Herbstschmerz

Erstmal Stühle tragen. Nebenher lerne ich 500beine, Frau Moll und die Gräfin kennen. Selbst Bloggerhunde sind immer anders, als man sie sich vorstellt. Die Gräfin ist eine offene, warme und herzliche Frau.
Der Raum beeindruckt. Groß und mit Ausblick auf die Stadt. Dann rollen Bandini und ich Schaukästen mit Piercingzubehör in ein Hinterzimmer. Schließlich ein wohlverdienter Leberkäs im Steinernen Haus. Nun lerne ich auch Elsa Seefahrt kennen und verstehe, daß Elsa eine Kunstfigur ist. Die Frau dahinter ist anders: klug und kompetent, petite und praktisch. Ich mag sie sofort. Dann kommt der MC (nicht „Mäc“ und auch nicht „Em Zeh“, sondern „Em Ci“, wie ich lerne.) Ein wahrer Gentleman, der sich vom Vorwurf der Metrosexualität entschieden distanziert.
Schließlich werde ich unruhig: es ist 18 Uhr. Zwei Stunden, um den Sound aufzubauen und zu checken, den Beamer aufzubauen, die Bestuhlung klarzumachen, unsere Bilder zusammenzufrickeln, die Reihenfolge und die Anmoderation zu besprechen und ich muß ganz dringend einmal üben. Ich mache Streß und mag mich selbst nicht, setze so aber tatsächlich durch, daß ich einen Text durchsprechen kann, mit Mikro und auf meinem endgültigen Platz sitzend. Das wird mir später enorm helfen und beseitigt gleichzeitig meine Aufregung.
Ich gehe rüber ins Hotel, stoße unterwegs mit Referral zusammen, schminke mich, gehe zurück und dann gehts los. Es geht gut, ich bin kaum aufgeregt. Die Bildershow hakt ein wenig, zumindest bei meinem Teil: zu wenig geprobt. 500beine liest großartig. Ich mache mir ein wenig Sorgen, weil die Texte, die lustigsten Texte, die ich überhaupt habe, im Vergleich immer noch sehr melancholisch sind. Ich kann es nicht ändern und bekomme zum Glück vom einen oder anderen in der Pause ein positives Feedback (besonderer Dank an Claudia). Seltsamerweise bin ich jedoch nicht mehr nervös und fühle mich auf seltsame Weise in meinen Texten zuhause, und beim Lesen wie in einem Fluß. Das frankfurter Publikum ist wohl auch gnädiger als das berliner, jedenfalls höre ich niemanden in die Lesung hineinquatschen.
Als es vorbei ist, heißt es wieder abbauen, zusammenräumen, Schaukästen mit Piercings wieder reinrollen. Der Hunger macht meine Geduld dünn, aber dann gehts los, zum fettigen Chinesen, für mich genau das richtige. Zahltag beeindruckt mich, er kommt mir vor wie die Hauptfigur in einem Spielfilm. Ich bin unvermittelt in eine Szene hineingerutscht und würde nun gerne wissen: wie hat es angefangen? Wie geht es weiter?
Im O’Reillys ist schon Halloween, zu laut, zu voll und ich zu müde. Gegen drei gehe ich Richtung Hotel vorbei an dem Gott, den Frankfurt anbetet: dem beleuchteten Eurozeichen am Willy-Brandt-Platz. (Die schweren Schritte derer, die allein nach Hause gehen.)

Jetzt bin ich müde. Und denke darüber nach, noch ein paar Texte zu schreiben, damit ich wieder bei einer Lesung dabei sein kann.
Ganz herzlichen Dank an Bandini: dafür, daß ich dabei sein durfte. Und meinen Dank an alle, die mich unterstützt haben.

Offener Brief an Jings.

Früher, als ich noch jung war und als es noch keine Mobiltelefone gab, habe ich manchmal Botschaften mit Kreide auf den Asphalt geschrieben.

Verena – hatte schon nach der 4. Schluß und bin heim.

zum Beispiel. Oder:

Lieber Peter, wir sind schon vorgegangen ins Café Neumann. Kommst du nach?

Ich habe ein wenig Schwierigkeiten, jemand zu erreichen, der hier oft kommentiert: Jings. Jings verweigert mir leider bislang seine eMail-Adresse. Ich würde ihm auch ganz altmodisch einen Brief per Post schreiben, weiß aber nicht, ob ihn das nicht vielleicht in Verlegenheit bringt. Deshalb:

Jings! eMail oder Post?
Grüße, fragmente.

mechanisch

Was dir an dieser Stellung so gefällt, frage ich dich.
Es ist was mechanisches, sagst du und drehst dich um.

