Skateboardstürze

Er steht vor der Tür und raucht, die Menschen strömen an ihm vorbei. Ich gehe zu ihm, grüße, und schweige. Ich habe dazugelernt und halte mich an der Flasche Saft fest, die ich gerade gekauft habe. Schraube den Deckel ab, trinke einen Schluck, schaue ihn an. Er schweigt. Dann tritt er einen Schritt zurück, von mir weg, obwohl wir ohnehin mehr als einen halben Meter Distanz zwischen uns haben.
Ich sage zwei Sätze zu Freitag, er sagt, er schaue dann mal vorbei. Bis bald, sag ich, und gehe.

Da war er jetzt, der Raum, den ich ihm geben wollte, und er war nur mit Unbehagen gefüllt. In den letzten Jahren habe ich gelernt, Schweigen auszuhalten – Lektionen in Demut – aber ich kann es immer noch nicht besonders gut. Es beunruhigt mich. Und dieser Schritt zurück, von mir weg, erinnert mich an die Skateboarder, die ich gestern auf Youtube gesehen habe, wie sie sich durch Gravitation und Geschwindigkeit von ihren Brettern lösen und in Geländer krachen, auf Treppenstufen aufprallen, verbogene Gliedmaßen hochhalten und bluten, bluten. Ich bin der Skateboarder, er ist das Brett. Mache ich denselben Fehler wie vor ein paar Monaten, und begehre einen jungen Mann, der nicht den Mut hat, mir zu sagen, daß er mich abstoßend findet? Die Antwort lautet wohl: ja, und zieht die Frage nach sich: warum?
Vielleicht muß ich wieder einmal wissen, wie ich auf Männer wirke, und brauche ihn als Spiegel. Vielleicht braucht mein Begehren Raum, wenn auch nur von mir projiziert, konstruiert, aber doch immerhin mit einem realem Objekt: ihm. Vielleicht sollte ich es genau so sehen: als eine Möglichkeit, etwas über mich zu lernen, und als einen Prozeß, den ich ohnehin nicht steuern kann. Wir sind in Bewegung, nehmen Geschwindigkeit auf, und wenn die Haut sich abschürft, die Prellungen kommen, werde ich mich nicht beklagen.

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