(ohne Titel)

Gestern, als ich über das Reisen schrieb, habe ich einen Absatz wieder gelöscht. Ich wollte etwas über die Wahrnehmung des Reisens schreiben: dass die Vorfreude darauf schön ist (Zukunft), und der Rückblick, wenn die Erlebnisse Erinnerung geworden sind (Vergangenheit). Interessanterweise ist es oft die Gegenwart, die ich weniger schön finde: der Sand ist zu sandig, die Füße tun weh, die anderen Leute stören mich usw. Überhaupt ist vieles im Rückblick schöner: der Schrank aus dem schwedischen Möbelhaus ist am schönsten in dem Moment, in dem er endlich aufgebaut ist; die Wohnung ist am schönsten, wenn sie gerade aufgeräumt wurde, und die Texte sind am schönsten, wenn sie geschrieben sind. „I hate to write, but I love having written“.

Ein Glück, wenn man in den Flow kommt. Beim Hämmern von Nägeln kommt er leichter als beim Tippen von Worten, zumindest geht es mir so. Besonders fasziniert mich am Flow das momentane Verschwinden des Zeitempfindens. Ich kann normalerweise recht gut die Uhrzeit schätzen, weil ich ein gutes Gefühl dafür habe, wieviel Zeit wohl vergangen ist, seit ich das letzte Mal auf die Uhr geschaut habe. Das ist wohl ein Relikt aus meiner Zeit im Labor, in der die Inkubationszeiten den Arbeitstag gestaltet haben. Der Flow hebelt dieses Zeitempfinden völlig aus. „Es gibt nicht die Zeit“, sagt der Zeitforscher Karlheinz A. Geißler, „sondern wir sind selbst die Zeit“. Auf eine gewisse Weise betrachtet existiert die Zeit, weil wir sie empfinden.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Sie sollten alle gleich viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich werde besser darin, auch das Stiefkind Gegenwart zu lieben. Wenn ich einen Augenblick lang den Wolken zuschaue, zum Beispiel, oder den Wind auf meiner Haut spüre. Wenn ich Musik höre, ganz bewusst, oder die Erotik (auch so ein vernachlässigtes Stiefkind) hereinbitte. Wenn ich mich frei mache von Erwartungen.

Ich weiß nicht, ob es hier eine Pointe gibt. Rome von Rounders fand Pointen sinnlos, sei auch nur so eine unnötige Erwartungshaltung.

Orte

Wohin ich gerne einmal reisen würde, wurde ich gefragt.

Ich würde gerne die USA bereisen, nicht nur einmal, sondern sehr oft, denn es ist ein großes, weites und sehr unterschiedliches Land. Ich möchte die von den Amish und Mennoniten geprägte Seite Pennsylvaniens kennenlernen, ebenso die Everglades in Florida, mit einem Boot den Mississippi hinauffahren, so weit es geht, amerikanische Kleinstädte zu Füßen der Rocky Mountains besuchen. Ich möchte auch einmal dort sein, wo gar nichts ist: ein Häuschen in Iowa mieten, und in Ohio rumhängen, das hier so schön besungen wird.

Immer mal wieder denke ich, dass es auch in Deutschland überraschend schön ist. Vielleicht nicht in einem nasskalten Februar, und sicher nicht überall, aber die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, mit Streuobstwiesen und Weinbergen, hat einen Charme, der mir jetzt, wo ich weggewesen bin und anderes gesehen habe, sehr gut gefällt. Völlig unterschätzt werden, meine ich, die neuen Bundesländer, aber um mir hier eine endgültige Meinung zu bilden, müsste ich sie intensiv bereisen. Zur Zeit kenne ich sie, abgesehen von den brandenburger Seen, die mich bereits überzeugt haben, und einem unfreiwilligen Ausflug in das Umland von Bitterfeld, hauptsächlich aus der Sendereihe „Kesslers Expeditionen“. Ich mag dieses Format aus mehreren Gründen: erstens ist es gutes Fernsehen (innovativ, charmant, witzig, authentisch, abwechslungsreich). Zweitens finde ich es spannend, dass es in diesem Land, das ja irgendwie das meine ist, Teile gibt, die mir so gänzlich fremd sind. Grzimek berichtete von der Serengeti, Kessler aus der Uckermark. Ich fahre im Herbst übrigens in den Harz. Drittens kann man von Michael Kessler viel lernen, wenn es darum geht, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Der Fachbegriff lautet „einen Rapport herstellen“, und er beherrscht dies meisterhaft. Das Konzept der Sendereihe ist ja, dass er – zu Fuß oder mit stark entschleunigenden Verkehrsmitteln – das Land bereist und mit Leuten auf der Straße ins Gespräch kommt. Er trifft da sehr schnell den richtigen Ton, maßgeschneidert auf die Person. Interessant auch, wie er sein Gegenüber manchmal duzt, manchmal siezt, mit einem feinen Gespür dafür, was die Person angenehmer findet. Im Gespräch ist er respektvoll, ein guter Interviewer, ohne dass es sich förmlich anfühlt. Es ist eine Freude, ihm zuzusehen.

