Tankstellenblues

In der Anonymität der Großstadt gibt es Menschen, denen man, ohne es zu planen, immer wieder begegnet: die blonde Frau mit dem Fahrrad, der Leiter des Supermarktes um die Ecke, der großgewachsene Rezeptionsmitarbeiter des Bankenturms, die Postmitarbeiterin mit dem Schlüssel zum Tresor. Wir sind nicht bekannt, schon gar nicht befreundet, und haben doch immer wieder miteinander zu tun.

Zu dieser Gruppe von Menschen gehört auch der Mann von der Tankstelle. Er ist etwa in meinem Alter, etwas pummelig, und sein zunehmender Haarverlust hält ihn nicht davon ab, sein Haupthaar in einem langen, fettigen Pferdeschwanz zu tragen. Ich hasse ihn. Für meine persönliche Abneigung habe ich gute Gründe. Zum Beispiel seine hochherrschaftliche Haltung: er ist Fürst dieser Tankstelle, dies ist sein Reich, das ich nun betreten habe. Ich möchte zahlen? Nun ja, seine Majestät wird es in Erwägung ziehen. Kommt es dann zu einer Transaktion, wird diese meist begleitet durch „lustige“ Sprüche (in hessischer Sprachfärbung) oder noch schlimmer – Belehrungen.

Nun könnte ich natürlich auch woanders tanken. Aber es ist die nächstgelegene Tankstelle, und an der anderen Tankstelle sind, weil das Benzin 1 Cent billiger ist, immer lange Schlangen. Und so ist jene Tankstelle über die Jahre zu einem vertrauten Ort meines Kummers geworden. Denn ich tankte dort fast ausschließlich, bevor ich mich auf den Weg zu meinen Eltern machte, zweihundert Kilometer weit, an Freitagabenden oder Samstagmorgenden, immer ein wenig zu spät dran, und immer mit Sorgen im Herzen, Gedanken im Kopf. Wie wird es meinem Vater gehen? Wird er aggressiv sein oder teilnahmslos? Wie ist seine körperliche Verfassung, was geht nun auch nicht mehr? Wie wird die Betreuungssituation sein, welche Kämpfe werden auszufechten sein? Wie wird es meiner Mutter gehen? Wird sie wieder davon sprechen, an einem Tag mit Minustemperaturen in die Berge zu gehen, sich hinzulegen und auf den Erfrierungstod zu warten? Und wie geht es mir, in meiner stetigen Verwaltung des Mangels, zu wenig Zeit, zu viel Arbeit, zu viel zu tun, hochfunktional durch das Meer an Krisen.

So stapfe ich dann zum Tankstellenhäuschen, bittebitte, heute mal ein anderer Mitarbeiten, und sehe den Tankstellenmann mit seinem Pferdeschwanz, und denke: wenn du mir jetzt einen Spruch drückst, Alter! Denn ich habe den Punkt erreicht, an dem ich nichts mehr ertragen kann, keinen Witz, kein Wort, kein Sandkorn.

Vorgestern war ich wieder dort, ziemlich entspannt, für meine Verhältnisse, schlenderte zwischen den Tankstellen gen Kasse, jemand hatte einen wirklich sehr schönen Hund an einen Laternenpfahl angebunden, oh so ein Hund, dachte ich, mit seinem weichen Fell, eines Tages zu meinen Füßen liegend.

Der Mann von der Tankstelle war freundlich und leicht gelangweilt, die Transaktion wie ein eingespielter Tanz, er weiß genau, dass ich mit Karte zahle, wir verabschiedeten uns nondeskript.

Vielleicht ist in seinem Leben auch etwas passiert, hat seine Arroganz, hinter der wohl auch eine Unsicherheit steht, abgemildert, hat ihn entbunden von dem Druck, immer lustig sein zu müssen. Man weiß ja nie, was in den Menschen, denen man so begegnet, vorgeht, und was sie gerade so erlebt haben.

 

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