like pulling teeth

Triggerwarnung: am Ende des Beitrags ist ein Bild von meinem Zahn zu sehen.

Ich habe mir gestern einen Zahn ziehen lassen, und zwar einen Weisheitszahn im Unterkiefer.

Der Zahn macht seit ungefähr einem Jahr Probleme. Zuerst ein kleiner Karies, dann ist die Füllung rausgefallen, dann war die neue Füllung zu hoch, dann ist die Füllung nochmal rausgefallen und zwischen Weihnachten und Neujahr dann noch ein letztes Mal. Anfang Januar war der Zahn schließlich und wenig überraschend entzündet. Eine Wurzelbehandlung an dieser Stelle ist beschwerlich, und überhaupt hatte ich den Eindruck: es reicht. Der Zahn muss raus.

Zähne ziehen ist kein Spaß. Es wird an mir rumgehämmert, der Zahn knackt im Kiefer, wenn er gelöst wird, Zahnfleisch wird angeschnitten und Kieferknochen angesägt. Zurück bleibt ein überraschend großes Loch (Fachbegriff: Alveole), weil der Zahn, auch wenn er als Weisheitszahn nur wenige Millimeter über das Zahnfleisch ragt, sehr tiefe Wurzeln hat. Es wird Schmerzfreiheit versprochen, aber es ist natürlich nichts schmerzfrei an diesem Prozess. Die Betäubung wirkt nur mittelmäßig, seit sie abgeklungen ist, nehme ich Ibuprofen, mit ebenfalls mittelmäßigem Ergebnis.

Trotzdem – und genau deshalb schreibe ich das hier auf – fühle ich mich überraschend erleichtert, beinahe befreit. Der Zahn hatte mich doch sehr belastet, immer war irgendwas, mal hat es gejuckt, mal geschmerzt, an den dauern rausfallenden Füllungen blieb immer was hängen, und ständig dieses Gefühl, das da etwas nicht in Ordnung ist.

In einem Interview hat Connor Storrie, der Ilya in „Heated Rivalry” gespielt hat und gerade meteorhaft zum Star aufsteigt, von seinen Träumen erzählt: er träumt, dass ihm die Zähne ausfallen oder er sich die Haare abschneidet. Ich kenne solche Träume, ich hatte sie oft, als ich in seinem Alter war. Sie handeln von irreversiblen Veränderungsprozesse und unsere Angst davor.

Veränderung ist immer mit Schmerzen und mit Abschied verbunden. Ich kenne aber auch das Gefühl von Erleichterung, wenn der Schritt getan ist. Die Wunden heilen mit der Zeit. Ich weiß das, weil mir oben rechts schon einmal vor etwa einer Dekade ein Weisheitszahn entfernt wurde. Wenn ich jetzt gerade mit der Zunge darüber fahre, dann spüre ich, dass die Stelle ganz glatt, fest und klar ist. Ossifiziert, zu Knochen geworden. Als wäre es nie anders gewesen.

Es stehen in diesem Jahr viele Veränderungen an in meinem Leben, gewollt und ungewollt. Meine „wir nennen es Coaching nicht Theapie“-Frau hat mir gespiegelt, dass mein Nervensystem gerade ziemlich in Aufruhr ist, weil vor allem die beruflichen Veränderungen intern wie eine bedrohliche Krise kommuniziert werden. Je mehr es mir gelingt, mein Nervensystem wieder runterzuregulieren, umso mehr werde ich in der Lage sein, Veränderung zuzulassen.

Ich will und ich muss mich trennen von dem, was nicht mehr in Ordnung ist, und mir nicht guttut.

Futur II

In der Mitte des Jahres 2025 erreichte mich ein seltsames Gefühl: als ob ich alles erreicht hätte, als ob alles gut wäre.

Und für einen Wimpernschlag lang war es das auch.

Dann geht man in einen Meetingraum hinein und kommt neunzig Minuten später erschüttert heraus. Geht in die Mittagspause und kommt zurück zu einer veränderten Führungsstruktur. Muss ein NDA unterschreiben, blickt in die Gesichter anderer und denkt: wenn ihr wüsstet, was hier hinter den Kulissen gerade abgeht.

Girlbossed a little too close to the sun. Ich gehöre jetzt zu denen, die hinter den Vorhang schauen. Ich sehe die Zahnräder, das Klebeband und die Kabelbinder. Pappmaché. Keine Illusionen mehr.

Die fünf Phasen der Trauer nach Kübler Ross gelten als überholt und wissenschaftlich nicht bewiesen. Ich habe gehadert und ich würde sagen: auch getrauert, obwohl eigentlich noch gar nichts passiert ist. Fest steht, dass in 2026 etwas passieren wird, das das Unternehmen, für das ich arbeite, wahrscheinlich stark verändern wird. Ob ich davon noch Teil sein wollen werde?

Mittlerweile hat sich eine gewisse Gelassenheit eingestellt. Ich habe Abschied genommen von einer weiteren Illusion: der, final etwas erreicht zu haben. Ich bin nun bereit – zugegebenerweise etwas widerwillig – mich auf die Unwägbarkeiten der nahen Zukunft einzulassen. Es wäre schön gewesen, einmal eine Weile in einem ruhigen Boot zu segeln, mit festen Koordinaten, aber es scheint mir nicht gegeben zu sein.

No matter. Onwards.

Leicht widersprüchlich, aber gerade in dieser Phase der von außen aufgedrückten Veränderung bin ich nun auch für etwas anderes endlich bereit: Dating.

Verrückte Welt.