20

Heute vor 20 Jahren habe ich dieses Blog begonnen, das hier war der erste Eintrag. Ich war Anfang zwanzig, ziemlich verloren, wie das in diesem Alter eben so ist, nach Berlin gezogen, wie alle Leute aus der Provinz, und schrieb so vor mich hin. Natürlich auch wegen Sex, also, um welchen zu kriegen, das hat rückblickend auch ganz gut geklappt. Das mit der Liebe nicht so, vielleicht kann ich dazu in nochmal zwanzig Jahren etwas anderes berichten.

2004 war das Internet noch recht jung, es gab noch kein Twitter, man kommunizierte per Blog oder in den Blogkommentaren und traf sich bei selbst organisierten Lesungen in Hinterhöfen. Als Twitter kam, für mich war das 2007, fingen wir an, dort virtuell abzuhängen, manche der Freundschaften, die sich dort entwickelt haben, halten bis heute. Es ist schade, dass sich mit dem Verschwinden der Plattform auch die Gemeinschaft etwas zerläuft, kann aber gut sein, dass das eher an mir und/oder der Altersphase liegt. Die Zeit wird weniger.

Gerade habe ich wirklich gar keine Zeit, kaum noch, um diesen Eintrag zu tippen. Meine Karriere hat noch einmal einen Sprung nach vorne gemacht und wird mich dieses Jahr ziemlich beanspruchen, bis ich mich auf dem neuen Niveau eingependelt habe. Das Berufliche ist sowieso eine große Überraschung, am meisten für mich selbst. Nach Studium und Promotion gab es einen tiefen Fall, fast ein Jahr, und dann habe ich mir etwas ganz neues aufgebaut, das man die ersten Jahre nur Überleben nennen kann, irgendwann Geld verdienen und erst seit ein paar Jahren Karriere.

Ich habe meinen Vater durch seine Krankheit begleitet bis in den Tod hinein, habe an seinem Sterbebett gesessen, und das war ein viel größerer Meilenstein als alles, was jemals in einem Büro, einem Konferenzraum oder an einer Universität passiert ist.

Im Rückspiegel wirken manche Dinge schlimmer, als sie mir damals vorkamen. Ich habe immer weitergemacht, weitergeatmet, wie damals bei meiner Lungenembolie. Ist ja auch alternativlos.

Vielleicht kommen mir deshalb die schönen Dinge, die ich erlebt habe, ganz besonders schön vor. Mit den Freundinnen auf der Wiese liegen und den Sternschnuppen beim Fallen zuschauen. Im Auto sitzen und über das Leben reden. Die unzähligen Stunden, die mir Novemberregen geschenkt hat.

Und wer hätte gedacht, dass ich so oft The Cure habe sehen dürfen, wirklich schön war das. Und all die Orte, an denen ich war: in der Wüste und im Packeis. Tromsø, Venedig, Oman. Der Zahntempel Buddhas bei Sonnenuntergang. Das Meer. Der Minky Whale, wie er lange mit dem Schiff spielt. Die Golden Gate Bridge, Alcatraz, und dahinter die Fontänen von Blauwalen. Delphine in Venice Beach. Robben, Seelöwen, Seeelephanten. Badeseen und Schwimmflossen. Nice little restaurants where they know your name. Nicht-Orte.

Ich warte auf die Pointe der Geschichte,
die mein Leben ist

aber es kommt keine.

Schrieb ich im Juni 2004. Ich würde das heute so nicht mehr schreiben, dieses Gefühl ist weg. Ich gehöre hier her. Ich bin – ohne genau zu wissen, wie es passiert ist – die Frau geworden, die ich sein will.

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