Bei den Bildern von Landschaften und Dörfern, egal ob im Fernsehen oder aus dem Autofenster heraus, hält mein inneres Auge stets auch ein wenig Ausschau nach einem Ort für mich. Ich habe beruflich noch einiges vor, möchte etwas erreichen, aber ich träume auch davon, ab einem bestimmten Punkt nicht mehr einer Lohnarbeit nachzugehen. Sondern ein Häuschen zu kaufen, irgendwo mit gutem Boden und viel Ruhe, einen großen Gemüsegarten anpflanzen, Obstbäume und Sträucher, Hühner und Enten. Ganz nah an den Jahreszeiten sein, nicht mehr auf die Uhr schauen, sondern nach dem Sonnenstand.

Beim Abendbrot

Abendbrot mit einer Freundin und deren Tochter, die noch nicht ganz ein Jahr alt ist und gerade lernt, eigenständig zu essen. Sie greift nach kleingeschnittenem Gemüse, kleinen Ecken von Brot oder Käse, auch das Essen mit einer Kindergabel wird schon eifrig geübt.

Ich denke an meinen Vater, der im letzten Jahr seiner Erkrankung verlernte, selbst zu essen. Ihm gelang einfach die Koordination zwischen Hand und Essen nicht mehr, zwischen Hand und Gabel oder Löffel schon gar nicht, auch der Pinzettengriff wurde schwierig. Meine naturwissenschaftliche Ausbildung sagt: die Teile des Gehirns, die für diese Funktionen notwendig sind, waren zu diesem Zeitpunkt schon zu sehr geschädigt. Aber meinem Herz hat es damals mehr weh getan als das meiste andere: der Verlust der Gehfähigkeit, die Inkontinenz, all das.

Er war nicht sehr lange im Heim, ein paar Monate, seine letzten Monate. In meiner Erinnerung ist diese Zeit überrepräsentiert, ich habe ein vages Gefühl, warum, aber es tut nichts zur Sache. Ich erinnere mich vor allem daran, wie ich neben ihm beim Abendbrot saß, und ihn gefüttert habe: belegtes Brot, in kleine Häppchen geschnitten, die von mir mit der Gabel in seinen Mund transportiert wurden. Es war elend, dort neben ihm am Tisch zu sitzen, die anderen Erkrankten seiner Wohngruppe um uns herum, zwei Pflegerinnen, die herumwuselten. Ich saß dort, wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder. Es hat mich wahre Demut gelehrt, meinen eigenen Vater zu füttern. Und es war eines der wenigen Dinge, die ich in diesem letzten Jahr noch für ihn tun konnte. Jetzt kann ich nichts mehr für ihn tun; es ist alles getan, was möglich war.

Eine merkwürdige Symmetrie, denke ich, wie ich da am Abendbrottisch mit der Freundin und ihrer Tochter sitze: wie wir am Anfang des Lebens lernen, selbst zu essen, und es dann am Ende des Lebens wieder entlernen. Mit Kindern ist es wie mit einem Gebäude, das von Grund auf neu errichtet wird, immer schöner, prächtiger, detaillierter wird. Bei meinem Vater war es wie mit einem Bankenturm, aus dem alle ausziehen, der dann Stück für Stück entkernt wird, bis auf das Skelett aus Stahl, und auch dieses eines Tages zerfällt. Und so habe ich ihn verloren, ganz und gar, und bleibe doch immer mit ihm verbunden.

