ein guter Platz

Sheldon Cooper, eine Figur aus der Serie The Big Bang Theory, hat ganz genaue Vorstellungen, welcher Sitzplatz auf der Couch für ihn der richtig ist. Ich habe ganz genaue Vorstellungen, wo ich gerne in der U-Bahn sitze: im mittleren der drei Wagen, auf einem der drei Klappsitze, parallel zur Fahrtrichtung. Ich könnte jetzt die genauen Gründe aufführen, weshalb dieser Platz mein perfekter Platz ist, aber ich will auf etwas anderes hinaus. Nämlich auf die unbeabsichtigte Nebenerscheinung, dass ich an der Station Hauptwache einen exzellenten Blick auf eine Treppe habe, die die S-Bahn mit der Mitte des U-Bahn-Steigs verbindet. Meist gibt es dort nichts besonderes zu sehen, manchmal hektisch rennende Menschen, manchmal solche, die von außen auf den Türknopf drücken, während die U-Bahn schon weiterfährt, und zurückgelassen werden. Man muss kein Mitleid mit ihnen haben: die nächste kommt in zwei Minuten.

Nur ein Typ, der wird mir in Erinnerung bleiben. Mitte dreißig, kein Anzug, sondern legere Kleidung, schlacksig. Er kommt die Treppe runter, während des Gehens ein Buch lesend. Sein Schritt bleibt gleichmäßig, er beschleunigt kein bisschen, tritt in die U-Bahn, die Türen schließen hinter ihm. Er setzt sich mir schräg gegenüber, und liest ohne Unterbrechung, konzentriert und ohne hochzuschauen. An der Leine führt er einen alten Hund, ein gelber Mischling, mittelgroß, die Schnauze grau, die Bewegungen steif und von den Schmerzen des Alters gezeichnet, die Augen trüb, vielleicht schon blind. Der Hund drückt seine Nase gegen den Schenkel des Mannes. Es ist ein kurzes, eingespieltes Zeichen der beiden. Dann beginnt der Mann, den Hund zu streicheln, mit drei Fingern in kleinen Bewegungen am Kopf, massierend wie Shiatsu. Durch den Hund geht eine Woge der Wonne, er ist so glücklich, dass es eine Freude ist, ihn anzusehen.

Zwei oder drei Mal sind wir zusammen U-Bahn gefahren, und ich halte noch immer ein wenig nach den beiden Ausschau.

 

2 Gedanken zu „ein guter Platz

  1. Das ist ein sehr schönes Bild, das Sie gezeichnet haben. Der Anblick alter Hunde – auch alter Menschen – die in guter, fürsorglicher Gesellschaft sind, rührt mich immer. Mein Hund wurde recht alt – nicht ganz so alt, wie ich es ihm abverlangen wollte. Dieses Gefühl des absoluten Vertrauens, der Zugehörigkeit und Selbstverständlichkeit auch im pflegebedürftigen Alter hatte für uns beide einen hohen Wert. Noch immer erinnere ich mich an alle seine Lebensphasen, vom Babywelpen, dem jungen Kerl bis hin zum alten zerbrechlichen, liebesbedürftigen Männchen, das nicht mehr allein ins und aus dem Auto springen konnte.
    Ich wünsche Ihnen, dass Sie die beiden noch viele Male sehen werden – und dass es Ihnen gut tut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.