vorbereitet sein

Videokonferenz am Montag zur Krise. Der GF, der sGF und ich sitzen im Konferenzraum und sehen den Board Room auf dem großen Videobildschirm. Die Konferenz läuft schleppend an, vielleicht nehmen sie dort drüben die Krise noch nicht so richtig ernst. Im Board Room sitzen weiter hinten, eher klein, ein paar weniger wichtige Figuren, die keine Redezeit haben werden. Ausnahme ist unser voluminöser Head of IT mit der tiefen Stimme, der hin und wieder von hinten ein paar Infos reinrufen wird, aber das weiß ich jetzt noch nicht, es hat ja noch nicht angefangen. Ich mag den gerne, unseren Head of IT, guter Mann.

Dann kommt das C-Team rein: der CRO, der CFO, der COO, und zum Schluß der CEO. Sie sitzen vorne, zur Kamera hin. Unten sieht man kleine Bildchen der anderen Büros. Außer mir ist jetzt nur noch eine andere Frau zu sehen, eine Spezialistin, die in der Mitte sitzt.

Der COO fängt an und zeigt Slides einer Präsentation zum Krisenmanagement. Wir treffen uns in kleiner Runde per Telco schon seit Mitte letzter Woche mit dem COO, der diese Meetings recht straff führt, ich kenne ihn als einen, der immer genau weiß, wo er hin möchte.

Der COO fängt also an, ich weiß aus den Telcos, dass er das Wochenende durchgearbeitet hat, um diese Slides und noch mehr zu erstellen. Und dann ist es bei Slide 3 auf einmal vorbei, wie etwas, das abstürzt oder untergeht. Der CEO stellt eine Frage, es ist eine gute Frage, aber es wird auch klar, dass er in eine ganz andere Richtung denkt als der COO. Der CRO, als eher kleinlicher Unsympath bekannt, kritisiert von oben herab, belehrend. Für einen Moment glaube ich zu wissen, was der COO jetzt fühlt, was er erlebt, es ist etwas, dass jemandem wie mir, und allen in dieser Art von Rolle auch passieren kann, wahrscheinlich auch schon passiert ist.

Ich sehe mich selbst, in einem kleinen Fenster unten auf dem Videobildschirm. Ich sitze da, neben zwei Herren in Anzug und Krawatte, sehe dem COO zu, wie sich das, woran er stunden- oder tagelang gearbeitet hat, gerade auflöst, und denke: ganz schön dünne Luft. Ich habe ein seltsames Gefühl, es ist nicht, als ob ich mich deplatziert fühlen würde, aber ich wundere mich, wie mich all diese Wege, all diese Entscheidungen, an genau diesen Platz geführt haben. Ich frage mich, wo ich hin möchte, ob ich irgendwann mal auf der anderen Seite des Bildschirms sitzen möchte, in dünner Luft, wohl eher nicht.

Heute wieder Videokonferenz. Es wurde hektisch gearbeitet in den letzten Tagen in den verschiedenen Büros, um die Frage, die der CEO am Montag mit solcher Leichtigkeit angerissen hat, zu beantworten. Der COO kommt immerhin so weit, eine Exceltabelle mit Zahlen zeigen zu dürfen. Er liebt Listen und Zahlen. Es wird hart gestritten, zwischendurch hat es etwas von Schulhof, immer geht es auch um Macht und Status. Der CEO beweist wieder Weitblick und stellt ein- oder zwei Fragen, die hilfreich sind, um zu fokussieren. Dann aber wieder Getümmel und Zank, und erst die Frau, die drüben meine indirekte Chefin ist, kann Ruhe hinein bringen. Ich bewundere das, ich kenne das, ich mache das auch, und ich finde es im Grunde nicht richtig: als Frau in der Rolle zu sein, Männer dazu zu bringen, sich emotional zu regulieren. Fleischpuffer für Aggressionen.

Ganz schön weit weg fühlt sie sich an, die Zukunft.

Der sGF erzählt mir von der Vergangenheit. Neunzigerjahre, in einem Land, das auch heute nicht zur EU gehört. Er wacht auf, mitten in der Nacht, Erdbeben. Geht am nächsten Morgen ins Büro, hier und da kleine Schäden an den Gebäuden, sonst nichts allzu ernstes. Aber sie haben Büros, außerhalb, über das Land verteilt. Und recht schnell bricht das Telefon weg, unklar, ob es damals schon Internet gab. Keine Möglichkeit, sich ein Bild zu machen von der Lage.

Seine Kollegen und er haben dann einen Krankenwagen gemietet, das ging mit ein bisschen Schmiergeld. Mit dem Krankenwagen sind sie losgefahren, entgegen dem Strom der Flüchtenden, zu den Büros hin, irgendwo hat irgendjemand einen Kran organisiert, und sie haben Leute aus den Trümmern gezogen, zwei davon tot.

Man muss schnell sein in der Krise, sagt er, der erste oder zweite, der einen Krankenwagen mietet, weil sonst keine mehr da sind. Zusammenhalten, kreativ sein, Risiken abschätzen, Risiken eingehen.

Der sGF erzählt mir das, wir schauen beide ein bisschen vor uns hin, schnell sind wir nicht unbedingt so als Organisation. Wir atmen ein, wir atmen aus. Wir arbeiten weiter.

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