(ohne Titel)

Meinen Vater im Pflegeheim besucht. Er liegt im Bett, erholt sich gerade von einer Lungenentzündung. Das Pflegepersonal will ihn heute nicht in den Rollstuhl setzen; er hat, wenn er müde ist, einen Linksdrall und kann nicht gut aufrecht sitzen. Es ist ein schöner, sonniger Herbsttag, ich wäre gerne mit ihm auf die Dachterasse gefahren. Es wird ja vielleicht nicht mehr allzu viel sonnige Herbsttage für ihn geben.

Stattdessen bleiben wir in seinem Zimmer, das Fenster geöffnet. Ich habe ihm belgische Pralinen mitgebracht und füttere ihm zwei davon. Wir blättern in einer Zeitschrift. Er schaut sehr interessiert, auch wenn ich nicht glaube, dass er noch irgendetwas versteht. Seit einigen Wochen kann er seine Hände nicht mehr benutzen. Wenn er umblättern möchte, deutet er die Bewegung mit dem Handgelenk an, die Hand selbst hängt schlaff herunter. Sie ist schon dabei, sich zu verformen, was mich sehr traurig macht.

Neuerdings sammle ich kostenlose Zeitschriften für ihn. Heute lesen wir die Apotheken Umschau – ich mache ein Kreuzworträtsel und tue so, als ob er mitmachen würde – und Alverde, die Zeitschrift eines Drogeriemarktes, die ich ganz gut finde. Dann hören wir ein wenig Musik, ich singe hier und da, und auch er summt ein- oder zweimal. Ich erzähle ihm, dass meine Freundin ein Kind bekommen hat, wunderschön und ganz bezaubernd. Als er noch zuhause war und es ihm besser ging, hatte er sie kennengelernt (und sie beharrlich „Barbara“ genannt, obwohl sie ganz anders heißt). Ich glaube nicht, dass er versteht, was ich ihm erzähle. Ich erzähle ihm nichts von mir; nicht, dass ich einen neuen Job habe, oder mit meiner Mutter ein paar Tage in Oslo war. Wenn ich es versuche, bin ich sofort den Tränen nahe.

Als es ihm so schlecht ging mit der Lungenentzündung, und der Arzt meinte, die Töchter sollen kommen und sich verabschieden, da habe ich ihm gesagt, dass ich ihn liebe. „Und ich weiß, du liebst mich auch.“ Beim Aussprechen gemerkt, dass daran niemals Zweifel bestand, dass es eine fest verankerte, unumstößliche Tatsache ist. Muss man gar nicht dauernd sagen, es ist nichts neues.

Immer mal wieder gleitet mein Vater ab in Tagträume und Halluzinationen. Seine Arme schieben und falten imaginäre Gegenstände; er hat Dialoge mit jemandem, der nicht da ist und sagt: „so, so!“. Er führt die Hand, die keine Gabel mehr halten kann, zum Mund und schnappt nach Bissen, die nicht da sind. Aus den Bildern in den Zeitschriften entschlüpfen Welten und hüllen ihn ein. Er redet viel, das meiste verstehe ich nicht. Einmal sagt er: „ich brauche den Eimer aus Blech!“, vielleicht etwas aus seiner Kindheit. Dann sagt er zu mir: „bleibst du noch zehn Minuten?“, und ich weiß nicht, ob er es meint oder ob es nur ein Satzfragment ohne Bedeutung ist, ein Manierismus in Wortform, zufällig abgefeuert von einem Neuronencluster in seinem zerstörten Gehirn.

Er ist unruhig, rutscht im Bett häufig nach unten, und findet keine bequeme Position. Er hat nicht mehr genug Muskelkraft, um sich selbst zu drehen oder so hinzulegen, dass es ihm gut tut. Ganz dünn ist er geworden, wie ein Kriegsgefangener, nur noch pergamentene Haut über Knochen, die Knie dicker als die Oberschenkel. Ich versuche, ihn umzulagern, es gelingt mir nicht. Es gibt nur noch so wenig, was ich für ihn tun kann.

Es ist Abend geworden und ich rufe eine Pflegekraft, damit sie ihn umbettet und seine Windel wechselt. Heute ist es eine Frau, die in Bosnien geboren und aufgewachsen ist. Während der Fußball-EM hat sie mir immer von ihrer Mannschaft erzählt, und dabei Deutschland und Bosnien gleichzeitig gemeint. Während sie ihn windelt, hänge ich vor der Tür rum und merke, wie sehr ich innerlich erschöpft bin. Ich kann absolut keine Freundlichkeit mehr für sie oder ihre Kolleginnen aus dem Pflegeteam mehr aufbringen, obwohl sie es verdient hätten.

Dann verabschiede ich mich von meinem Vater, der schon beinahe eingeschlafen ist, und mache mich auf den Heimweg. Die Sonne geht unter und hinterlässt einen tiefblauen Himmel mit Wolkenbergen. Kate Bush singt, beruhigend und zart, aber ich werde immer bitterer, wütender, frustrierter, zorniger. Ich beschließe, jetzt sofort von der Autobahn abzufahren, obwohl ich nicht mehr viel Benzin habe. Ich biege mal links ab, mal rechts, fahre über die Landstraße, in der Ferne ein Wetterleuten. Ich lasse die Fenster herunter, es riecht nach Wiese und Wald und Fichtennadeln. Immer mal wieder zirpt eine Grille, so spät noch im Jahr. Ganz kurz blitzt in mir die Erinnerung auf an glückliche Tage, während mein Navi verzweifelt versucht, den Weg zurück zu berechnet. Als ob es den noch gäbe.

Mir begegnen große Landmaschinen und Traktoren, irgendwo wird im allerletzen Licht noch geerntet. Einmal geht es nicht weiter und ich wende auf einem Parkplatz, auf dem ein Wohnmobil steht. Davor sitzt eine Frau auf einem Stuhl und hält ihren Hund am Halsband fest, der mein Auto interessiert beäugt. Im erleuteten Wohnmobil werkelt ihr Mann in der Küche. Ich fahre weiter, durch Dörfer und Industriegebiete. An einem Zaun ist ein Lama angebunden (oder ein Alpaca?), das zu einem kleinen Zirkus gehört. Dann komme ich an einen Kreisverkehr und fahre zweimal rund herum, bevor mir die Metapher zu blöd wird und ich wieder Richtung Frankfurt fahre. Es wetterleutet hell und immer häufiger, ich komme dem Gewitter immer näher, bis ich schließlich mittendrin bin. Dicke, fette Tropfen knallen auf meine Windschutzscheibe. Es ist schwierig zu fahren, man sieht kaum was und ich zähle die Kilometer runter. Dann bin ich zuhause. Es nieselt. Meine Tankanzeige blinkt.

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