Heute für einen Moment glücklich gewesen.

Manchmal bin ich für einen Moment glücklich, wenn ich von der Arbeit zur U-Bahn laufe: ich spüre ddie Stadt um mich herum, eine geschäftige Metropole; blaue Stunde, die Lichter gehen langsam an und die Türme leuchten; ich rieche den Asphalt und höre das tock tock tock meiner Absätze, und bin ganz da.

Heute fuhr ich im Auto, es war früher Nachmittag, die Sonne schien, der Himmel ganz blau, das erste satte Frühlingsgrün der Wiesen, in meiner Nase der Ledergeruch des Autos und im Radio ein guter Song, und ich war glücklich.

Ich bin überdurchschnittlich oft glücklich, wenn ich unterwegs bin. Es ist diese Art von Unterwegssein, die nichts von einem fordert, außer unterwegs sein: keine Termine, kein Zeitdruck, keine Hektik; keine innere Vorbereitung auf das, was einem am Ziel erwartet. Man kann gar nichts anderes tun.. außer zu sein.

Und ich bin dann einfach, bin glücklich, spüre meine Sinne und eine gewisse Dankbarkeit, weil mir mein Leben priviligiert vorkommt, und weil ich dankbar bin, es leben zu dürfen.

die Stille

Ich liebe meine Wohnung. Das Parkett, der Balkon, die Nachtmittagssonne, die großen Fenster, das frisch renovierte Bad, der Aufzug, warmes Wasser, gute Heizung.
Was ich aber am allermeisten liebe, das ist die Stille. Es gibt sicherlich stillere Orte, aber mir kommt es still vor. Die Straßenbahn hört sich an wie ein Rauschen, und dazwischen ist es so still, dass ich den Lüfter des Notebooks höre oder den Kompressor des Kühlschrankes. Am schönsten ist die Stille, wenn ich sie nicht höre, weil ich schlafe. Kein Basswummern von HipHopBaby, kein Fernseher der Alkoholikerin, keine Polizei mehr, auch kein stilles Erdulden, keine Furcht mehr.
Seit einigen Wochen höre ich aber auch in der neuen Wohnung etwas. Ich höre eine Frau beim Sex. Sie sagt: „es ist so geil! Ja! So geil ist das! So geil! Ja! Das ist so geil!“. Wenn es besonders geil ist, erzählt sie es fünfundvierzig Minuten lang, ohne Pause. Manchmal stöhnt sie auch ein bisschen. Einen Mann hört man nie. Welche Nachbarin das ist, blieb mir bislang verborgen, auch, warum man den Mann nicht hört. Oralsex? Für einen Pornofilm variiert es zu sehr. Eine Webcam oder Telefonsex? Es bleibt ein Rätsel. Nur eines weiß ich: sie begehren einander ziemlich oft – nachts um halb zwei, morgens um fünf, vormittags um neun. Nicht jeden Tag, aber gelegentlich mit nur ein paar Stunden Abstand. Manchmal wache ich auf, das T-Shirt halb hochgeschoben, und höre sie. Manchmal denke ich an Schultern, Schlüsselbeine, Hände zwischen meinen Beinen, und höre sie. Und manchmal fühle ich mich allein, wenn ich sie höre, während ich im Bett liege, der Wand zugewandt, aber meistens muß ich schmunzeln, und kann es ganz gut aushalten.

Es ist eben nichts perfekt, auch nicht die Stille.

Drei Tage, drei Ideen

1) Woher kommt das Bedürfnis, zu prokrastinieren, Dinge aufzuschieben?

