still

In der Nacht liege ich mit weit geöffneten Augen im Bett. Es ist so still. Eine Seltenheit in einem Haus in Friedrichshain. Der Mann unter mir hofft auf eine Karriere als Rockstar. Das Szenegirl aus dem Hinterhaus lacht so schrill am Telefon, hat immer die Fenster offen und kokst wahrscheinlich. Ich habe mal mit ihr geredet, mich beschwert, da kam sie mir leer vor, wie ein Abziehbild, nichts eigenes.
Jetzt ist es still, nachts um halb eins, ich höre ein rhythmisches Geräusch. Es ist in meiner Wohnung, nicht draußen. Ein Insekt? Ein Wassertropfen? Ich stehe auf, mache mich auf die Suche. Ich tapse in der Dunkelheit herum, die keine ist, in Berlin bleibt der Himmel immer hell. Ich sehe die Umrisse aller Gegenstände, der Dielenboden unter meinen nackten Füßen fühlt sich rutschig an. Ich habe geputzt, gewischt, aufgeräumt, überall, es ist unheimlich, wenn es so sauber ist.
Das rhythmische Geräusch stellt sich als das Ticken einer Uhr heraus, die Bestandteil der Gasetagenheizung ist.
Ich lege mich wieder ins Bett. Ich denke an die Veränderung, es ist doch nicht die größte, die ich bislang erlebt habe. Vielleicht ist es so bedrückend, weil es zum ersten Mal eine rein innerliche Veränderung ist, also keine, die von äußeren Faktoren bestimmt oder begleitet wird, z.B. von einem Umzug oder einem Bildungsabschluß. Vielleicht ist es die letzte Veränderung, die noch passieren könnte, und vielleicht passiert sie nicht. Vielleicht ist es so schwer, weil ich so alt bin.
Ich denke manchmal , daß ich wahnsinnig werde, daß ich den Verstand verliere, daß dieses Korsett aus Gewohnheiten und Alltag zerreißt.
So geht es sicherlich vielen Menschen, besonders denen, die zu viel nachdenken.

Reisebegleitung

“Ihr harmoniert so gut miteinander!”, sagt Ruth.

Sie meint mich und einen jungen Mann, den ich hier Reisebegleitung nennen werde. Reisebegleitung ist ungefähr in meinem Alter, studiert aber immer noch. Irgendwas geistes- oder sozialwissenschaftliches mit Anglistik. Wir kennen uns über die gemeinsame Begeisterung für The Cure, man kann mit ihm wundervoll darüber diskutieren, ob beim Bootleg Hertogenbosch 1984 die Tapemaschine zu schnell lief oder ob The Cure seinerzeit einfach dynamischer waren.
Er wohnt in der Nähe von Frankfurt a.M., wir sehen uns ein paar Mal im Jahr, in der Regel wegen irgendwas, das mit The Cure zu tun hat.
Zwischen uns läuft nix. Da sprüht kein Funke.

„Warte mal noch drei Jahre“, meint Ruth. Er würde wirklich gut zu mir passen, sei halt noch a bisserl jung. „Er lacht über deine Witze“, sagt sie, „wie oft findet man das schon!“.

Er ist aber nicht an mir interessiert, merke ich an.
„Oh, das würde ich so nicht sagen“, kommentiert sie. „Er mag dich sehr.“

„Jetzt mal nur, weil mich deine Erklärung interessiert. Ich gebe dir recht, wir harmonieren und wir mögen einander. Wieso ist er nicht verliebt in mich?“, frage ich Ruth.

„Oh, ich würde nicht sagen, daß er nicht verliebt in dich ist“, meint sie. „Er weiß es vielleicht selbst noch nicht. Außerdem ist er ein bisschen unbeholfen, was flirten angeht.
Und du, liebe Fragmente…ich meine, du bist sehr freundlich zu ihm…aber irgendwie hältst du ihn auf Distanz. Auf Armeslänge von dir weg. Das spürt er bestimmt.“

Oh, dachte ich, oh weh. Das mag durchaus ein Grund dafür sein, wieso die möglichen Partner immer an mir vorbeiziehen.

Nachtrag: Hurricane und anderes

Im Interview mit der Süddeutschen äußert sich Robert Smith negativ über seinen Auftritt beim Hurricane-Festival. Mir hat es ja gefallen, aber ich habe viele unzufriedene Äußerungen von den Festivalbesuchern um mich herum gehört. Closedown oder The Figurehead sind Stücke, auf die man sich einlassen muß, die man nicht besoffen mitgrölen kann.

Robert Smith: Daran lag es nicht. Ich dachte, wir sind in Hamburg, da können wir es mit einem etwas experimentelleren Set versuchen. Ich hatte damit gerechnet, ein eingespieltes Cure-Publikum vor mir zu haben und nicht darüber nachgedacht, dass es das Hurricane-Festival war und die Hives vor uns spielten.

