10. November 2020

Den Tag mit Esther Perel begonnen, die ich für ihre Serie How’s work sehr schätze. Im Podcast spricht sie mit der New York Times über Beziehungen und die Pandemie, remote working und Gespräche mit Trump-Befürwortern.

Zwei Themen bleiben mir vor allem in Erinnerung: working from home, sagt sie, sei eigentlich working with home. Zuhause fallen alle Rollen zusammen, wir sind zeitgleich Mitarbeiterin, Vorgesetzte, Hausfrau, Ehepartner, Elternteil etc. Das ist kräftezehrend, zumal die Gelegenheit fehlt, uns an anderen Orten als eine andere zu erleben: im Restaurant, in der Oper, auf Reisen, in Konferenzräumen. Esther Perel merkt an, dass wir zwar per Video sehr gut aufgabenorierntiert zusammenarbeiten können, aber die interpersonelle Ebene fehlt: das kreative, das zufällige, mentoring, wachsen, Führung.

Zum anderen geht es darum, wie man mit Trump-Unterstützern in der Familie umgehen kann. Hier rät Esther Perel dazu, sich nicht so sehr auf die inhaltliche Ebene zu konzentrieren, denn man wird nur diskutieren und streiten und zu keinem Ergebnis kommen. Sie findet es wichtiger, sich auf das zu konzentrieren, was einen mit der anderen Person verbindet, und was wir an dem anderen schätzen: Talk to the person, not from their lowest part. Talk to her from her aspiration.

Im Büro dann erst einmal ein Ärgernis: meine externe Dienstleisterin hatte die Daten von gestern für mich bearbeitet und sie mir verschlüsselt zurückgeschickt. Normalerweise gehe ich dann auf ein Portal, melde mich an und kann die Daten dort runterladen. Heute jedoch war das Portal für mich gesperrt, da die IT auf einem anderen Kontinent beschlossen hatte, für alle Mitarbeiter ein anderes Filterprogramm anzuwenden, in dem natürlich nicht meine Berechtigungen und Freischaltungen hinterlegt waren. Etwa drei Stunden und zahlreiche Tests, Chats und Anrufe hat es gedauert, bis die IT das Problem identifiziert und gelöst hatte. Schmerzhaft.

Am späten Vormittag dann der Paukenschlag: der europäische CEO ist zurückgetreten. Das ist gar nicht gut, hat zu diversen Besprechungen, hektischen Telefonaten und langen Gesichtern geführt. Mein Netzwerk angeworfen, aber noch nicht rausbekommen, warum er gegangen ist und was das bedeutet. So ganz freiwillig kann es nicht gewesen sein. Eine große Veränderung liegt in der Luft, und wie Sheldon Cooper wusste, ist Veränderung niemals gut. Und ich habe schon mit dem business as usual genug zu tun.

Mit dem Geschäftsführer und einem Kollegen mittagessen gegangen, sofern man das heutzutage noch kann. In unserem Fall bedeutete das: beim Edelitaliener Pizza zum mitnehmen bestellt, in der Wartezeit eine kleine Runde durch den Park, vorbei am leerstehenden Hotel. Meinem Vorgesetzen auch eine Pizza mitgebracht, zu viert im Konferenzraum mit Abstand gegessen. Geschäftsführer hat Kaffee ausgegeben.

Es heißt ja, dass wir im Job alle nach drei Dingen streben: gesehen werden, Wertschätzung und Zugehörigkeit. Ich mag es schon, dieses Pizza essen und abhängen mit den coolen Jungs, aber vielleicht sollte ich es lieber nicht zugeben.

Nachmittags ein längeres Gespräch geführt mit meiner Mitarbeiterin, die gestern so geklagt hatte. Im Gespräch wurde sie immer ruhiger und entspannter, es hilft, glaube ich, Aufmerksamkeit zu geben und das Gefühl, gesehen zu werden, auch, wenn ich keine Lösung für sie aus dem Ärmel zaubern kann und so manches auch anders beurteile als sie.

