16/30 – im Hintergrund

Ich war heute bei Gericht. Da bin ich aus verschiedenen Gründen und in verschiedenen Konstellationen öfter, aber heute war ich zum allerersten Mal bei einer Urteilsverkündung dabei. „Im Namen des Volkes“, sagte die Richterin, und das war ein überraschend würdevoller Moment in einem schlichten Verwaltungsbau.

Das Gericht sieht immer nur einen ganz kleinen Teil einer großen Geschichte: das, was zwischen die Aktendeckel passt, und das, was mit oft großen Emotionen vorgetragen wird. Es soll Verletzungen heilen und einen Zustand der Unversehrtheit herbeiführen, aber alles was es im besten Fall kann, ist sachlich und nüchtern zu entscheiden.

Das Gericht liebt alles, was schwarz ist oder weiß: Formalien, Daten, Zustellbescheide, Unterschriften in Tinte, Fristen oder deren Nichteinhaltung. Ich hingegen liebe die Menschen, nicht alle natürlich, aber fast alle Geschichten, und alle tausend Grautönen zwischen schwarz und weiß.

Es gibt so vieles, über das ich nicht schreiben kann. Laufende Gerichtsverfahren, auch die abgeschlossenen lieber nicht. Meine Mutter. Das meiste, was im Büro passiert. Novemberregen und ich haben eine Übereinkunft, dass wir übereinander in unseren Blogs schreiben dürfen. Mit den meisten anderen Menschen in meinem Leben geht das nicht. Das ist schade, aber so gebiert es der Respekt.

Ich frage mich manchmal, wie häufig ich im Hintergrund von anderer Leute Urlaubsfotos vorkomme, oder in Videos, die dann mit der Verwandtschaft im WhatsApp-Status geteilt werden. Vielleicht sollte ich über die Menschen schreiben wie über Fremde im Hintergrund eines Urlaubsfotos, an denen der Blick einen Moment lang hängen bleibt.

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