Marcel

Mit meiner Wohnung bin ich so mittelmäßig zufrieden. Die Küche ist viel zu klein, und ich wünsche mir ein drittes Zimmer. Die Umgebung ist ein bisschen Ghetto, aber noch sind die Drogendealer auf der anderen Seite der Gleise, und an die sehr laute, kinderreiche, rumänische Familie im Nachbarhaus, die in Autoschiebereien verwickelt zu sein scheint, habe ich mich irgendwie gewöhnt. Dafür ist die Nahverkehrsanbindung gut, das Viertel gleichzeitig einigermaßen ruhig, das Haus hat einen Aufzug, die Miete ist okay und ich liebe das Parkett, den Balkon und die bodentiefen Fenster mit Sonnenuntergangsblick.

Lange war alles okay. Unter mir wohnte ein sehr stiller, sehr hagerer Pflanzenliebhaber, der seine Wäsche zum Waschen immer zu Mutti gebracht hat. Leider war er auch sehr sparsam, und zwar so sparsam, dass er sich ein Häuschen gekauft hat und ausgezogen ist. Mit dem Nachmieter hatte ich zunächst indirekt Kontakt, und zwar fuhr ich am Tag seines Einzugs mit seiner Mutter Aufzug. Der Aufzug ist sehr klein; er ist ungefähr dasselbe Baujahr wie ich, und weil es nicht jedem oder jeder liegt, mit Wildfremden auf einem Quadratmeter Grundfläche Aufzug zu fahren, fragte ich die Dame, mehr aus Höflichkeit: „passen wir da rein?“. Sie bejahte, wir stiegen in den Aufzug, und dann brach eine Tirade über mich hinein: Abnehmtipps über Abnehmtipps, eine Bekannte von ihr hätte Hashimoto, ich solle mich doch unbedingt auch einmal untersuchen lassen… Ich channelte den inneren Europachef und wiederholte mantraartig „das interessiert mich nicht!“ (was übrigens der Wahrheit entspricht). Wir stiegen deutlich weniger freundlich aus dem Aufzug aus, als wir eingestiegen waren. Alter! So hart bin ich wegen meines Übergewichts nicht mehr gedisst worden, seit in den späten Neunziger Jahren des letzten Jahrtausends ein Zwölfjähiger vor einem Supermarkt über mich sagte: „guck mal, die dicke Frau isst Schokolade!“.

Marcel heißt er, mein neuer Nachbar. Er hat, was seiner Mutter ja anscheinend sehr wichtig ist, einen durchtrainierten, sportlichen Körper, aber ansonsten läuft es nicht so gut für ihn. Seit Weihnachten streitet er sich immer wieder mit seiner Freundin; sie brüllen sich so laut an, dass ich, Übergewicht und alles, auf meiner Couch so sehr zusammenzucke, dass ich einen Moment lang in der Luft schwebe. Es werden Türen geknallt, Stühle umgeworfen, Geschirr vom Tisch gefegt, tätlich wird eher sie als er, und schreit dann doch: „fass mich nicht an!“. Dann rennt einer von beiden aus dem Haus, und es ist Ruhe, bis zum nächsten Mal. Zwischendrin war es auch mal aus zwischen den beiden, dann hat er gekifft, jeden Abend, und war auch sonst öfter mal auf der anderen Seite der Gleise. Die Nachbarin von gegenüber erzählt, dass es auch eine andere gab, und mit ihr ebenfalls Streit, Gewalt, mitten in der Nacht, er sei gegangen und die Frau, die hätte lange, lange, lange geduscht. Jetzt wieder die Ursprüngliche, deren sich im Streit hysterisch überschlagende Stimme mir schon vertraut ist. Letzte Nacht die große Aufführung: sie brüllen sich an, er weint und schluchzt erbärmlich, er hat wohl gelogen, es geht um Waffen und Fußtritte ins Gesicht.

Mit meiner Nachbarin habe ich darüber gesprochen, was man unternehmen könnte. „Nichts“, meinte sie. Protokoll führe ich schon, nun sollte ich eigentlich das Gespräch mit ihm suchen, aber ich bin ein bisschen feige. Vielleicht zu Recht.

2 Gedanken zu „Marcel

  1. Ja das myteriaum der Nachbarn durfte ich auch schon ein wenig kennen lernen. Kann wohl froh sein das ich den Neben mir nur dann höre wenn seine Freundin vorbei kommt und entweder lacht oder stöhnt.
    Irgendwie auch schön zu wissen das ein gut durchtrainierter Körper keine garantie für ne Freundin ist die einen nicht anschreit.

  2. Was ist das Wunschziel Ihrer Kontaktaufnahme?
    Änderung des Geräuschpegels oder Hilfe für den durchtrainierten Marcel?
    Die aufzugfahrende Mutter weckt in Ihrer Schilderung die Idee, Marcel sei nicht ganz so zufällig Opfer der „schlagenden“ Frauen. Klingt so nach multiplem Entzug von verschiedenen, verflochtenen Abhängigkeiten.
    Zweck und Mittel in Relation zueinander: Vielleicht braucht Marcel eher fachliche (psychologische) Hilfe (Notrufnummern? Telefonseelsorge? Psychologische Beratungsstellen?) Wenn er dann nicht von sich aus zugreift, hilft sowieso nichts.

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