Jahrmarkttricks

Die Haare von Frau Novemberregen stehen heute auf der rechten Seite (also von mir aus links gesehen) beinahe rechtwinklig ab, als hätte sie sie sich an diesem Mittwoch schon mehrfach und mit zunehmender Verzweiflung gerauft. Ich glaube, Frau Novemberregen würde manchmal gerne mit Profis arbeiten. Indes, die Welt und insbesondere die Bankentürme sind voller Schlawiner, und dazwischen hier und da eine Diva und ein Clown.

Hinter Frau Novemberregen sitzt ein großer Teddybär, wie man ihn manchmal auf dem Rummel gewinnen kann. Ob sie ihn wohl von dort her hat? Ich kann mir nicht so richtig vorstellen, dass Frau N. Spaß an Jahrmarktspielen hat, wo einem das Geld aus der Tasche gezogen wird, und mit gezinkten Karten, gefälschten Losen und festgeschraubten Konservendosen gearbeitet wird.

Im Schoß des Teddys liegt hin und wieder einmal eine ihrer beiden Katzen, deshalb hat sie ihn, damit sich die Katzen nicht einsam fühlen, wenn niemand zuhause ist, um mit ihnen zu kuscheln. Jetzt gerade liegt keine darin, und ich sehe einen Katzenschwanz, interessiert zu einem kleinen ? geformt, auf dem Weg auf den Balkon durch die offene Balkontür, links von Frau N. Also von mir aus gesehen rechts.

Was Frau N. auch ein bisschen stresst, das ist die Gemüsekiste: es kam ein sehr großes Brot und insgesamt eine recht große Menge an Gemüse, so dass Frau N. jetzt Platz im Kühl- und Gefrierschrank schaffen musste und in absehbarer Zeit ein Eis verzehren muss, sowie Wassermelone, Bananensmoothie, Schlangengurke, und ein paar Äpfel wären auch nicht schlecht.

Frau N. wohnt ja mit einem Teenager und einer weiteren Person zusammen, und insbesondere die Verzehrmengen des Teenagers sind wohl sehr unvorhersehrbar – und hängen natürlich auch start von der An- und Abwesenheiten jenes Teenagers ab.

Frau N. und ich haben uns bereits am Montag gesehen. Es war – wir haben das soeben noch einmal in einem kurzen Gespräch überprüft – das erste Mal seit Corona, meint das erste Mal seit Ende März. Wir hatten das aber beide gar nicht mehr präsent, wahrscheinlich, weil wir praktisch dauern in Kontakt sind: nicht nur einmal die Woche per Video zum bloggen, sondern aus verschiedenen Anlässen auch dazwischen per Video, täglich per Twitter, manchmal per WhatsApp, oder wir rufen uns im Büro an. Frau N. hat kürzlich sogar begonnen, mir beruflich klingende Emails auf meine berufliche Email-Adresse zu schreiben.

Jetzt gerade tippt Frau N. gar nix. Sie tippt normalerweise sehr laut, KLACK KLACK KLACK, wie ein kleiner Hagelsturm, das kann man gar nicht verpassen. Jetzt gerade isst Frau N., es muss nämlich auch die Ananas weg, mit Ahornsirup. Zum Abendessen gab es Bohnensuppe mit Paprika, scharf angebratener Chorizo und Tabasco. Nicht mein Ding, aber ich habe ja auch nicht mitgegessen.

Am Montag haben Frau N. und ich uns zum Lunch getroffen. Frau N. trug eine ankle length Hose, die ich hasse und die sie liebt. Wir haben früher Hochwasserhose dazu gesagt. Um mich noch weiter zu quälen, hatte Frau N. die Hose mit Schnürschuhen kombiniert und trug Söckchen dazu, die halbtransparent, schwarz gepunket und mit umgeschlagenen Ringelsaum verziert waren. Auf Knöchelhöhe natürlich.

Frau N. hat einen Stylisten, einen virtuellen natürlich, der Zeit angemessen. Er arbeitet für ein großes Versandhaus, das zwei gaunerhaften Brüdern gehört, die einst mit einem blauen Frosch auf einem Motorrad berühmt geworden sind. Frau N. hat einige Zeit überlegt, ob es den Stylisten wirklich gibt, oder ob es sich um eine AI handelt, aber es scheint tatsächlich ein Mensch zu sein. Man denkt sofort an einen prekär lebenden Hipster in Berlin, der auf seinen großen Durchbruch mit irgendwas anderem wartet, unter Mindestlohn verdient und nebenbei schwarz kellnern geht.

