpraxis mehr offen. Die ganze Nacht kein Schlaf, zunehmend auch keine Luft mehr, bis ich in den frühen Morgenstunden glaube, zu ersticken. Eine Twitterin, die wegen ihres kleinen Kindes noch wach ist, spricht mir Mut zu, hält mir virtuell die Hand. Gegen halb sieben lasse ich mich von meiner Mutter in die Notaufnahme fahren, und komme sofort dran. Alle sind sehr nett zu mir. Ich inhaliere, es geht mir etwas besser. Eine schlecht gelaunte Röntgenassistentin, die extra wegen mir ins Krankenhaus fahren musste, macht eine Aufnahme, auf der man nichts erkennen kann. Ich gehe wieder nach Hause.
In den nächsten Tagen kann ich weder besser noch schlechter atmen. Aber mein Körper scheint stückweise aufzugeben: ich bekomme eine Venenentzündung am Bein, und eine Augenentzündung. Wegen der Venenentzündung fahre ich in die nächstgrößere Stadt zu einem Phlebologen. Der wirft einen Blick auf mich und ordnet ein CT an wegen Verdacht auf Lungenembolie. Das Wartezimmer der Radiologiepraxis ist brechend voll, an der Rezeption wird eine Patientin abgewimmelt, der nächste freie Termin ist im Juni. Noch bevor ich den Anamnesebogen vollständig ausgefüllt habe, werde ich zum CT geholt. Drei Minuten später liege ich halbnackt in der Röhre. Mir ist ziemlich mulmig und ich habe Angst, dass es was ernstes ist. Das ist es dann auch, denn das CT zeigt eine Lungenentzündung im rechten Lungenflügel. Es ist unklar, ob ich eine Lungenembolie hatte, die eine Lungenentzündung ausgelöst hat, oder ob die Venenentzündung durch das lange Liegen wegen der Lungenentzündung kommt. Ein Lungenfacharzt verschreibt eine Woche Antibiotikum und etwas länger Kortison. Danach bin ich einigermaßen gesund und gehe nach fünf Wochen wieder arbeiten.
Bis September werde ich mich immer etwas matt fühlen. Von den fünf Wochen zuhause hatte ich wenig, denn ich war entweder sehr krank, oder die Konzentration hat nicht gereicht, um ein Buch zu lesen oder sonst irgendetwas anspruchsvolles zu machen. Das einzig gute ist, dass ich die Musik von Billie Eilish entdecke, und jede Menge YouTube-Videos mit ihr gucke.
Was noch bleibt: die Erinnerung an das Gefühl, dass mir auf dem Höhepunkt der Krankheit alles so ein bisschen egal war. Ich meine das nicht positiv. Ich wusste, es geht mir schlecht, aber ich war oft zu lethargisch, um wirklich etwas dagegen zu unternehmen. Vielleicht ist so das Sterben: ein hinübergleiten, herausglitschen aus der Welt, das wir mit mildem Erstaunen zur Kenntnis nehmen.

Mai
Den ersten Mai verbringe ich auf meinem Balkon. Der Himmel ist strahlend blau, die Balkonpflanzen blühen bunt, alle Nachbarn sind irgendwo anders, und ich liege auf meiner Sonnenliege und schlafe ein. Schön.
Im Mai außerdem ein gelungener Kurzurlaub in Amsterdam: flämische Meister, Rembrandt, moderne Kunst, Grachten.

Juni
Ich entschließe mich dazu, einem Mitarbeiter zu kündigen, weil die Leistung nicht ausreichend ist. Ich trage mich sehr schwer mit der Entscheidung, erstelle lange Listen, ein Nerv in meinen Schultern klemmt sich ein. Am Ende des Trennungsgespräches, als die Tränen getrocknet sind, bedankt sich der Mitarbeiter bei mir. Für das gute, respektvolle Gespräch, und auch, weil die Trennung eine Erleichterung für ihn ist.
Ansonsten verbringe ich eine Menge Zeit mit Freundinnen. Wir machen Ausflüge in den Taunus oder anderswo hin, und ich esse das beste Steak meines Lebens. Es wird sehr heiß, und ich spiele Minigolf in einer klimatisierten Halle bei 38°C Außentemperatur.

Juli
Es ist zu heiß. Außerhalb des Büros liege ich viel rum und schwitze. In der Nachbarschaft gibt es eine Gartenparty nach der anderen, was mich sehr stört. Ich treffe Freundinnen in Köln, singe Karaoke und entdecke den Badesee von Novemberregen. Vielleicht der schönste Moment des Jahres, ganz sicher der schönste Moment des Sommers: wie wir stundenlang im Badesee dümpeln, eine große Ruhe innen und außen.