Gepäck

Ich habe von Frau Novemberregen schon viel gelernt, und ich glaube, das wird auch so weitergehen. Manche von den Dingen, die sie sagt und die mein Leben besser machen, mich zum nach- oder umdenken anregen, sagt sie so nebenbei, in einem Nebensatz. Zum Beispiel hat sie mir vor ein paar Jahren erzählt, dass man, wenn man irgendwo hingeht, gar nicht immer alles dabeihaben und auf alle Eventualitäten vorbereitet sein muss, denn: man kann in Deutschland in der Regel alles käuflich erwerben. Ich konnte mir heute ein Bild machen von der ländlichen Region zwischen Bitterfeld und Dessau-Süd, und… nein, jetzt keinen Witz über die neuen Bundesländer, weiter im Text. Man sieht aber schnell ein, dass diese goldene Regel von der sie anwendenden Person ein wenig mitdenken erfordert, aber unter den Bedingungen von Frau Novemberregen und mir (wir verdienen beide einigermaßen okay, und bewegen uns meist im urbanen Raum) ist sie sehr vernünftig. Es ist schön, ein Erfrischungstüchlein oder einen Labello aus der Tasche ziehen zu können, aber ein Getränk kaufe ich mir doch lieber vor Ort (ggf. eisgekühlt), anstatt es mitzuschleppen. Weitere Beispiele fallen mir nicht ein, aber unter besonderen Umstände sind sicherlich auch extravagantere Anschaffungen gerechtfertigt.

Jedenfalls: ich bin gerade verreist. Koffer packen war viel schwieriger als erwartet. Das hat mich insofern überrascht, als dass ich vor ein paar Wochen zehn Tage in der Wohnung einer Freundin gewohnt habe, um deren Katzen zu hüten. Gepackt hatte ich in zwanzig Minuten: eine blaue Ikea-Tüte mit Hosen, Oberteilen, Unterwäsche und meinem Laptop; und eine zweite blaue Ikea-Tüte mit Schuhen, Necessaire, Tablet, iPod, Ladekabeln, Kopfhörer, eBook-Reader. Das war’s, mir hat nichts gefehlt. Krass, dachte ich damals, wie leicht es ist, ein Leben zu verpflanzen. Und jetzt dieser Kontrast, dass ich für eine kurze, innerdeutsche Reise Stunden zum packen brauche.

Es liegt vielleicht am Leben: bei der Freundin lebte ich mein Alltagsleben: Arbeit, Couch, Internet. Jetzt möchte ich anderes erleben, weiß noch gar nicht genau, wie meine Pläne sind. Ich habe dafür gepackt, so gut ich konnte. Und wenn etwas fehlt, dachte ich heute, als ich den Koffer schloss: ich werde es kaufen, leihen oder anderweitig organisieren können.

Rumgurken

Ich habe eine Arbeitshypothese, dass alle Konflikte, die man mit sich selbst oder mit anderen hat, auf eines von drei Themen zurückzuführen sind: Angst, Entscheidung oder Respekt. Obwohl mir diese Hypothese ein wenig zu einfach vorkommt, funktioniert sie erstaunlich gut.

Heute war ein gurkiger Tag, der mir zwischen den Fingern zerronnen ist, ohne dass ich auf die eine oder andere Art viel davon gehabt hätte. Das ist insofern ärgerlich, als dass ich gerade Urlaub habe, und freie Tage für mich zur Zeit das Kostbarste überhaupt sind. Gut möglich, dass dies für mich der erste Urlaub seit fünf Jahren ist – sicher, es gab arbeitsfreie Tage, aber diese waren in der Vergangenheit geprägt von Pflege, Weiterbildung oder Bewerbungen schreiben. Jetzt also freie Tage, und einen davon habe ich vergurkt. Und warum? Weil ich mich nicht entscheiden kann. Erholen kann ich mich nämlich auf zwei Arten: Variante A besteht darin, gar nichts zu machen, oder zumindest nichts geplantes, sondern mich treiben zu lassen. Zuhause bleiben, im Internet surfen, Buch lesen, vielleicht einen Film schauen, nachmittags ein Nickerchen, mich von Serendipity leiten lassen. Variante B bedeutet, etwas zu unternehmen und zu erleben: Leute treffen, Orte besuchen, Sightseeing, unterwegs sein. Das ist sehr schön, macht die Tage reich und voll, aber dafür muss man vorbereiten, planen, organisieren, sich mit Freunden abstimmen, Wäsche waschen und Autos betanken. Wenn ich etwas unternehmen will, mich aber nicht entsprechend vorbereiten will, weil mir eigentlich nach Nichtstun ist, dann schieße ich mir selbst ins Bein. Bin dann am Ende des Tages weder vorbereitet noch erholt, sondern habe mich den ganzen Tag nur gedrückt, nur aufgeschoben und verschoben, bin schlecht gelaunt und gereizt.

