ein Tor

Frau Novemberregen isst einen Burger, und ich nicht. Mit Süßkartoffelpommes.

Ich arbeite. Dann gehe ich ins Bett, stehe auf, und arbeite. Gehe ins Bett, arbeite, stehe auf. Und arbeite. 150 Emails gerade pro Tag. Heute fünf Videokonferenzen, und diverse Anrufe in den kleinen Pausen dazwischen. Und ganz am Schluß noch diese eine wichtige Email geschrieben, sonst nichts erledigt bekommen.

Gutes Gespräch mit meinem Mentor gehabt, in den Abendstunden, während er mit seinem Hund durch den Regen spazierte. Ich brauche eine Assistent:in, meint er, nur woher nehmen und nicht stehlen. Hiring freeze.

Wenn ich ehrlich bin, dann wüsste ich schon, wie ich es mache. Mich zu entlasten, und mehr an andere delegieren. Mir fehlt nur gerade die Zeit und die Kraft, dies als noch ein weiteres, neues Projekt aufzusetzen und auszuführen. Und vielleicht ist da noch etwas anderes, das mich hindert, das mich zögern lässt.

Jeder Entwicklungsschritt ist wie ein Durchschreiten eines Tores. Ich stelle mir da immer eine Stadtmauer vor, und ein schmales, mittelalterliches Stadttor. Davor der Torwächter. Er hält die Hand auf. Was bist du bereit, zu geben?

Die Waschmaschine von Frau N. schaltet in den Schleudergang, ein Geräusch über meine Kopfhörer, das schneller und schriller und höher wird, ehe es aus dem Bereich der akustischen Wahrnehmung verschwindet.

Mit meinem Chef über die Zukunft der Arbeit gesprochen. Dass wir alle mehr und mit größerer Selbstverständlichkeit remote arbeiten werden, scheint selbstverständlich. Es werden auch Jobs verschwinden, neue hinzukommen. Deloitte sieht den Zuwachs ja vor allem bei den pflegenden und lehrenden Berufen, ich bin gespannt. Ich glaube eher an Lieferservice und Logistik. Meine persönliche These ist ja, dass alles, was im (hochqualifizierten?) Bereich an Automatisierung und Technologisierung an Zeit eingespart wird, sofort durch Bullshitjobs und Bullshitaufgaben ausgefüllt wird. Niemand braucht die 40-Stunden-Woche. Aber das System verlangt, dass die Leute von der Straße weggehalten werden. Weniger wegen der Obdachlosigkeit, mehr wegen den Demonstrationen. Die Berufswelt als Aufbewahrungsort, alle ordentlich einsortiert ins Regal. Wer hat da noch Zeit für den Umsturz? Ich habe nur noch Kraft für TikTok, konsumierend.

Vor einer Dekade oder mehr war ich einmal arbeitslos, fast ein Jahr. Ich wusste nicht, dass es so lange sein würde, ich dachte, mittendrin, es ginge nur noch ein paar Wochen so. Ich wünsche mir manchmal, ich hätte gewusst, dass es länger geht, und die Zeit anders genutzt, mehr verändert, Sprachkurs, Arbeit am Selbst, was erlebt. Aber die Tage vergingen, einer wie der andere, und ein Lebensjahr verschwand.

Hans Rosenthal hat sich mehr als zwei Jahre vor Verfolgung und Deportation in einer Kleingartenanlage versteckt. Er hat in seinem Buch geschrieben, dass er das Ganze nur aushalten konnte, weil er, als er ’43 in den Untergrund ging, annahm, dass der Krieg in maximal sechs Wochen vorbei sei. Ich habe ein ganz großes Unbehagen bei diesem Vergleich, denn es lässt sich nicht vergleichen, nichts davon, bis auf diese Kleinigkeit: dass wir alle auch jetzt auf diesen Horizont hinarbeiten, sechs Wochen, und uns nicht vorstellen können, nicht daran denken dürfen, dass es länger dauern könnte.

Sie quietscht und schrillt wieder, die Waschmaschine von Frau N. Der Burger war okay, so 80%, Lieferservice eben, sagt sie.

Wenn ich jetzt wüsste, ganz genau, wie lange es noch dauert, was würde ich dann machen mit meiner Zeit? Und jetzt sagt nicht, man kann ja eh nichts machen. Ich könnte eine Menge machen. Aber ich arbeite, und ich schlafe, und sonst nichts. Das ist das Problem.

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