Jahrmarkttricks

Die Haare von Frau Novemberregen stehen heute auf der rechten Seite (also von mir aus links gesehen) beinahe rechtwinklig ab, als hätte sie sie sich an diesem Mittwoch schon mehrfach und mit zunehmender Verzweiflung gerauft. Ich glaube, Frau Novemberregen würde manchmal gerne mit Profis arbeiten. Indes, die Welt und insbesondere die Bankentürme sind voller Schlawiner, und dazwischen hier und da eine Diva und ein Clown.

Hinter Frau Novemberregen sitzt ein großer Teddybär, wie man ihn manchmal auf dem Rummel gewinnen kann. Ob sie ihn wohl von dort her hat? Ich kann mir nicht so richtig vorstellen, dass Frau N. Spaß an Jahrmarktspielen hat, wo einem das Geld aus der Tasche gezogen wird, und mit gezinkten Karten, gefälschten Losen und festgeschraubten Konservendosen gearbeitet wird.

Im Schoß des Teddys liegt hin und wieder einmal eine ihrer beiden Katzen, deshalb hat sie ihn, damit sich die Katzen nicht einsam fühlen, wenn niemand zuhause ist, um mit ihnen zu kuscheln. Jetzt gerade liegt keine darin, und ich sehe einen Katzenschwanz, interessiert zu einem kleinen ? geformt, auf dem Weg auf den Balkon durch die offene Balkontür, links von Frau N. Also von mir aus gesehen rechts.

Was Frau N. auch ein bisschen stresst, das ist die Gemüsekiste: es kam ein sehr großes Brot und insgesamt eine recht große Menge an Gemüse, so dass Frau N. jetzt Platz im Kühl- und Gefrierschrank schaffen musste und in absehbarer Zeit ein Eis verzehren muss, sowie Wassermelone, Bananensmoothie, Schlangengurke, und ein paar Äpfel wären auch nicht schlecht.

Frau N. wohnt ja mit einem Teenager und einer weiteren Person zusammen, und insbesondere die Verzehrmengen des Teenagers sind wohl sehr unvorhersehrbar – und hängen natürlich auch start von der An- und Abwesenheiten jenes Teenagers ab.

Frau N. und ich haben uns bereits am Montag gesehen. Es war – wir haben das soeben noch einmal in einem kurzen Gespräch überprüft – das erste Mal seit Corona, meint das erste Mal seit Ende März. Wir hatten das aber beide gar nicht mehr präsent, wahrscheinlich, weil wir praktisch dauern in Kontakt sind: nicht nur einmal die Woche per Video zum bloggen, sondern aus verschiedenen Anlässen auch dazwischen per Video, täglich per Twitter, manchmal per WhatsApp, oder wir rufen uns im Büro an. Frau N. hat kürzlich sogar begonnen, mir beruflich klingende Emails auf meine berufliche Email-Adresse zu schreiben.

Jetzt gerade tippt Frau N. gar nix. Sie tippt normalerweise sehr laut, KLACK KLACK KLACK, wie ein kleiner Hagelsturm, das kann man gar nicht verpassen. Jetzt gerade isst Frau N., es muss nämlich auch die Ananas weg, mit Ahornsirup. Zum Abendessen gab es Bohnensuppe mit Paprika, scharf angebratener Chorizo und Tabasco. Nicht mein Ding, aber ich habe ja auch nicht mitgegessen.

Am Montag haben Frau N. und ich uns zum Lunch getroffen. Frau N. trug eine ankle length Hose, die ich hasse und die sie liebt. Wir haben früher Hochwasserhose dazu gesagt. Um mich noch weiter zu quälen, hatte Frau N. die Hose mit Schnürschuhen kombiniert und trug Söckchen dazu, die halbtransparent, schwarz gepunket und mit umgeschlagenen Ringelsaum verziert waren. Auf Knöchelhöhe natürlich.

Frau N. hat einen Stylisten, einen virtuellen natürlich, der Zeit angemessen. Er arbeitet für ein großes Versandhaus, das zwei gaunerhaften Brüdern gehört, die einst mit einem blauen Frosch auf einem Motorrad berühmt geworden sind. Frau N. hat einige Zeit überlegt, ob es den Stylisten wirklich gibt, oder ob es sich um eine AI handelt, aber es scheint tatsächlich ein Mensch zu sein. Man denkt sofort an einen prekär lebenden Hipster in Berlin, der auf seinen großen Durchbruch mit irgendwas anderem wartet, unter Mindestlohn verdient und nebenbei schwarz kellnern geht.

Jedenfalls: Frau N. und ich waren am Montag essen. Da ich Lust auf Burger hatte, sind wir einen Burger essen gegangen. Der Burgerladen hatte ein recht durchdachtes Hygienekonzept: am Eingang hat eine Frau kontrolliert, dass nur hineinging, wer seine Kontaktdaten abgegeben hatte und eine Maske trug. Kontaktdaten konnte man auch über eine App abgeben, die man sich per QR-Code laden konnte. Mit einem Kärtchen wies einem die Frau dann auch direkt einen Tisch zu. Bestellen durfte man wie immer an der Theke. Die Bestellung wurde einem dann an den Tisch gebracht, die Stationen für Ketchup und Mayo waren abgebaut, das gab es jetzt auch in der Tüte. Burger mit Pommes ist übrigens kein so gutes Coronaessen, weil man beides ja gerne mit der Hand essen möchte. Ich konnte mir die Hände aber mit Desinfektionsgel desinfizieren, und auch Besteck gab es auf Nachfrage. Der Burger war sehr gut, die Pommes etwas labbrig, und mir hat es an Mayo gefehlt.

Wir saßen natürlich draußen, an dem uns zugeteilten Tisch, und wurden während der relativ kurzen Zeit drei Mal angebettelt: ein mal von einem Drogensüchtigen auf Entzug (mit Beschimpfung), zwei mal von derselben Sintifrau (Frau N: „Sie waren doch gerade eben erst hier!“). Corona muss sehr hart sein, insbesondere für die Drogensüchtigen, denn wie bei Trockenhefe und Klopapier gibt es auch hier eine Lieferkette, die es ganz schön durcheinander gewirbelt hat; außerdem wie in der Gastronomie einen sehr starken Rückgang der Einnahmequellen.

Ich muss es neu lernen, das essen gehen, die neuen sozialen Spielregeln. Als wäre ich in einem neuen Land. Es ist nicht schwer, und ich fand, dass sich am Montag auch alle sehr bemüht haben, auch wenn niemand perfekt war. Aber eben noch alles sehr ungewohnt.