Das Dilemma im Leben – oder zumindest in meinem – ist, dass ich immer zu viel vorhabe, mehr tun möchte, als die Zeit zulässt, mich dabei gnadenlos überschätze. Langeweile ist ein exotisches Gefühl, an das ich mich nur schemenhaft erinnere. Ich habe Giardino versprochen, einmal etwas über die Zeit zu schreiben, und unseren Irrtum, wir könnten die Zeit weiter & breiter machen, indem wir mehr hineinpacken. Ich hoffe, ich finde dafür die Zeit, entscheide mich dafür, meine Zeit diesem Thema zu widmen, und entscheide mich damit gegen alle anderen Möglichkeiten, wie ich diese bestimmte Zeiteinheit verbringen könnte. Ein geradliniges Leben, klare Linien. Es schreibt sich so einfach.

Wenn ich Glück habe und alles gut läuft, dann habe ich noch etwa 16.000 Tage zu leben. Die genaue Zahl weiß man meistens nicht, nur, dass sie sich jeden Tag um einen Tag verringert. Es wäre schön, jeden Tag bedeutungsvoll zu machen, reich und tief. Kann sein, dass es auch dazugehört, Tage zu verschwenden. Aber gerade tut es mir ziemlich weh.

ein guter Platz

Sheldon Cooper, eine Figur aus der Serie The Big Bang Theory, hat ganz genaue Vorstellungen, welcher Sitzplatz auf der Couch für ihn der richtig ist. Ich habe ganz genaue Vorstellungen, wo ich gerne in der U-Bahn sitze: im mittleren der drei Wagen, auf einem der drei Klappsitze, parallel zur Fahrtrichtung. Ich könnte jetzt die genauen Gründe aufführen, weshalb dieser Platz mein perfekter Platz ist, aber ich will auf etwas anderes hinaus. Nämlich auf die unbeabsichtigte Nebenerscheinung, dass ich an der Station Hauptwache einen exzellenten Blick auf eine Treppe habe, die die S-Bahn mit der Mitte des U-Bahn-Steigs verbindet. Meist gibt es dort nichts besonderes zu sehen, manchmal hektisch rennende Menschen, manchmal solche, die von außen auf den Türknopf drücken, während die U-Bahn schon weiterfährt, und zurückgelassen werden. Man muss kein Mitleid mit ihnen haben: die nächste kommt in zwei Minuten.

Nur ein Typ, der wird mir in Erinnerung bleiben. Mitte dreißig, kein Anzug, sondern legere Kleidung, schlacksig. Er kommt die Treppe runter, während des Gehens ein Buch lesend. Sein Schritt bleibt gleichmäßig, er beschleunigt kein bisschen, tritt in die U-Bahn, die Türen schließen hinter ihm. Er setzt sich mir schräg gegenüber, und liest ohne Unterbrechung, konzentriert und ohne hochzuschauen. An der Leine führt er einen alten Hund, ein gelber Mischling, mittelgroß, die Schnauze grau, die Bewegungen steif und von den Schmerzen des Alters gezeichnet, die Augen trüb, vielleicht schon blind. Der Hund drückt seine Nase gegen den Schenkel des Mannes. Es ist ein kurzes, eingespieltes Zeichen der beiden. Dann beginnt der Mann, den Hund zu streicheln, mit drei Fingern in kleinen Bewegungen am Kopf, massierend wie Shiatsu. Durch den Hund geht eine Woge der Wonne, er ist so glücklich, dass es eine Freude ist, ihn anzusehen.

Zwei oder drei Mal sind wir zusammen U-Bahn gefahren, und ich halte noch immer ein wenig nach den beiden Ausschau.

