unterm Bett

Seit einigen Wochen räume ich meine Wohnung auf. Erst den Keller, dann die Küche, dann das Gerümpel im Wandschrank und jetzt die Schachteln und Kisten hinter der Tür und unterm Bett. Wegwerfen, aussortieren, umräumen. Es ist mir ein inneres Bedürfnis – ein Bedürfnis nach Reinigung, Neuordnung, Geradlinigkeit.

Manchmal finde ich unerwartetes in den Schuhkartons meiner Erinnerung: einen kleinen Zettel zum Beispiel, auf den meine erste Liebschaft seine Adresse geschrieben hat. Die Tinte ist schon ganz verblasst, so wie am Ende das meiste verblasst und dann leise verschwindet.

letzte Dinge

Das Büro ist so gründlich ausgeräumt, es gibt nicht einmal mehr einen Stift. Nur der Standventilator steht noch in der Ecke. Mein letzter Tag ist schon ein paar Tage her, aber mein Projekt ist gerade eben erst fertig geworden, nach langem Ringen. „Tschüss“, hat der Chef gesagt, mehr nicht, zum Abschied so kühl, wie ich es aus den letzten Jahren gewohnt sein müsste. Wir haben uns nicht beieinander bedankt.
Ich lösche meine Passwörter, fahre den Rechner herunter, packe ein paar Daten-CDs und meine Schlüssel (Türen, Spind, Schreibtischelement) in einen Umschlag. Es ist spät, aber eine Kollegin ist noch da, sie bleibt heute bis neun, sagte sie. Ich gebe ihr den Umschlag und den Stift, den ich mir von ihr geliehen habe, in ihrem Lächeln ist Wärme und Sympathie. Wenigstens zusammengehalten haben wir immer. (Später wird mich noch meine Lieblingskollegin anrufen und mich fragen, wie es mir geht.)

Als ich das Gebäude verlasse, klatschen die ersten schweren Tropfen des nahenden Sommergewitters auf den Boden. In mir kommt Ärger auf. Ich kriege den Ventilator nicht ins Auto und werde zunehmend nass. Schließlich fahre ich los, bis mich der Regen zum Anhalten zwingt. Der Himmel ist dunkel, die Bäume biegen sich im Wind, das Wasser steht auf der Straße, füllt die Gullis, und ich wünsche mir, daß der Regen alles wegwäscht.

Es braucht einen Abschied für einen Neubeginn.

(Anderswo: Abschiedsrede.)

(ohne Titel)

Ich träume, daß es an der Haustür läutet. Ich lehne mein Ohr an die mahagonifarbene Türe meines Elternhauses und rufe: „wer da?“. Ich höre nur Gemurmel und entschließe mich, die Tür einen Spalt zu öffnen. Sofort drängen zwei stämmige Gangster hinein. Ich lehne mich mit aller Kraft gegen die Tür – ein Kampf, den ich verlieren werde. Mein Hund bellt laut und wütend, wirft sich in das Getümmel und beißt die Männer. Da merke ich, daß es im Obergeschoß brennt. Die Flammen schlagen bis an die Decke, ich kann die Hitze spüren. Ich halte ein Telefon in der Hand, wähle 110 und die Feuerwehr meint, sie schaut dann mal vorbei. Wenn sie Zeit haben.
Mein Hund und ich stehen im brennenden ersten Stock. Eine schmale, wacklige Treppe führt ins Erdgeschoß und ich weiß, der Hund kommt da nicht alleine hinunter. Ich muß den Hund retten und verzweifle fast bei dem Gedanken, dies könnte mir mißlingen. Ich liebe den Hund, und der Hund liebt mich, aufrichtig und intensiv. Ich hebe den Hund hoch – ein schwerer deutscher Schäferhund – und trage ihn die schmale Stiege hinunter. Meine Bandscheiben knarzen, jeder Tritt ist wacklig.
Das Erdgeschoß ist von jeder Menge Krimineller, Gesetz- und Obdachloser bevölkert. Die Haustüre steht ja offen. Eine toughe junge Frau, respekteinflößende Anführerin einer Gang, kommt auf mich zu und fordert meinen Hund, dessen schwarzes, seidiges und glänzendes Fell meine Hände gerade streicheln. Ich kann das keinesfalls zulassen, obwohl ich große Angst habe, also nehme ich den Kopf der Frau in den Schraubstock meiner Arme und versuche, ihr mit einer Drehung das Genick zu brechen. Ihr Hals ist zäh wie Gummi.
Ich wache auf. Mein Elternhaus ist seit letztem Jahr verkauft, der Hund seit zehn Jahren tot.

„Der Traum zeigt eine Verwandlung oder Aggression an, die nicht ausgelebt werden kann.“, meint Twitter.

Ich glaube, es geht mir zur Zeit schlechter, als ich es mir eingestehen will.