Dazu kam, dass es bitterkalt war. Und dann noch dieser riesige Abstand zwischen uns und den Zuschauern, vollkommen lächerlich, ich konnte die Leute nicht sehen. Naja, wir haben acht oder neun Songs von der neuen Platte gespielt, und es hat gar nicht funktioniert.

SZ: Ist das immer noch schlimm für Sie, nach all den Jahren im Geschäft?

Robert Smith: Es ist schrecklich. Stellen Sie sich vor, Sie stehen da auf der Bühne und es kommt gar nichts zurück vom Publikum.

Das Interview ist überhaupt sehr gelungen, was mich in sofern überrascht, da die Süddeutsche das herausragende München-Konzert im Jahr 2000 ungerechtfertigt und auf plumpe Weise verrissen hatte. Und ja, Robert Smith ist ein netter Mann.

Robert Smith: Meine Frau mag es, wenn ich mich schminke. Sie mag überhaupt, wie ich aussehe. Das ist ein großes Glück. Ich muss mich ja nicht angucken.

The Cure, Hurricane Festival, 26. Juni 2004

Ich hatte The Cure zuvor schon auf 3 Festivals gesehen: Werchter 2000, Zillo und Woodstage 2002. Trotzdem hatte ich mir eine vollkommen falsche Vorstellung von Hurricane gemacht. Ich hatte vergessen, wie unglaublich groß solche Festivals sind. Werchter hatte ungefähr die Größe von Hurricane (40 – 50 000 Leute); aber meine damalige Werchter-Erfahrung mit Ruth war eine ganz besondere und persönliche. Vielleicht erzähle ich das mal, falls mein Leben noch langweiliger werden sollte und ich auf die alten Anekdoten zurückgreifen muß.
Zillo und Woodstage waren beide kleiner, mit 10 bis 15 000 Menschen. Bei Zillo war das Publikum sehr angenehm, Woodstage war etwas stressiger, dafür war der ganze tribe meiner cure-begeisterten Freunde da.
So ähnlich wie Woodstage hatte ich mir Hurricane vorgestellt: im Kreise der Freunde unterm Pavillon sitzen, vom Zeltplatz zum Festivalgelände schlappen und sich The Cure angucken. Den Sommer genießen, alles locker und relaxed angehen.
Doch der Großteil meiner Freunde sagte ab, teilweise recht unerwartet. Geldmangel, ich kann das verstehen, es ist nicht unberechtigt.
Des weiteren war der Wechsel vom intimen Köln-Konzert zu der Massenveranstaltung Hurricane doch sehr abrupt. Körperliche Anstrengung, zu wenig Schlaf und zu viel Zeit hinter dem Steuer – ich mache das nicht mehr so gut mit, man wird älter.
In den Tiefen meiner Seele verabscheue ich den Sommer. Direkte Sonneneinstrahlung ist nicht mein Ding. Deshalb war ich not amused, als ich mir einen Sonnenbrand holte. Da läuft man einmal vom Parkplatz zum Zeltplatz, baut das Zelt auf, geht zurück zum Auto, holt das Gepäck , vergißt die Sonnencreme im Auto, trottet zurück zum Parkplatz, schon hat man die Farbe eines Hummers.
Nungut. Es is‘, wie es is‘, wir schlappen also zum Festivalgelände, meine Reisebegleitung isst einen Döner, ich bin aber aus Berlin und hab‘ in meinem Leben schon so viele Döner gegessen, also habe ich mich für ein Thai Curry entschieden. Das war blöd. Das war ehrlich blöd, mir wurde nämlich schlecht. Vielleicht wars auch ein Sonnenstich, die Anstrengung der letzten Tage oder allgemeiner Weltekel, jedenfalls wurde mir schlecht. Ich hab mich ins Zelt gelegt, bin tatsächlich eingepennt und zu PJ Harvey wieder aufgestanden. Leider mußte ich nach etwa der Hälfte ihres Sets wieder gehen. Ich wollte mir eine ruhige Stelle zum Kotzen suchen. Leichter gesagt denn getan, die Zelte standen dicht an dicht, das Dixieklo war selbst mir zu eklig, überall Bauzaun. Also schlappte ich ca. zwei Kilometer den Bauzaun Richtung Wald entlang. Der Herr meinte es gut mit mir, ich schlüpfte durch eine Lücke und zog mich hinter eine Buche zurück. Asl ungünstig erwies sich die erhebliche Polizeipräsenz auf dem Festival, ständig fuhr ein Polizeiauto an dem Wäldchen vorbei und ich bin ja so ein Häschen, wenn es um Polizei geht. Ich weiß nicht, ob ich auf Nachfragen der Menschen in Uniform meinen Aufenthaltsort und meine Intention so gut hätte erklären können. Jedenfalls klappt Kotzen auf Kommando, auch wenn einem noch so schlecht ist, nicht besonders gut, mit Blick auf Polizeiautos kann man sich noch schlechter entspannen.
Zurück zum Zelt, Erschöpfungsschlaf bis zum Auftritt von The Cure. Sie haben gut und solide gespielt, der Sound war leider zu leise. Im Vergleich zum Set des Vortags waren nicht allzu viele Überraschungen dabei, aber Lovesong hat mir gut gefallen.
Während des Konzertes dachte ich, hey, mir ist fast gar nicht mehr schlecht. Nach dem Könzert, auf dem Weg zum Ausgang des Festivalgeländes, wurde mir so schlecht, daß ich vor 40 000 Menschen auf den Boden gekotzt habe. Mehrmals. Irgendwann nahm ich ein Blitzlicht wahr und eine Stimme, die sagte, „So! Jetzt haben wir das auch fotografiert!“. Es war keiner meiner Freunde. Ich werde dann wohl eher nicht Bundestagspräsidentin.