 

Frontrow Experiences

Als junge Frau habe ich siebzehnmal The Cure live gesehen. Ich sah sie auf Festivals, in großen Hallen und kleinen Clubs, die meisten Konzerte innerhalb einer Tour im Jahr 2000. Ich habe kein Buch darüber geschrieben, auch kein Weblog, aber ich hätte einen guten Titel dafür gehabt: frontrow experiences. Denn ganz vorne zu stehen, das war uns damals sehr wichtig, ganz nah dran, möglichst tief in der Musik drin, jede Note spürbar, jede Songzeile unter die Haut. Vorne links, das war mein Lieblingsplatz. Mittig war man zwar näher an Robert Smith, aber das war mir irgendwie nicht so wichtig, außerdem war’s da immer so voll, und der Punk drückte unangenehm von hinten. Überhaupt – die Mitte, nein danke. Bloß kein Mainstream sein.

Left of center heißt auch ein Song von Suzanne Vega, die ich neulich zusammen mit der wunderbaren Frau Novemberregen sehen durfte. Es war ein sehr heißer Sommertag, wir hatten beide tagsüber hart in unseren jeweiligen Büros gearbeitet, genossen nun die klimatisierte Konzerthalle, und standen ganz hinten, ein kühles Getränk in der Hand, kein Gedränge mehr, nur ein lockeres Zusammenstehen von Leuten. Dann kam Suzanne Vega auf die Bühne, eine exzellente Performerin mit hervorragenden Songs, sie hat das Publikum schnell für sich begeistert. Sie macht das anders als Robert Smith, aber auch sehr gut: sie hat eine Freude an ihrer Musik, die die Menschen ansteckt, ihre Töne und Worte haben eine Klarheit, die nur jene nicht berührt, die innerlich bereits betäubt sind. Bei The Cure ist das anders: es kommt – meist im zweiten Drittel der Show, wenn es eine gute Show ist – eine Stimmung auf, bei der alle zehntausende Konzertbesucher eingestimmt sind auf Robert Smith und die Musik, konzentriert auf ihn und das Geschehen, minimalste Gesten genau wahrnehmend, präsent im Augenblick und doch im Fluß. Ich würde fast sagen, es sind Momente der Transzendenz, aber vielleicht habe ich damit Unrecht.

Beim Konzert von Suzanne Vega hat mich enorm gestört, dass im Publikum teilweise sehr viel geredet wurde. Vorne steht diese großartige Frau und singt mit ihrer Stimme, like the bells of the cathedral, und neben mir wird gequatscht. Was kann es zu bereden geben, das nicht warten kann? Ich hatte nicht den Eindruck, dass es Dinge sind, die Gewicht haben, kurze Beobachtungen, die sofort geteilt werden müssen, nein, es war Gelaber, es war ein running commentary, eine dilettantische Untertitelung des Geschehens. Es ist mir schwer gefallen, mich davon zu lösen, mich in die Musik hineinfallen lassen zu können. Ob es daran liegt, dass ich älter geworden bin? Ich habe es letzendlich dadurch gelöst, dass ich weiter nach vorne gegangen bin, noch keine Frontrow, aber näher dran. Und ich weiß, Glashaus, Steine, denn ich äußere mich ja auch zu den Dingen, jetzt gerade zum Beispiel, aber ich weiß auch, wann es Zeit ist, die Klappe zu halten, den ewigen Strom der Kommentierung und Bewertung auszuschalten. Nämlich beim Sex und bei der Musik, denn dann geht es darum, ganz da zu sein. Man sagt, beides seien Überbleibsel aus dem Paradies, und wer es zulässt, kann das wirklich spüren.

Tankstellenblues

In der Anonymität der Großstadt gibt es Menschen, denen man, ohne es zu planen, immer wieder begegnet: die blonde Frau mit dem Fahrrad, der Leiter des Supermarktes um die Ecke, der großgewachsene Rezeptionsmitarbeiter des Bankenturms, die Postmitarbeiterin mit dem Schlüssel zum Tresor. Wir sind nicht bekannt, schon gar nicht befreundet, und haben doch immer wieder miteinander zu tun.

Zu dieser Gruppe von Menschen gehört auch der Mann von der Tankstelle. Er ist etwa in meinem Alter, etwas pummelig, und sein zunehmender Haarverlust hält ihn nicht davon ab, sein Haupthaar in einem langen, fettigen Pferdeschwanz zu tragen. Ich hasse ihn. Für meine persönliche Abneigung habe ich gute Gründe. Zum Beispiel seine hochherrschaftliche Haltung: er ist Fürst dieser Tankstelle, dies ist sein Reich, das ich nun betreten habe. Ich möchte zahlen? Nun ja, seine Majestät wird es in Erwägung ziehen. Kommt es dann zu einer Transaktion, wird diese meist begleitet durch „lustige“ Sprüche (in hessischer Sprachfärbung) oder noch schlimmer – Belehrungen.