Im Anschluß gleich ein Gespräch mit meinem Vorgesetzen auf meinen Wunsch. Erstmal gefragt, wie es ihm geht (schlecht, seine Datenauswertung stürzt seit mehreren Tagen immer ab und er weiss nicht warum), ihn gefragt, ob er heute genug Geduld für mich hat („das werden wir ja dann sehen“) und ihn um Feedback für meine Führung bezüglich meiner Mitarbeiterin gebeten. Das ist nicht ganz gelogen, aber tatsächlich hängen die Abteilungen zusammen und mein Problem ist eigentlich auch sein Problem. Ihn gut dazu bewegt, über das Problem nachzudenken, mit ihm gemeinsam eine Strategie entwickelt. Keine Spitzen oder Sticheleien zugelassen, und mich in meiner Rolle gut gefühlt. Es war eines der besten Gespräche mit ihm seit langer Zeit.

Paar Sachen weggearbeitet, nach Hause gefahren, Gespräch mit meiner Mutter. Eine Bekannte von ihr ist überraschend verstorben, tot aufgefunden im Bett. Die Bekannte war immer wieder sehr depressiv, tat sich schwer mit tragfähigen Beziehungen und war sehr auf Status und materielle Güter ausgerichtet. Einen früheren Schlaganfall hatte sie gut überstanden, jetzt aber – so spekulieren wir – die Medikamente heimlich abgesetzt. Ein stiller Suizid.

Kontakttagebuch: zehn Leute im Büro mit Maske, ein Mann vom italienischen Restaurant, der die Nase nicht in der Maske hatte, es war aber alles draußen und mit Abstand; der Geschäftsführer, mein Chef, ein Kollege und ich im großen Konferenzraum mit Abstand, aber ohne Maske, meine Mitarbeiterin und ich in meinem winzigen Büro mit maximalen Abstand aber ohne Maske, mein Chef und ich in seinem Büro mit sehr soliden Abstand und ohne Maske. Meine Mutter.

9. November 2020

Diese Woche wieder Büro.

Um 06:30 Uhr aufgestanden, das Home Office wieder abgebaut, zwei Monitore ins Auto geladen, dazu den Laptop, eine Dockingstation, eine Tastatur, einen Maus, eine Tasche mit Kleinzeug, ein paar Dokumente (eigentlich verboten), ein Notizblock, mein schwarzes Notizbuch (hoffentlich), diverse Kabel, eine neue Wasserflasche mit Markierung, Obstsalat, Lasagne für den Lunch, privates und berufliches iPhone, und einen USB-Stick.

Kurz vor neun im Büro, in der Ladezone geparkt, der Security zugerufen, dass ich da nur 10 Minuten stehe, einen Rollwagen geholt, jemanden daran erinnert, dass er mir noch Daten schuldet, alles ausgeladen und mit dem Lastenaufzug hochgefahren. Nur den Laptop ins Netz gebracht, die Daten erhalten, die Daten verschlüsselt, den Entschlüsseler, der am anderen Ende der Welt sitzt, gebeten, die Daten freizugeben, und gebetet, dass meine externe Dienstleisterin, die in Stuttgart sitzt, die Daten rechtzeitig bekommt, ehe sie ihr Kind abholen muss.

Die Monitore, die Dockingstation, die Tastatur, die Maus und die Kabel aufgebaut, installiert und eingestöpselt. Meinen Chef abgewimmelt, Beratung mit dem Geschäftsführer, mit unserer Rechtsanwältin telefoniert, drüber spekuliert, wie hoch die Rechnung der (sehr guten) Rechtsanwältin sein wird, ich tippe auf fünfzigtausend, und werde das in ein paar Monaten nachschlagen. Obstsalat gegessen. Mir die Klagen meiner Mitarbeiterin angehört, mit der externen Dienstleisterin telefoniert, mit der Rechtsanwältin telefoniert, ein Dokument unterzeichnen lassen und nach London geschickt, meinem Chef erklärt, dass ich eine Sache noch nicht gemacht habe. Mit einer weiteren Mitarbeiterin telefoniert, für einen anderen Mitarbeiter besondere Daten ausgedruckt und mir versprechen lassen, dass ich etwas bei ihm gut habe.

Lasagne gegessen.