Jedenfalls: Frau N. und ich waren am Montag essen. Da ich Lust auf Burger hatte, sind wir einen Burger essen gegangen. Der Burgerladen hatte ein recht durchdachtes Hygienekonzept: am Eingang hat eine Frau kontrolliert, dass nur hineinging, wer seine Kontaktdaten abgegeben hatte und eine Maske trug. Kontaktdaten konnte man auch über eine App abgeben, die man sich per QR-Code laden konnte. Mit einem Kärtchen wies einem die Frau dann auch direkt einen Tisch zu. Bestellen durfte man wie immer an der Theke. Die Bestellung wurde einem dann an den Tisch gebracht, die Stationen für Ketchup und Mayo waren abgebaut, das gab es jetzt auch in der Tüte. Burger mit Pommes ist übrigens kein so gutes Coronaessen, weil man beides ja gerne mit der Hand essen möchte. Ich konnte mir die Hände aber mit Desinfektionsgel desinfizieren, und auch Besteck gab es auf Nachfrage. Der Burger war sehr gut, die Pommes etwas labbrig, und mir hat es an Mayo gefehlt.

Wir saßen natürlich draußen, an dem uns zugeteilten Tisch, und wurden während der relativ kurzen Zeit drei Mal angebettelt: ein mal von einem Drogensüchtigen auf Entzug (mit Beschimpfung), zwei mal von derselben Sintifrau (Frau N: „Sie waren doch gerade eben erst hier!“). Corona muss sehr hart sein, insbesondere für die Drogensüchtigen, denn wie bei Trockenhefe und Klopapier gibt es auch hier eine Lieferkette, die es ganz schön durcheinander gewirbelt hat; außerdem wie in der Gastronomie einen sehr starken Rückgang der Einnahmequellen.

Ich muss es neu lernen, das essen gehen, die neuen sozialen Spielregeln. Als wäre ich in einem neuen Land. Es ist nicht schwer, und ich fand, dass sich am Montag auch alle sehr bemüht haben, auch wenn niemand perfekt war. Aber eben noch alles sehr ungewohnt.

Den Rest der Woche viel Regen. Ich mag das gerne, wenn die Stadt still wird, reingewaschen, das tock tock tock auf dem schwarzen Regenschirm. Überhaupt hat sie mir gefehlt, zumindest ein bisschen, diese Stadt mit mir darin, und das Büro, und der Lunch mit Frau N. oder Sarah oder Francine oder meiner syrischen Freundin. Nice little restaurants where they know your name.

Gestern noch bis spätabends mit der Geschäftsführung zusammengesessen, bisschen Abstand, ein lockeres gleichschenkliches Dreieck. Die Wolken verschwinden, die Abendsonne scheint goldenes Licht in das Büro des Geschäftsführers. Unsere Themen sind dunkel, nein, pechschwarz, aber wir lachen, so wie man es nur kann, wenn alles sehr bitter ist. Könnte sein, dass das hier alles bald vorbei ist, denn wir werden wohl in einem anderen Land einen Vorturner bekommen, mit dem nicht gut Kirschen essen ist – nein, schlimmer: vor dem wir keine Achtung haben. Es gibt Videokonferenzen zum Thema Cost Savings, und in anderen Ländern brennen die Banken.

Aber jetzt blinken die Lichter, bunt, ich habe eine Zuckerwatte in der Hand, und das Riesenrad dreht sich. Mal ist man oben, dann wieder unten. Dann wieder oben, und immer so weiter, und weiter, und weiter.

Bis das Licht ausgeht.

14 Gedanken zu „Jahrmarkttricks

  1. Zitat: „Es ist nicht schwer, und ich fand, dass sich am Montag auch alle sehr bemüht haben, auch wenn niemand perfekt war. Aber eben noch alles sehr ungewohnt.“

    Genaus DAS macht mir Angst: Wir alle passen uns an. Niemand (oder zumindest zu wenige) hinterfragt die Vorgaben „von oben“. Macht das alles Sinn?

    Was, wenn als nächstes jegliche Kontakte im Prvaten verboten werden – ist das dann auch einfach nur ungewohnt, aber wir machen es natürlich treudoof mit?!