August
Geplant sind ein paar Tage Urlaub in Schottland mit meiner Mutter. Zum Abschluß Besuch eines Konzertes von The Cure in Glasgow (ohne Mutter, mit Kassandra). Am ersten Urlaubstag rutscht meine Mutter beim Einsteigen ins Mietauto in einem kleinen Küstenort im Regen aus. Ich laufe zu ihr und sehe, dass ihr Fuß knapp oberhalb des Knöchels schräg absteht: sie hat sich das Bein gebrochen. Ich hebe sie ins Auto, google die Adresse des nächsten Krankenhauses, fahre sie dorthin und denke die ganze Zeit, dass ich das nicht schaffe. In knapp fünf Minuten sind wir in der Notaufnahme. Ich heule ein bisschen, und sitze dann ein paar Stunden im Wartebereich rum. Meine Mutter wird gegen Abend ins Krankenhaus nach Glasgow transportiert, weil sie operiert werden muss, was hier nicht möglich ist. Ich fahre mit dem Mietwagen im Linksverkehr durch die Highlands ebenfalls nach Glasgow zurück. Es regnet, wird dunkel, und dann Nacht. Ich denke und spüre die ganze Zeit, dass ich das nicht schaffe, das es zu viel für mich ist, dass es weit über meine Grenzen hinausgeht. Im Hotel packe ich ein paar Sachen, fahre ins Krankenhaus. Meine Mutter liegt in einem Behandlungsraum, ist relativ gefasst und wird irgendwann nach Mitternacht aufgenommen. Auf dem Krankenhausparkplatz beobachte ich minutenlang einen Fuchs. Auf dem Rückweg ins Hotel biege ich auf eine riesigen, vierspurigen Straße links ab und lande auf der falschen Fahrspur. Wegen einer Betonmauer kann ich die Spur nicht wechseln. Ich bremse und fahre hundert Meter rückwärts zurück. Terror erfüllt mich, ich zittere, doch nachts um halb zwei bin ich ganz allein, weit und breit. Ich denke an den Fuchs.
Am nächsten Morgen trinke ich einen halben Liter Wasser, den ich dann direkt wieder erbreche. Ich fahre ins Krankenhaus. Meine Mutter wurde operiert, ist wach und ganz sie selbst, streitet sich mit schottischen Pflegern und sagt: ich will hier raus. Sie liegt auf einem Sechsbettzimmer, unter dem scharfen Geruch nach Desinfektionsmittel riecht es süßlich nach verwestem Fleisch. Der ADAC transportiert uns zurück nach Deutschland. Ich besorge ihr einen Rollstuhl, streite mich bis heute mit der Reiseversicherung und bin sehr dankbar, dass sie wieder gesund geworden ist. Das Konzert von The Cure habe ich verpasst, aber nicht vermisst.

September
Ich verbringe ein paar sehr schöne Tage mit Francine in Berlin. Wir gehen beide ziemlich auf Rille und sind jeden Abend früh im Bett. Ich bin sehr froh, dass wir dieses Jahr noch enger zusammengerückt sind. Anschließend verbringe ich ein paar Tage in Bassendorf. Ich schlafe jeden Tag zehn bis zwölf Stunden, erhole mich richtig gut, und genieße ein sehr gutes Essen in Binz.
Im Büro organisiere ich eine größere Veranstaltung mit weitreichenden Konsequenzen. Es gelingt mir dadurch, eine sehr volatile Situation zu stabilisieren.

Oktober
Ich feiere meinen Geburtstag, gebe wie in den Vorjahren eine Party, und bin wie in den Vorjahren von den Vorbereitungen gestresst. Ich beschließe, zukünftig meinen Haushalt besser im Griff zu haben, besser zu planen, mehr zu delegieren und mehr Hilfe anzunehmen. Die Party wird wie immer sehr schön.
Ich helfe einer Freundin, deren Katze akut krank ist und in die Tierklinik muss. Beim Abholen schreit die Katze minutenlang und krallt sich an die Freundin, als ginge es um ihr Leben. Wie sehr so ein Tier jemanden lieben kann. Wie groß die Liebe ist, und wie groß der Schmerz ist, wenn jemand leidet, den man liebt.

November
Ich mache nochmal Badeurlaub, diesmal in Abu Dhabi. Das Wetter ist wunderbar, ich schwimme stundenlang im Meer und im Pool, und habe das Gefühl, zum ersten Mal seit langem wieder so richtig fit zu sein.
Von der maximalen Erholung kehre ich in den maximalen Stress im Büro zurück: wir werden durch die Aufsicht geprüft. Das Ergebnis wird uns einen großen Teil von 2020 lang beschäftigen.

Dezember
Kurzurlaub in Dresden. Pittoresk und voller Touristen. Mir bleibt vor allem die neue Synagoge in Erinnerung: anstatt die von Semper erbaute, in den Novemberpogromen zerstörte Synagoge wieder aufzubauen, wurden links und rechts des alten Grundrisses zwei neue Gebäude gebaut: das Gemeindehaus und die Synagoge, beides sehr moderne, kubistische Gebäude. Sie teilen die Zeit in ein davor und ein danach. Ein solches Zeichen fühlt sich richtig an.
Das Weihnachtsfest verläuft zufriedenstellend; ich habe gut geplant und meinen Haushalt im Griff. Am Heiligen Abend spüre ich eine leichte Brüchigkeit in mir: die Sehnsucht nach Zeiten, die vergangen sind. Die Frage danach, ob das Leben anders besser wäre, ob ich andere Entscheidungen hätte treffen sollen. Reue ist das aber nicht, allerhöchstens ein leichter Weltschmerz, der vorübergeht. Und dann ist das Jahr vorbei. Die Erlebnisdichte war sehr hoch. Ein bisschen Langeweile täte mir gut.

WmdedgT: Februar 2019

Wollte eigentlich etwas früher ins Büro, da aber eine Kollegin im Urlaub und ihre Vertretung erkrankt ist, beeile ich mich doch etwas. Unspektakuläre Fahrt ins Büro. Abarbeiten einiger administrativer Tätigkeiten.

Telefonat mit dem Head of Legal in London. Ich hatte für ihn durch eine deutsche Kanzlei ein Memo erstellen lassen, das gestern geliefert wurde und zu dem er eine Frage hat. Der Head ist sehr lustig, wir lachen viel, aber er ist auch ein Mann mit einem messerscharfen Verstand, vor dem ich ziemlich Respekt habe. Ich versuche, ein gemeinsames Telefonat mit der Kanzlei zu organisieren, scheitere letzendlich aber, da der Chef und zwei seiner Associates gerade auf Reisen sind („Dr. Dingens wird um diese Uhrzeit leider auf einem Inlandsflug in den USA sein“). Ich reime mir zusammen, dass sie gerade einen großen Automobilhersteller im Zusammenhang mit Abgasmanipulationen beraten und akzeptiere nach längerem Hin- und Herdenken, dass man da eben auch mal in der zweiten Reihe sitzt mit seinen Angelegenheiten. Ich recheriere selbst noch ein bisschen zu unserem Sachverhalt. Es ist interessant und das Nachdenken und Reindenken macht mir Spaß.

