Verwandlungen

„In welchem Weblog habe ich kürzlich diesen interessanten Text gelesen?“, dachte ich.

Es ging um den Künstler Genesis P.Orridge und seine Frau Jackie Breyer, die sich über einen Zeitraum von 10 Jahren durch Hormone und Schönheitsoperationen verwandeln ließen: er wurde zur Frau, sie wurde zum Mann.
Sehr radikal, kein Zweifel, aber diesen Gedanken finde ich interessant: daß es auf dem Weg vom Mann zur Frau und von der Frau zum Mann einen Punkt gegeben haben muß, an dem sie gleich waren.

Es war in gar keinem Weblog, stellte ich fest, sondern in der Taz.

zotiger Witz von unerwarteter Stelle

Zur Aufklärung von Molekülstrukturen verwendet man ein Gerät, das einen starken Magnet besitzt, so stark, daß in der Regel ein eigenes Gebäude für diesen Magnet gebaut wird.
Vor ein paar Jahren habe ich einen Kurs zu diesem Thema besucht. Ich stand in dem Raum, in dem der Magnet untergebracht war; das Kleingeld in meiner Hosentasche wurde magnetisch angezogen und meine Hose beulte sich aus. Die Kommilitonen um mich herum bewunderten diesen Effekt, da sagte der Professor:

„Jetzt wissen Sie, wie sich die Männer fühlen“.

still

In der Nacht liege ich mit weit geöffneten Augen im Bett. Es ist so still. Eine Seltenheit in einem Haus in Friedrichshain. Der Mann unter mir hofft auf eine Karriere als Rockstar. Das Szenegirl aus dem Hinterhaus lacht so schrill am Telefon, hat immer die Fenster offen und kokst wahrscheinlich. Ich habe mal mit ihr geredet, mich beschwert, da kam sie mir leer vor, wie ein Abziehbild, nichts eigenes.
Jetzt ist es still, nachts um halb eins, ich höre ein rhythmisches Geräusch. Es ist in meiner Wohnung, nicht draußen. Ein Insekt? Ein Wassertropfen? Ich stehe auf, mache mich auf die Suche. Ich tapse in der Dunkelheit herum, die keine ist, in Berlin bleibt der Himmel immer hell. Ich sehe die Umrisse aller Gegenstände, der Dielenboden unter meinen nackten Füßen fühlt sich rutschig an. Ich habe geputzt, gewischt, aufgeräumt, überall, es ist unheimlich, wenn es so sauber ist.
Das rhythmische Geräusch stellt sich als das Ticken einer Uhr heraus, die Bestandteil der Gasetagenheizung ist.
Ich lege mich wieder ins Bett. Ich denke an die Veränderung, es ist doch nicht die größte, die ich bislang erlebt habe. Vielleicht ist es so bedrückend, weil es zum ersten Mal eine rein innerliche Veränderung ist, also keine, die von äußeren Faktoren bestimmt oder begleitet wird, z.B. von einem Umzug oder einem Bildungsabschluß. Vielleicht ist es die letzte Veränderung, die noch passieren könnte, und vielleicht passiert sie nicht. Vielleicht ist es so schwer, weil ich so alt bin.
Ich denke manchmal , daß ich wahnsinnig werde, daß ich den Verstand verliere, daß dieses Korsett aus Gewohnheiten und Alltag zerreißt.
So geht es sicherlich vielen Menschen, besonders denen, die zu viel nachdenken.

Reisebegleitung

“Ihr harmoniert so gut miteinander!”, sagt Ruth.

Sie meint mich und einen jungen Mann, den ich hier Reisebegleitung nennen werde. Reisebegleitung ist ungefähr in meinem Alter, studiert aber immer noch. Irgendwas geistes- oder sozialwissenschaftliches mit Anglistik. Wir kennen uns über die gemeinsame Begeisterung für The Cure, man kann mit ihm wundervoll darüber diskutieren, ob beim Bootleg Hertogenbosch 1984 die Tapemaschine zu schnell lief oder ob The Cure seinerzeit einfach dynamischer waren.
Er wohnt in der Nähe von Frankfurt a.M., wir sehen uns ein paar Mal im Jahr, in der Regel wegen irgendwas, das mit The Cure zu tun hat.
Zwischen uns läuft nix. Da sprüht kein Funke.

„Warte mal noch drei Jahre“, meint Ruth. Er würde wirklich gut zu mir passen, sei halt noch a bisserl jung. „Er lacht über deine Witze“, sagt sie, „wie oft findet man das schon!“.

Er ist aber nicht an mir interessiert, merke ich an.
„Oh, das würde ich so nicht sagen“, kommentiert sie. „Er mag dich sehr.“

„Jetzt mal nur, weil mich deine Erklärung interessiert. Ich gebe dir recht, wir harmonieren und wir mögen einander. Wieso ist er nicht verliebt in mich?“, frage ich Ruth.

„Oh, ich würde nicht sagen, daß er nicht verliebt in dich ist“, meint sie. „Er weiß es vielleicht selbst noch nicht. Außerdem ist er ein bisschen unbeholfen, was flirten angeht.
Und du, liebe Fragmente…ich meine, du bist sehr freundlich zu ihm…aber irgendwie hältst du ihn auf Distanz. Auf Armeslänge von dir weg. Das spürt er bestimmt.“

Oh, dachte ich, oh weh. Das mag durchaus ein Grund dafür sein, wieso die möglichen Partner immer an mir vorbeiziehen.