Gastbloggerin bei der Vorspeisenplatte, hat jetzt ihr eigenes Weblog.
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coming home
Coming home, gedreht im Jahre meiner Geburt. Eine Frau verliebt sich in einen Veteran des Vietnamkrieges, der aufgrund einer Kriegsverletzung querschnittsgelähmt ist, während ihr Ehemann an der Front kämpft. Oh, befürchte ich, der Rollstuhlfahrer ist ein Pazifist und wird Phrasen dreschen. Doch die traumatischen Kriegserlebnisse, der Ekel über das Töten und Morden und seine eigene Behinderung haben ihn zu einem bahnbrechendem und beeindruckendem Bekenntnis zur Humanität geführt, die sich auch in seinem Umgang mit der Frau zeigt. Es rührt mich, diese Zärtlichkeit, dieser Respekt, den er ihr entgegenbringt.
Sie lieben sich, körperlich. Er sagt ihr, wie sie die Kissen aufschütteln soll, für ihn als Rückenstütze, und ich fühle diesen Moment auf Messers Schneide, es ist alles nicht so einfach. Doch dann sieht man die beiden, die Frau sitzt auf ihm, sie bewegen sich langsam, seine Oberarme muskelbepackt vom vielen Rollstuhlfahren, seine Hände, wie sie die Frau liebkosen, als könne er es kaum glauben. Man sieht die Frau auf dem Rücken, ihn zwischen ihren Schenkeln, er bringt sie mit seiner Zunge zum Orgasmus, man bekommt den Eindruck, es ist das erste Mal für sie. Als wäre das keines der Dinge, die ihr Ehemann mit ihr tun würde.
Shh, sagt er, shh, und hält sie.
[Die Frau, so spuckte mir das Internet entgegen, war Jane Fonda. Ich hätte sie nicht erkannt. Sie hat für diese Szene auf ein body double bestanden. Fast ein schönes Wort, body double, wenn es nicht bedeuten würde, das es ihr peinlich war.]
heut‘ Nacht, da lag ich lange wach

Der Mond hinter dem Schornstein.
Die erste Nacht im neuen Bett war schwierig. Die jahrelang erlegene Matratzenkuhle fehlt. Es ist heiß, der Vollmond scheint mir direkt ins Gesicht. Ich spüre meine langen Haare an meinem nackten Rücken, ungewohnt, ein paar Strähnen auch über den Brüsten, es kitzelt.
Ich denke daran, hier mit einem Mann zu liegen und bekomme Angst. Nackte, existenzielle, grundlose Angst. Werte Leser, ich habe einen Charakterfehler: ich bin überhaupt nicht spontan. Ich habe Angst, weil Sex nicht planbar ist, nicht kontrollierbar, weil ich mich in die Hände eines anderen legen muß.
Aber gerade das bedeutet leben: dem Unwägbaren einen Raum geben. Und deshalb sollte ich es tun: um kein Stein mehr zu sein.
[ Gegen zwei Uhr stehe ich auf, setzte mich nackt auf die Couch und schaue fern. „Die letzte Welle“, ein Roadmovie über Surferfreunde, einer von ihnen todkrank. Ein letztes Mal die Wellen reiten, dazu spielt The Cure. To wish impossible things. In voller Länge.
Ich finde Ruhe und kann endlich schlafen.]

(ohne Titel)
Dieses überraschende Gefühl, es könnte doch noch alles gut werden.
zerbrechlich
„Ich habe mir ein Bett gekauft!“, erzähle ich begeistert.
„Na, du machst aber Nägel mit Köpfen“; sagt Ruth mißbilligend. Sie hält es für totalen Quatsch, daß ich wieder anfangen will, Sex zu haben. Es schwingt aber auch ihre Besorgnis mit, daß ich verletzt werden könnte. Im Herzen.
Wie kann ich ihr erklären, daß ich wieder lebendig sein will?
Ich denke an das Hühnerei
Ist es hart, dann ist es tot.
Gib mir, Himmel, die Zerbrechlichkeit des Lebens
Reim, aufgeschnappt.