Mittags gehen wir in einer großen Gruppe zum Lunch in ein neues Restaurant. Das Essen ist nicht besonders gut, aber der Spaziergang durch Sonnenschein und Kälte sehr schön. Gutes Gespräch mit einer neuen Mitarbeiterin. Ich gewöhne mich langsam daran, dass ich auch in meiner Mittagspause meist indirekt arbeite/arbeiten muss.

Besprechung. Fast alles, was ich im Moment tue, hat mit den Vorbereitungen auf einen harten Brexit zu tun. Wir sind jetzt über den Punkt hinweg, zu bedauern, dass diese Arbeit keinen Mehrwert schafft, sondern lediglich dazu dient, dass am 29. März ein Rettungsboot bereit steht. Effiziente, gute Besprechung.

Weiteres Gespräch mit meinem Chef, der sich nicht entscheiden kann, welche von zwei Freelancerinnen, die ich ausfindig gemacht habe, er beauftragen möchte. Ich rufe meine Favoritin an, um sie zu vertrösten. Sie hat mittlerweile einen anderen Auftrag bekommen. Sehr freundliches Gespräch, wir verabreden uns auf einen Kaffee.

Zwischendurch hatte ich einen Kollegen in einer dringenden Angelegenheit unterstützt, die eigentlich wirklich nicht mein Tisch ist. Ich war gestresst, hektisch, und habe ihn ein bisschen herablassend behandelt. Weil das nicht richtig von mir war, gehe ich zu ihm hin und entschuldige mich. Ich spüre schon seit einiger Zeit, dass es für diesen Kollegen wichtig ist, auf Augenhöhe behandelt zu werden.

Heute viel über meinen anstehenden Urlaub gesprochen. Meine Mutter, mit der ich zusammen wegfahre, möchte, dass ich mir den Tag vor dem Abflug frei nehme. Gestern hatten wir etwas Streit, weil ich doch noch – zumindest einen halben Tag – ins Büro gehen wollte. Ich merke, dass sich da innerlich etwas bei mir bewegt hat, dass ich einsehe, dass sie da recht hat. Bei der letzten Reise hatte ich mich auf dem Hinflug im Flugzeug erbrochen. Stress spielt da sicherlich eine Rolle. Ich entscheide, den Urlaubstag zu nehmen, und fühle mich gut dabei.

Zuhause bereits einige Reisevorbereitungen. Ich probiere Kleidung an, die ich online bestellt hatte. Ein netter Badeanzug ist dabei, und meine beiden alten Badeanzüge passen auch noch. Zwei schöne Strandkleider machen mir gute Laune, und ich freue mich auf den Urlaub.

Es war ein guter Tag.

2018

Gemacht und erlebt:
Einen sehr erholsamen Badeurlaub im Oman; mit meiner Mutter zusammen ihren Geburtsort im heutigen Polen besucht; The Cure im Hyde Park in London spielen gesehen; kurzer Abstecher an die englische Südküste; Ninette in Köln und S. in Dortmund besucht; zur Republica in Berlin gewesen; Hamburg im sonnigen Juni und die Arktis in Nordnorwegen im November erlebt.

Eine ordentliche Anzahl Bücher in zwei Lesezirkeln und darüber hinaus gelesen. Mit der hochschwangeren Freundin F. beim Floating in Salzwasser geschwebt; mit der lieben Sarah zweimal beim weltbesten Brunch und ziemlich oft beim Lunch gewesen; Novemberregen häufig gesehen und die syrische Freundin nicht so oft, wie ich gewünscht hätte. Mit Hotelmama im Aquarium gewesen und zu dritt mit Holger großartig französisch gegessen.

Mit Mequito auf dem Konzert von Nilüfer Yanya gewesen; erlebt, wie Joan Baez die Halle zum toben gebracht hat; mit meiner Mutter in der Oper und in der Elbphilharmonie – Karten für letzteres haben mich fast eine halbe Niere gekostet, aber schenken können ist schön. The Cure mit Kassandra gesehen, und sie haben so gut gespielt, dass es dafür keine Worte gibt.

Die syrische Freundin hat ihr erstes Kind, und Freundin F. ihr zweites Kind bekommen; ein großes Glück ist das jedes Mal, ein Wunder und ein Staunen. Im Frühjahr ist der Mann einer sehr engen Freundin plötzlich lebensbedrohlich erkrankt; eine WhatsApp, die mir den Boden unter den Füßen weggerissen und mich am ganzen Körper hat zittern lassen.
Die eigenen Gesundheitsthemen dagegen eher Kleinigkeiten: MRT noch in 2017, Magenspiegelung im Frühjahr, keine Diagnose, nur Magensäurehemmer. Ich muss mich immer wieder übergeben, dank Medikamenten jetzt weniger heftig. Es bleibt ein Rätsel.

Mit Freundin F., ihrem Mann, dem dreijährigen Sohn und dem neuen Baby auf einem Eselhof gewesen, ein toller Tag. Einen kurzen Flug mit einem Segelflugzeug gemacht; im Oktober mit einem guten Dutzend Gästen Geburtstag gefeiert und bis Mitternacht draußen auf der Dachterrasse gesessen.

