in der Rückschau

Frau Novemberregen sieht heute sehr gut aus, in einem altrose, sehr elegant geschnittenem Business-Oberteil, drüber ein schwarzes Jäckchen, die Haare akkurat geschnitten. Im Hintergrund läuft mal wieder ihre Waschmaschine, gerade hat sich ihr Mann ein Bier vom Balkon geholt, und eine der beiden Katzen liegt hinter ihr zusammengerollt. Wir sind – wie fast das ganze letzte Jahr – per Videokonferenz miteinander verbunden.

Den März über, vielleicht auch schon seit Februar, bin ich in so einem seltsamen Rückschaumodus. Nicht unbedingt nostalgisch, nein. Ich erinnere mich intensiv daran zurück, wie vor gut einem Jahr die Pandemie hochgekocht ist. Wie ich das letzte Mal mit einer Freundin essen war. Wie wir einen Faschingsumzug angeschaut haben. Wie ich im Büro ins Komitee aufgenommen wurde. Wie wir damals noch dachten, das wird wie die Schweine- oder Vogelgrippe, jede Menge Notfallpläne, die in der Schublade verschwinden werden. Wie die Meetings dann häufiger wurden, größer, prominenter besetzt, und dann, beinahe schlagartig, aufgehört haben. Eingebrannt in mich, wie bei einer der letzten Meetings ein sehr erfahrener Kollege aus Italien beinahe geheult hat, oder vielleicht auch tatsächlich.

Ich habe darüber geschrieben, wie es für mich war – am Tiefpunkt oder am Beginn davon: for want of a screw. Es erschien mir damals möglich, dass wir untergehen könnten. Darüber hinaus gab es für mich vor allem eine absolut bedrohliche Sorge: was mache ich, wenn jemand von denen, für die ich mich verantwortlich fühle, stirbt?

Ich kann es nicht verhindern.

Ich habe es vielleicht verhindert, ohne es je zu wissen.

Ich habe getan, was mir zum jeweiligen Zeitpunkt vernünftig, richtig und angemessen vorkam.

So ein Archiv hilft jedenfalls bei der Rückschau, und der Blick zurück kann helfen, das semitraumatische besser verarbeiten zu können, auch wenn alle immer nur sagen, man solle nach vorne schauen.

Fürs Archiv also: die Stimmung in Deutschland – zumindest in dem, in dem ich lebe – ist gerade außergewöhnlich schlecht. Der Impfstoff von Astrazeneca wurde aus dem Verkehr gezogen, unklar, ob kurz- oder langfristig. Große Diskussion ob der Verhältnismäßigkeit, und woran man lieber stirbt. Großbritannien hat über 40% aller Erwachsenen zumindest einmal geimpft, Deutschland ungefähr 6%, erstickt in Bürokratie.

Meine Mutter hat heute ihren ersten Impftermin zugeteilt bekommen. Damit hat sich mein derzeit größtes Problem nahezu aufgelöst.

Ich erwarte, heute Nacht gut zu schlafen. Ich erwarte, dass sich eine Last von meinen Schultern hebt, zumindest ein bisschen, dass die bleierne Zeit sich dem Ende entgegenneigt, dass die Erstarrung Risse bekommt und ich wieder Lust, etwas neues zu erleben.

Wir werden sehen, wie gut meine Worte altern werden, in der Rückschau.

Ein Gedanke zu „in der Rückschau

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