too little, too late

In meinem derzeitigen Lieblingsfilm, verfolgt, gibt es eine Reihe von Lieblingsszenen (wie Kostja Ullmanns Atem schneller geht, als sie die Szene beginnen, zum Beispiel.)

Eine andere möchte ich hier erzählen:
Man sieht Elsa Seifert zusammen mit ihrem Ehemann im Bett. Morgenlicht dringt ins Zimmer, der Mann schläft. Elsa sitzt mit aufrechtem Oberkörper im Bett, ein leises Lächeln auf ihren Lippen. Sie ist ganz ruhig und denkt nach. Plötzlich schreckt ihr Mann hoch, so wie man manchmal rasch aufwacht, wenn man verschlafen hat. Er schaut sie an und sagt:
„Scheiße! Wie spät isses denn?“

Und sie sagt, beinahe liebevoll: „zu spät.“

Was mir daran gefällt, fragen Sie? Ich finde, es ist eine durch und durch gelungene Metapher für den Moment, in dem man erkennt, daß man einen Übergang vollzogen und eine Phase hinter sich gelassen hat. Und dann gibt es keinen Weg mehr zurück.

zehn, drei, vier.

Post-its im Speziellen und Notizzettel im Allgemeinen sind meiner Erfahrung nach zur Organisation und Erinnerung völlig ungeeignet. Trotzdem hat der Mensch das Bedürfnis, wichtiges mal eben kurz auf ihnen zu notieren, gerne auch buchstabensparend. Wochen später tauchen diese Zettelchen dann wie ein Wal oder ein U-Boot aus dem Meer des Unbewußten oder des Schreibtischwusts auf. 103U steht da dann drauf, und der Mensch grübelt und grübelt. Analog zu Bäumen, die umfallen, wenn niemand in der Nähe ist, stellt sich auch hier die philosophische Frage: war etwas wichtig, das man so gründlich vergessen hat? Offensichtlicherweise hat sich die Welt weitergedreht und wir haben unser Leben weitergelebt, ohne daß in der Sache 103U irgendjemand irgendetwas unternommen hat.
Ich habe mir Anfang Februar ein kleines gelbes Post-it auf meinen Monitor geklebt, auf dem steht: 10.3. Danach ist diese Information in meinem Unterbwußtsein untergetaucht und ich habe jeden Tag 8 Stunden und mehr auf meinen Monitor geblickt, ohne dieses Post-it überhaupt wahrzunehmen. Letzte Woche tauchte es wieder auf und piepte seitdem leise, aber konstant, auf dem Radar meines Bewußtseins.
Immerhin: 10.3. ist eindeutig ein Datum. Was also, verdammt, ist am 10.3.? Nach einer schlaflosen Nacht (Piep!) war ich mir ziemlich sicher: am 10.3. hat Justyna ihre letzte Prüfung und jenes Post-it sollte mich daran erinnern, ihr viel Glück zu wünschen.
Ein gewisses Unbehagen blieb, und so konsultierte ich nach einer weiteren Nacht mittelmäßigen Schlafes das Primärwerk meiner Organisation: das Karteikästchen. Das Karteikästchen beinhaltete eine Karteikarte, die besagte, daß Justyna am 14.3. ihre Prüfung hat. Mist.
Mein Kollege meinte ja, ich hätte mir den 10.3. notiert, weil er ab da erst zwei Wochen außer Haus und dann zwei Wochen im Urlaub weilt, ich somit das Büro ab diesem Stichtag vier Wochen für mich alleine habe. Sachlich richtig, inhaltlich falsch. Das glaubt mir jetzt wieder keiner, aber ich mag den Kollegen ganz gerne.

Fest steht: der 10. März ist heute, und mir ist rechtzeitig wieder eingefallen, warum ich mir dieses Datum notiert hatte: vor vier Jahren habe ich den ersten Eintrag in dieses Weblog geschrieben. In den letzten drei Jahren wurde ich hin und wieder von diesem Datum überrascht und überrollt, also habe ich mir ein Post-it geschrieben, um mich daran zu erinnern (was beinahe gescheitert wäre.)
Am besten gefällt mir ja, wenn sie mal runterscrollen, links diese Leiste „Archiv“ und wie die Monate Wellen werfen. Mal hoch, mal tief. Kann man dem mehr hinzufügen?