Die Wohnung weiter auf- und umgeräumt, nach bald drei Jahren bin ich vielleicht bald fertig. Kontenklärung bei der deutschen Rentenversicherung, und gestern sogar die Steuererklärung.

Höhen und Tiefen im Büro. Den besten internen Audit auf internationaler Ebene in den letzten drei Jahren absolviert. Ordentlich Sichtbarkeit und Anerkennung, auch über Deutschland hinaus. Klar erkennbar, wie wir uns (auch durch meine Arbeit) wandeln, wie wir nicht mehr die Einheit sind, die wir vor ein, zwei, drei Jahren waren, sondern moderner, dynamischer, erfolgreicher – aber auch stressiger. Eine Hassmail bekommen, und eine Games-of-Thrones-Geschichte miterlebt, am Rande nur; am Ende von einem die Visitenkarten weggeworfen. Erkennen müssen, wo die Limits meines Chefs sind; erleben müssen, dass sich niemand für mich einsetzt, einfach so, sondern nur, wenn ich die Dinge selbst mit Macht und Kraft in die Wege leite. Was aber, wenn die Macht und die Kraft mit fehlen? Es macht müde, immer die Macherin zu sein, kann aber sein, dass ich es so wollte. Jammern auf hohem Niveau. Zum Trost eine teure Weiterbildung durchgesetzt.

Nicht gemacht:
Nicht Touristenbus mit Novemberregen gefahren; nicht beim JP-Morgan-Lauf mitgelaufen; nicht auf der Party von S.; nicht mit Holger bei Aphex Twin in Berlin; und nicht in Bassendorf gewesen. Der Sommer zu heiß, lähmend, unheimlich oft das Thermometer fotografiert; kaum auf der Dachterrasse, stattdessen im abgedunkelten Schlafzimmer gewesen. Zu wenig Zeit mit der lieben Sarah, und viel zu wenig Zeit mit der syrischen Freundin verbracht, die mich gebraucht hätte. Kein soziales Engagement dieses Jahr gezeigt. Jede Menge Einladungen zum Stammtisch, Karaoke oder anderen Treffen ablehnen müssen, und am Ende doch zu wenig auf der Couch entspannt. Jede Menge Themen im Kopf – aber nichts gebloggt.

Was für ein Jahr.

WmdedgT: 5. November 2017

Der Tag beginnt eigentlich mitten in der Nacht. Ich liege wach und kann nicht einschlafen. Der Nacken ist verspannt, ich finde keine komfortable Position, unter der Bettdecke ist es zu heiß und darüber zu kalt. Ärgerlich. Gegen halb zwei Uhr nachts hänge ich mit ein paar anderen Schlaflosen oder gerade von der Party heimgekehrten auf Twitter rum. Eigentlich ganz schön, fast so wie in den frühen Twitterjahren, als man Replies und DM noch manuell eintippen musste und ganz Twitter nach Mitternacht nur aus ein- oder zweihundert Leuten bestandt. Jetzt ist es anders, aber immer noch schön, und auch in dieser Nacht sind welche da, die ich wirklich gerne mag.

Gegen 7 Uhr morgens wache ich auf. Es ist ja nur eine Illusion, dass man gar nicht geschlafen hätte. Um halb acht stehe ich auf, die Laune ist gar nicht so schlecht, denn ich weiss, dass ich normalerweise gut schlafen kann und solche Nächte ein- oder zweimal im Jahr die Ausnahme sind. Ich war vor ein paar Tagen ziemlich krank, vielleicht ist mein Körper noch etwas durcheinander.

Nach dem Frühstück gleite ich von einer Hausarbeit in die nächste: Spülmaschine, Waschmaschine, Wäsche vom Vortag abnehmen, aufräumen. Dusche reinigen, Abfluss mit Abflussfrei gängiger machen, mit der Bürste in allerhand exotische Ritzen, deren Existenzen mir bislang eher unbekannt waren. Es ergibt sich, dass ich eine Schublade entrümple, und dann noch eine, und noch eine, vier sind es am Ende des Vormittags.

Das Thema Haushalt beschäftigt mich in letzter Zeit sehr. Ich habe ein großes inneres Bedürfnis nach einer aufgeräumten, schönen Wohnung, in der alles seinen Platz hat. Mir ist das aber auch ein wenig unheimlich, beinahe suspekt. Woher kommt diese Sehnsucht? Ich weiß, dass es mir große Freude bereitet, wenn ich spontan etwas brauche und den Gegenstand sofort zur Hand habe. Vor einigen Jahren habe ich damit angefangen, in jedem Raum eine Schere bereit liegen zu haben. Könnte das nicht für alles, was man braucht, so sein? Und natürlich soll die Wohnung das Innenleben repräsentieren. Große Räume, lichtdurchflutet, leicht minimalistisch, viel Glas und Weiß, hier ein farbiger Teppich, dort ein ausdrucksstarkes Bild. Und ich selbst in einem Sessel sitzend, die Beine hochgelegt, ein Buch lesend.

Nur kann ich selbst nicht nur die Lesende sein, ich muss auch die sein, die einrichtet, gestaltet, aufräumt, Ordnung hält. Mein Umzug in diese Wohnung vor anderthalb Jahren fand zeitgleich mit einem Jobwechsel statt, bei dem ich zum dritten Mal in meinem Leben einen neuen Beruf erlernt habe. So richtig ernsthaft angefangen mit dem einrichten habe ich daher erst vor einem halben Jahr. Es frustriert mich, wie langsam alles geht, ich mache nur langsam Fortschritte. Ich schaffe neuen Stauraum, löse Provisorien auf, bohre Regale an und räume auf, räume auf, räume auf. Ein Schwimmen gegen den Strom. Und ringe immer wieder auch mit der Zeit. An manchen Arbeitstagen stehe ich um sechs Uhr morgens auf, verlasse um sieben das Haus, und komme um acht Uhr abends wieder nach Hause. Ich treffe Freunde, gehe zum Karaoke, und manchmal, da lege ich sogar die Beine hoch und lese. So bleibt nur ein kleines Tortenstück Zeit fürs Ordnung schaffen.