Angefangen, eine große Datenbank zu überarbeiten. Mit noch einer Mitarbeiterin gesprochen, jetzt wird es langweilig, glaube ich. Verträge gesucht und auch gefunden. Mit meinem kleinen Team ein kleines Meeting gemacht, eher zäh, vieles besprochen, was bereits besprochen wurde, der Biss fehlt. Versucht, Motivation aufzubauen.

Vom Geschäftsführer gefragt worden, wie es mir geht, was ich heute noch von ihm brauche, ob wir mal wieder zum Lunch gehen wollen, auch wenn gerade alle Restaurants geschlossen sind, vielleicht irgendwo was abholen? Gerührt gewesen.

Gutes Gespräch mit dem Head of IT in London, gutes Gespräch mit meinem Chef, der zunehmend verzweifelt ist, weil er nix delegieren kann oder möchte, und das ist halt hart. Bisschen angefangen, mit ihm gemeinsam daran rumzudenken, wie man ihn entlasten könnte, mal sehen, ob der Wind günstig steht, ein paar Mal bin ich ja schon daran gescheitert, ihm zu helfen.

Man darf Menschen nicht mehr helfen, als sie es wollen.

Um halb sieben Feierabend gemacht, in die Tiefgarage gefahren. Kein Auto. Hatte ich in der Ladezone vergessen, sehr viel Adrenalin beim Gedanken, vielleicht abgeschleppt worden zu sein, war aber noch da.

Nach Hause gefahren, durch die grüne Welle und dann Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn. Auf den letzten drei Kilometern Nebel über den Auen, und Billie Eilish singt mir ins Ohr.

Gutes Gespräch mit meiner Mutter, Lob & Ehre verdient durch Lösen eines Computerproblems. Um 20:00 dann der große Feierabend, Schuhe aus, BH aus, Toast gegesse, diesen Text geschrieben. Gleich noch lesen. Zwei- oder zweieinhalb Stunden für mich.

Angenehm müde.

Kontakttagebuch: etwa zehn Leute im Büro, alle immer mit Maske, ich Ffp2. Meine Mutter ohne Maske. Zweimal Security mit Maske.

8. November 2020

Heute das getan, was mir am besten tut: mich treiben lassen, und genau dem nachgegangen, was mich gerade interessiert. Auch noch ein paar sinnvolle Sachen gemacht, Terrasse einwintern zum Beispiel. Tatsächlich aber ganz gut in mich hineingehört, in diese feine Kompassnadel, die sagt – ich möchte das machen, und dann das, und dann jenes: eine bestimmte Serie gucken, Kartoffelsalat machen, TikTok, ein Räuchermännchen anzünden, gemütlich sein, die Beine hochlegen.

Angefangen, ein Buch zu lesen.

Immer auch ein leichter Zweifel in mir, ob es richtig ist, so bedürftig und schwach zu sein. Ob ich nicht härter sein müsste, produktiver, aktiver, belastbarer, mich mehr fordern, mich mehr zwingen.

Ich kann all das, wenn es sein muss, vielleicht besser, als zart zu sein. Morgen schon bin ich wieder so.

7. November 2020

Gut und tief geschlafen, den Vormittag angenehm vertrödelt, aber unangenehm überrascht gewesen vom unfassbar raschen Verstreichen der Zeit. Wenn man älter wird, vergeht die Zeit insgesamt ja immer schneller – das hat damit zu tun, dass die Zeit proportional zu den Lebensjahren kürzer wird und uns daher schneller vorkommt. Freie Zeit vergeht dann noch einmal schneller, und freie Zeit, für die man viele gute Ideen hat, echt rasend.

Nachmittags auf dringenden Wunsch von Muttern einen Spaziergang gemacht. Sehr schöne Strecke unter blauem Himmel durch bunt gefärbte Bäume und Weinberge. Die Gegend hatten wir im ersten Lockdown* entdeckt, bittersüße Erinnerungen daran, wie wir damals dachten, dass all das nur ein paar Wochen gehen wird, höchstens ein paar Monate. Gutes Wort gefunden für den Schwermut, der mit dem Lockdown verbunden ist: Verlust an Teilhabe. Durch diesen Verlust an Möglichkeiten wird es schwieriger, in Resonanz mit der Welt zu treten, sich in ihr zu spüren und mit ihr eine Antwortbeziehung einzugehen. Die Dissonanz schlägt aufs Gemüt, dagegen hilft nur, mir sofort all meine Privilegien aufzuzählen, mir andere, kreative Möglichkeiten zur Resonanz zu überlegen, meine Durchhaltefähigkeit zu beschwören. Es ist, was es ist, und es wird vorübergehen.

