Ich denke, wir haben Potential

Ostbahnhof: bei jedem Schritt die Erinnerung, wie ich die Stufen hinuntergefallen bin, damals.
Friedrichstraße: meine alte Arbeit, die Kollegen von früher. Nichts hat sich verändert. In der Kantine weiß ich immer noch, welcher Pudding gut schmeckt.
Görlitzer Bahnhof: „gerade eben habe ich jemanden gesehen, der nur in ein Bettlaken gehüllt war und ständig auf den Gehweg spuckte“, erzähle ich Glam und Kitty. Sie nicken und sagen: „es ist Ramadan. Die Strenggläubigen schlucken ihre Spucke nicht.“ Wir hingegen fasten nicht. Das Essen ist köstlich, die Gesellschaft noch besser.
Warschauer Straße: ein Punk steht auf der Brücke und pinkelt im hohen Bogen auf den S-Bahnsteig.
Ostbahnhof: die Vertrautheit des Hotelzimmers, das an allen Orten der Welt gleich aussieht. Nachts wache ich auf, weil mich das Hämmern der Regentropfen auf dem Fensterbett erschreckt.
Friedrichstraße: Komplimente bekommen. Komplimente muß man sich merken.
Ostkreuz: er wippt mit dem Fuß, staccato, und bringt den Tisch zum Vibrieren, bringt mich zum Vibrieren. Er entschuldigt sich, aber ich finde, es paßt ganz gut. „Das Bild von Dir im Internet ist ziemlich unvorteilhaft“, sagt er. Auch ein Kompliment, irgendwie. Zum Abschied gibt er mir die Hand.
Ostbahnhof, dann Friedrichstraße: nach 36 Stunden ist alles schon Routine.
Mehringdamm: die lustigen Blumenverkäufer, die grummeligen Zeitungsverkäufer, die schönen, türkischen Frauen, die kleinen, günstigen Bäckereien mit Stehcafé bedienen. Meine unfehlbare innere Landkarte von Geschäften.
Hermannplatz: Unwohlsein, Enge, zu viele Leute, und endlich die Tür zu meiner Freundin.
Ostbahnhof: ein letzter Stop beim Asiaimbiß. Vor meiner Reise hatte ich Sorge, Berlin könnte mir das Herz brechen wie eine alte Liebe, die man nur überleben kann, wenn man sich nie wieder sieht. Die Stadt ist mir vertraut, aber sie hat mir nicht den Atem geraubt. Sie ist einzigartig: schön, häßlich, heruntergekommen, charmant, voll und weit. Es ist nicht schlecht, in ihr zu leben.
Ich denke, wir haben Potential, denke ich, während mich der Zug aus Berlin herausträgt.

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