Ich stehe auf, gehe ins Bad, und erhasche einen Blick auf mich im Spiegel.
Ich bin schön wie nie. Mein Gesicht leuchtet, meine Lippen glänzen, die Haare rot und wild.
Mit meinem Daumen fahre ich mir übers Brustbein. Dahinter tickt und klickt es. Wenn ich mich öffnen könnte mit einem Knopf oder einem Türchen, dann würde man lauter Zahnräder sehen, wie in einer Uhr, die sich unablässig bewegen.
Ich denke an die Androiden bei Asimov oder Star Trek. Immer sind sie voller Sehnsucht.
Ich kann sie verstehen.

cog

Körpergedächtnis

Beim Aufräumen fällt mir ein Buch in die Hand; ich blättere darin, lese mich fest. Setze mich aufs Bett, lege ich mich schließlich hin und merke nach ein paar Seiten, daß ich genauso liege wie Du – nein, wie wir – das gerne mochten. Plötzlich bist Du da, durchscheinend zwar, aber so real in meiner Vorstellung, daß ich fast glaube, Dich zu spüren.
Die Sehnsucht, die sich nicht wegargumentieren läßt. Ich kann mir zwar verbieten, an Dich zu denken, aber mein Körper erinnert sich. Ich könnte Dich anrufen, jetzt sofort, mich vielleicht sogar mit Dir verabreden, aber Du bist nicht wie in meiner Vorstellung, das weiß ich. Du, wie ich glaube, daß Du bist, und Du, wie Du wirklich bist, das sind zwei verschiedene Sachen, und weil ich von Deinem realen Selbst verlange, was nur mein Bild von Dir kann, enttäuscht Du mich und machst mich unglücklich. Ich grolle Dir dafür, und weiß doch: es ist nicht Deine Schuld. Niemand hat Schuld, und wenn doch, dann am ehesten ich, oder zumindest sind meine Fehler die einzigen, die ich ändern kann. Ich kann aufhören mit Dir, und irgendwann wird meine Sehnsucht nicht mehr Dein Gesicht tragen, sondern ein anderes, ein unbekanntes, hoffentlich.

Neulich habe ich geträumt, ich stände im Garten meiner Eltern. Es ist Herbst, aber die Bäume tragen noch Laub, und an den Büschen glänzen rote Beeren. Früher Morgen, das Gras trägt Reif, es knirscht unter meinen Schuhen. Es scheint so friedlich, und doch habe ich große Angst, weil ich weiß, daß dies der Anfang eines langen Winters ist. Wie soll ich das durchstehen…

Als ob es der erste wäre. Schritt für Schritt, Stunde für Stunde, einen Fuß vor den anderen.

von Eseln.

Mein Nachhilfeschüler kommt rein, knallt die Tasche auf den Tisch, fläzt sich auf den Stuhl. Seine ganze Körperhaltung drückt Ablehnung aus. Er tut, was ich sage, er tut es leidenschaftslos, ungern, leidend. Er zieht eine Flunsch. Passive aggressive. Und ich werde zunehmend sauer, das ist ja, als ob man einen Esel den Berg hochschieben muß, so gut bezahlt werde ich nun auch nicht. Mühsam, und ich weiß mir mit nichts zu helfen außer mit Routine: wir machen eine Aufgabe, lesen aus den Buch, schreiben etwas auf, machen noch eine Aufgabe.
Als ich nach Hause fahre, die Straßen leer in der Dämmerung, schießt es mir durch den Kopf: mein Nachhilfeschüler war heute sehr verletzlich. Und ich erinnere mich plötzlich wieder, wie das ist – Pubertät, das Chaos der Hormone: an manchen Tagen die Haut so dünn, die Seele wie ein rohes Ei. Grundlos geweint habe ich, und ich bin mir sicher, ich war oft ebenso pampig wie er.
Manchmal, sinniere ich weiter, geht es mir auch heute noch so. Ich reagiere schnippisch, wenn ich eigentlich verletzlich bin und dünnhäutig. Und manchmal bin ich im Unrecht. Aber was würde es nützen, das zuzugeben?

today

Wie soll man mit dem eigenen Geburtstag umgehen?
Ich habe vieles versucht. Gar nicht gefeiert, still gefeiert, mit Freunden gefeiert, mit vielen Menschen gefeiert. Mir nichts gewünscht, damit ich nicht enttäuscht werde. Mir ganz konkrete Dinge gewünscht, damit ich nicht enttäuscht werde. Mir selbst etwas geschenkt, damit ich nicht enttäuscht werde. Den Geburtstag vorher angekündigt, damit ihn ja niemand vergißt. Den Geburtstag verschwiegen.
Dieses Mal feiere ich. Die Kollegen haben schon gratuliert, die Eltern und Ruth ebenso, heute Abend koche ich für ein paar Freunde, und meinem Blog habe ich den Geburtstag auch nicht verschwiegen.
Dieser Geburtstag scheint ein angenehmer Tag zu werden. Vielleicht, weil ich nicht mehr so krampfig bin, sondern gelassener geworden bin. Vielleicht, weil ich weniger verletzlich, weil weniger eitel bin.
Älter werden scheint so seine Vorteile zu haben.