Den Rest der Woche viel Regen. Ich mag das gerne, wenn die Stadt still wird, reingewaschen, das tock tock tock auf dem schwarzen Regenschirm. Überhaupt hat sie mir gefehlt, zumindest ein bisschen, diese Stadt mit mir darin, und das Büro, und der Lunch mit Frau N. oder Sarah oder Francine oder meiner syrischen Freundin. Nice little restaurants where they know your name.

Gestern noch bis spätabends mit der Geschäftsführung zusammengesessen, bisschen Abstand, ein lockeres gleichschenkliches Dreieck. Die Wolken verschwinden, die Abendsonne scheint goldenes Licht in das Büro des Geschäftsführers. Unsere Themen sind dunkel, nein, pechschwarz, aber wir lachen, so wie man es nur kann, wenn alles sehr bitter ist. Könnte sein, dass das hier alles bald vorbei ist, denn wir werden wohl in einem anderen Land einen Vorturner bekommen, mit dem nicht gut Kirschen essen ist – nein, schlimmer: vor dem wir keine Achtung haben. Es gibt Videokonferenzen zum Thema Cost Savings, und in anderen Ländern brennen die Banken.

Aber jetzt blinken die Lichter, bunt, ich habe eine Zuckerwatte in der Hand, und das Riesenrad dreht sich. Mal ist man oben, dann wieder unten. Dann wieder oben, und immer so weiter, und weiter, und weiter.

Bis das Licht ausgeht.

2030

Mein Weblog war down, hat aber niemand vermisst, außer mir. Blog like nobody is reading.

„Warum machen wir das eigentlich?“, frage ich Novemberregen, und sie macht unverbindliche Laute und beißt in ihre Schlangengurke. „Darauf weißt du auch keine Antwort, hm?“ sage ich, und wir nicken und fangen an zu tippen.

Beim Reparieren meines Weblos hab ich ein bisschen ins Archiv geschaut. Was so war, 2010, 2013 oder so. Wenn ich 2030 in mein Weblog schaue und mich frage, was mich so bewegt hat – gestern, heute, und morgen – dann werde ich hier folgendes lesen:

Lange mit Novemberregen unterhalten, über die Arbeit vor allem, und die Welt und die Menschen darin. Frau N. war heute ungewohnt ruhig, fast schon in sich gekehrt am Anfang unseres Gesprächs. Sie war vorher in einer Videokonferenz, und der Inhalt hat sie sehr beschäftigt. Ich sah es so richtig in ihr denken, das ist immer sehr schön.

Später hat sie mir dann von ihrem Problem erzählt, das ihr über den Kopf gewachsen ist. Es geht – ich denke, das darf ich verraten – um Sozialversicherungen. Mir scheint es so zu sein, dass das Problem Frau N. nicht über den Kopf gewachsen ist, nein, es handelt sich um eine Mischung aus Expertenwissen und Entscheidungskompetenz, die eben mal ausnahmsweise nicht in zwei halben Tagen, sondern eher nach ein bis zwei Dekaden relevanter Berufserfahrung erreicht wird. Und Frau N. macht eben hauptsächlich andere Dinge als Sozialversicherungen. Ich kam dann noch in den Genuß eines ca. 15minütigen, sehr detailreichen Vortrags von Frau N. zu diesem Thema. Etwa 8 Minuten lang konnte ich mithalten, dann düste Frau N. roadrunnermäßig gedanklich ab und ließ mich mit großen, verständnislosen Augen im Staub zurück.

Frau N. sah heute übrigens sehr gut aus, der Haarschritt steht ihr. Aber sehen Sie selbst:

Was war sonst noch. Sehr gutes Gespräch mit dem Head of Llama am Wochenbeginn. Hat mir Kraft gegeben für einige notwendige Schritte. Nächste Woche Gespräch über Kostenreduzierung mit dem Headquarter. Bei Frau N. war das schon, die sind uns immer etwa drei Wochen voraus, in allem. Es wird oft gesagt, dass wir keine Leute entlassen werden, beinahe schon zu oft. 2030 werde ich wissen, wie es ausgegangen ist.

Nach der Arbeit mit meiner Mutter spazieren gegangen. Ein Mann mit Hund an der Leine hat lange gewartet, bis wir endlich an ihm vorbeigegangen sind. Der Hund hat uns angebellt, er hat ja gemerkt, dass sein Halter ganz auf uns konzentriert war. Der Mann hat den Hund dann sehr angeschrien, ins Platz gezwungen, ist ihm dabei auf die Pfote getreten, und der Hund hat gejault. Wie eben ein Hund jault, wenn er oft geschlagen wird. Bricht mir das Herz.

Viele Bilder auch auf Twitter, die mir wehtun: George Floyd, wie er erstickt. Tränengas auf Demonstranten. Ein älterer Mann, der von Polizisten gestoßen wird, nach hinten fällt, mit dem Kopf aufschlägt, eine Blutlache bildet sich an seinem Hinterkopf, während sich der Griff seiner Hand um sein Mobiltelefon lockert und er ohnmächtig wird. Die Polizisten gehen weiter, niemand hilft ihm.

Wird sich 2030 etwas geändert haben? Oder werden die USA bis dahin eine Art von failed state sein, irgendwo zwischen Libanon und Russland?

Ein Bild von einem Mann aus dem Kongo, aufgenommen vor mehr als einhundert Jahren, der mit einem thousand yard stare auf abgetrennten Fuß und Hand seiner etwa fünfjährigen Tochter blickt. Kongogräuel auf wikipedia nachgelesen.

BoJack Horseman geguckt. Morgen dann die beiden letzten Episoden, the view from halfway down. BoJack, eine gezeichnete Figur mit dem Kopf eines Pferdes und dem Körper eines Mannes, war in den 1990ern Hauptdarsteller in einer berühmten Sitcom („Hey, aren‘t you the horse from Horsin’ around?“). Jetzt, beinahe am Ende der Serie, hat er so gut wie alles verloren, mehr als wir es uns als Zuschauer hätten vorstellen können. Vor allem sein Ruhm ist gänzlich zerstört. Ob er genau das braucht, um endlich frei zu sein?

Man weiß nie genau, was kommt, und wie es weitergeht. Vielleicht machen wir es deshalb, Frau N. und ich, mit diesem aufschreiben. Um einen Moment innezuhalten, Bestandsaufnahme, sehen und fühlen, was ist, reflektieren, bevor sich alles, unvermeidlich, so wie es sein muss, weiterdreht.

Gurkfeld

Ich bin heute befördert worden. Also wahrscheinlich. Ich warte noch ein bisschen damit, neue Visitenkarten drucken zu lassen.