(Für alle, die nicht regelmäßig mitlesen: die Geschichte mit dem Bett, das Platz für zwei bieten soll, zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Blog: hier fängt es an, da stelle ich fest, daß ich ein breiteres brauche, es wird dringender, ich zweifele, ich jammere. Und jetzt ist es da. Wie wird es weitergehen? )
Liebe versus Wertschätzung
Of course (said Oryx), having a money value was no substitute for love. Every child should have love, every person should have it. She herself would rather have had her mother’s love – the love she still continued to believe in, the love that had followed her through the jungle in the form of a bird so she would not be too frightened or lonely – but love was undependable, it came and then it went, so it was good to have a money value, because then at least those who wanted to make profit from you would make sure you were fed enough and not damaged too much. Also there were many who had neither love nor a money value, and having one of those things was better than having nothing.
aus: Margaret Atwood, Oryx and Crake.
stream of consciousness: Erholungspark Marzahn
Gar nicht schlecht hier. In Baden-Württemberg würde sich das „Schloßpark“ nennen und wäre umsonst. Versteh’ ich nicht, wieso man in Marzahn einen Erholungspark braucht. Marzahn ist doch sowieso schon j.w.d. Ist lustig, da steht man in einer sorgfältig bepflanzten Parkwelt und in Hintergrund sieht man die zwanziggeschossigen Plattenbauten. Pastellblau.
Ich bin so ein Snob.
Direkt hinter dem Zaun des Parks fängt eine andere Art von Natur an, verwildert, mit langem Gras, manchmal umgeknickt, in Farben zwischen hellgrün, beige und braun. Fast schöner als der Park; ich habe Grille zirpen gehört.
Was sind hier für Menschen? Viele Familien mit Kindern unterschiedlichen Alters. Viele Rentner- oder Frührenterehepaare, manchmal auch zwei ältere Frauen, verwitwet oder geschieden.
Wie leben Frauen in meinem Alter? Sie kommen kaum vor, es sei denn, sie schieben einen Kinderwagen. Ich sehe ein paar aufgestylte Mäuschen, von denen ich annehme, sie arbeiten als Drogeriefachverkäuferinnen bei Schlecker. Ruth behauptet, ich wäre ein Beruferassisist.
Ich suche jemand, dem ich ähnele. Gar nicht so einfach. Mir fallen die vielen verlebten Gesichter auf, abgearbeitet, kaputtgearbeitet für den einen oder den anderen Staat. Ich glaube nicht, daß ich verhärmt aussehe. Ich bin eine priviligierte Tochter einer intellektuell angehauchten Mittelstandsfamilie, ich bin nicht verprügelt worden, keiner hat gesoffen, meine Existenzängste waren keine wirtschaftlichen. Es ist also nicht mein Verdienst.
Ich sehe eine junge Frau, die mit ihrem Vater hier ist und sich bei ihm untergehakt hat. Sie hat kurze rotgefärbte Haare, eine schlanke Figur und ein geringeltes Oberteil an. Sie ist schöner als ich, auch deswegen, weil sie unbeschwert wirkt, wie jemand, der es nicht nötig hat, sich herauszuputzen, sich darzustellen.
Ich sehe eine Frau in Cargohosen und Trekkingsandalen, begleitet von zwei ebenfalls sportlich gekleideten jungen Männern. Ich habe mich vor etwa fünf Jahren auch so angezogen, unisex bis burschikos. In ihr sehe ich meine Vergangenheit.
Ich sehe eine Nonne in schwarzer Ordenstracht, eine Dominikanerin oder Elisabethin. Ich sollte weniger schwarz tragen. In meinem Ausschnitt der goldene Anhänger, croix de languedoc, ein Erbstück, sicher, aber wie wirkt das denn. Eine Frau in schwarz, allein auf der Bank im Schatten, Erholungspark Marzahn. Als wäre ich in Trauer.
Andererseits: als ich auf dem Fahrrad herfuhr, da haben sie mir in den Ausschnitt gestarrt. Man kann sagen, was man will, aber die Brüste sind okay.
