Zucchini

Frau Novemberregen und ich sitzen auf einer Terrasse hinter den Bankentürmen und bloggen. Wir hatten beide ein sehr gutes Essen, jetzt steht ein Nachtisch neben uns und ein Cappucino dazu, und am Nebentisch reden zwei Männer über Business.

Frau N. sieht heute sehr gut aus, ein bisschen casual in einer tief dunkelblauen Jeans, dazu ein Kapitänsjäckchen, sie ist hier die wahre Schiffsführerin. Sie trägt weiße Schuhe, mit Budapester Muster, das gefällt mir gut. Wir haben uns wie immer an der Ecke getroffen, ich schrieb ihr gerade eine Nachricht, da sah ich sie am Ende der Straße auf mich zukommen, ganz klein, ganz eindeutig sie, und ich habe dann so warme, kitschige Gefühle, über die sie sicher hier nicht lesen möchte.

Ich habe ihr eine Zucchini mitgebracht, aus dem Garten meiner Mutter, das hat sie sich gewünscht. Ich habe gerade kein gutes Verhältnis zu Zucchini, vielleicht sogar schon länger, seit meiner Kindheit, in allen Gärten, die meine Mutter hatte, wuchsen sie immer wie Unkraut, und ich musste Zucchini essen, monatelang. Die Haupzubereitungsart in der Küche meiner Kindheit war Letscho, das heißt, die Zucchini – oft schon sehr groß und ausgehöhlt – wurden in Scheiben geschnitten und mit Tomaten und anderem Restgemüse stundenlang gegart. Letscho hat stets mein Vater gekocht, mit großer Ruhe und Vergnügen, Deutschlandfunk dazu am Sonntagmorgen. Das Ergebnis ist mir wie etwas in Erinnerung geblieben, das bereits einmal verzehrt wurde. Mittlerweile kenne ich weitere Zubereitungsarten, gebraten, als Salat, als Auflauf. Das ist schon okay, aber irgendwie schmeckt mir Zucchini immer nach feucht gewordener Pappe, die mit Gemüsebrühe aus dem Glas bestreut wurde. Am ehesten mag ich Zucchini so, wie sie der Ehemann meiner syrische Freundin macht: mit Knoblauch und Minze.

Frau N. mag keine Minze, das überrascht mich immer wieder. Dafür aber – ganz klar – Zucchini.

Neulich hatte ich einen Traum: ich war in einem sehr großen Gebäude, mit Atrium und Galerie, ein bisschen wie der Eingangsbereich des Restaurants, in dem wir gerade sitzen, oder ein modernes Ministerium oder Museum. Eine ätherisch aussehende Frau, die eindeutig die Macht besass, und ein ihr untergebener Mann haben mich begrüßt. Und überall: Zucchini. Grüne und gelbe, runde und lange, manche klein, andere meterlang, wuchsen alle liebevoll platziert in diesem Gebäude meines Traumes. Es war eine Sekte, für die Zucchini kultische Bedeutung hatte.

Ich wollte nicht beitreten.

Frau N. und ich haben uns eine Weile nicht gesehen, es war zu heiß für sie und sie hatte sehr schlechte Laune, da hält man sich besser fern. Jetzt ist sie schon deutlich entspannter, aber immer noch liegt eine Härte in ihr, und eine Strenge, und bei manchen Themen zucken ihr die Augen, und bei anderem zeigt sie ihr Haifischlächeln.

Und ich? Ich schwimme so mit, ein bisschen weicher als sie, härter als viele, gerade etwas unter Strom, aber auch sehr interessiert an allem, was gerade passiert. Beim Rausgehen heute aus dem Büro gespürt, dass ich etwas vergessen habe, zweimal überlegt, aber erst, als die Aufzugstüren sich öffnen, fällt mir ein, dass es meine Maske war. Angekommen in der neuen Normalität, während um uns die Zahlen steigen und steigen.

Bizarr ist, dass dieses Jahr so viel besser für mich ist als letztes, als ich die Zucchinipflanzen meiner Mutter gießen musste, während sie mit gebrochenen Fuß sehnsüchtig in ihren Garten blickte. Es ist alles gut gerade, die Sonne scheint und Frau N. rettet eine Wespe aus ihrem Glas. Nichts fehlt, die Sternschnuppen fallen, und ich wünsche mir, dass alles so bleibt, wie es ist, und weiß doch, dass sich alles ändert, immer.

Ein Gedanke zu „Zucchini

  1. Letscho. Ich verbinde Letscho mit Sommer. Sommerferien, morgens irgendwelche Arbeiten verrichtet, Renovierungen, Altlasten, im Haushalt geholfen, Obst geerntet (Johannisbeeren top, Stachelbeeren flop) und eingemacht, mal Marmelade, mal eingeweckt, mittags ein leichtes Essen, danach ins Schwimmbad. Zu solchen Gelegenheiten gab es bei uns Letscho. Das hauptsächlich aus Paprikagemüse, Tomatensoße und halbierten Fleischwurstscheiben bestand. Lange dachte ich, das gibt es nur bei uns. Bis das Internet daherkam und ich mal nachschaute. Das Internet sagt, es handele sich um ein Schmorgericht der ungarischen Küche, ich habe überhaupt keine Ahnung, wie eine Verbindung von der ungarischen zur Küche meiner Mutter hergestellt werden könnte, und dennoch gab es im Sommer Letscho und ich fand es toll (na ja, bis auf die abgelösten, zusammengerollten Paprikahäute).
    Danke fürs Erinnern, und immer wieder Danke für die Texte hier. Die finde ich toll so wie sie sind.

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