(ohne Titel)

Wenn ich glücklich bin, dann spüre ich das Glück wohlig und warm unter dem Solarplexus. (Logischerweise genau dort, wo ich auch das Unglück spüre.) Wenn ich glücklich bin, dann fühlt sich mein Körper sehr entspannt an, so ähnlich, wie wenn man im Winter in eine Badewanne mit warmen Wasser steigt. Wenn ich glücklich bin, dann spüre ich das nicht nur im Körper, sondern auch in der Seele.
Ich bin dieser Tage sehr glücklich. Manchmal wache ich morgens auf, ziehe mich an und höre dabei meine Lieblingslieder, und ich merke, ich bin glücklich. Manchmal gehe ich durch einen Park oder über die Felder und merke, ich bin glücklich. Ich weiß nicht, ob es dafür einen Grund gibt. Meine Arbeit ist zur Zeit recht interessant, es gibt eine neue und sehr nette Kollegin und keine Probleme mit dem Chef. Das Geld ist wenig, aber dank Steuerrückzahlung reicht es sogar für ein paar Tage am Meer. Ich habe mich mit Ruth versöhnt. Das wären gute Gründe, aber es gibt auch Gründe, um unglücklich zu sein: die Schwierigkeiten mit meinen Eltern oder diese Sache hier.
In mir hat sich etwas verändert. Ich weiß nicht, wie es passiert ist und ob es so bleiben wird, aber wenn ich daran denke, daß ich wahrscheinlich partnerlos bleiben werde, dann macht mir das keine Angst mehr. Es macht mir auch keine Angst, mich im Badeanzug zu zeigen oder nackt im Meer zu baden. Ich merke, daß ich den Themen, die mich früher nachts im Bett haben weinen lassen, nun zunehmend mit Gelassenheit begegne.
Was bleibt, ist die Sehnsucht; ein Gefühl, das in Rachen und Speiseröhre sitzt. Als ob man großen Durst hätte, weshalb man wohl auch verleitet wird zu glauben, Essen und Trinken würde Abhilfe schaffen. Selbst oder vielleicht gerade wenn ich glücklich bin, spüre ich auch die Sehnsucht. Sie begleitet mich ein Stück des Weges, bis aus dem Weizen- ein Maisfeld wird oder aus Wiese ein Wald. Dann verabschiedet sie sich und läßt mich zurück in diesem wunderbaren Sommer. Ob ich glücklich bin, weil ich so viel Glück gehabt habe; oder ob ich glücklich bin, weil ich das eine oder andere richtig gemacht habe – ich weiß die Antwort nicht, und es spielt auch keine Rolle.

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