Das mit der Beförderung kam so: Anfang des Jahres habe ich meinem Chef vorgeschlagen, dass wir aus dem, was ich mache, und dem, was andere Leute anderswo machen… nein, ich fange nochmal an. Die Karten wurden neu gemischt, und ich habe gesagt: lass uns doch daraus eine neue Abteilung machen. Und ich mache Head of. Wahrscheinlich habe ich noch ein paar andere Sachen gesagt, Außenwirkung, Arbeitsenlastung für ihn, sowas, jedenfalls fand er das ganz gut. Vielleicht fiel auch so etwas wie ich sorge dann dafür, dass die Dinge reibungslos im Hintergrund ablaufen. Bereue ich mittlerweile leicht. Dann habe ich gesagt, dass ich dafür eine Gehaltserhöhung möchte, und habe einen unverschämt hohen Betrag genannt. Dann haben wir 45 Minuten gestritten, am Ende habe ich 60% davon bekommen. Ich war dann eine Weile unzufrieden, dann kam die Bonuszahlung und mir ist wieder eingefallen, dass ich insgesamt schon gut vergütet werde.

Als nächstes war ich in eine Sache verwickelt, an deren Ende eine Entscheidung gefällt wurde, die ich für notwendig hielt, die aber meinem Ansehen geschadet hat. Gerade als ich dachte, wir könnten das Thema Head of wieder aufnehmen, trat das ein, was Frau Novemberregen gerne aufgrundderaktuellenSituation nennt. Tausend Gedanken, aber keine an den Titel, sondern nur machen, machen, machen. Schwimmen, und nicht untergehen.

Jetzt schwimmen wir ganz gut, müssen wieder einiges an organisatorischen Kram machen. Und um diesen Kram zu machen, brauchte ich eine Entscheidung. Und habe meinem Chef gemailt: „sollen wir das machen, mit dem Head of für mich, oder möchtest du mit diesem Schritt noch etwas warten?“

Innerhalb weniger Minuten die Antwort: „wir sollten diesen Schritt unbedingt gehen.“

So eine Email ist eigentlich schöner als ein Titel.

Head of bei meinem Arbeitgeber ist ja so ein bisschen wie Ministerpräsidentin von Island. Wobei Island wahrscheinlich noch zu cool ist. Wenn mein Arbeitgeber ein Land wäre, dann vielleicht sowas wie Slowenien. Niemand weiß genau, wo Slowenien liegt. Aber sie sind ganz gut aus dem Jugoslawienkrieg herausgekommen. Unternehmertum innerhalb sozialistischer Strukturen, das würde meinen Arbeitgeber ganz gut beschreiben, aber wie der Postkommunismus in Slowenien so ist, weiß ich nicht genau. Head of zu sein, das ist ein bisschen wie Bürgermeisterin von Krško (Gurkfeld). Hat ein eigenes Atomkraftwerk!

Zeitverschiebungen

Am Anfang, so Mitte März, hatte ich eine falsche Vorstellung von der freien Zeit, die mir zur Verfügung stehen würde. Es war schon abzusehen, dass wir ins Home Office gehen würden, bis Ostern, dachte ich damals. Ich hatte Sorge, dass die Bandbreite nicht ausreichen würde, wegen alle, die per VPN von zuhause arbeiten oder nicht arbeiten und netflixen. Hintergrund war, dass der Knotenpunkt DE-CIX im März einen neuen all time peak von 9 Terabyte pro Sekunde erreicht hatte. Ich verstand und verstehe aber zu wenig, um diese Information korrekt einordnen zu können, wir hatten auf jeden Fall weiterhin genügend Internet, manche vielleicht zu viel. Ich hatte extra noch ein paar Bücher gekauft, Papierform, nicht dass mein Stapel ungelesener Bücher nicht schon hoch genug war, aber kein Internet und nicht genügend Bücher, das hat mir wirklich Angst gemacht.

Tatsächlich habe ich dann aber bis Ostern gearbeitet wie verrückt, ständig Anrufe und Videokonferenzen und Krisen und nur noch das nötigste. Erst nach Ostern, als wir uns stabilisiert hatten, wurde es besser, und ich konnte ein paar hundert ungelesene Emails abarbeiten.

Ich hatte damit gerechnet, mehr Zeit zu haben. In Wirklichkeit ist es eher eine Zeitverschiebung.

Die Zeit und ich, wir haben ein schwieriges Verhältnis miteinander, ich habe nie genug von ihr, ich kriege nie genug von ihr, und so langsam beginne ich zu akzeptieren, dass das wahrscheinlich bis zu meinem letzten Atemzug so sein wird. Und das ist nicht das schlechteste.

Jedenfalls – ich wollte die Zeitverschiebung kurz dokumentieren, jetzt ist das langweilig, ja, aber in zwanzig Jahren. Ich spare Zeit, möchten meine Finger tippen, aber das stimmt natürlich nicht. Ich wende aktuell keine Zeit mehr für das Pendeln an meinen Arbeitsplatz auf. Bäm, zwei Stunden pro Tag befreit, das sind zehn Stunden die Woche! Ich würde auch sagen, dass ich etwas weniger in Gespräche im Büro verwickelt werde, wobei die Leute weiterhin mit mir telefonieren und videochatten und emailen wollen, aber nicht so anlasslos. Die wichtigsten Dinge erfährt man oft aus solchen anlasslosen Gesprächen, es vermittelt mir einen Eindruck, und aus der Summe solcher Eindrücke entsteht dann oft etwas neues, kreatives, konzeptionelles. Und die ganz wichtigen Dinge im Büro, die passieren nach 17 Uhr, wenn die meisten schon nach Hause gegangen sind, ich mich kurz zu der Geschäftsführung setze oder umgekehrt, wir ins Reden kommen, und irgendwann geht die Schublade mit den Süßigkeiten auf, während wir den Atem des anderen einatmen. Ein Stück davon fehlt mir, ein Stück weit bin ich froh, davon frei zu sein, und ein Stück haben wir in den Monitor und die Videokonferenzen gerettet. Vier Stunden die Woche, oder mehr.

Statt einem langen Business-Lunch mit Freunden oder Kollegen oder beidem gibt es jetzt Ravioli oder Kartoffelsalat oder ein Brot auf der Hand vor dem Bildschirm. No more nice little restaurants where they know your name. Auch kein Karaoke mehr abends, oder am Abendbrottisch mit Francine und ihren Kindern, oder ein Steak, und die Bankentürme in der Nacht, die leeren Straßen und meine Schritte, klack klack klack. Wenn das alles hier vorbei ist. Auch so eine Phrase, aber meine Fantasie für wenn das alles hier vorbei ist: zu dem edlen Libanesen, eine Gruppe Freunde um den Tisch herum, und der Tisch biegt sich vor Mezze. Und wir sitzen und reden und lachen, irgendwann einmal Kaffee und Baklava. Sechs Stunden die Woche.