Gegen Mittag koche ich, weil ich immer noch ein wenig kränklich bin, Hühnersuppe mit Nudeln. Einen Hühnerschenkel und etwas Nudeln reserviere ich als Mittagessen für den Montag. Zum Essen schaue ich fern, eine ganz schlechte Angewohnheit. Ich entscheide mich für „24h Stadtautobahn“, eine Dokumentation des rbb über die A100 aus der Mediathek. (2017 ist das Jahr, in dem lineares Fernsehen für mich ein Ende gefunden hat.) Die Dokumentation gefällt mir – mit Ausnahme des Segments über das Bordell – ausgesprochen gut. Große Bilder, kleine Geschichten von Alltäglichkeiten. Künstler, Hausmeister, Aktivisten, Straßenkehrer. Das passt zu Berlin, finde ich. Und ich erinnere mich noch gut, wie ich als junge Frau melancholisch berührt davon war, mit dem Auto in der Dämmerung über die A100 an den Türmen des Heizkraftwerks Wilmersdorf vorbeizufahren. Kam mir irgendwie sehr großstadtmäßig vor, damals. In Mietshaus in der Schlangenbader Straße, das auch im Film gezeigt wird, habe ich mir mal ein WG-Zimmer angeschaut. Es hat sich dann aber herausgestellt, dass ein frisch getrennter Vater ein Zimmer in seiner Wohnung untervermieten wollte, dafür sollte man seinen dreijährigen Sohn babysitten. Da das Zimmer immer noch teuer war, fiel mir damals die Entscheidung leicht. Später hatte ich eine Freundin, die in dem Gebäude wohnte, und mit der ich mich aufstylte zum Ausgehen am Samstagabend. Gothic & Haarspray.

Nach dem Essen hänge ich Wäsche auf, bringe den Müll runter, kommentiere per Mail auf ein Dokument, das mir eine Freundin geschickt hat, und twittere mit einem verschollen geglaubten Twitterer. Dann besuche ich meine Mutter, die in meiner unmittelbaren Nähe wohnt, und halte mit ihr einen kleinen Plausch. Sie hat viel erlebt heute, und es geht ihr gut. Anschließend beginne ich damit, Ablage zu machen, was bedeutet, dass ich einen hohen Stapel an Briefen und anderen Papieren sortiere, die sich seit einigen Monaten angesammelt haben. Dabei finde ich so einiges wieder, was ich vermisst hatte. Eigentlich mache ich Ablage, um die Vorbereitung der Einkommenssteuererklärung zu prokrastinieren. In einem Order finde ich aber eine Lasche mit dem Titel „Steuer 2016“, hinter der ein früheres Ich diverse relevante Dokumente abgelegt hat. Es gelingt mir, das Thema Steuer dennoch weiter zu verdrängen. Auch die Ablage beende ich entgegen meiner Disposition, alles immer fertig zu machen, nicht. Stattdessen schaue ich „Constantine“ mit Keanu Reeves, Rachel Weisz und Tilda Swinton über Amazon Prime. Der Film wurde von der Kritik nicht sonderlich gut aufgenommen, ich mag ihn aber gerne und habe ihn über die Jahre schon ein- oder zweimal gesehen. Als John Constantine gerade einen dramatischen Moment in der Hölle erlebt, ruft eine sehr liebe Freundin an. Wir sprechen gut eine Stunde über neueste Entwicklungen in unser jeweiligen Leben. Bei ihr ist es gerade sehr abenteuerlich, und ich versuche, ihr zu sagen, wie wichtig es mir ist, ihr gerade in dieser Zeit eine gute Freundin zu sein. Dann erinnere ich mich, dass sie es nicht so gerne mag, wenn die Dinge so zerredet werden, und hoffe, dass sie auch so weiß, wie ich es meine.

Draußen ist es Nacht geworden, und auch im Film ist Los Angeles eine dunkle, düstere Stadt mit dreckigen Neonlichtern. Die Religion ist ein kitschiges Theaterstück, unfair und bigott. Fair trials, they don’t exist my friend. Der Teufel trägt einen Anzug aus reinem Weiß, nur seine nackten Füße sind schwarz von Öl und Teer. Dass man ihm am Ende ein Schnippchen schlägt – vielleicht ist es das, was ich an der Geschichte so mag.

Gegen 22 Uhr gehe ich ins Bett. Mein Nacken ist entspannt, es ist genau richtig warm, und ich schlafe beinahe sofort ein.

WMDEDGT 06/17

(Hier die Erläuterung, was WMDEDGT ist)

Pfingstmontag. Ein geschenkter Tag. Ich wünsche mir an Sonntagabenden häufig, es gäbe noch einmal 24 Stunden, denn es fühlt sich oft so an, als sei ich am Sonntagabend gerade erst fertig mit allem notwendigem, und jetzt, wo der Spaß endlich beginnen könnte, ist das Wochenende vorbei.

Heute also: ein geschenkter Tag. Ich beginne ihn mit einer meiner Lieblingstätigkeiten: ausschlafen. Um halb zehn erwache ich aus angenehmen und leicht erotisch angehauchten Träumen. Ausschlafen ist das allergrößte. (Fast). Ich bleibe noch eine Weile liegen und genieße das Gefühl des Ausgebreitetseins, des weichen Bettlakens unter mir und der leichten Sommerbettdecke auf mir.