Prokrastination ist ein fast schon im Übermaß durchgenudeltes Thema. Dieses Erklärungsmodell kannte ich noch nicht: als Erwachsene/r fehlt uns eine autoritäre Figur, die von uns bestimmte Dinge verlangt – zum Beispiel schreiben. Dabei stimmt das gar nicht: natürlich gibt es jemand oder etwas, dem sich jeder von uns beugen muss: der Zeit. Einen ähnlichen Gedanken hatte ich hier schon geäußert, ich war aber zu ironisch in meiner Haltung, um es ernst zu nehmen und annehmen zu können.
Von der Erkenntnis zur Veränderung ist es ohnehin ein weiter Weg. Vielleicht sollte man regelmäßig vor dem Rechner knien wie vor einem Altar, das Haupt beugen, Demut üben. Die meisten Schreibenden kennen den permanenten Drang, das Textdokument zu verlassen und im Internet zu surfen. Warum ist es so schmerzhaft, zu schreiben? Weil das, was man in Bits und Tinte festhält, niemals so gut sein kann wie das, was man im Kopf hat oder im Herz, wie die Vorstellung von der Geschichte, die man erzählen will? Wie mag es da erst den Filmschaffenden gehen… Ich versuche, zu üben, den Schmerz auszuhalten, zu umarmen, ihn mir wie eine Wolke vorzustellen, zu deren Mitte ich mich bewege. Bislang funktioniert das, und je mehr ich tippe, desto peripherer wird der Schmerz.

2) das Konzept des Schatten

Der Schatten ist ein Teil des Selbst, in dem sich alle negativen Eigenschaften, alle Schwächen und Makel eines Menschen konzentrieren, und den man vor anderen zu verbergen versucht. Gleichzeitig ist der Schatten eine Verbindung zum Unterbewusstsein und verwebt mit Kreativität und Lebendigkeit. Wer seinen eigenen Schatten kennt, schreibt besser Geschichten: Geschichten, die berühren, Tiefe besitzen und bei vielen Menschen Resonanz finden, weil sie von Archetypen erzählen.
Eine dieser Geschichten ist Ursula K. Le Guin’s „Erdsee-Zyklus“: der Zauberlehrling Ged öffnet ein verbotenes Buch, daraus entschlüpft ein Schatten, der nur unter größter Anstrengung von einem Meister zurückgedrängt werden kann. Der Zauberlehrling lernt, wird erwachsen und geht schließlich hinaus in die Welt, um Aufgaben zu meistern. Über allem scheint immer der Schatten zu liegen, eine kaum auszublendende Bedrohung. Eines Tages beschließt Ged, den Schatten zu konfrontieren und zu besiegen. Die beiden jagen einander um die halbe Welt. Schließlich können sie einander nicht mehr entkommen, und Ged gibt dem Schatten seinen eigenen Namen. Er erkennt, dass es sich um einen Teil von sich selbst handelt, und sagt: „ich bin [nun] ein ganzer Mensch, ich bin frei“.*
C. G. Jung, von dem das Konzept des Schattens stammt, begreift die Integration des Schattens in die Persönlichkeit als wichtiges Ziel innerhalb der analytischen Psychologie.

Der Therapeut Barry Michels arbeitet schwerpunktmäßig mit Drehbuchautoren aus Los Angeles. Deren höchste Hürde ist es, ihre Idee für einen Film oder eine Fernsehshow vor Produzenten zu pitchen. Michels schlägt folgende Übung vor:

To help a patient avoid freezing during a pitch—a problem that Michels attributes to trying to hide your Shadow from development executives—he’ll tell him to reassure his Shadow with the words “I love you and I care more about you than I do whether this pitch sells.” That is step one. Then he must invite the Shadow into the conference room, so that together they can address a silent scream—“Listen!”—to the assembled suits. “What it does is assert our—me and my Shadow’s—authority and right to have something to say,” Michels says. The third step takes place afterward, when, regardless of the outcome, the patient thanks the Shadow for its time, so that it knows the ego wasn’t just using it to get money. For writers, the analogy is clear: give the Shadow the respect you long for.

3) Part X

Part X beschreibt jenen Teil der Persönlichkeit, der voller Arroganz, Hypersentitivät und Launenhaftigkeit ist, der will, dass die Welt genau so ist, wie er sie haben will. Der innere Zweijährige, der Wutanfälle bekommt, weil der Trinkbecher nicht die richtige Farbe hat – es fallen einem zahlreiche Hollywoodpersönlichkeiten ein, die einen starken Part X haben. Warum eigentlich? Macht Part X die Menschen erfolgreicher, oder stärkt der Erfolg den Part X? Die meisten von uns müssen sich nämlich irgendwann damit abfinden, dass die Welt nicht so ist, wie wir sie haben wollen. Aber auch ohne ein Hollywoodstar zu sein, kenne ich die Wutanfälle des inneren Zweijährigen: kraftzehrend und völlig sinnlos. Michels meint, Part X sei der Teil in uns, der sich der Veränderung verweigert. Auch gut zu wissen.