Abends noch einen Film angeschaut. Das Aussuchen des Filmes im regulären Fernsehen, auf Prime und auf Netflix, oder im Abo des BBC Players hat länger gedauert als das Film gucken selbst. Ärgerlich, dass sogar im BBC Player manche Filme nicht im englischen Original verfügbar sind, sondern nur in der deutschen Synchronisation. Wo ist die Globalisierung, wenn man sie braucht?

Es gilt als nahezu sicher, dass Biden die Wahl gewonnen hat. Ob er auch Präsident wird, ist eine andere Frage, aber Trump scheint ein bisschen die Puste auszugehen für den Putsch.

Kontakttagebuch habe ich gestern vergessen, weil ich niemanden getroffen habe außer Muttern, heute noch zusätzlich den Paketboten, dem ich FFP2-Maske tragend Trinkgeld gegeben habe. Für meinen Geschmack zu viele Menschen auf dem Spaziergang, unter anderem ein Instagram-fotografierendes Paar, das ist natürlich viel verwerflicher als ich für Twitter**. Mehrere Mountainbiker, einer davon hat Muttern angeatmet, als er den Berg hochgekeucht ist. Ich habe dann im Brustton der Überzeugung gesagt, dass erst ab 15 Minuten Ansteckungsgefahr besteht.

*): es ist natürlich kein echter Lockdown, sondern nur eine Kontaktbeschränkung.

**): wenn wir gemeinsam irgendwo vorbeikommen, das besonders oder pittoresk ist, fragt mich meine Mutter manchmal, ob ich ein Bild machen möchte „für mein Social Media“. Sie fragt auch manchmal, „was hörst du so von deinem Social Media?“. Sie kennt Blog und Twitter nicht (hoffe ich), aber ich finde das so süß von ihr, und es rührt mich, dass sie sich so für mich interessiert.

6. November 2020

Zu einem kleinen Trick gegriffen und meinen Tag heute gamifiziert. In kleinen Blöcken abwechselnd gearbeitet, geputzt und Pause gemacht, die Erwerbsarbeitsblöcke natürlich länger und häufiger. Das hat gut geklappt und nun durchströmt mich ein Gefühl der rechtschaffenen Zufriedenheit, weil ich erledigt habe, was ich mir vorgenommen hatte – ohne mich dabei zu sehr zu quälen.

Tagesschau geguckt und anschließend den Biomüll rausgebracht, es ist knackig kalt und über mir funkeln die Sterne. Kurz einen guten Moment gehabt, in dieser Vorstadtsiedlung mit den gepflegten Vorgärten und den Fernsehern, in denen gerade die Tagesschau lief und jetzt ein Krimi oder ein Spielfilm, alles so bürgerlich und geordnet, und ich bin es nicht, oder vielleicht doch, oder vielleicht ist es auch egal.

Biden wird wohl doch Präsident. Deutschland hatte heute die höchste Zahl an COVID-19 Neuinfektionen seit Beginn der Pandemie.

5. November 2020

Raureif, zum ersten Mal in diesem Herbst.

Beschissene Nacht gehabt, um halb zwei aufgewacht, von Husten geschüttelt, weil ich gestern etwas aspiriert habe, und das möchte raus, raus, und steckt doch fest. Noch zwei weitere Male aufgewacht, aber nicht mehr so dramatisch. Morgens dennoch erstmal mit Joriste korrespondiert und mich dann durchgerungen, zum Arzt zu gehen.

Der Dorfarzt ist eigentlich ziemlich cool. Terminvergabe ist relativ problemlos, Wartezeit meistens ganz okay, und als Notfall wird man halt zwischengeschoben. Die Praxiseinrichtung ist aus den Achtzigern, am Tresen kauen die Sprechstundenhilfen den gesamten Dorfklatsch durch, und mit Datenschutz hat man es nicht so.