Ich verreise nicht mehr. Eigentlich wäre ich jetzt auf Expeditionsreise mit meiner Mutter, die sich gewünscht hatte, einen besonderen Teil der Welt zu sehen, bevor sie stirbt oder das Eis schmelzt, whichever applies first. Ich hätte mich vorbereitet und recherchiert und gepackt und vorgearbeitet. Auch kein kleiner Wochenendtrip zu Ninette und SGMaus oder nach Berlin oder München oder ans Meer. Im Durchschnitt vier Stunden die Woche.

Wohin hat sie sich verschoben, die Zeit?

Ich schlafe mehr. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ich ausgeschlafen bin. Ich kann unter der Woche ausgeschlafen sein, fantastisch. Bisschen mehr Zeit für erotische Gedanken, für Männer, für Körperpflege.

Ich habe mehr Zeit für den Haushalt. Wenn es etwas gibt, dass ich über mich in dieser Pandemie gelernt habe, dann vielleicht das: ich bin gar keine schlechte Hausfrau. Ich bin sogar eine passable Hausfrau, zwei plus in Schulnoten. Die Wohnung ist so gut aufgeräumt, dass jederzeit Besuch kommen könnte. Oh, die Ironie! Der Keller ist top aufgeräumt. Mein Arbeitszimmer ist entrümpelt. Die Ablage ist gemacht. Ich liebäugle damit, die Steuererklärung zu machen. Meine To-do-Liste für den privaten Bereich ist so kurz wie noch nie, unglücklicherweise aber noch nicht leer.

Ich verbringe mehr Zeit auf Social Media, erstaunlicherweise aber gar nicht so viel mehr Zeit. Twitter ist Grundnahrungsmittel, egal, wie viel ich zu tun habe. Seit kurzen verschwende ich meine Zeit auch genüßlich auf TikTok, das macht mir viel Freude.

Das mit Abstand beste, was die Zeitverschiebung gebracht hat, sind die Spaziergänge. Seit Ende März – und damit auch im größten Arbeitsstress – gehe ich jeden Tag etwa eine Stunde mit meiner Mutter spazieren. Wir kennen mittlerweile jeden Briefkasten und Vorgarten, haben aber nach den Jahren, die wir hier schon wohnen, ganz neue Ecken entdeckt. Wiesen und Felder, eine Gruppe von Pappeln, Ried und kleine Wasserläufe. Wir haben Hasen gesehen und Rehe, Rebhühner und neulich sogar eine Schlange. Ich sehe, wie die Wiesen immer höher stehen, wie die Bäume und Büsche blühen und dann verblühen, die ersten Früchte sich bilden. Ich war lange nicht mehr so in Kontakt mit der Natur, mit den Farben und Gerüchen und dem Fortschreiten des Jahres durch die Zeit.

Es gibt keine Zeit, hat mal jemand gesagt – wir sind selbst die Zeit. Man kann die Zeit verstehen als eine mechanische Bewegung, Uhrzeiger auf einer Uhr, Planeten durch das Weltall. Zeit ist aber auch das, das wir erleben, in uns drin, und sie kann uns kurz vorkommen oder lang, intensiv oder gleichförmig. Am meisten aber lebt sie wie die Musik vom Tempowechsel, und deswegen bin ich – bei allem zarten Vermissen – glücklich, erleben zu dürfen, dass sie sich verschoben hat.

Bilder

Wenn es in meiner beruflichen Tätigkeit nicht um das Besondere geht, keine einmaligen Projekte oder irgendwelche Krisen, kein Brände löschen und kein planerisches Weichenstellen, sondern nur das ganz normale Tagesgeschäft, und wenn ich dann in diesem Tagesgeschäft gerade richtig gut bin, dann habe ich oft so ein Bild vor Augen, als würde ich einen Acker umpflügen. Der Acker ist schwarzkrümelig und ein bisschen feucht, das Gras am Wegesrand ganz grün, in der Ferne ein paar Bäume. Vor meinem Pflug habe ich zwei Pferde gespannt, sie sind ruhig und konzentriert. Wir arbeiten uns Furche für Furche voran, mal ein kurzer Blick nach vorne, oder zurück, ein Durchatmen, ein Schluck aus der Flasche. Wie und wo mache ich weiter? Wo müssen die Furchen verlaufen? Wo liegen Steine, wo geht es bergab, wo muss ich bremsen, wo brauchen wir Schwung?

Dann sind wir fertig, und ein bisschen verschwitzt. Ich blicke auf den Acker. Umgepflügt. Mein Feld ist bestellt.

Seltsam, dass ausgerechnet das meine Assoziiation, mein inneres Bild ist. Wo meine eigentliche Tätigkeit, vor einem Bildschirm zu sitzen, zu lesen und zu tippen, damit ja so wenig zu tun hat.

***

Geträumt. Ich bin in Berlin, in meiner dritten Wohnung, eine WG in einem Altbau in Wilmersdorf. Hinter dem Spiegel entdecke ich eine Tür, die in einen anderen Teil des Hauses führt. Die Räume sind riesig, ausgedehnte Flure und ein Atrium mit Galerie, überall Stuck und Art Deco. Alles auch ein bisschen in die Jahre gekommen, schräg eingerichtet.

Ich laufe herum, staune, orientiere mich, denke nach, wie ich mich einrichten möchte. Mir wird klar, dass all dies mir gehört. Ich habe es gekauft, jetzt fange ich an, es zu bewohnen. Ein Makler führt Interessenten durch die Räume, aber ich schicke sie weg. Ich wohne hier, es ist meines.

Das seltsame ist, dass ich diesen Traum seit ein paar Jahren regelmäßig habe. Es ist immer dasselbe oder zumindest ein ähnliches Gebäude. Einmal gab es im Erdgeschoss sogar ein Kino. Kein Heimkino, sondern so ein richtig rotplüschiges Arthouse Kino.

Was das wohl bedeutet? Ich bin jedenfalls jedes Mal ein bisschen traurig, wenn ich aufwache, denn ich wäre gerne noch mehr in diesen Räumen herumgelaufen.

***

Ein paar Blogs, die ich lese (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Novemberregen natürlich, die Vorspeisenplatte und auch fortlaufend, alle täglich.

Mit GarNixOderGuru stimme ich nicht immer überein, aber er hat gute Geschichten, der Schreibstil kommt dem einen oder der anderen vielleicht vertraut vor.

Sehr gefesselt gerade von Hystricidae, besonders von diesem Beitrag.

Gerne mag ich auch das Alterswerk, und natürlich die Guthausgeschichten bei Kittykoma.

Post

Ich bin müde heute, und weiß gar nicht so richtig, wovon. Ich bin müde, dabei ist die Sonne noch gar nicht untergegangen. Frau Novemberregen telefoniert noch, ich sehe sie in der Videokonferenz, sie hat ein sehr ernstes Gesicht. Gerade bin ich noch einmal aufgestanden vom Schreibtisch und ins Schlafzimmer gegangen, habe das Bettzeug aufgeschüttelt und aufgedeckt, mein eigener Turndown Service, damit ich nachher direkt ins Bett schlüpfen kann. Das Licht scheint warm und sanft und ockergelb ins Zimmer, gleich geht die Sonne unter.