Drei Tage, drei Ideen, die ich interessant finde und die viele neue Fragen aufwerfen.

Quellen:
Dieser Eintrag beruht in großen Teilen auf „Barry Michels, Therapist for Blocked Screenwriters“ und zitiert teilweise wörtlich daraus.
Der Erdsee-Zyklus von Ursula K. Le Guin ist bei Amazon zu finden und bei Wikipedia erklärt.
Der mit * bezeichnete Satz ist aus der 5. Auflage des bei Heyne erschienenen Sammelbad „Erdsee“ zitiert.

die Pizza-Story

In den meisten Abteilungen an den meisten Arbeitsplätzen der Welt ist es üblich, daß, wer Geburstag hat, einen ausgibt. Bei Ruth wird immer gefrühstückt, andernorts gibt es womöglich Alkohol (Sekt! Bier!), bei uns gab es in der Regel Kuchen, manchmal auch Lunch. Mit dem trockenen Kuchen meines Chefs war ich schon recht vertraut, bis er eines Tages beschloss, keinen Kuchen mehr zu backen – zu viel Arbeit, zu wenig Zeit. Ich hätte es in Ordnung und irgendwie auch ehrlich gefunden, wenn der Chef einfach verkündet hätte, daß er keinen Kuchen mehr ausgibt, er ist schließlich Chef und wir sind nicht alle gleich. Indes, er beschloß, statt Kaffeekränzchen seinen Geburtstag mit einem Lunch zu feiern; zu diesem Anlaß sollte Pizza bestellt werden. Wir freuten uns. Der große Tag kam, wir durften Pizza bestellen – allerdings jeder nur ein Viertel. Dem Chef, der etwa das fünffache von uns verdiente, wäre es sonst zu teuer geworden.

An die Pizza-Story mußte ich gestern denken. Mein neuer Chef hatte Geburtstag und hatte Kuchen gekauft. Wir sind jetzt etwa 30. Es war guter Kuchen, es war genug für alle da und es war eine nette, normale Geste.

Mein Coach hat mich immer gebremst, wenn ich eine dieser Stromberg’schen Geschichten von meinem Chef erzählt habe, voll Wut und Verachtung und Lächerlichkeit. Es ist einfach, solche Geschichten zu erzählen, aber es macht es nicht einfacher, mit einem solchen Chef zusammenzuarbeiten, und auch nicht, sich auseinanderzusetzen mit dem, was war. Und auseinandersetzen muß ich mich, will ich mich, früher oder später, bis ich eine Pizza sehen kann und mich nicht mehr daran erinnere, daß man sie vierteln kann.

vor einem Jahr

Ich ging mit meinen Eltern durch einen Wald, der noch nicht grün war, die Bäume kahl, der Vorfrühling mit harter Hand zurückgehalten. Ich fühlte mich sehr nackt – keine Arbeit, kein Geld, vielleicht auch bald keine Wohnung mehr; keine Kategorie, in die ich mich einordnen konnte; kein Label, das meine Identität festlegt. Und dann, ganz plötzlich, empfand ich alles sehr intensiv: die Luft, die Geräusche, die ausgewaschenen Farben, den federnden Boden unter meinen Füßen. Ich spürte eine große Lebendigkeit in mir, eine große Freiheit – kein Halt mehr, aber auch nichts, das mich einengt, und für einen Moment war mir alles klar:
was das alles soll, und warum ich hier bin.