Nun könnte ich natürlich auch woanders tanken. Aber es ist die nächstgelegene Tankstelle, und an der anderen Tankstelle sind, weil das Benzin 1 Cent billiger ist, immer lange Schlangen. Und so ist jene Tankstelle über die Jahre zu einem vertrauten Ort meines Kummers geworden. Denn ich tankte dort fast ausschließlich, bevor ich mich auf den Weg zu meinen Eltern machte, zweihundert Kilometer weit, an Freitagabenden oder Samstagmorgenden, immer ein wenig zu spät dran, und immer mit Sorgen im Herzen, Gedanken im Kopf. Wie wird es meinem Vater gehen? Wird er aggressiv sein oder teilnahmslos? Wie ist seine körperliche Verfassung, was geht nun auch nicht mehr? Wie wird die Betreuungssituation sein, welche Kämpfe werden auszufechten sein? Wie wird es meiner Mutter gehen? Wird sie wieder davon sprechen, an einem Tag mit Minustemperaturen in die Berge zu gehen, sich hinzulegen und auf den Erfrierungstod zu warten? Und wie geht es mir, in meiner stetigen Verwaltung des Mangels, zu wenig Zeit, zu viel Arbeit, zu viel zu tun, hochfunktional durch das Meer an Krisen.

So stapfe ich dann zum Tankstellenhäuschen, bittebitte, heute mal ein anderer Mitarbeiten, und sehe den Tankstellenmann mit seinem Pferdeschwanz, und denke: wenn du mir jetzt einen Spruch drückst, Alter! Denn ich habe den Punkt erreicht, an dem ich nichts mehr ertragen kann, keinen Witz, kein Wort, kein Sandkorn.

Vorgestern war ich wieder dort, ziemlich entspannt, für meine Verhältnisse, schlenderte zwischen den Tankstellen gen Kasse, jemand hatte einen wirklich sehr schönen Hund an einen Laternenpfahl angebunden, oh so ein Hund, dachte ich, mit seinem weichen Fell, eines Tages zu meinen Füßen liegend.

Der Mann von der Tankstelle war freundlich und leicht gelangweilt, die Transaktion wie ein eingespielter Tanz, er weiß genau, dass ich mit Karte zahle, wir verabschiedeten uns nondeskript.

Vielleicht ist in seinem Leben auch etwas passiert, hat seine Arroganz, hinter der wohl auch eine Unsicherheit steht, abgemildert, hat ihn entbunden von dem Druck, immer lustig sein zu müssen. Man weiß ja nie, was in den Menschen, denen man so begegnet, vorgeht, und was sie gerade so erlebt haben.

 

31. Januar 2015

Sterben

Es ist mir nur unzureichend gelungen, davon zu erzählen: von der Erkrankung meines Vaters, seinem fortschreitendem Verfall, seinem Sterben, seinem Tod; und den Auswirkungen auf meine Familie und mich. Es war und ist sehr traurig. Jemand leiden sehen, den man liebt, ist vielleicht das schwerste überhaupt. Gelitten hat nicht nur mein Vater, sondern auch meine Mutter – bis heute und darüber hinaus.

Verstehen

Es gab in dieser Zeit auch gute Momente. Wenn ich meine Stärke gespürt habe, zum Beispiel. Wenn ich zurückblicke und sehe, wie gut es mir alles in allem gelungen ist, meinen Vater bis zum Ende zu begleiten. Was für eine Wahnsinns-Leistung.

Zu erkennen, dass all dies so sehr weh tut, weil ich so sehr liebe, und so sehr geliebt worden bin. Was für ein Privileg.

Wieviel aber soll ich erzählen von einer Geschichte, die nicht nur die meine ist? Was darf veröffentlicht werden über jemanden, der seine kognitiven Fähigkeiten verliert und deshalb per se kein Einverständnis geben kann? Und doch kann es auch nicht richtig sein, kann es nicht in seinem Sinne sein, Krankheit und Tod zu tabuisieren. Mir selbst hat – vor allem in der Anfangszeit, als ich nicht absehen konnte, was kommen wird – nichts geholfen, außer von Angehörigen zu hören, die ähnliches erlebt haben.

