milder Verlauf

Ich konnte es bislang vermeiden, COVID zu bekommen, sagt der Kollege aus dem Königreich zu mir. Die Marker wandeln sich. Wir haben gar kein Wort für sie, die Nicht-Infizierten, die Noch-nicht-Infizierten. Sie sind bald in der Minderheit.

Ab März muss der Kollege wieder ins Büro, dreimal die Woche mindestens, die Abteilung teilt sich einen Raum. Es sind fünf oder sechs oder sieben. Am 27.01. wurden alle Schutzmaßnahmen landesweit fallen gelassen. Homeoffice wird nicht mehr verlangt, und Masken nur noch freundlich empfohlen, vielleicht in der Tube oder so.

Er geht davon aus, meint der Kollege, dass er sich dann in den nächsten Monaten anstecken wird. Vielleicht wird’s ja ein milder Verlauf.

Boris Johnson hat heute sorry gesagt, für die Parties während des Lockdowns. Die Supermarktregale wären aber wieder voller, erzählt der Kollege, trotz 19 Stunden Wartezeit in Dover für die Lastwagen.

Deutschland zählt die COVID-19-Infektionen noch weniger genau als bisher und testet weniger, berichte ich. Der Kollege meint, bei ihnen werden keine Reinfektionen mehr gezählt, sondern nur noch die erste Infektion. Auch eine Art, die Zahlen zu schönen.

Ich versuche zu recherchieren, wie oft man COVID bekommen kann. Es gibt einige, die Wildtyp oder Delta hatten, und jetzt Omicron trotz Impfung. Kann man mehrfach Omicron bekommen? Omicron und dann diese neue Subvariante, B.2?

Es ist zu deprimierend, darüber nachzudenken. Ich halte mich daran fest, dass es besser wird, wenn wir erst durch die Wand von Omicron durch sind, wenn es wieder wärmer wird, wenn sich der Virus totgelaufen hat, wenn der Omicron-Impfstoff da ist, oder wenn ich zum vierten Mal geimpft bin.

Ich habe eine andere Zeit im meinem Leben schon einmal mit solchen Durchhalteparolen durchgehalten. Es war keine gute Zeit, es hat mich viel gekostet, und es hat mich beschädigt.

Manchmal wundere ich mich ein bisschen, dass wir alle noch morgens aufstehen, uns anziehen, und Büro spielen. Es ist das oder durchdrehen, wahrscheinlich.

Absurd, das alles.

2 Gedanken zu „milder Verlauf

  1. Absurd trifft es gut. Die Tage werden mehr, an denen ich morgens im Bett das dunkle Grau draussen ahne und denke, wozu aufstehen, der Tag wird exakt so sein wie der gestern und all die anderen Tage seit November, es gibt nichts zu erleben.
    Kleine Inseln sind in Sicht in den nächsten Wochen: ein Abendessen im sehr guten Restaurant, ein Abend im Konzerthaus, im Juni zwei Wochen Italien. Dafür lohnt sich das Durchhalten, das Aufstehen dann doch.

  2. >Manchmal wundere ich mich ein bisschen, dass wir alle noch morgens aufstehen, uns anziehen, und Büro spielen.

    So wie das bei Camus halt auch ohne Pandemie immer ist, insofern trage ich das mit einigermaßen Fassung. Aber ja, muss halt.

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