Mit Titel

Angenommen, mein Doktortitel säße mir gegenüber, als Person, dort auf dem Stuhl an dem Tisch, an dem ich gerade sitze. Blass sähe er aus, der Titel, schmal und ein wenig verlottert, wie das halt ist mit Kellerkindern.

Ich arbeite in einem völlig anderen Bereich als in dem, in dem ich promoviert habe. Konsequenterweise trage ich beruflich meinen Doktortitel nicht. Das war zunächst notwendige Überlebensstrategie und hat sich dann so eingeschliffen. Die gute Nachricht ist: inhaltlich geht es aufwärts, seit ich vor fast einem Jahr den Arbeitgeber gewechselt habe; ich mache dort komplexere Aufgaben und bin zunehmend die Frau für Spezialaufgaben. Das macht zum einen sehr viel Freude. Zum anderen erhoffe ich mir, in absehbarer Zeit einen Spezialtitel tragen zu dürfen. Diesem würde ich dann meinen Doktortitel voranstellen. Nix mehr Kellerkind!

Ich werde dazu das Gespräch mit meinem Chef suchen, und habe davor ganz schön schiß. Ich hab Schiß, dass ich zu emotional werde, weil das Thema mir manchmal vom Solarplexus aus die Brust hochkommt, bis in die Kehle, bis in die Tränendrüsen. Ich hab Schiß, dass ich in diesem Gespräch, das ja ein Dialog sein wird, Dinge hören werde, die mir nicht passen. Zum Beispiel: nein, es geht nicht, es sind nicht die Rahmenbedingungen vorhanden. Dann müsste ich gehen, hätte wieder viel Kraft investiert, viel Leistung erbracht, nicht viel dafür zurückbekommen. Oder: ja, schon, aber noch nicht jetzt. Dann muss ich mich in Geduld üben, was mir sowieso schwer fällt, und umso mehr, weil ich ja immer glaube, zu wenig Zeit zu haben. Und ich gehe das Risiko ein, dass es etwas später wiederum heißt: ja, schon, aber auch jetzt noch nicht. Es schnürt mir die Kehle zu, wenn ich mir das vorstelle, denn dieses Spiel habe ich mit meinem Doktorvater bis zum bittersten Ende gespielt: noch drei Monate, dann kannst du abgeben. Noch dieses Experiment, dann.. jetzt solltest du aber noch dieses.. ja, aber jetzt musst du nochmal…

Es sind andere Zeiten, und ich bin eine andere, die Machtverhältnisse sind weniger absolut, ich habe mehr Möglichkeiten. Der Kopf weiß das, ich könnte sowas von cool bleiben, aber das Herz und die Kehle, bei denen ist es noch nicht angekommen.

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