27/30 – Tempi

Meistens habe ich zu wenig Zeit – ein Zustand, der mich schon sehr lange begleitet. Ich interessiere mich daher schon sehr lange für alles, was mit der Zeit und unserem Umgang mit ihr zu tun hat. Vor einigen Jahren bin ich über einen TED-Vortrag von Laura Vanderkam mit dem ansprechenden Titel „how to gain control of your free time“ gestolpert und musste mich dann leider sehr über den Inhalt aufregen. Besonders empört hat mich das Beispiel einer erfolgreichen Unternehmerin und Mutter, deren Keller überschwemmt wird. Sie findet neben ihrem stressigen Alltag die Zeit, dieses Problem zu lösen. Frau Vanderkam leitet davon ab, dass wir alle ausreichend Zeit für wichtige Dinge haben: wir müssen es nur wollen. Stellen Sie sich hier bitte meinen gequälten Gesichtsausdruck vor.

Mein Keller stand übrigens schon einmal unter Wasser. Ich habe das Problem gelöst, und es war schrecklich anstrengend. Was ich definitiv sagen kann: ich will kein Leben, als stünde ständig mein Keller unter Wasser. Ja, man findet in Notsituationen die Zeit, es ist ja auch alternativlos. Man findet die Zeit, man borgt sie sich von der Nacht, von der Zukunft, von der Gesundheit, und muss sie zurückzahlen mit Zinseszins.

Mit der Zeitersparnis und der Zeiteffizienz ist das ohnehin so eine Sache. Zeit ist ja wie Musik, sie lebt von Tempi-Wechseln: schnell und langsam, leise und laut, pianissimo und forte. Wenn wir die Zeit immer dichter machen, immer enger, dann verlieren wir die Muße, die Langsamkeit, die Wiederholung. Alles wird nur noch Hetze und Zeitdruck.

Anlässlich meines 30-Tage-Blogexperiments habe ich mir den Vortrag kürzlich noch einmal angeschaut. Ich finde ihn weiterhin schwierig, Frau Vanderkam ist mir persönlich ziemlich unsympathisch. Ich stelle gleichzeitig fest, dass ich die Zeit gefunden habe, jeden Tag zu schreiben, obwohl es mir vorher fast unmöglich vorkam.

Woher kommt diese Zeit? Ich habe sie ein bisschen von meinem Schlaf abrasiert. Ich scrolle auch ein bisschen weniger sinnlos auf TikTok rum. Sie kommt aber vor allem daher, dass ich außerhalb meiner Arbeitszeit weniger an die Arbeit denke, und mehr an die Themen, über die ich schreiben möchte. Genauer: ich bleibe an den Themen, über die ich nachdenke und die mich bewegen, länger dran, um sie aufzuschreiben und festzuhalten.

Ich will Frau Vanderkam nicht Recht geben. Ich bin aber auf anderem Wege zu einem ähnlichen Schluss gekommen wie sie: ich habe Zeit für das, was mir wirklich wichtig ist. In meinem Leben ist aber nicht der Klemptner gefragt oder die Feuerwehr, sondern eine kluge Navigatorin, die immer wieder den Standort bestimmt, mit einem Zirkel in der Hand und einer Karte vor sich, und die sich immer wieder fragt: Wo will ich hin?


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