Eine Familie mit zwei Kindern, sie streiten sich. Der Mann schreit den Sohn an, die Mutter versucht zu schlichten. Es muß ein großer Druck sein, am Sonntag die heile Familie mimen zu müssen.
Ich bin gerne allein.
Ich mag Gamelan, diese unvertrauten Harmonien, die Tonfolgen, die auf überraschende Weise aufgelöst werden. Der Tanz ist wie immer von spektakulären Kostümen geprägt.
Ich sehe viele Menschen, die die Aufführung fotografieren. Das ist mir unverständlich. Ich kann verstehen, daß man im Urlaub Fotos macht. Ich stelle mir vor, wie die Menschen später in ihrem Wohnzimmer im pastellblauen Plattenbau sitzen; auf der Couchgarnitur mit Onkel Ernst, und die Fotos zeigen. „Wann wart ihr denn in Indonesien?“. „Das war im Erholungspark Marzahn.“
Dann begreife ich, daß es den meisten Leuten nicht um das Festhalten dieses Augenblickes geht, sondern um Fototechnik. Ich sehe viele hochmoderne, komplizierte Digitalkameras. Ich stelle mir die Kommentare vor: „dieses Bild ist besonders gut geworden, da habe ich den Weißabgleich auf 240 gestellt und im Sportmodus fotografiert“. „Und was sieht man da?“. „Oh, irgendsoeinen Volkstanz.“
Ich merke, daß ich der Vorführung nur mit halber Aufmerksamkeit folgen kann. Mit der anderen Hälfte kontrolliere ich, ob sich jemand vor mich stellt und mir die Sicht verdirbt. Ich bin in letzter Zeit so sehr darauf bedacht, daß ja niemand meine Rechte beschneidet. Im selben Moment ärgert es mich, daß ich so engstirnig reagiere. So hart geworden bin.
Taxi
Ich stehe auf der regennassen Straße in den „small hours“ der Nacht und warte auf ein Taxi.
Da fährt eines vorbei, ich schreie „Taxi!“, aber es ist schon besetzt.
Da fährt eines vorbei, ich denke, das ist nicht gut genug, und bleibe stumm.
Da stehe ich nun, und denke, hätte ich mal.
lifestyle
„Worüber schreibst du?“, fragt er.
„Ach“, sage ich, „ach. Ist ’ne komische Zeit in meinem Leben. Ich bin fertig mit der Uni und habe angefangen zu arbeiten, die Routine macht sich breit. Aufstehen – fernsehen – schlafengehen. Ich habe den Eindruck, wenn ich nicht jetzt etwas an meinem Lebensstil verändere, dann ist es zu spät. Vieles ist ja schon festgelegt, meine Vorlieben und Abneigungen und so weiter. Aber jetzt könnte ich noch etwas verändern, später, so glaube ich, wäre die Veränderung übergestülpt, nur Augenwischerei.“
„Aber wie soll sie denn aussehen, die Veränderung?“
„Das ist der Knackpunkt. Es ist ja schon ein relativ gutes Leben. Aber eine höhere Lebensqualität könnte ich mir auch vorstellen. Nur nicht so im Detail.“
„Ich versteh‘ dich nicht.“
„Ja. Ich bin irgendwie merkwürdig.“
Verwandlungen
„In welchem Weblog habe ich kürzlich diesen interessanten Text gelesen?“, dachte ich.
Es ging um den Künstler Genesis P.Orridge und seine Frau Jackie Breyer, die sich über einen Zeitraum von 10 Jahren durch Hormone und Schönheitsoperationen verwandeln ließen: er wurde zur Frau, sie wurde zum Mann.
Sehr radikal, kein Zweifel, aber diesen Gedanken finde ich interessant: daß es auf dem Weg vom Mann zur Frau und von der Frau zum Mann einen Punkt gegeben haben muß, an dem sie gleich waren.
Es war in gar keinem Weblog, stellte ich fest, sondern in der Taz.