(ohne Titel)

Seit ungefähr einem halben Jahr nicht mehr geweint.

Nicht, daß es keine Gelegenheiten, keine Gründe gegeben hätte. Die Tränen und der Rotz und die Bitterkeit kommen hoch, und dann schlucke ich sie einfach wieder runter. Mag am Alter liegen.

Dabei wärs gar nicht so schlecht, es laufen zu lassen. Erst ein Leck und ein Rinnsal, dann ein Bach, ein Fluß, ein Strom.
Kein Druck mehr auf den Mauern. Alles leer. Glatter, feiner Sand, eine ebene Fläche, auf der es neue Spuren zu hinterlassen gilt.

(ohne Titel)

In Menschenmengen, auf öffentlichen Plätzen, im Einkaufszentrum, in der Bibliothek, am Hauptbahnhof: in allen Gesichtern suche ich dich.
Ein bisschen Crush, in Wirklichkeit aber der Mann, für den auch Crush nur Platzhalter ist. Der Mann, der richtig für mich ist.
Ich erkenne ihn nicht. Ich kenne ihn nicht.

(ohne Titel)

Er sei in der Nacht aufgewacht, erzählt er, und habe nicht so recht gewußt, wo er sei. Er habe aufstehen und ins Bad gehen wollen und sich dabei in den Schläuchen verheddert, sie versehentlich herausgerissen, eine Riesensauerei hätte es gegeben. Nach der Schwester habe er geklingelt, es sei jemand gekommen und habe den ganzen Boden wischen müssen, literweise Blut, Urin, Spülflüssigkeit. Ihm sei das sehr peinlich gewesen – ich spüre auch jetzt noch seine Scham – und er habe sich bei der Schwester entschuldigen wollen.
„Würden Sie so etwas etwa gerne aufwischen wollen?“, hätte die stämmige, blonde Mittvierzigerin ihn angefahren. Er würde, wenn er könnte, habe er entgegnet.

(keine Kommentare)

eine Ostergeschichte

Am Anfang ist alles rund. Die Welt ist ein Ei. In dieser Welt: ein Ei. Dann bilden sich Richtungen: oben und unten, hinten und vorne. Weil es Richtungen gibt, können sich Segmente formen, und aus den Segmenten Organe, Haut, ein Kopf. Aus dem Ei schlüpft eine Larve. Die Larve wühlt sich durch das feuchte, warme Futter und frißt, scheidet aus, wächst. Die Welt ist weich und ohne harte Kanten, die Larve ein elastischer, formloser Sack in süßem, halb vergorenen Brei.
Lange Zeit bleibt alles gleich, nur die Larve wird größer und größer, bis plötzlich alles anders ist: sie verläßt das Futter und klettert nach oben, soweit es geht, bis sie fast auszutrocknen droht. Ich würde gerne verstehen, woher die Larve weiß, daß es Zeit ist zu gehen. Irgendetwas ändert sich in ihr, obwohl alles gleich aussieht, gleich zu sein scheint. Es treibt sie hinaus, in die Gefahr und Schutzlosigkeit. Ausgerechnet dort baut sie sich einen Kokon aus ihrer eigenen Spucke, und den inneren Veränderungen folgen äußere. Sie löst sich auf, bricht und reißt und wächst: schmerzhaft, glaube ich, so wie Wachstum immer mit Schmerzen verbunden ist.
Eine Zeitlang ist sie nur Zwischenform und baut sich neu zusammen: Kopf und Brust, Beine und Hinterleib. Die Larve gibt es nicht mehr, sie stirbt, und etwas anderes beginnt in ihr: eine Auferstehung, und wenn es fertig ist, dann bricht es unaufhaltsam aus dem Kokon nach draußen. Fühler und Facettenaugen erkunden die Welt. Sie ist voller Luft und Weite. Langsam entfaltet das Insekt seine Flügel, gerüstet für diese Welt mit Schnelligkeit und einem Exoskellet. Und dann fliegt es los.

Auflösungserscheinungen

Es ist alles Theater, und mir gefällt die Rolle nicht, in die ich mich gedrängt fühle. Ich stand vor ihnen wie vor einem Tribunal, in feinen Zwirn und Angstschweiß gehüllt. Sie hatten wenig Gnade mit mir, und irgendwann fehlten mir, der Eloquenten, die Worte.

Seitdem kriege ich die Sätze nicht mehr zuende, alles bleibt Bruchstück, Gedankenfragment.

Mittendrin weiß ich nicht mehr
Klarheit, Stringenz, Pointe, das Fehlen derselben
ich konnte das mal
aber was kann ich überhaupt.

Bin ich der dumme August?
Was ist meine Rolle
und was ist das wirkliche, das echte, das authentische
in der Rolle.

Es steckt eine Chance in all dem
wenn man nicht mehr weiß
wer man ist und wer man sein will
und was man kann und was nicht.

Vor allem aber ist es beunruhigend.