Letzte Woche habe ich 3 (drei) Emails von Lesern bekommen, die mir mitteilten, daß sie mögen, was ich schreibe. (Somit erhöht sich die Gesamtzahl an Fanpost auf 4 (vier).)
Du kannst keinen falschen Satz schreiben steht in der einen. Ein Mann schreibt, daß er trotz der unendlichen Möglichkeiten des Internets (Pornogrrafie!) am liebsten hier liest. Ich wurde von einer Sympathiewelle zu Ihrem virtuellen Ich erfasst schreibt die Dritte.
Seit etwa drei dieser vier Jahre habe ich ziemlich konstant 250 Hits am Tag. Für mich war A-Bloggertum nie erstrebenswert. Ich empfinde es als besonders großes Glück, dieses kleine, handverlesene, optimale Publikum zu haben. Die Trolle trollen woanders und die meisten der Kommentare, die ich bekomme, zeigen, daß die Leser der Fragmente verstehen, worum es geht und einen gewissen Tiefgang besitzen.

Auch hier suche ich wieder nach einem Satz zum Abschluß und finde keinen. Also weiter. Nach den ersten 365 Tagen gab es die Option, in den Kommentaren Fragen zu stellen bzw. sich Content zu wünschen. Wollen wir das auch dieses Jahr so machen?

im Lieferumfang enthalten

neue Kollegin: „sag mal, bist du verheiratet?“

ich (trocken, die Hände in den Hosentaschen, auf den Boden blickend): „nein. (Pause.) Ich bin alleinstehend.“

neue Kollegin: „und was ist das dann für eine Männerstimme auf deinem Anrufbeantworter?“

ich: „die wurde mit dem Telefon mitgeliefert.“

(ohne Titel)

Alles läuft nach Plan. Ich fahre über Düsseldorf nach Mannheim, dann mit einem Bummelzug durch die Provinz und schließlich mit meinem gefährlich nervösen Vater am Steuer über die Dörfer. Der Klinikkomplex liegt auf einer Anhöhe im Nirgendwo. Meine Mutter ist blaß und leicht gelbstichig, aber wach, ansprechbar, außergewöhnlich sanft und im Großen und Ganzen sie selbst. Ich strahle übers ganze Gesicht. „Du siehst so gut aus!“, sagt sie. Ich habe mich bestmöglichst angezogen: schwarze Bluse, grau-glänzende Hose mit feinen Nadelstreifen, Perlenohrringe, einen Ring, Lippenstift. Ich wollte seriös aussehen, damit mich Ärzte und Krankenschwestern ernst nehmen.

Wenn Blogger über ihre Kinder schreiben, dann schreiben sie oft deren Alter in Klammern dahinter: z.B. Paul (9). Wenn Blogger über ihre Eltern schreiben, nennen sie oft das Geburtsdatum.
Zum Beispiel mein Vater (*1935). Mein Vater ist auf liebenswerte Weise exzentrisch. In letzter Zeit war ich ein wenig besorgt, weil seine Zerstreutheit zunahm: manchmal erzählte er mir etwas, ohne es in einen Kontext einzuordnen, er begann Geschichten, ohne den Spannungsbogen zu beenden. Das ist besser geworden, und so konnten wir uns über viele Dinge austauschen. Quality time.

Und so bin ich glücklich: weil es meinen beiden Eltern gut geht, weil der Abschied, den wir unausweichlich voneinander werden nehmen müssen, noch ein wenig hinausgeschoben wurde. Weil dieser Trip nach Schwaben so unverhofft leicht und unbeschwert war. Im Zug lasse ich die Landschaft an mir vorbeiziehen und schaue der Sonne beim Untergehen zu, Musik im Ohr. Alles ist gut.

bahn

Pläne

Gestern mit meiner Mutter telefoniert. Zum Abschied sagte sie:

Machs gut, bis wir uns wiedersehen.

Sie kriegt morgen ihr zweites künstliches Hüftgelenk. Ich fahre zu ihr und bin – so der Plan – genau zum Zeitpunkt ihres Erwachens aus der Narkose da.

Ihr Satz hat mich ein wenig erschreckt. Ich habe dann nochmal nachgeschlagen, weil ich glaubte, es wäre ein Zitat aus einem Stück von Shakespare. Der läßt nämlich Julia zu ihrer Mutter sagen:

Gott weiß, wann wir uns wiedersehn.

Das ist nicht das gleiche. (Wie es für Julia ausging, wissen wir ja.)