Frau Novemberregen hat eine gute Frisur heute, sehr füllig, morgen geht sie zum Friseur, das ist eigentlich gar nicht nötig. Obwohl, je länger ich hinschaue, umso mehr sehe ich das fehlen einer Schärfe, das leicht punkige, das ihr so gut steht, weil es zeigt, wie sie ist. Ich bin gespannt auf nächste Woche.

Frau Novemberregen reden über dies und das, vor allem über das Büro. Manchmal sprechen wir auch über unsere Eltern oder gemeinsame Freunde, ganz normale Unterhaltungen, aber nichts, was man aufschreiben könnte. Es ist ja immer schwierig, über andere zu schreiben, wenn sie ihre Zustimmung nicht geben können. Deshalb geht es hier so oft um mich, und alles nur Fragmente.

Frau Novemberregen würde sich gerne streiten. Erst wirft sie mir vor, ich hätte die Blogtermine um WmdedgT herum geplant – ich sehe gar nicht, wie mir das einen Vorteil hätte bringen können – und jetzt unterstellt sie mir, ich würde auf Twitter immer fragen, worüber ich bloggen soll. Heute jedoch nicht, heute habe ich ein Thema vorbereitet. Es wird ihr nicht gefallen. Es gefällt ihr ja so einiges nicht, dass ich gerne über das „new normal“ nach COVID-19 nachdenke, dass ich den Begriff „new normal“ gerne verwende, dass ich die Spülmaschine offen stehen lasse, und über richtig Händewaschen haben wir auch schon lange nicht mehr gesprochen. Frau N. bzw. ihre Tochter hat uns beide mit dem Engel und dem Dämon aus „Good Omens“ verglichen. Der Engel möchte unter anderem die Welt wegen der kleinen charmanten Restaurants retten, wo man ihn persönlich mit Namen kennt. Darin erkenne ich mich wieder.

Mir fehlen die kleinen charmanten Restaurants, wo man mich mit Namen kennt.

Ich hätte ja gerne, dass Frau Novemberregen über den technischen Ablauf der Übergabe von per Eb*y Klein*nzeigen zu verschenkenden Gegenstände in Zeiten von COVID-19 schreibt, aber das macht sie wahrscheinlich nicht. Deswegen hier die Zusammenfassung für die Geschichtsschreibung: sie stellt die Sachen – für jeden Abholer erneut – auf das Fensterbrett im Treppenhaus. Genial.

Jedenfalls: ich schreibe heute über meine Buchempfehlungen. Im Kern soll es um postapokalyptische, aber nicht deprimierende Lektüreempfehlungen gehen, für diejenigen, denen bei dieser Vorstellung ein wohliger Schauer über den Rücken läuft. Weil aber der eine oder die andere aufgrund „der Umstände“ beim Gedanken an postapokalyptische Literatur vielleicht eher ein bisschen erbricht, werde ich mit den positivsten Lektüreempfehlungen beginnen, die ich im Repertoire habe. Dann folgen drei Empfehlungen für Spiele, die man während schlimmer Videokonferenzen oder milden Panikattacken auf dem Tablet spielen kann, und um die Postapokalypse geht es erst am Schluß.

Also:

Drei Bücher, die gute Laune machen

  1. Going Postal – Terry Pratchett: ein Trickbetrüger wird dazu verdonnert, in der irgendwo zwischen Renaissance und viktorianischem London angehauchten Großstadt Ankh-Morpork ein Postimperium (Briefpost, nicht Postapokalypse) aufzubauen. Dabei begegnet die Hauptfigur unter anderem einem Golem, Sammlern von Stecknadeln, einer kettenrauchenden und High Heels tragenden Aktivistin und vielleicht sogar der großen Liebe. Ein unterhaltsamer, fantasiereicher und witziger Roman, in dem sich die Dinge irgendwie ineinander fügen und am Ende alles wenn schon nicht gut, so doch deutlich besser wird.
  2. Among Others – Jo Walton: ein junges Mädchen kommt nach dem Unfalltod ihrer Schwester im England der 1980er ins Internat. Wir beginnen am Tiefpunkt, sie hat chronische Schmerzen, ist isoliert, findet dann aber mit Hilfe eines Lesezirkels, der auf Science Fiction (!) spezialisiert ist, zu neuer Kraft. Sie ist Waliserin und sieht seit ihrer Kindheit Feen und Hexen – sind diese Wirklichkeit, oder Zeichen ihres Traumas?
  3. Motherless Brooklyn – Jonathan Lethem: ein junger Mann mit Tourette Syndrom ist im New York der 1970er – bevor man noch wusste, was Tourette ist – Teil einer Gang von Kleinkriminellen. Als sein Anführer und Vaterfigur ermordet wird, setzt er alles daran, den Mörder zu finden, deckt dabei eine Verschwörung auf und findet zu sich und seiner Kraft. Selten eine so liebenswerte Hauptfigur gelesen. Es gibt auch eine Verfilmung mit Edward Norton, sehr sehenswert.

Spiele für schlimme Videokonferenzen oder milde Panikattacken

  1. I love hue: man sortiert Quadrate nach einem Fabrverlauf. Absolut mesmerisierend.
  2. Happy Color: Malen nach Zahlen. Oft sehr kitschige Motive, aber die Mandalas haben es mir angetan.
  3. Aquarium!: ein altes PopUp Java Spiel, bei dem Goldfische zu füttern sind, die dann Goldmünzen, äh, ausscheiden. Gelegentlich attackieren Aliens die Goldfische. Naja. Klingt jetzt nicht so, ist aber wirklich gut.

leichte postapokalyptische Literatur

Mir ist die Unterscheidung wichtig, denn es gibt auch schwere postapokalyptische Literatur (Marlen Haushofer – die Wand, The Road – Cormac McCarthy), falls man mal eine Depression triggern will. Die leichte postapokalyptische Literatur ist… hoffnungsvoll.

