Quality time

Eine Schwester zu haben ist gar nicht so schlecht. Meine hat vor ein paar Monaten ihren Mann verlassen und ist jetzt mit einer Frau zusammen, welche kennenzulernen ich am Wochenende das Vergnügen hatte. Ich konnte die Freunde meiner Schwester noch nie leiden, das ändert sich leider auch nicht mit dem Geschlecht. Und wieso haben Lesben immer diese Kurzhaarschnitte? Muß sich meine Schwester jetzt auch die Haare abschneiden? Wäre ihr Wechsel zum anderen Ufer leichter für mich, wenn ihre neue Freundin wenigstens der abolute Hammer wäre? Jedenfalls würde es mich freuen, und es würde mir auch Hoffnung für mich selbst geben, wenn meine Schwester – die übrigens schöner und auf jeden Fall schlanker ist als ich – mal jemanden nach Hause bringen würde, bei dem/der ich denke: wow! Genau. Paßt wie die Faust aufs Auge. Ich möchte nämlich, daß meine Familie das denkt, wenn ich mal jemanden nach Hause bringe.
Immerhin: vor dem Hintergrund der Partnerschaften meiner Schwester (der eine mit dem fünfzigtausend Mark Schulden, der eine mit den Adiletten, der eine, der ihr Auto zu Schrott gefahren hat) hatten meine Eltern keinen Anlaß, mir meine Partnerlosigkeit vorzuwerfen. Auf die Frage, wie es mit meiner Arbeit läuft, konnte ich sagen: ich will ja nichts beschwören, aber ich glaube, ich bin dem Durchbruch nahe. Das ist übrigens noch nicht einmal gelogen. Auf mein Gewicht kamen wir nicht zu sprechen; ich habe auch viel Zeit damit verbracht, das Navigationsgerät meiner Mutter zu reparieren (Hotfix ausm Internet geladen, auf SD-Karte kopiert etc.). Und dann wars auch schon wieder vorbei.

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So. Und jetzt mal im Ernst, ohne das schnippisch-zickige. Es war ein schönes Wochenende. Ich habe meinem Vater eine Uhr geschenkt: eine edle Uhr für einen Gentleman. Es hat mich gefreut, daß er sich gefreut hat, aber noch mehr hat es mich gefreut, diese Uhr an ihm zu sehen. Am Samstag haben wir einen Spaziergang gemacht: mein Vater, meine Schwester, der Hund meiner Schwester und ich (meine Mutter hat ein künstliches Hüftgelenk). Der Besuch all dieser Ecken meiner Kindheit: der Bach, in dem ich mit meinem Hund gebadet habe. Der Garten, aus dem ich mal Trauben geklaut habe (sie waren sauer). Der Sportplatz, die Wochenendgrundstücke, die Äcker und Weiden. Wie alles anders wird mit der Zeit, das hat mich ein wenig melancholisch gemacht. Aber ich weiß, es ist nicht zu vermeiden.
Die Katze, die uns im Jahr meines Schulabschlusses zugelaufen ist, die ich mit Hundefutter angefüttert und mit Streicheleinheiten zum Bleiben verführt habe – ich glaube, sie wird dieses Jahr sterben. Lag ganz matt und dünn im Kübel vom Gummibaum. Meine Tante hat Krebs. Die Ärzte können den Tumor nicht finden, gestreut hat er schon. Ich kann sie nicht anrufen, ich trau mich nicht. Mein Vater erzählt manchmal Dinge ohne Zusammenhang. Meine Schwester ist dünn geworden und hat gar keinen Hintern mehr in der Hose. Ich bin dick geworden und habe eine Speckfalte überm Hosenbund. Meine Mutter ist zickig und launisch, aber auch nicht mehr als die Jahre vorher. Intellektuell ist sie nach wie vor umwerfend: Stadionscheinwerfer, wo bei anderen nur ein Nachttischlämpchen brennt. Sie hat mir ein Kompliment gemacht für meinen Geist, das ging runter wie Öl.
Die Geschichten meines Vaters sind immer noch toll. Ich habe mir von ihm die Haare schneiden lassen (nur ein paar Zentimeter von dem halben Meter). Es war ein gutes Gefühl, ihm vertrauen zu können.

Eine Frage habe ich mitgenommen: ist es wirklich so, daß meine Eltern mich kritisieren, an mir herummäklen? Oder ist es vielleicht so, daß ich selbst mit manchem Punkten unzufrieden, unglücklich bin und daß meine Eltern nur ein Spiegelbild auf mich zurückwerfen?
Mehr im Einklang mit sich selbst zu sein ist die Lösung für viele Probleme. Es ist nur nicht so leicht zu bewerkstelligen.

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