Ich habe noch gar nicht vom jugendlichen Viva-geprägten Publikum erzählt, von dauerbetrunkenen Abiturienten und jungen Mädchen zwischen Avril Lavenge und Kelly Osbourne. Es ist nicht mehr meine Generation, ich habe mich wie ein Fremdkörper gefühlt, wie ein Alien. Selbst in meiner Jugend war ich kein partygirl, doch ich habe mich pflichtbewußt amüsiert, man muß sowas ja mal erlebt haben, das gehört zu einer Jugend dazu. Heute bin ich durch damit, es gibt nichts mehr zu beweisen oder abzuleisten. Ein paar Männer haben mich angesprochen, wollten mit mir ins Gespräch kommen, aber ich wußte nichts zu sagen, war steinern. Ich hätte mich festhalten können an einem Fremden, im Dunkeln, ihm durch die Lücke im Bauzaun in den Wald folgen, aber ich bin zu desillusioniert. Es ist nicht meine Welt.

Dieses Bedürfnis, möglichst viele Cure-Konzerte zu erleben, das ist eigentlich auch ein Relikt aus meiner Jugend. Ich sollte es ablegen, mich auf Qualität statt Quantität konzentrieren, meine verringerte Ausdauer, mein vergrößertes Ruhebedürfnis berücksichtigen. Hätte ich mir nur Köln angeschaut, anschließend noch einen Tag mit Ruth verbracht und wäre gesund wieder nach Berlin und zu meiner Arbeit

pass auf dich auf

„Triffst du dich mit jemanden?“, frage ich.
Sie nickt.
„Ist er gut zu dir?“
„Jaaa!“ sagt sie, sonst würde sie sich ja nicht mit ihm treffen, erklärt sie mir.
Wir schweigen einen Moment, sie spielt an ihrem Handy herum.
Ich frage: „Und? Bist du verliebt?“.
Nein, sagt sie, und erläutert mir, daß ihre beste Freundin über die Sommerferien ihr Heimatland besucht, irgendein Teil dessen, was während meiner Jugend Jugoslawien gewesen ist. Sie brauche eben jemanden, mit dem sie sich treffen kann, solange die Freundin im Urlaub ist.

Sie ist 16 und sehr hübsch, wie die Mädchen aus Bravo oder, hm, Mädchen; sie könnte eine Tänzerin in einem Hip Hop Video sein.
Ich möchte ihr gerne sagen, paß auf dich auf. Ich sage nichts. Ich möchte ihr nicht die Freude rauben, die Unbeschwertheit. So viele Gefahren, so viel, das sie kaputt machen könnte. Aber nützt es ihr, davon zu wissen?
Ich habe Angst um sie.
Ich werde ihr sagen, daß ich sie mag. Mehr steht mir nicht zu.

