Dr. Zorn hat es eilig.

Er ist kein unfreundlicher Mensch. Er hört mir zu, er nimmt mich ernst in diesen vier oder fünf Minuten, die wir miteinander reden, aber bleibt immer das Gefühl, als würde er gleich weg müssen, als würde er sich gleich mit einem Kopfnicken und einem Lächeln wegdrehen und verabschieden. Im Behandlungsraum gibt es einige mit einem Vorhang abgetrennte Kabinen, darin ein Stuhl und eine Liege. Ich sitze auf dem Stuhl, er steht am Türrahmen. Keine Zeit für ein Gespräch, nur ein Austausch von Sätzen. Er möchte am Dienstag das Bein ambulant in seiner Praxis operieren; das geronnene Blut herausholen, das einen Klumpen bildet und sich infiziert hat. Er sagt, ich würde eine Narkose bekommen und davon nicht viel mitkriegen. Ich rede davon, daß die Infektion schon sehr stark zurückgegangen ist. Ich rede von Risiken, die ein Eingriff immer mit sich bringt, von Narben, von versehentlichen Verletzungen von Nerven und Sehnen, von Narkoserisiken, von Medikamentenallergien. Wenn ich versuche, mich an seine Antwort zu erinnern, finde ich nur eine blanke Stelle. Ich frage ihn, was passiert, wenn man nicht operiert, auch hier fehlt mir die Antwort. Vielleicht habe ich mich nicht verständlich genug gemacht, ich bin aufgeregt und klinge wie ein Mädchen. Ich versuche, unsere Sätze zu entwirren, am Ende bleibt wenig Sachlichkeit.
Er zeichnet mit Kugelschreiber einen Kreis um die Schwellung, am Dienstag will er so beurteilen, wie weit die Schwellung zurückgegangen ist. „Kommen Sie um elf“, sagt er, „nüchtern, und dann sehen wir, ob wir operieren müssen.“
Er muß weiter, schnell, die Zeit drängt. Zum Abschied eine Handvoll Merkblätter, auf denen ich Worte wie Vollnarkose, Intubation, Begleitperson lese.

Später bleibe ich – wie in einer schlechten amerikanischen Vorabendserie – im Auto sitzen, unfähig, auszusteigen. Versunken im Gedanken, gefangen im Gefühl. Ich habe große Angst. Und vor allem habe ich große Zweifel. Was passiert da und ist es wirklich nötig? Würde er mir auch zu dieser Operation raten, wenn er es nicht selbst in seiner Praxis durchführen könnte?
Ich muß mich für oder gegen eine Operation entscheiden, und ich habe nicht genügend Wissen, um es entscheiden zu können. Es könnte ein großer Fehler sein, sich operieren zu lassen; es könnte aber auch ein großer Fehler sein, sich nicht operieren zu lassen.
Ich bin allein. Angst ist ein Luxus, den ich mir nicht erlauben kann.

Am Montag also die Ochsentour, mit einem schweren Joch auf den Schultern: Hausärztin, Sachlage erklären, ihr einen Überweisungsschein abringen. Zu einem anderen Arzt gehen, eine zweite Meinung einholen.
Eine Entscheidung fällen.

Es ist lächerlich, Angst zu haben, und dennoch: ich habe große Angst.

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