Kleines Frühstück, kleine Katzenwäsche, und dann geht es mit etwas ebenfalls großartigem weiter: Musik. Ich erstelle eine Playlist für den Sommer. Musikhören ist mir sehr wichtig, und ich stehe auf saisonales Musikhören. Aus irgendeinem Grund verbinde ich den Sommer mit Musik aus den 1980ern. Im letzten Jahr hieß meine Playlist „Südfrankreich“, Alison Moyet war dabei, Chaka Khan, Fleetwood Mac, und auch Foreigner. Ich bin ja jetzt in einem Alter, in dem mir nix mehr peinlich ist, da kann man auch mal bei 35°C im Auto an der Ampel „I ain’t missing you at all!“ mitgrölen. Dieses Jahr wurde die Playlist ein bisschen härter, funkiger, zum Beispiel mit Grace Jones, Grandmaster Flash oder Last Night a DJ Saved My Life (ja, den Interpret erinnert niemand mehr). Funky Cold Medina ist übrigens ein toller Song mit sehr, sehr fragwürdigem Text. Der Sänger hat sechs Kinder mit fünf Frauen, ein Mann wie ein Rasensprenger. Wenn man das mal weiss, kann man es auch nicht mehr vergessen.
Auch ein paar neuere Songs schaffen es in meinen Sommer: Banks, Chet Faker, Jax Jones (auch hier: schwieriger Text), Captain Capa, Bernd Begemann, Hein Cooper. Das ganze Jahr über begleiten mich schon London Grammar, diese Liebe scheint nicht saisonal zu sein. Auch King Krule ist wieder dabei. Selbst Sun Kil Moon, eigentlich wegen der depressiven Grundstimmung Musik für den Herbst oder Winter, ist vertreten.
Ich möchte eine Playlist mit Musik, die mich an trockenes Gras, tiefblauen Himmel, nackte Füsse und heruntergelassene Autofenster erinnert. Der Geschmack von Honigmelone und Aprikosen, die Abende unendlich lang, die Stadt und das Land in Urlaubsstimmung, und die Zeit wieder endlos wie damals als Kind.

Gegen elf, da habe ich erst eine grobe Idee meiner Playlist, verlasse ich das Haus und kaufe frischen Spargel und Erdbeeren von einem Stand an der Straße. Den Spargel bereitet meine Mutter zu, die nebenan wohnt, ich mache eine Sauce Hollandaise, dessen Rezept ich SGMaus auf Twitter erläutere. Meine Mutter und ich essen und unterhalten uns gut, und ich bin sehr dankbar dafür, wie wir zusammen und doch frei sein können.

Zurück in meiner Wohnung mache ich eine To-do-Liste, bin dann aber doch so träge, dass ich erstmal gar nichts erledige, sondern lieber noch ein bisschen lese. Ein gutes Buch, das ich mir da ausgesucht habe, geht anders weiter, als man gedacht hätte, gut geschrieben, die Figuren sind nicht nur von der Handlung getrieben, sondern auch von dem Wunsch, sich selbst besser zu verstehen. Es macht mich sehr zufrieden, ein gutes Buch zu lesen.

Dann widme ich mich meiner Urlaubsplanung. Ich recherchiere, dass es ganz schön teuer ist, ein Motorboot zu mieten. Ich koordiniere Termine und freue mich ziemlich auf Treffen mit großartigen Frauen. Und immer ist da auch eine leichter Schmerz, weil ich gerne noch so, so viel mehr machen und unternehmen würde, und jetzt schon merke, dass die Zeit knapp wird: im Urlaub wie auch heute.

Zwischendurch lasse die Spülmaschine laufen, starte die Waschmaschine, räume auf, bezahle eine Rechnung, bestelle was bei der Online-Apotheke, bestelle ein Buch, versuche, schwarze T-Shirts zu bestellen, aber die sind anscheinend alle ausverkauft, spiele an der Playlist weiter rum, stelle fest, dass ich im US-Amazon zwar eBooks, aber keine mp3s kaufen kann, seltsame Welt.

Aus irgendwelchen Gründen ist es dann plötzlich schon 20 Uhr. Ich schaue mir kurz das Grauen in der Welt via Tagesschau an, während ich die Wäsche aufhänge, verabschiede mich dann vom Fernsehprogramm und schaue ein paar Folgen der vierten Staffel von „The Middle“. Mir fällt zunehmend auf, dass die Serie Geschichten von Figuren erzählt, die in gewöhnlichen Narrativen nur nebenbei vorkommen würden: die tollpatschige, aber liebenswerte Sue, der eigenartige, aber hochintelligente Brick, der schweigsame, aber coole Arbeiter. Der beliebte, aber nicht allzu schlaue Footballer Axl hat sich gerade in seine sehr kluge, leicht an „Daria“ erinnernde Nachhilfelehrerin verliebt, auch das eine Geschichte, die sonst aus der anderen Perspektive erzählt wird. Gefällt mir.

Gegen zehn will ich eigentlich noch ein paar Dinge erledigen, bleibe dann aber bei Novemberregen hängen, und fange dann an zu bloggen. Es bleibt immer zu wenig Zeit für das, was ich mir vorgenommen habe. Trotzdem war es ein guter, vielleicht sogar ein sehr guter Tag heute. Es ist niemals genügend Zeit für alles, aber meistens doch für das, was mir wirklich wichtig ist. Und was das ist, weiss ich manchmal erst hinterher.

Sense of Wonder

Ich bin glücklich. Das ist ziemlich langweilig – nicht für mich, aber aus erzählerischer Perspektive. Dostojewski würde über mich keine Bücher schreiben.

