Dr. Zorn

Ich bin dann doch zu Dr. Zorn gegangen. Erstens habe ich selbst genügend Zorn, um jedem Doktor entgegentreten zu können, und zweitens machte mein Bein mit heftigen Schmerzen darauf aufmerksam, daß es gerne in ärztliche Behandlung möchte. In der Nacht von Samstag auf Sonntag schwoll es auf bislang nicht gekannte Größe an, wurde rot und pochte. Schlaf war nur in zwei-Stunden-Häppchen möglich. Okay, dachte ich, dann kriegt mein Bein eben seinen Willen. Ich laß‘ mir doch nicht die Nachtruhe versauen.
Nach zweieinhalb Stunden Warten (empfehlenswert: Nicolas Bouvier, „japanische Chronik“) nahm sich Dr. Zorn vier Minuten Zeit für mich. In den ersten zehn Sekunden und beim ersten Blick aufs Bein diagnostizierte er eine Infektion des angeschwollenen Gewebes durch die offene Wunde. Dennoch hielt er es ungeachtet meiner Schmerzenslaute für nötig, am Bein rumzudrücken, wo die Frauen sanft gestreichelt haben. So ist das eben mit den Männern. Schmerz kann aber auch etwas katharsisches haben.
Als ich nach Hause ging, war mir etwas zum Heulen zumute. Eine Woche krankgeschrieben, das kann ich mir eigentlich gar nicht erlauben. In vielerlei Hinsicht.
Ist kein gutes Jahr bis jetzt.

zorn

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