(ohne Titel)

Ich trage die Haare offen. Ein wenig aus kindlichem Trotz – ich stelle mir vor, wie ich meinem kleinen Chef, der mich gestern geärgert hat, auf die Unterlagen haare; wie er später ein Haar im Salat findet und zieht und zieht und zieht, einen halben Meter lang. Der Gedanke heitert mich auf.

Als sie erkannt hatte, dass sie intellektuell alles erreicht hatte, was ihr möglich war, wandte sie sich ganz ihrem Körper zu heißt es in einem Buch – oder war es ein Blog? Ein schöner Satz, der sich hämisch denken läßt, wenn man den öffentlichen Raum mit einer überschminkten Frau teilen muß, von der man sich wünschte, sie würde ihren liplinerumrandeten Mund geschlossen halten. Aber auch eine gute Frage – wann wird es bei mir so weit sein? Und was mache ich dann aus diesem Körper?

Die Mutter meines Nachhilfeschülers hatte während Ceaușescu in einem Hotel am schwarzen Meer gearbeitet. Dort gab es abends nichts zu tun, nichts zu unternehmen, erzählte sie, im Fernsehen lief auch nichts, da habe sie ihre Zeit ganz darauf verwendet, sich zu pflegen.

Heute lasse ich mich gehen. Kein festgezurrter, funktionaler Dutt, kein aufgeräumter Pferdeschwanz. Ich fange den Wind ein in meinen Haaren.

U2

Es gibt nicht mehr viele, aber doch noch einige andere Plätze, die ich hätte wählen können; aber ich entscheide mich für den Platz dem Studenten gegenüber. Ich habe die plötzliche und überraschende Idee, sehen zu wollen, ob seine Hose eine Beule bekommt. Ich überlege, ob es antifeministisch ist, mich selbst zu reduzieren auf meinen Körper und dessen Wirkung – wohl eher ist es sexistisch, den jungen Mann zu reduzieren auf seine Körperlichkeit. Und so sitzen wir einander gegenüber, zwei Körper, zwei Seelen, und ich werde nicht klug, weil seine Jeans zwar mächtig Falten wirft und er die Hände oder sein Handy auf seinem Schoß drapiert, aber vor allem, weil ich halt nichts weiß über Männer; auch nichts über Jungs.
Weil ich mir Fragen stelle, weil ich mich gelegentlich Männern gegenüber setze, die ich attraktiv finde, und weil ich öfter als mir lieb ist überhaupt Männer attraktiv finde, weiß ich eines ganz sicher: ich bin noch nicht tot.

alles anders

Von Dienstag auf Freitag plötzlich eine neue Jahreszeit, als hätte jemand das Kalenderblatt abgerissen, und darunter kommen satte Farben und pralle Blüten zum Vorschein. Nach der Arbeit ist es noch so hell, dass ich auf die Uhr schauen muss, um mich zu vergewissern, dass ich nicht eine Stunde zu früh nach Hause gegangen bin. Die U-Bahn ist leer wie sonst nie, und mein Buch ist so gut, dass mir nach fast einem Jahr passiert, was ich immer schon befürchtet hatte: ich fahre eine Station zu weit. Auch mal was anderes.

Ich mag, wie es jetzt gerade ist. Die Arbeit, mich selbst, die Wohnung, die Stadt und die Menschen darin. Aber – kann es auch so bleiben?

toxisch

Heute vor zwei Jahren begann das Ende meiner damaligen Arbeitssituation. Es hat dann noch ziemlich lange gedauert, bis sich die Wege und Projekte mit meinem Chef entwirrt haben; das letzte Mal hatten wir vor etwa einem Jahr Kontakt, als er mir ein paar Ratschläge für ein Vorstellungsgespräch gab. Es wurde das Vorstellungsgespräch des Grauens, und ich habe erkannt, dass ich nie mehr in diesem Bereich arbeiten will, und es auch nicht kann – aber das ist eine andere Geschichte.

Ich habe jetzt mehrere neue Chefs und einen Oberchef, vor dem alle mächtig Respekt haben, gelegentlich sogar zittern. Ich schwitze auch manchmal, wenn er in meinem Büro steht, aber… es ist ein gänzlich anderes Miteinander, mit meiner vorherigen Situation einfach nicht zu vergleichen. Je mehr Zeit vergeht, umso mehr spüre ich all diese kleinen Verbesserungen, all diese Erleichterungen durch das Fehlen dieses alten Chefs. Es ist wie ein Gift, das langsam aus mir herausgespült wurde; er war wie ein Gift, das ich nun endlich los geworden bin, und dass es mir jetzt gut geht, hat auch ein wenig damit zu tun, dass ich mit ihm nichts mehr zu tun habe.