Beim Dorfarzt läuft es so: entweder du hast nix, dann kriegst du ein Rezept und eine (kurze) Krankschreibung, oder du hast was, dann kriegst du eine Überweisung zum Spezialisten. Ich hab wahrscheinlich eher nix, das einen Spezialisten erfordert, obwohl kurz von Röntgen die Rede war, jener neuartigen Technik. Mir steckt was in der Luftröhre, vielleicht ist sie auch nur verletzt, jedenfalls wird es sich bis Montag geben, oder auch nicht, dann komme ich wieder. Sauerstoffversorgung ist gut, gegen Pneumokokken bin ich geimpft, und für jetzt bleibt uns Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei.

Ich hab noch so ein komisches Stechen in der Brust, wird aber bestimmt auch wieder weggehen.

Im Büro krankgemeldet, viel Mitgefühl, natürlich trotzdem ein paar Sachen weggearbeitet, ich schlechtes Vorbild. Der eigentlich verpatzte Systemtest gestern hatte keine Konsequenzen, im Gegenteil, es gab noch Lob. Manchmal hängt die Latte recht tief.

Muttern weiterhin sehr guter Stimmung, schöner Spaziergang bei kalter Luft und tiefblauen Himmel.

Und ich? Ich suche immer noch nach meinem Mojo. Im Büro zu lasch, um mich so richtig freizuschaufeln, in der Selfcare zu lasch, um mich so richtig zu regenerieren. Dümpelt alles so vor sich hin.

Wahl in den USA noch immer nicht entschieden, sieht aber nach Biden aus.

Kontakttagebuch: Arztpraxis mit Ffp2-Maske, Muttern.

4. November 2020

Meinen eigenen guten Rat ignoriert und morgens gleich den Fernseher angemacht. Da führt Trump, mit 180 zu 200. Zum heulen.

Gleich rumgearbeitet, morgens immer so einen Motivationsschub, der dann leider nachlässt. Biden steigt auf 238 zu 201 oder so, und bleibt da erst einmal eine ganze Weile stehen. Trump erklärt sich erst einmal zum Sieger, und ich mache den Fernseher aus. Auf TikTok erklärt eine Frau der Gen Z, dass sie regelmäßig Medikamente nimmt, und zweimal im Monat zum Chiropraktiker muss; sie ist Brillenträgerin und braucht Schuheinlagen und ist für den Bürgerkrieg wirklich nicht geeignet, und ich denke: I feel you.

Mittags einen Lunch mit einer ehemaligen Kollegin, schon ein paar Arbeitgeber her. Sie wird sich eine Wohnung kaufen, sagt sie, 120 qm in sehr guter Lage, bisschen unter einer Million, Kreditzinsen seien ganz gut gerade, Inflation kommt, Betongold usw.

Ich hatte mich schon weit bevor sie das sagte an einem kleinen Stück Käsespätzle verschluckt, sofortige Ersickungsangst und Schwindel, den Rest des Tages dauernd Hustenanfälle. Mal gucken, wie das weitergeht, mittlerweile schon den einen oder anderen Artikel in der Apotheken Umschau gelesen. Bei das fünfte Element hat sich auch ein Bösewicht verschluckt, an einer Kirsche oder Pflaume. Er hat ein Haustier, blau und mit einem langen Rüssel, das konnte fast alles, außer: ihm auf den Rücken klopfen. Da muss ich immer dran denken, wenn ich mich verschlucke, auch wenn ich mittlerweile weiß, dass man das Heimlich-Manöver auch alleine an sich durchführen kann. Wie das geht, wird zum Beispiel in diesem Video gezeigt.

Später einen sehr bizarren Videocall mit einem neuen Kollegen aus dem Team in England. Call war als „one-on-one“ bezeichnet, zu meiner großen Überraschung ist noch eine weitere Frau dabei. Schlechte Etikette, und als ich das adressiere, wischt er so drüber, ach ja, stimmt, sorry, aber meint es gar nicht so. Als ich die Frau frage, warum sie beim Call dabei ist und was ihre Rolle in der Organisation ist, lässt er sich nicht sprechen, sondern spricht für sie. Er spricht überhaupt sehr viel, auf so eine freundliche, belehrende, herablassende Art, aber hey, alles nicht so gemeint, immer locker nehmen. Mal sehen, wie lange er sich hält.