An wieviel will ich mich selbst erinnern? Ist vergessen nicht auch gütig? Oder ist es besser für mich, jetzt zu protokollieren, ehe die Erinnerungen ungenau und auf Anekdoten reduziert werden? Gleichwohl. Vieles werde ich ohnehin nie mehr vergessen, vor allem vom Tag seines Todes:

Das Licht, mit diesen schrägen Strahlen der Wintersonne, die durch das Fenster schienen. Die leise Gitarrenmusik. Die Pflegekraft, die meinte, seine Beinen seien schon „marmoriert“. Sein erster Atemaussetzer, als ich alleine mit ihm war, während meine Mutter gerade mehr Morphium von der Apotheke abholte. Eine andere Pflegekraft, die sich zum Schichtende von ihm verabschiedete, mich umarmte und weinte. Wie wir dann zu dritt an seinem Bett wachten, ich links, meine Mutter rechts, sein Bruder am Fußende des Bettes, und er dann aufhörte zu atmen. Einfach so. Es kann also so einfach sein, mit dem Tod, dachte ich. Und wie ich einen Moment lang einfach nur sehr froh für ihn war.

Das Licht, sich verändernd, wie es Abend wurde und dann Nacht, während ich Totenwache hielt an seiner Seite. Meine Schwester, die zu spät kam. Die Mitarbeiter des Beerdigungsinstituts, die sehr freundlich und mitfühlend waren, mich behandelt haben wie ein rohes Ei, und meinen Vater dann auf einer Trage in einem burgunderfarbenen Leichensack abtransportiert haben. Wie sie ihn an mir vorbeigerollt haben, und ein Gefühl in mir war, als wäre meine Seele ein Leintuch, dass in Streifen gerissen wird. Wie ich meinen Kopf gesenkt habe, aus Respekt vor ihm und seinem Leben.

 

Am besten erzähle ich davon in Bruchstücken und Fragmenten, wie es schon immer meine Art gewesen ist.

(ohne Titel)

Meinen Vater im Pflegeheim besucht. Er liegt im Bett, erholt sich gerade von einer Lungenentzündung. Das Pflegepersonal will ihn heute nicht in den Rollstuhl setzen; er hat, wenn er müde ist, einen Linksdrall und kann nicht gut aufrecht sitzen. Es ist ein schöner, sonniger Herbsttag, ich wäre gerne mit ihm auf die Dachterasse gefahren. Es wird ja vielleicht nicht mehr allzu viel sonnige Herbsttage für ihn geben.

Stattdessen bleiben wir in seinem Zimmer, das Fenster geöffnet. Ich habe ihm belgische Pralinen mitgebracht und füttere ihm zwei davon. Wir blättern in einer Zeitschrift. Er schaut sehr interessiert, auch wenn ich nicht glaube, dass er noch irgendetwas versteht. Seit einigen Wochen kann er seine Hände nicht mehr benutzen. Wenn er umblättern möchte, deutet er die Bewegung mit dem Handgelenk an, die Hand selbst hängt schlaff herunter. Sie ist schon dabei, sich zu verformen, was mich sehr traurig macht.

Neuerdings sammle ich kostenlose Zeitschriften für ihn. Heute lesen wir die Apotheken Umschau – ich mache ein Kreuzworträtsel und tue so, als ob er mitmachen würde – und Alverde, die Zeitschrift eines Drogeriemarktes, die ich ganz gut finde. Dann hören wir ein wenig Musik, ich singe hier und da, und auch er summt ein- oder zweimal. Ich erzähle ihm, dass meine Freundin ein Kind bekommen hat, wunderschön und ganz bezaubernd. Als er noch zuhause war und es ihm besser ging, hatte er sie kennengelernt (und sie beharrlich „Barbara“ genannt, obwohl sie ganz anders heißt). Ich glaube nicht, dass er versteht, was ich ihm erzähle. Ich erzähle ihm nichts von mir; nicht, dass ich einen neuen Job habe, oder mit meiner Mutter ein paar Tage in Oslo war. Wenn ich es versuche, bin ich sofort den Tränen nahe.

Als es ihm so schlecht ging mit der Lungenentzündung, und der Arzt meinte, die Töchter sollen kommen und sich verabschieden, da habe ich ihm gesagt, dass ich ihn liebe. „Und ich weiß, du liebst mich auch.“ Beim Aussprechen gemerkt, dass daran niemals Zweifel bestand, dass es eine fest verankerte, unumstößliche Tatsache ist. Muss man gar nicht dauernd sagen, es ist nichts neues.