Pferdchen

Ich sitze mit meinen Eltern in einem gut besuchten Lokal; wir genießen die Frühlingssonne. Am Nebentisch fällt mir eine junge Frau auf, vielleicht Mitte zwanzig. Sie isst mit gesundem Appetit und bescheidenen Tischmanieren gemischten Braten, der Mann ihr gegenüber hat nichts bestellt, soviel kann ich sehen, auch wenn der Rest von ihm außerhalb meines Gesichtsfeldes bleibt.
Beide schweigen viel, ein anderes Schweigen als das an unsrem Tisch. Die Gesprächsfetzen zwischen der Stille rauschen an mir vorbei, bis auf einen: die Frau erzählt, dass sie in einer Gaststätte gearbeitet hat, besonders gefallen hat es ihr anscheinend nicht. Sie hat gekündigt und erwähnt, dass ihr Chef „eine große Liebe hatte“. Zu Spielautomaten.
Der Mann an ihrem Tisch entgegnet lässig, er habe auch viel Geld an Spielautomaten verloren, genug für einen Porsche.

Ein wenig später stehen wir auf und gehen. Ich kann einen besseren Blick auf die Frau werfen, sie sieht ganz gut aus, schlank, schmale Taille, ordentlich Busen, und sehr lange, lockige, schwarze Haare.

„Fandest du die nicht auch irgendwie merkwürdig, dieses Paar am Nebentisch?“, frage ich meine Mutter, und sie stimmt mir zu und sagt:

„Vielleicht war sie sein neues Pferdchen.“

Beklemmend, irgendwie.

(ohne Titel)

Mich entspannt, sicher und vor allem gelassen gefühlt in Situationen, die ich vor nicht allzu langer Zeit schwierig gefunden hätte. Woher kommt das? Das Alter? Der vergrößerte Erfahrungshorizont? Die Arbeit am Selbst?
Die Frage werde ich wohl im Rückblick beantworten können, wenn ich weiß, wie lange es hält.

Walzer

„Was habt ihr eigentlich damals so unternommen, bevor ihr geheiratet habt?“, frage ich meine Eltern.

„Ach“, sagen sie, „was man eben so macht. Spazieren gehen, Kaffee trinken, ins Kino, tanzen gehen… einmal waren wir auf einem Fest und haben Walzer getanzt, einfach so, obwohl gar keine Musik spielte.“ Und sie lächeln und leuchten.

(ohne Titel)

Ein guter Tag. Weinberge, Sonne, meine Eltern. Sind die guten Tage nur eine Vorauszahlung, ein Kredit, den man mit Zins und Zinseszins und tausend bleiernen Tagen zurückbezahlen muss? Ein Ausschlag der Hirnchemie nach oben, bevor es wieder steil nach unten geht?

Nicht drüber nachdenken. Leben.
Glücklich sein gibt keine gute Geschichten. Sorry.

Heute für einen Moment glücklich gewesen.

Manchmal bin ich für einen Moment glücklich, wenn ich von der Arbeit zur U-Bahn laufe: ich spüre ddie Stadt um mich herum, eine geschäftige Metropole; blaue Stunde, die Lichter gehen langsam an und die Türme leuchten; ich rieche den Asphalt und höre das tock tock tock meiner Absätze, und bin ganz da.

Heute fuhr ich im Auto, es war früher Nachmittag, die Sonne schien, der Himmel ganz blau, das erste satte Frühlingsgrün der Wiesen, in meiner Nase der Ledergeruch des Autos und im Radio ein guter Song, und ich war glücklich.

Ich bin überdurchschnittlich oft glücklich, wenn ich unterwegs bin. Es ist diese Art von Unterwegssein, die nichts von einem fordert, außer unterwegs sein: keine Termine, kein Zeitdruck, keine Hektik; keine innere Vorbereitung auf das, was einem am Ziel erwartet. Man kann gar nichts anderes tun.. außer zu sein.

Und ich bin dann einfach, bin glücklich, spüre meine Sinne und eine gewisse Dankbarkeit, weil mir mein Leben priviligiert vorkommt, und weil ich dankbar bin, es leben zu dürfen.