Ich rege mich darüber so auf, dass ich vergesse, abends einen wichtigen Systemtest durchzuführen. Das wird eventuell noch Ärger geben. Ich hole es schnellstmöglichst nach und erlebe im Anschluss noch ein kleines Produktivitätshoch.

Kurz Muttern in ihrer Wohnung besucht; sie war heute regelbrechend beim Lesezirkel mit zwei Freundinnen, also ein Treffen von drei Haushalten. Die Begegnung war ausgesprochen schön und hat sie aus dem beginnenden seelischen Tief gut herausgeholt, daher finde ich das nicht so ganz schlecht, aber auch nicht wirklich richtig. Tricky.

Wäsche aufgehängt und dazu die Tagesschau geschaut, zeitverzögert aus der Mediathek. Immer noch kein Wahlsieger.

Wenn es gut läuft, habe ich noch siebzehntausend Tage vor mir. Wenn es schlecht läuft, weil das kleine Stück Käsespätzle mir noch eine Lungenentzündung bereitet und es kein Beatmungsgerät mehr für mich gibt, oder weil irgendwelche weißen Dudes die Welt beenden oder mich, dann sind es deutlich weniger Tage. Dafür, dass meine Tage so wenige sind, und so kostbar, finde ich sie ganz schön langweilig.

Und kann doch nicht anders, als heute wieder Optimismus in mir zu spüren: dass bessere Tage kommen, Perseiden gucken, Boot fahren, Spaziergang am Rhein, am Strand in Abu Dhabi, nice little restaurants where they know your name, oder auch – und das vielleicht ganz bald – stillvergnügt im Sessel, gute Gedanken im Kopf, und ein interessantes Buch auf dem Schoß.

Kontakttagebuch: niemand außer Muttern.

3. November 2020

Viel bessere Laune. Hormone sind eine Bitch.

Gut gearbeitet, morgens im Schlafanzug mit ungeputzten Zähnen gleich ein paar Sachen durchadministriert, später am Tag dann viele Gespräche per Telefon oder Video.

Über die Mittagszeit mit Muttern einen Spaziergang durchs Dorf gemacht. Mutter weiterhin wegen Vertragssache sehr aufgewühlt.

Die COVID-19 Einschläge kommen näher.

Bisschen Streit mit meinem Chef. Sie müssen einfordern, was Ihnen zusteht, auch wenn Sie es nicht bekommen werden, sagt mein Coach. Nun gut.

Abends Mentoring-Gespräch mit einem sehr guten Kollegen aus einer anderen Abteilung in London – er ist der Mentor, ich bin der Mentee. Läuft schon ein paar Monate und hilft mir sehr. Nicht nur, weil er mir Feedback zu meiner Person gibt und einen anderen Blickwinkel auf die Dinge hat, sondern vor allem, weil wir tratschen wie die Waschweiber. Natürlich alles strictly confidential. Alles, was dazu beiträgt, mir ein Gefühl für die Organisation zu geben, für die ich arbeite, tut mir gut. Zu spüren, wie sie atmet, wie ihr Puls zur Zeit ist, ob sie vital ist oder eher schwächelt, welche Kämpfe gerade ausgetragen werden und wer mit wem kann und wer nicht. Spannend.

Mir ein bewusstes Nachrichtenverbot ausgesprochen für heute und zum Teil auch für morgen. Allerhöchstens mal einen Blick auf die Push-Nachrichten werfen. Alles andere regt mich nur auf, und das ist nicht gut für mich.

Der Wohlstandstempel soll keine Risse bekommen.

Kontakttagebuch: Niemand außer Muttern.

1. und 2. November 2020

Im November jeden Tag bloggen, sagt Frau N, also gut.