  1. The bone clocks – David Mitchell: In sechs Episoden von 1984 bis 2043 erzählt, und in jeder kommt Holly Sykes vor. Jede Episode ist schillernd, ein eigenes Buch, eine eigene Welt, in die man hineintauchen wird. Fast ganz am Ende bereut Holly, nicht noch eine weitere Insulinpumpe für ihr Enkelkind bevorratet zu haben – eine Szene, an die ich dieser Tage häufig denke.
  2. The last Policeman – Ben H. Winters: Die Welt wird enden, in etwa einen halben Jahr, durch einen Asterioden. Was würdest du tun, wenn du wüsstest, du hast nur noch sechs Monate zu leben? Die Hauptfigur bleibt Polizist und ermittelt in einem Selbstmord, der wohl doch ein Mord war, während um ihn herum die Welt langsam auseinanderfällt.
  3. Parable of the Sower – Octavia E. Butler: Eine junge Frau wächst heran in einem Amerika, das von Hitzewellen, Klimaveränderung, und Armut und Drogen geprägt ist. Noch scheint alles sicher, in dem abgeriegelten, aber nicht besonders wohlhabenden Wohnviertel, in dem sie lebt. Aber sie sieht die Veränderung kommen, sie bereitet sich vor, und als die Zerstörung eintritt, überlebt sie, zieht weiter und baut woanders etwas neues auf.

WmdedgT: Mai 2020

Weckerklingeln 06:30 Uhr, noch vor dem ersten Kaffee die gestern vorbereitete Spülmaschine angeschaltet. Wenn ich es jetzt noch schaffe, die Spülmaschine zeitnah auszuräumen, habe ich den Haushalt ziemlich im Griff.

Erstmal To-do-Listen geschrieben: die berufliche To-do-Liste für heute (Triage ist alles), meine eigene To-do-Liste (eher nach dem Lustprinzip denn nach Dringlichkeit), und die To-do’s, die meine Mutter von mir erledigt wünscht (recht kurz).

Katzenwäsche – dafür ein neues englisches Wort gelernt, „ablution“, noch unklar, ob primär die rituellen Waschungen gemeint sind, egal, Katzenwäsche gefällt mir eh besser – ich gehe gleich in den Supermarkt, für die Maske braucht es keine frisch gewaschenen Haare. Vorher fällt mir noch der Büstenkopf der elektrischen Zahnbürste ins Klo, mit Schwung wie bei einem Basketballspiel. Einen Augenblick ungläubig hingestarrt, dann Latexhandschuh an, reingefasst, rausgeholt, und – nein, nicht was Sie denken! – weggeschmissen. Neuen Bürstenkopf aus dem Schrank geholt. Vorratshaltung, Baby.

Supermarkt, mit am Vorabend vorbereiteter und nach Supermarktlayout sortierter Reihenfolge. 36 min, das kommt mir immer noch zu langsam vor, aber es ist ja kein Wettkampf. Angenehm leer um die Uhrzeit.

Zurück nach Hause, Einkäufe weggeräumt, pünktlich um 9 Uhr am Schreibtisch. Die Liste nach Dringlichkeit weggearbeitet. An zwei Themen gearbeitet, die ich beide schon ein- oder zweimal hatte, aber jeweils mindestens ein halbes Jahr her. Das frisst Ressourcen, weil es keine Buying Power und keine bestehende Geschäftsverbindung mit Dienstleistern gibt. Ein paar haben eh geschlossen. Diverse Zahlen und Statistiken erstellt, Emails geschrieben, mit meinem Chef diskutiert, mit meiner Kollegin diskutiert, Termine geplant, Kalender gepflegt. NDAs ausgetauscht.

Keine richtige Mittagspause gemacht und kein Mittagessen gekocht, sondern aus der Hand in den Mund. Zwei Butterbrezeln über den Tag, an meinen Vater gedacht, der das auch sehr gerne gemocht hat. Schokolade und Karotten-Zitrus-Ingwersaft. Zwischendurch zwei- oder dreimal mein Arbeitszimmer aufgeräumt, hier mal zehn Minuten, da mal fünf. Erstaunlich, was für Ergebnisse das erzielt. Keine externen Calls oder Meetings gehabt, das hilft sehr, endlich mal was weggearbeitet zu bekommen. Der Druck im Job war in den letzten Tagen hoch und lässt langsam nach, hoffentlich hält es, aber ich glaube, da ist Druck im System. und irgendwann wird es knallen. Ich bin nur Zuschauerin. Ein Kanarienvogel.

Mit Novemberregen telefoniert. Bisschen die Rose auf dem Balon angeschaut, an den Blüten gerochen, weich und prall und überbordend. Sommerreifen ins Auto meiner Mutter geräumt, morgen Reifenwechsel.

Mit meiner Mutter spazieren gegangen. Der Himmel ist aufgeklart, ein reines Blau, ein großer und fast runder Mond ist zu sehen. Die Bürgersteige im Dorf sind nahezu hochgeklappt. Wir finden es gut, laufen raus, sehen einen Storch und später, als die Mücken uns umschwirren, jede Menge tieffliegender Schwalben. Wir reden über dies und das, die Arbeit, eine mögliche Deflation, Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern. Meine Mutter würde gerne wegfahren, ich möchte vor allem meine Ruhe. Ob wir den Virus schon gehabt haben, ich war im Januar ziemlich krank, eigentlich aber viel zu früh. Der rote Mohn am Wegesrand geht langsam auf, ein ploppendes Rot vor sattem Grün. Wonnemonat Mai.

Francine ruft mich an, sie hatte keinen so guten Tag, am Schluss müssen wir aber doch lachen.

Ich schreibe diesen Text, und jetzt bin ich noch verabredet, virtuell natürlich. Sie entschuldigen mich.

Innendrin

Der Cursor blinkt mich an, und naja, ich weiß ja auch nicht. Blog like nobody is reading. Wozu überhaupt irgendwas aufschreiben.

Es kommen manchmal Dinge hoch beim schreiben, die mir vorher nicht klar waren. Ein Stein, ein kurzer Schlag, zart und hart, und innendrin: ein Ammonit. Und beim nächsten Mal: nur Geröll.

Eigentlich ist es doch ein Leben eingehüllt in einen Kokon, in Watte und Seide, in Privilegien und Wohlstand. Alle priviligierten Menschen behaupten von sich, sie hätten sich ihren Erfolg hart erarbeitet.

Mir fehlt es an nichts, in diesen Tagen der Einschränkung. Mir fehlt es an nichts, außer an Zeit, weil ich mehr will, weil ich mir mehr vorstellen kann, als ich Zeit und Kraft habe. Nicht mehr genug Akku.

Vielleicht fehlt es mir auch an Mut. Die eine oder andere fest verschlossene Dose in mir öffnen, die fest zugedrehten Schraubgläser. Emotional nicht mehr immer in der Mitte sein, zwischen vier und acht, sondern auch mal in Ekstase, oder Agonie.

Lieber nicht.

Am liebsten nur schöne Geschichten schreiben, mit einem Spannungsbogen, einem charmanten Twist und einer Pointe. Einen Text, der ein wohliges Gefühl erzeugt, bei mir und bei anderen.

Ich warte auf die Pointe, aber es kommt keine.