Immer mal wieder gleitet mein Vater ab in Tagträume und Halluzinationen. Seine Arme schieben und falten imaginäre Gegenstände; er hat Dialoge mit jemandem, der nicht da ist und sagt: „so, so!“. Er führt die Hand, die keine Gabel mehr halten kann, zum Mund und schnappt nach Bissen, die nicht da sind. Aus den Bildern in den Zeitschriften entschlüpfen Welten und hüllen ihn ein. Er redet viel, das meiste verstehe ich nicht. Einmal sagt er: „ich brauche den Eimer aus Blech!“, vielleicht etwas aus seiner Kindheit. Dann sagt er zu mir: „bleibst du noch zehn Minuten?“, und ich weiß nicht, ob er es meint oder ob es nur ein Satzfragment ohne Bedeutung ist, ein Manierismus in Wortform, zufällig abgefeuert von einem Neuronencluster in seinem zerstörten Gehirn.

Er ist unruhig, rutscht im Bett häufig nach unten, und findet keine bequeme Position. Er hat nicht mehr genug Muskelkraft, um sich selbst zu drehen oder so hinzulegen, dass es ihm gut tut. Ganz dünn ist er geworden, wie ein Kriegsgefangener, nur noch pergamentene Haut über Knochen, die Knie dicker als die Oberschenkel. Ich versuche, ihn umzulagern, es gelingt mir nicht. Es gibt nur noch so wenig, was ich für ihn tun kann.

Es ist Abend geworden und ich rufe eine Pflegekraft, damit sie ihn umbettet und seine Windel wechselt. Heute ist es eine Frau, die in Bosnien geboren und aufgewachsen ist. Während der Fußball-EM hat sie mir immer von ihrer Mannschaft erzählt, und dabei Deutschland und Bosnien gleichzeitig gemeint. Während sie ihn windelt, hänge ich vor der Tür rum und merke, wie sehr ich innerlich erschöpft bin. Ich kann absolut keine Freundlichkeit mehr für sie oder ihre Kolleginnen aus dem Pflegeteam mehr aufbringen, obwohl sie es verdient hätten.

Dann verabschiede ich mich von meinem Vater, der schon beinahe eingeschlafen ist, und mache mich auf den Heimweg. Die Sonne geht unter und hinterlässt einen tiefblauen Himmel mit Wolkenbergen. Kate Bush singt, beruhigend und zart, aber ich werde immer bitterer, wütender, frustrierter, zorniger. Ich beschließe, jetzt sofort von der Autobahn abzufahren, obwohl ich nicht mehr viel Benzin habe. Ich biege mal links ab, mal rechts, fahre über die Landstraße, in der Ferne ein Wetterleuten. Ich lasse die Fenster herunter, es riecht nach Wiese und Wald und Fichtennadeln. Immer mal wieder zirpt eine Grille, so spät noch im Jahr. Ganz kurz blitzt in mir die Erinnerung auf an glückliche Tage, während mein Navi verzweifelt versucht, den Weg zurück zu berechnet. Als ob es den noch gäbe.

Mir begegnen große Landmaschinen und Traktoren, irgendwo wird im allerletzen Licht noch geerntet. Einmal geht es nicht weiter und ich wende auf einem Parkplatz, auf dem ein Wohnmobil steht. Davor sitzt eine Frau auf einem Stuhl und hält ihren Hund am Halsband fest, der mein Auto interessiert beäugt. Im erleuteten Wohnmobil werkelt ihr Mann in der Küche. Ich fahre weiter, durch Dörfer und Industriegebiete. An einem Zaun ist ein Lama angebunden (oder ein Alpaca?), das zu einem kleinen Zirkus gehört. Dann komme ich an einen Kreisverkehr und fahre zweimal rund herum, bevor mir die Metapher zu blöd wird und ich wieder Richtung Frankfurt fahre. Es wetterleutet hell und immer häufiger, ich komme dem Gewitter immer näher, bis ich schließlich mittendrin bin. Dicke, fette Tropfen knallen auf meine Windschutzscheibe. Es ist schwierig zu fahren, man sieht kaum was und ich zähle die Kilometer runter. Dann bin ich zuhause. Es nieselt. Meine Tankanzeige blinkt.