Sonntag, 1. November: sehr schlechte Laune, fast schon so eine Art von depressiver Verstimmung, jedenfalls tiefe Mißmutigkeit. Schlechtes Körpergefühl, Weltpolitik nervt mich, insbesondere die anstehenden US-Wahlen plus befürchteter Unruhen. Den stillen November finde ich gut und richtig, die steigenden Fallzahlen machen mir große Sorgen. Trotzdem fühlt es sich an, als müssten wir die Zeche für die Unvernünftigen zahlen. Bin mir aber gar nicht sicher, ob mein Mißmut wirklich damit zusammenhängt, oder einfach aus einer Erschöpfung herrührt: zu viel gearbeitet dieses Jahr, zu große Räder gedreht, gewachsen auch, eine echte Bürgermeisterin mittlerweile, alles erwachsen, dauernd und ohne Pause. Oder gehört es einfach zu mir, der Schwermut, der kommt, und auch wieder geht?

Es hilft, zu wissen, dass wirklich keine Produktivität zu erwarten ist an solchen Tagen. Mittagessen mit Muttern, sie hat auf meinen Wunsch ein Schmorgericht gekocht, ich habe Rotkohl dazu gemacht, den Tisch bei mir in meiner Wohnung gedeckt, mich geduscht und angezogen, Haare gewaschen und Schmuck und all das. In mir drin sitzt eine kleine, mißmutige Stimme und nörgelt, ob ich denn glauben würde, dass das helfe? So ein billiger Trick? Und es hilft, ein bisschen.

Keine Kraft für ein Buch, obwohl mir das am meisten fehlt und am meisten helfen würde, Bücher lesen. Stattdessen ein bisschen The Middle geguckt, alte Folgen, die ich schon kenne, und selbst das ist mir fast zu dramatisch. Viel TikTok. Eine Email geschrieben. Bisschen Zeit für mich selbst, doch noch zu einem guten Körpergefühl gefunden, sehr entspannend.

Gerne diesen Beitrag gelesen: es ist, wie es ist

Montag, 2. November: Home Office. Erstmal alles aufgebaut, eher lasch rumgearbeitet, gutes Gespräch per Video mit dem Geschäftsführer, er baut mich immer auf, auch wenn das eigentlich andersrum sein sollte. Mittags Grippeschutzimpfung, anschließend Spaziergang mit Muttern, sehr blauer Himmel, ungewöhnlich warm mit nahezu 20 Grad. T-Shirt-Wetter. In der Luft liegt etwas wie Teneriffa im März oder Norwegen im September, sehr schön. Stimmung innendrin aber immer noch mittelmäßig.

Wieder ein paar gute Emails vom Büro, manchmal liebt es mich ein bisschen zurück.

Die Pressekonferenz der Bundeskanzlerin gesehen. Sie für ihre Geduld bewundert, und ihren Langmut. Alles, was sie sagt, macht für mich Sinn. Ihr Verständnis der wissenschaftlichen Seite der Pandemie scheint mir korrekt zu sein. Ein paar Mal hat sie mich sogar ein bisschen gerührt, mit ihrem Hinweis, dass wir das alles tun für die, die wir lieben, die besonders schutzwürdig sind. Eine Frage ging in die Richtung Freiheit und Autokratie, und sie sagte, dass man in einer Demokratie eben anders argumentieren müsste. Die Leute mitnehmen. Es tut mir ein bisschen weh, dass sie glaubt, dass die Menschen besser wären als sie es tatsächlich sind, selbstloser, mit weiteren Blick, mehr Verständnis, besserer Disziplin.

Ich erhole mich langsam, ein paar Mal war ich heute ganz bei mir selbst, in Resonanz mit der Welt, einen Augenblick nur, dann rutscht es wieder weg, und ich esse, und bleibe hungrig, und schlafe, und bleibe müde.

Abends noch meine Mutter lange zu einem schwierigen Vertrag beraten, über den sie sich große Sorgen macht. Care-Arbeit.

Guter Blick aus dem Fenster heute, ein schönes Licht. TikTok und vielleicht räume ich gleich noch die Küche auf, vielleicht aber auch nicht.

Kontakttagebuch: Muttern, die Arzthelferin in der Praxis (Maske), die Frau von der Tankstelle (wegen Post, Maske).