Es kommt so etwas wie Altersmilde. Ich sehe mich selbst, durch die Augen von Novemberregen, per Videokonferenz auf dem Handy links hinter meinem Kopf. Sehe mich selbst, wie ich mich gegen das Gitter werfe, leicht absurd. Wie ja eigentlich alles leicht absurd ist, wenn man drüber nachdenkt.

Der Cursor blinkt. Ich weiß ja auch nicht.

Wellen

Frau Novemberregen sitzt an ihrem Schreibtisch. Ich sehe sie in einem kleinen Videochat-Fenster auf meinem Telefon, das auf einem Tripod montiert ist. Ich bin es jetzt schon sehr gewöhnt, die Menschen durch dieses kleine Fenster zu sehen.

Frau N. ist müde. Ich sehe das an ihren Augen, ich weiß das aus ihren Erzählungen und ihren Tweets und dem, was ich zwischen den Zeilen lese. Ich mache mir ein wenig Sorgen um sie, und sage ihr das auch, aber sie meint, seit heute 15 Uhr sei diese eine große Sache erledigt, und jetzt sei praktisch nichts mehr zu tun, nur noch ungelesene Emails abarbeiten. Sie nennt eine Anzahl an ungelesenen Emails, die ungefähr zwanzig Mal größer ist als die, die ich noch vor einer Woche hatte, und die mich ziemlich gestresst hatte.

Frau N. tippt ziemlich laut. Ihre Balkontür steht auf, und auf dem Balkon stehen zwei Kisten mit Wasser. Ich weiß, dass auf ihrem Balkon ein kleines Apfelbäumchen wuchs, letztes Jahr sogar eine kleine Wassermelone. Wie ihr Balkon wohl jetzt aussieht?

Hinter ihr steht ein Sofa, das sehe ich nicht, aber ich weiß es. Auf dem Sofa schläft man weder besonders gut, noch kann man darauf besonders gut sitzen, aber es ist ohnehin nur das Ersatzsofa, das wahre Leben findet in ihrer Küche statt, zumindest immer, wenn ich da bin. Auf dem Sofa sitzen zwei übergroße Teddybären. Ich kann mich nicht erinnern, sie bei ihr in Natura gesehen zu haben, entweder ich habe das ausgeblendet, oder sie hat sie erst seit wir videochatten, oder ich war wirklich sehr viel in der Küche. Ich finde die Teddybären etwa so gut, wie sie meine Duftkerzensammlung auf dem Fensterbrett. Über dem Sofa hängen schon seit ein paar Jahren gerahmte Kinderbilder, eines davon mag ich ganz besonders. Es zeigt ein großes katzenähnliches Tier mit langem Hals, wie ein Alpaca, und Schnurrbart, und es ist bunt, unter anderem gelb und blau. Das Bild macht mir immer gute Laune.

Frau N. hat gut sitzende Haare heute. Sie trägt ein helles Shirt, das mit zarten Blumen bedruckt ist. Am Hals sitzt es ein bisschen labbrig, aber das ist so gewollt, glaube ich, ein Wasserfallkragen. Darüber trägt sie eine dünne schwarze Strickjacke, wenn man ganz genau hinschaut, sieht man ein feines Strickmuster. Frau N. isst sehr genüsslich Gurkenscheiben. Es knackt so ein bisschen, aber nicht unangenehm. Wir haben eben über unsere jeweiligen Büros gesprochen, sie hat mir eine Begebenheit erzählt, die sie „lustig“ findet, will sagen: absurd. Games people play. An einer Stelle wird ihre Stimme ganz hart, leise und unerbittlich. Ich würde mich mit Frau N. nicht anlegen wollen, würde nicht über diese eine magische Linie gehen wollen. Wenn man drauftritt, klingt ihre Stimme so, hart und kalt, eine letzte Warnung, und wenn man Beobachterin sein darf, so wie ich, kann man gar nicht anders, als Frau N. unglaublich cool zu finden.

Jetzt hat sie sich ein Bier aufgemacht.

In unserer Firmenzentrale gibt es eine Projektmanagerin, die ich bewundere. Sie ist zwar nicht ganz so cool wie Frau N., aber sie hat es immerhin geschafft, unsere doch eher schwerfällige Organisation ein kleines Stück zu verändern und hat, ohne formelle Weisungsbefugnis zu haben, sehr beschäftigte Leute aus operativen Bereichen und sehr eitle Leute aus der Führungsebene dazu gebracht, einigermaßen zeitnah Aufgaben zu erledigen. Diese Projektmanagerin hat auch etwas eingeführt, das ich bis dahin nicht kannte: „Lessons learned“. Das bedeutet, dass man nach einem Projekt zusammenkommt und gemeinsam bespricht, was für die erfolgreiche Durchführung des Projektes besonders hilfreich und was besonders hinderlich war.

Was von dem, was ich im Zuge dieser Pandemie gemacht habe – beruflich und privat – war im Nachhinein hilfreich, und was war hinderlich? Wo war ich schnell, wo war ich zu langsam? Was waren gute Entscheidungen, und was eher schlechte?

Beruflich gesehen war eine der besten Entscheidungen, dass wir relativ früh weitere Laptops gekauft haben. Es gab da auf dem deutschen Markt schon keine mehr, aber der für das Procurement zuständige Kollege in der Firmenzentrale konnte welche von genau der Marke kaufen, die wir nutzen. Er hat die letzten 11 Exemplare auf dem Markt aufgekauft, und wir haben 10 davon bekommen. Zu dem Kollegen aus dem Procurement – ein eigentlich eher wenig sexy Bereich – habe ich über die Jahre ein sehr gutes Verhältnis aufgebaut. Ihm Pralinen zu Weihnachten geschickt und so. Alles, was er brauchte, sehr zeitnah erledigt. Viele freundliche Telefonate und Emails. Es war leicht, weil ich ihn gerne mag, aber sagen wir mal so: für unseren Standort habe ich alles bekommen, worum ich ihn gebeten habe. Bei den IT Guys habe ich auch ein passables Standing.

Schlechte Entscheidung: wir haben zu spät gecheckt, dass wir auch die stationären PCs abbauen und den Leuten zuhause hinstellen können. Auch schlecht, aber kaum vermeidbar: wir haben Laptops aus einer Reserve eingesetzt, die nicht gut genug vorbereitet waren. Und einige IT-Probleme hätten wir schneller als den Hauptsitz der Gruppe melden sollen, die waren für uns einfach unlösbar.

Generelle Kommunikation war sehr gut, der Kontakt lief beinahe nahtlos per Videokonferenz mit allen weiter, Stimmung und Engagement war klasse, da zeigt sich, was man über Jahre aufgebaut hat, oder eben auch nicht.