Fehlentscheidungen

Die sauteuren Tomaten, die nach Pappe schmecken. Die Schuhe, die ich nie trug; das Buch, das ich nie las. Die U-Bahn, die ich hätte erwischen; den Anruf, den ich hätte machen sollen. Die Flasche Wasser, die mir fehlt, den Pullover, den ich zu viel trage. Die Verabredung, der ich zu- oder absagen hätte sollen.
Kleine Fehlentscheidungen, die ich jeden Tag treffe. Seitdem ich beginne, darauf zu achten, sehe ich sie überall, und sie ärgern mich, aber sie stimmen mich auch milde gegenüber all den großen.

future self

Ich bin bekanntlich keine Freundin von Ratschlägen. Es gibt jedoch einen, der kommt mir öfter mal in den Sinn, obwohl ich auf den ersten Blick nicht zur Zielgruppe gehöre. Es ist ein Ratschlag an einen Teenager, der sexuelle Erfahrungen machen möchte, aber niemand interessiert sich für ihn:

Worry less about getting your young teenage self laid and start thinking about getting your 18- or 20-year-old self laid. Join a gym and get yourself a body that girls will find irresistible, read—read books—so that you’ll have something to say to girls (the best way to make girls think you’re interesting is to actually be interesting), and get out of the house and do shit—political shit, sporty shit, arty shit—so that you’ll meet different kinds of girls in different kinds of settings and become comfortable talking with them. (Quelle: Savage Love)

In dem Zusammenhang: Joseph Gordon-Levitt, ein Kinderstar aus „hinterm Mond gleich links“ und „10 Dinge, die ich an dir hasse“. Er verschwindet für ein paar Jahre von der Bildfläche, studiert an der Uni, dreht ein paar gute, wenig beachtete Indie-Filme, dann „(500) days of Summer“. Und in Inception steht da plötzlich ein eleganter, ausdrucksstarker Mann, kein Kind mehr, ein Mann, ein Schauspieler, und raubt einem den Atem. Aus so vielen Sternchen in Teenager-Serien ist nichts geworden (Jason Behr aus Roswell? James Van Der Beek aus Dawsons Creek? Irgendjemand aus ALF?), sie dienen viel zu oft letzen Endes als Futter für Skandalmeldungen von Drogensucht, Verhaftungen, psychischen und finanziellem Bankrott.
Was hat Gordon-Levitt anders gemacht? Obwohl ich es nicht mit Sicherheit weiß, gefällt mir der Gedanke, er hätte sich nicht darauf konzentriert, sofort ein berühmter Schauspieler zu werden, sondern später ein guter – indem er zur Uni geht, sich bildet, interessantes erlebt und in kleinen Filmen und harten Rollen sein Handwerk erprobt.

Dieser Rat, sich weniger Sorgen zu machen um eine sofortige Veränderung, sondern kleine Schritte hin zu dem future self, das man gerne sein möchte, der erscheint mir wirklich gut.
Auch für mich selbst.

nichts.

Heute blogge ich nichts. Heute ist ein blöder Tag. An nichts habe ich Freude, betäube mich mit Lachs und Nougateiern, Masturbation und Glee.
So blöde Tage kenne ich schon, da hilft nichts außer sie auszusitzen, sie gehen vorbei. Auch blöd: den Fernseher einschalten und ein explodierendes Atomkraftwerk sehen. Eigentlich sollte danach alles besser schmecken, unverseucht, man sollte sich freuen über das Wasser aus der Leitung, den Strom aus der Steckdose, dem Anruf der liebsten Freundin. Stattdessen sitzt man freudlos blöde Tage aus. Ein weiterer Tag aus den 30 000, die mir zu Verfügung gestellt wurden von irgendwem, der mich in diese Welt geworfen hat. 12 000 habe ich schon aufgebraucht. Wieder einer weniger, mit dem ich anderes hätte machen können mit einem gesunden Körper in einem Land, das nicht in Trümmern liegt.

sieben

Mein Weblog ist jetzt sieben.

Wenn es ein Kind wäre, würde es jetzt langsam lesen lernen, und schreiben, und wenn es eine Ehe wäre, wären wir jetzt im siebten Jahr.

Hier mein erster Eintrag. Den roten Faden habe ich längst verloren. Konsequenzen gibt es keine, aber manchmal: Level 2.