The Cure in Köln

Als sie auf die Bühne kamen, dachte ich, die sind eigentlich auch nur eine Garagenband. Damit meine ich nicht garage als Stilrichtung, sondern eben wirklich eine Band, die in einer Garage übt und gelegentlich Auftritte in einem Jugendzentrum in der Provinz hat.
Nein, jetzt bin ich zu hart. Es war nur mein erster, harter Gedanke, denn der Sound von The Cure reihte sich nahtlos an den der Vorgruppe an.
Ich hörte mir das an, eher emotionslos. Dann, nach den ersten vier, fünf Songs, passierte etwas überraschendes: ich fing an, mich zu entspannen. Mitzusingen. Mich im Takt zu bewegen. Und da war eine Leichtigkeit, wie man sie bei einer so düsteren Band sicher nicht erwarten würde. Vielleicht kommt diese Leichtigkeit daher, weil The Cure nicht mehr gefallen müssen. Sie müssen keine Platten mehr verkaufen, sich keinen Ruf mehr aufbauen. Robert Smith steht einfach da, er sieht aus, wie er eben aussieht, er singt von Gefühlen und Assoziationen. Es sind keine Geschichten, die in einen Kontext eingebettet sind, sondern es ist einfach das, was ihm wichtig ist.
Gegen Ende, bei „the promise“ singt Robert Smith: „time will heal all wounds, you promised me…“. Ein gebrochenes Versprechen. Er findet Worte für mich, für uns, für Dinge, die die meisten von uns auf die eine oder andere Art und Weise erlebt haben.
Im Nacken gibt es einen Muskel, der den Kopf hält; dieser Muskel ist ununterbrochen, auch im Schlaf, angespannt und an der Arbeit. Vor vielen Jahren hat jemand mit mir eine Übung gemacht, durch die dieser Muskel kurzzeitig entlastet wird. Es war ein unglaubliches, unbeschreibliches Gefühl der Entspannung.
The Cure bewirken ähnliches: ihre Leichtigkeit macht auch mich leicht, die Wahrheit in ihren Songs berührt mich an Stellen, die sonst unzugänglich gewesen wären. Da ist ein Moment der Schwerelosigkeit, der es möglich macht, die Bauklötzchen des Selbst gegeneinander zu verschieben, die Bewegung, die Dynamik der Songs helfen dabei. Sie rocken. Und ich verstehe, daß es gut und richtig war für mich, zu kommen, quer durch Deutschland zu fahren, in fremden Betten zu schlafen. Denn das Reisen, diese äußerliche Bewegung, bringt auch Bewegung in meinen Geist.
Wie sie das nur immer machen, denke ich. Die Erwartungen übertreffen. 15 oder 20 Mal habe ich sie jetzt live gesehen, man vergißt, wie gut sie sind, bis man sie wieder erlebt.

ein letztes Mal

„Ein letztes Mal“, Kurzfilm auf 3Sat. Evelyn ist um die 50 und lebt allein. Als sie beim Arzt erfährt, daß sie todkrank ist, beschließt sie, noch ein letztes Mal Sex mit einem Mann zu haben. Sie könne sich gar nicht mehr so richtig an das letzte Mal erinnern, erzählt sie ihrer besten Freundin, es verschwimme alles in der Erinnerung. Man weiß ja auch nur rückblickend, das das letzte Mal das letzte Mal war. Das hat auch schon Leogrande in seinem Buch sehr schön beschrieben.
Ich habe mich wiedergefunden in dieser Szene, dieser Feststellung, und habe Evelyn mit großem Mitgefühl begleitet auf ihrer Suche nach einem Mann. Zuerst versucht sie es in einem Tanzlokal, „a knocking shop for the over 50`s“. Dort lernt sie auch tatsächlich einen Mann kennen, der ihr recht schnell anbietet, etwas zu arrangieren. Man sieht, wie sie es sich vorstellt, mit ihm auf dem Hotelzimmer, er sitzt im weißen Feinrippunterhemd auf dem Bett, seine Hose ordentlich gefaltet auf dem Stuhl.
Es kommt nicht dazu.

Als nächstes versucht sie es über das Internet. „Silver lady“, 0 messages. Google spuckt ihr auf die Suchanfrage „sex and love“ eine Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige aus. Dort geht sie tatsächlich hin und lernt einen Mann kennen. Beim anschließenden Bier versichert sie ihm, Sexsucht sei schon okay…woraufhin sich der Mann mit einem Strichjungen aufs Klo zurückzieht.
Evelyn unterhält sich mit dem verbliebenen Stricher (der übrigens ziemlich süß ist). „Just out of curiosity, how much is it?“. 50 Pfund, sagt der Junge, aber auf die Frage, ob auch mit Frauen, schreckt er zurück wie von der Tarantel gestochen.

Die Geschichte hat ein Happy End, Evelyn ist gar nicht krank und der Brezelbäcker fragt sie um ein Date, aber das ist eben Fernsehen.

Auf die interessante Frage, ob ich einen Mann für Sex bezahlen würde, gehe ich das nächste Mal ein. Morgen fahre ich zu Ruth, am Freitag sehen wir The Cure in Köln und am Samstag auf dem Hurricane Festival. Montag habe ich frei, als alte Frau macht man sowas schließlich auch nicht mehr so locker mit. Nächstes Bloggen also erst wieder am Dienstag. Vielleicht wird Justyna für mich gastbloggen?

(ohne Titel)

„Naja, jetzt hast du das auch mal erlebt“, meint Ruth zu dem Autounfall.

„Glaubst du, daß das Leben so eine Liste für einen bereithält, die man einfach abarbeiten muß?“, frage ich.

„Ja, genau! Aber du bist erst bei A wie Aquaplaning…“