Einen richtigen Riecher hatte ich, als ich am letzten Abend vor dem Home Office alles, aber auch wirklich alles aus meinem Sitzplatz im Büro eingepackt und zuhause wieder nahezu identisch aufgebaut habe: zwei Bildschirme, kabellose Tastatur, Notizbuch, Blöcke, Stifte, Fidget Gadgets, Ich hätte mehr Verlängerungskabel hamstern sollen.

Wahnsinnig viel Verknappung habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Der Online-Handel (Amazon!) trat zwar erst in mein Leben, als ich schon Mitte zwanzig war, aber die meisten Dinge liessen sich stets zeitnah erwerben. An Verknappung habe ich vor allem drei Erinnerungen:

Zum einen, wie ich 1990 mein erstes Cure-Albm gekauft habe, natürlich Disintegration. Es gab zwar schon CDs, aber ich hatte noch keinen CD-Spieler und war insgesamt von dem Konzept auch nicht so überzeugt. Ich habe Disintegration also auf Kassette gekauft, und zwar in einem Elektrofachgeschäft in der Fußgängerzone. Es war nicht nur ein Elektrofachgeschäft, es war „das“ Elektrofachgeschäft, es hiess nach seinem Besitzer „Kwast“, und man sagte nicht: ich gehe ins Elektrofachgeschäft, man sagte: ich gehe zum Kwast. Der Kwast hatte rechts Staubsauger, geradeaus CD-Spieler, links einen Tresen und hinter dem Tresen eine Musikabteilung, die Kassetten und CDs fein säuberlich nach Namen und Genre („Kinderhörspiele“) sortiert. Eine Musikkassette kostete 20 DM, Taschengeld von einem ganzen Monat. Dass es von The Cure mehr Kassetten geben könnte, als der Kwast vorrätig hatte, sollte ich erst bei unserer Klassenfahrt nach Hamburg entdecken, da konnte ich mehr durch Zufall eine Biografie von The Cure erwerben, hinten mit Diskografie. Wikipedia gab es ja auch noch nicht. Ich habe dann jeden Monat, oder jeden zweiten, wenn ich schwach war und auch mal Geld für Eis oder ein Buch ausgegeben habe, eine Kassette von The Cure gekauft. Was der Kwast nicht hatte, konnte man bestellen. So rückblickend bin ich mir gar nicht sicher, ob das Verknappung war, oder nur eine enorme Verlangsamung des Kaufprozesses in einem Alter, in dem man keine Geduld hatte.

Zweitens. So richtig arm war ich nie. 2000 habe ich The Cure auf einem Teil ihrer Tour begleitet, von Februar bis Juni (Werchter), meine ich, müsste ich aber nochmal nachrecherchieren. Danach hatte ich dann wirklich kein Geld mehr, Dispo überzogen, Kreditkarte überzogen, und als Studentin kein richtiges Einkommen. Ein paar Monate lang oder vielleicht länger stand ich dann mit 5 Euro im Supermarkt, aber noch fünf oder zehn Tage, bis ich wieder Geld abheben konnte. Zum Glück esse ich gerne Nudeln, bis heute, zum Beispiel zwei Esslöffel saure Sahne vermischt mit einem Esslöffel Tomatenmarkt, alles kalt, und dann die warmen Nudeln drüber.

Drittens. Als es anfing mit den Hitzewellen im Sommer, also regelmäßig ab 2012 und nicht nur enfach so wie 2003, da wollte ich einen Ventilator kaufen. Und zwar an dem Tag, an dem es bereits 38 Grad hatte, und an dem 40 Grad und mehr für die nächsten Tage angesagt war. Ich musste feststellen, dass Ventilatoren ausverkauft waren. Bei Saturn und Media Markt hat man mich ausgelacht, und ich wohnte schon lange nicht mehr dort, wo es einen Kwast gab. Bei Amazon waren die Lieferzeiten enorm lang, und es gab nur noch Modelle, die eher kritische Bewertungen hatten. Ich habe dann ein Modell gekauft, von dem ich nicht überzeugt war und das sich nur sehr schlecht zusammenbauen liess. Als es geleifert wurde, war die Hitzewelle beinahe vorbei. So richtig im Einsatz war es nie, bis ich es dann entsorgt habe.

Da ich aber wusste oder zumindest vermutete, dass es im nächsten Sommer wieder so eine Hitzewelle geben würde, habe ich ein Jahr später im Frühjahr einen sehr preisgünstigen und leistungsstarken Ventilator erworben, der wunderbar funktioniert und mir gute Dienste leistet, bis heute.

Wenn ich wüsste, dass eine zweite Welle an COVID-19 Infektionen käme, und dies einen erneuten Lockdown nötig machen würde, was würde ich dann kaufen?

Lebensmittel scheinen mir in Deutschland kein so großes Problem zu sein. Die Supermärkte sind immer offen, und wenn sie es nicht sind, haben wir viel größere Probleme als dass wir nicht genügend Nudeln zuhause haben. Aber vielleicht möchte ich nicht in den Supermarkt gehen, oder zumindest nicht so häufig. Für so einen Fall hilft ein „aktiver Vorrat“, also das aufstocken, was man ohnehin verbraucht. Pickelsteiner Eintopf in der Dose ist sehr lange haltbar, aber das esse ich nicht, auch nicht im Jahr 2025, wenn es abläuft. So ein leckeres finnisches Knäckebrot schon eher. Wichtig sind für mich auch Gewürze, eingelegter Knoblauch, Zitronensaft, Waschmittel, Tabs für die Spülmaschine, ein paar Kräuter auf dem Balkon. Alles, was das Home Office noch angenehmer machen könnte. Bargeld, kleine Scheine, Trinkgeldfähig. Bandbreite und Volumen. Geburtstagskarten, Geschenkpapier, Briefpapier.

Ich hab es leider verpasst, zum Optiker zu gehen und meine Brillenstärke neu vermessen zu lassen. Mit Kontaktlinsen sehe ich zwar gut, aber mit den richtigen Werten hätte ich online eine neue Brille bestellen können. Dafür habe ich großes Glück, weil ich mit allen Zahnbehandlungen durch bin, letztes Jahr zwei Wurzelkanalbehandlungen.

Was ich wirklich bereue: ich habe mich am Anfang zu sehr darauf konzentriert, dass der Virus auf Oberflächen nachgewiesen werden kann. Dabei habe ich die Meldung, dass der Großteil der Infektionen über die Tröpfcheninfektion erfolgt, erst spät wahrgenommen, und erst spät verstanden, wie hilfreich Masken sein können.

Frau N. zählt die Katzen durch. Es ist spät, und sie ist müde. Mir ist, als hätte ich hier noch etwas vergessen. Ich habe eine ganze Menge vergessen, man wird blind für die eigenen Privilegien. Aber für heute soll es reichen.

Ich wünsche Frau N., dass die nächste Welle nicht so bald kommt, und sie sich ein bisschen ausruhen kann, bis es wieder wild wird.