Auch die Ursachen für mein Glück sind trivial: ein neuer Job, mit großen Gestaltungsspielräumen, stetiger Lernkurve und Wertschätzung, finanziell wie immateriell. Eine neue Wohnung, ohne laute Nachbarn, sonnig und mit freiem Blick ins Grüne. Es wäre falsch zu sagen, dass Job oder Wohnung mich glücklich machen, aber: ich kann in ihnen glücklich sein.

Nach dem Trauerjahr hat der Schmerz um meinen Vater nun nachgelassen. Was bleibt, sind sentimentale, bittersüße Erinnerungen, Dankbarkeit & Liebe. Und ich kann jetzt sagen: ich bin froh, dass es vorbei ist, dass ich die Sorge um ihn nicht mehr tragen muss.

Am meisten Freude machen mir die neuen Freiräume, die dieses Leben mir lässt. Manchmal sitze ich einfach nur im Sessel und schaue in die Ferne. Ich lese Bücher und diskutiere darüber. Ich treffe mich mit Freundinnen, in anderen Städten oder in dieser, zwischen den Hochhäusern, in Karaokebars und auf Spielplätzen, in Restaurants und in Museen, am Flussufer oder in Wohnzimmern.

Und ich spüre manchmal, nein – häufig -, nicht jeden Tag, aber fast, in mir dieses Glück. Ein Gefühl, als würde sich etwas in mir entfalten, zwischen Kehle und Bauchnabel, hinter dem Brustbein. Ganz leicht. Ich laufe durch die Straßen der Stadt, über Supermarktparkplätze, ich fahre im Auto, ich sitze vor der Tastatur. Ich denke: das Leben ist schön. Ich lächle. Und ich wundere mich über dieses Wunder, das ich so nicht erwartet habe, und das sich bislang auch noch nicht abgenutzt hat.

Heute

Heute ist der Geburtstag meines Vaters. Der dritte Geburtstag ohne ihn. Ich hätte fast erwartet, dass ich seinen Geburtstag vergessen würde. Dass es ein ganz normaler Tag sein würde, so wie jeder andere, und ein paar Tage später hätte ich mich vielleicht erinnert: da war doch was. Letzte Woche war das. Wow, drei Jahre schon.

Heute war ein schöner Tag. Ein schöner Sonnenaufgang und fast keine Wolken, der Frühling recht weit fortgeschritten mit gelb blühenden Forsythien und einem zunehmenden Schleier von Grün auf den Büschen an der Autobahn. Ich habe viel gemacht heute, mit London telefoniert, Westminster bedauert, Policies und Reporting Lines besprochen, eine Menge Fragen beantwortet, eine Menge Emails beantwortet, die syrische Praktikantin betreut, zum Mittagessen mal ein ganz neues Gericht gegegessen, bei der Post ein Einwurfeinschreiben mit Rückschein aufgegeben, einen sehr luxuriösen Ebook-Reader gekauft, Dokumente in den Nahen Osten verschickt, ein Memorandum mit dem Geschäftsführer besprochen und in seinem Büro auf den neuen Turm der EZB geblickt, in dessen Fassade sich in gelb und orange der Sonnenuntergang vor einem zartblauen Himmel spiegelte. Ein Flugzeug flog vorbei. Das hätte ihm auch gut gefallen, dachte ich.

Heimfahrt zur blauen Stunde, zu der diese Stadt immer am schönsten ist, finde ich. Wenn es noch nicht ganz dunkel ist, aber die Türme schon ihr Lichterkleid tragen. Die Reifen haften gut auf dem trockenen Asphalt. Gitarrenmusik aus den Lautsprechern. Das hätte ihm auch gut gefallen.

Es ist ein Segen, dass ich nicht dazu neige, allzu sehr zurückzublicken, und mich zu fragen, was hätte sein können. Und dann tue ich es doch, einen kurzen Moment lang, eine rauhe Stelle, an der ich für einen Augenblick hängen bleibe. Der Moment vergeht.

Es ist schön, denke ich, dass ich mich gar nicht *nicht* an ihn erinnern könnte. An einem Tag wie heute ist die Erinnerung an ihn in allem: den Forsythien, dem Himmel, den Flugzeugen und in der Musik. Das macht wohl die Liebe. Das gefällt ihm sicher sehr.

Hinter dem Vorhang

Der Tod trennt uns auf seltsame Weise von denen, die wir lieben. Der Tod ist wie ein Vorhang, hinter dem der Verstorbene verborgen ist. Ganz nah, und doch unerreichbar. Denn die eine Wahrheit ist, dass jemand Geliebtes, der verstorben ist, immer mit uns verbunden bleiben wird: in unseren Erinnerungen, im Erlebten und manchmal auch als Stimme, die uns etwas zuflüstert.

Für mich sind es vor allem die Alltäglichkeiten, die in ihrer Vergänglichkeit unerträglich sind. Sein Hut, der noch oben auf dem Bauernschrank liegt, im vertrauten Dunkelblau, und auf seinen Besitzer wartet, als würde er jederzeit wiederkommen. Die Art, wie mein Vater die Salami in schmale Rädchen schnitt und dann die Rinde entfernte.

Was mich tröstet, sind die Momente, in denen ich plötzlich denke: „das hätte ihm jetzt auch sehr gefallen“. Der Blick zu St. Paul’s über die Themse, die Neugestaltung von St. Pankras. Der Duft des Kürbis, den ich gerade ausgehöhlt habe, und der jetzt, kleingeschnitten, zur Suppe wird. Und mit einem Mal erinnere ich mich ganz deutlich daran, wie sehr er das Leben genossen hat, wieviel Kraft darin lag, und wieviel Freude. Ich kann dann gar nicht anders, und freue mich auch.