    Fragen, ohne Antworten…

    Beängstigend…

    • Ich glauben Sie sind wenig draußen unterwegs oder schauen dabei nicht so viel herum, wenn Sie annehmen, Vorgaben würden nicht hinterfragt.
      Was denken Sie denn: welche Vorgaben haben einen Sinn, welche nicht, warum, wo gibt es evtl Grauzonen?

      • Natürlich werden die Vorgaben hinterfragt und ignoriert, wo möglich. Habe ich das Gegenteil behauptet?
        Trotzdem ist die große Mehrheit still und fügt sich soweit nötig, aus Angst bei Kritik in die rechte Ecke gestellt zu werden (da mag es zwar Schnittmengen geben, aber Pauschalbeschimpfungen seitens vieler Medien – man denke an die diversen Demos vor BLM – sind nun ja…).
        Welchen Sinn hat es, eine Wirtschaft und somit auch unseren Wohlstand zu ruinieren? Dies wird am Ende mehr Opfer fordern, als Corona selbst – hier wäre von seiten derer, die den Überblick haben sollten (Regierung?) mehr Augenmaß gefordert.
        Ganz ehrlich: Wenn ich in Ihrem Blog lese, wie Sie im Büro vorgegangen sind (Sie hatten da nen interessanten Artikel), hatten Sie MEHR Durchblick und Augenmaß als unsere Politiker. Aber womöglich lassen Sie auch Sachverstand vor Lobbyismus zu…

      • Ich hatte aus Ihrem Kommentar tatsächlich „wir alle“ und „niemand“ herausgelesen.

        Um auch mal was Pauschales zu sagen: Personen, die ihre Meinung aus Angst vor Kritik nicht sagen, kann ich generell nicht Ernst nehmen.

        Da Sie mir nicht verraten wollen, was Sie für angemessen halten und was nicht gehe ich mal in Vorleistung: ich fand die Maßnahmen und auch die Lockerungen bisher angemessen. In unserem Geschäftsfeld haben die Maßnahmen zugegebenerweise auch viel Spielraum gelassen und ich war froh, dass wir das Büro nie komplett schließen mussten, dass immer Bahnen fuhren, dass es eben keinen wirklichen Lockdown gab. Und ich halte es wirtschaftlich für absolut wesentlich, dass es keinen Lockdown gibt und dazu gehört auch, dass es keine zweite Welle gibt. Dazu trage ich bei, was mir möglich ist, trage halt eine Maske und fasse weniger Personen außerhalb meines Haushalts an und sorge auch im Büro dafür, dass sich innerhalb des Büros hoffentlich niemand infiziert (außerhalb kann ich das ja nicht beeinflussen).

        Freut mich, dass der Artikel Ihnen gefallen hat.

  2. Weshalb haben Frau Novemberregen, Sarah und Francine Eigennamen hier im Blog – doch die syrische Freundin bleibt die Syrische Freundin?

    • Frau N. und Francine tragen ihren Twitternamen. Sarah heißt tatsächlich so. Der Name der syrischen Freundin ist selten und würde es leicht machen, sie und mich zu identifizieren.
      Sie spielen sicher darauf an, dass ich die Nationalität der Freundin als Identifier gewählt habe. Es ist tatsächlich so, dass dies ein definierendes Merkmal dieser Freundin ist, und zwischen uns oft Gesprächsthema. Aber – da haben Sie recht – es ist bei weitem nicht das einzige, was sie ausmacht.

      • Geben Sie der Freundin doch einfach einen Allerweltsnamen. Scheinbar wittert hier „Ume“ Rassismus, weil Sie die Herkunft der Freundin herausstellen.
        Kranke Zeiten, kranke Menschen.

  3. Wegen des neuen Chefs im anderen Land: Heißt es tatsächlich vor dem wir keine Ahnung haben – hält er Sie also alle prinzipiell für ahnunglos, weil er jemand ist, mit dem nicht gut Kirschen essen ist – oder doch von dem wir keine Ahnung haben? Die erste Variante wäre wirklich übel.

  4. Sie haben mit Ihren Vermutungen über die Stylisten ins Schwarze getroffen. Meine Schwester hat diesen Job, als einen von mehreren, ein paar Monate gemacht. Es ist eine freiberufliche Tätigkeit und sie erhielt eine geringe Provisionssumme für die verkauften Kleidungsstücke.

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