Es wäre so schön, wenn er noch da wäre. Wenn ich all dies mit ihm erleben könnte. Wenn ich neue Erlebnisse und Erinnerungen mit ihm schaffen könnte, anstatt dies alles nur in der Vergangenheit zu haben. Aber ich weiß, dass er fertig war mit diesem Leben, dass er es aufgebraucht hatte, dass er all dem müde war. Was dennoch schmerzt, das ist, dass er nicht sehen kann, wie mein Leben, wie meine Geschichte weitergegangen ist und weitergehen wird. 2016 ist so ein gutes Jahr für mich, voller Erfolge und Anerkennung. Er kann nicht mehr runter gehen in den Keller, eine Flasche Sekt hochholen und mit mir anstoßen. Das ist die eine Wahrheit. Die andere ist, dass ich mit unumstößlicher Gewissheit weiß, dass er es sofort tun würde. Er war mein größter Fan. In manchen Situationen ist es, als stünde er hinter mir, und feuert mich an. Er fand mich ziemlich klasse. So werde ich nie mehr geliebt werden. So sehr wurde ich geliebt.

Er ist immer bei mir, in meiner Erinnerung, in meinem Herz, in meinem Blut. Er ist unerreichbar für mich.

Der Vorhang trennt uns.

Er ist unerreichbar für mich, und doch immer bei mir.

Wie man sich entliebt.

(für @lostformat_)

Wenn man unglücklich verliebt ist, und das nicht mehr sein will, gibt es da einen ganz einfachen Trick: going no contact, was man vielleicht mit „selbstauferlegter Kontaktsperre“ übersetzen könnte. Im Detail bedeutet das: nicht mehr die Nähe der Person suchen, in die man verliebt ist, sie nicht mehr anrufen, keine SMS mehr, auf Twitter und auf Facebook entfolgen, die Fotos löschen und sich auch nicht mehr auf Instagram anschauen, wie glücklich der- oder diejenige ist ohne einen selbst. Gemeinsame Freunde ins Vertrauen ziehen, darum bitten, auch mal was ohne die große Ex-Liebe zu unternehmen. Mehr alleine oder mit neuen Leuten machen: sich ein Hobby zulegen, egal was, russisch oder JavaScript lernen, syrischen Flüchtlingen helfen, ein Kraulschwimmkurs oder, wenn einem gar nichts einfällt, ins Fitnessstudio gehen (hier ein guter Text dazu).

Warum hilft das? Weil die Liebe in der Zeit lebt. „Entlieben“ trifft es nicht so richtig, man kann das Gefühl nicht rückgängig machen, aber man kann das unglücklich verliebte Selbst in der Vergangenheit zurücklassen und vorangehen in eine Zukunft, in der man ein anderer, eine andere ist. Man kann neue Erfahrungen und Erlebnisse sammeln, andere Seiten an sich entdecken, neue Stärken und neue Vorlieben, und neue Wege mit anderen beschreiten. Und wer weiß, wo einen solch ein Weg hinführt? Durch die Kontaktsperre löst man sich von der Fixierung auf die vermeintlich einzige Person und von der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, und richtet den Blick auf einen anderen Horizont. Auch biochemisch verändert sich etwas: innerhalb von sechs Wochen sinkt der Oxytocinspiegel, die Synapsen programmieren sich um. Erst denkt man nur noch einmal am Tag an die Liebe, dann nicht mehr jeden Tag, dann nicht mehr jede Woche, bis irgendwann die Erinnerung nur noch sporadisch kommt, ausgelöst durch einen Duft oder einen Ort, ein Kleidungsstück, eine Speise. Manche Songs kann man nach ein paar Jahren wieder hören, und nur wenige nie mehr.

Es ist also ganz einfach, sich zu entlieben, und doch so schwer. Es braucht eine bewusste Entscheidung, einen Punkt, an dem man genug hat, an dem es einem reicht mit dem unglücklich verliebt sein. An dem man die Hoffnung aufgibt. Die Hoffnung ist die zerstörerischte Kraft überhaupt. Man kann sich ein Leben lang an der Hoffnung festhalten, dass sich die unglückliche Liebe umkehrt in eine erfüllte Liebe, dass der verheiratete Mann sich doch noch scheiden lässt, dass die ewig unentschlossene sich doch noch für einen entscheidet, dass du aufhörst zu lügen, dass sie endlich mal die Augen aufmacht und sieht, wie großartig man doch zueinander passt. Aber man kann ja den anderen nicht verändern, nur sich selbst. Das Verlieben ist einfach, man fällt da einfach so rein, aber sich selbst zu verändern, das kostet Kraft, das lehrt uns schon die Physik und das 2. Gesetz der Thermodynamik. Manchmal ist uns die Rolle des unglücklich Verliebten, des Leidenden und des Märtyrers schon so vertraut, schon so zur Gewohnheit geworden, dass wir es nicht ändern wollen. Wir wollen nicht aufgeben, wir haben schon so viel investiert. Wir sehnen uns nach der Liebe, sie zieht uns in eine Richtung und macht uns blind für alles andere. In der Liebe werden wir größer, das Entlieben hingegen macht uns kleiner, die Tage werden weniger schmerzhaft, aber auch gleichförmiger.

Warum also aufhören? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich mochte es nie, eine Tanzbärin zu sein, einen Ring durch die Nase, tanzen müssen zu den schrägen Tönen einer Geige. Dann lieber bluten, eine Zeitlang, und vernarben, aber frei sein. Auf einer Bank in der Sonne sitzen, ein zartes Vermissen von etwas, jemanden, und doch milde versöhnt mit allem.