Ego Shooter

Was mir fehlt, das ist, mich so richtig ärgern zu dürfen. Nicht nur im inneren Monolog, sondern auch nach außen. Jemandem zu sagen: “jetzt reiß dich doch mal zusammen!”, oder “so geht das aber nicht!”, oder “was hast du dir dabei eigentlich gedacht??”. Auch sowas wie “ich hätte mehr von dir erwartet”, “ich kann nicht verstehen, wie jemand wie du, der [Eigenschaft, Lebenserfahrung und/oder herausgehobene berufliche Position] besitzt, sich so verhält!”, oder “fällt dir ernsthaft keine andere Lösung ein?”, liegt mir oft auf der Zunge.

Aber so geht das eben nicht. Ich koche innerlich, mindestens ein paar Stunden, gerne auch länger. Dann stelle ich mich und meinen Ärger hinten an, und suche professionell oder – im privaten – erwachsen das Gespräch. Erfrage Gründe. “Ich würde gerne erfahren, an welchem Punkt wir unterschiedlich abgebogen sind”, “ich möchte verstehen, weshalb du dies oder jenes gemacht, dich so verhalten hast”. Öffne Perspektiven, schaffe buy-in: “für mich ist es wichtig, dass [dies und jenes]. Kannst du mich dabei unterstützen?”.

Es zählt zu den Dingen, die mich am meisten Kraft kosten. Nicht direkt und klar sagen zu dürfen, was ich fühle, was ich über jemanden denke. Es herunterschlucken müssen, verpacken, umschreiben, höchstens eine kleine Ecke hervorblitzen zu lassen, und meistens ist es genau dieses hervorblitzen, was mich am Ende in den Hintern beißt. Ich habe gelernt, dass es in der Konfliktsituation nicht besonders viel bringt, dieses jetzt sage ich dir mal, wie es wirklich ist. Es hinterläßt verbrannte Erde, es brüskiert, auch wenn es wahr ist.

Zum Glück kommt es selten vor, dass ich so wütend werde, mich so über jemanden ärgere. Das mag an einer Kombination aus einer guten Blase um mich herum und einem weichzeichnenden Blick liegen. Wohin aber mit dem Ärger? Frau Novemberregen meint, der Ärger muss raus, aber natürlich nicht gegenüber der Person, denn die Personen tun ja laut Frau N. “ihr bestes”. Auch so ein Knackpunkt, denn ich denke häufig, wenn ich mich ärgere: ich hätte mehr von dir erwartet.

Frau N. geht Treppensteigen, um den Ärger los zu werden. Ich muss mir etwas eigenes überlegen, agressiv gärtnern vielleicht, oder besonders schnell Motorboot fahren. Man versteht, weshalb die Stimmung auf den deutschen Autobahnen oft so gereizt ist, aber ich möchte dazu nicht beitragen. Computerspiel vielleicht, Ego Shooter oder Grand Theft Auto oder so. Mal sehen.

Schweißnähte

Beruflich und privat viel verhandelt, als Verkäuferin und potentielle Käuferin. Ich denke von mir, dass ich das nicht besonders gut kann: handeln, feilschen, bluffen. Auf dem Basar fühle ich mich nicht besonders wohl. Madam! Madam!, rief mir mal einer hinterher, Handbags! Gucci Prada Hermes! Handbags! HANDBAGS! Aber der Glitzer, das Gold und die Marken, das interessiert mich nicht so. Mir geht es eher um das nicht-haptische, wie Leistung, oder die großen Beträge, eine halbe Million, und dann schiebt man noch 20k links oder rechts.

Das mit dem nicht-haptischen stimmt nicht ganz, denn ich interessiere mich gerade für ein Auto, schwarz und geschwungen, geschmeidig und elegant. Ich bin dafür heute nach Mannheim gefahren, vorbei an Industrieanlagen, gewundenen Leitungen aus Metall, der Horizont verbaut mit rätselhaften Gebilden, und obendrauf brennt eine Flamme. Die Luft schmeckt ein bisschen sauer, und am Straßenrand warten die Menschen auf den Bus, oder fahren Fahrrad. Es heißt ja so schön, dass die Menschen heute entweder in einem Email-Beruf arbeiten, oder in einem Karton-Beruf, aber es gibt auch noch andere, die in großen Werksgebäuden verschwinden und dort weder das eine noch das andere tun.

Ich habe ja eher einen Email-Job, 150 sind es pro Tag, wenn es kein guter Tag ist. Aktuell habe ich eher einen Videokonferenz-Job, fünf bis sieben hintereinander, man wird dann die, die immer sagt “sorry for being late, the previous meeting has run over“, und ist ganz froh, wenn man zwischendurch mal aufs Klo kann. Die wirkliche Arbeit macht man an solchen Tagen morgens um sieben oder abends um acht.

Ich würde über mich selbst sagen, dass ich einen nicht-haptischen Job habe. Die Emails, die ich produziere, sind nicht das wichtigste, und nichts von dem, was ich tue, passt in einen Karton. Ich stelle Strategien her, ich verfolge sie, ohne nachzulassen, und ich verändere ganz leise, zart und langsam, Werte und Kultur.

Dabei hätte gar nicht viel gefehlt, und ich hätte im weißen Kittel in einem dieser Werke gearbeitet, mit einer kleinen Flamme obendrauf. Ich denke da manchmal drüber nach, an welchen Stellen mein Leben ganz anders weitergegangen wäre, wenn eine winzige kleine Veränderung passiert oder nicht passiert wäre, eine Verschiebung nach links oder rechts, wenn die Würfel ein klein wenig anders aus dem Würfelbecher gefallen wären. Vielleicht würde ich dann dasselbe Auto kaufen wollen, bei demselben Autohändler, aber ich selbst wäre eine ganz andere.

Sollbruchstellen, nannte das mal Hotelmama, ich denke eher an Schweißnähte, die die Fragmente zusammenhalten. Sollbruchstellen, Schweißnähte, eine rauhe Stelle, an der man hängenbleibt, wenn man mit dem Finger drüber fährt. Ich überlege, wo es in mir drin Schweißnähte gibt, oder bei so einem Auto, das von außen schwarz und glänzend, geschwungen und ganz glatt aussieht.

Ich kann nicht besonders gut handeln, aber ich kann gut zuhören, Pausen zulassen, etwas unausgesprochenes mitschwingen lassen, Druck widerstehen, Risiko eingehen und bin erfahren in delayed gratification. Ich glaube, am Ende werden wir beide einen guten Deal gemacht haben.

Perform or die

Sehr schlechte Tage gehabt, alles schlecht, bis auf das Licht. Am Tiefpunkt ist das Gefühl innendrin so stark, dass es sich als dumpfer Schmerz hinter dem Brustbein manifestiert. Verzweiflung & Überforderung.

Es gibt so bestimmte Fragen, zum Beispiel: bin ich depressiv? Ist das noch normal oder schon eine Suchterkrankung? Ist das ein toxisches Verhalten? Wenn man sich so Fragen stellt, ist die Antwort meistens: ja.

Außer vielleicht bei der Depression, ich glaube, das fühlt sich noch anders an, bei dem, was ich fühle, ist mir zu viel Selbstmitleid dabei, und zu viel, was von außen kommt, unter anderem ein Termin, wo ich etwas machen muss, auf das ich wirklich absolut keinen Bock habe.

Ich reflektiere ein wenig, und mache dann das Münchhausen-Ding mit dem eigenen Schopf. Ich erstelle eine To-do-Liste und einen Wecker, der erste Punkt ist: 15 Minuten liegen. Ich liegen 15 Minuten, ich atme ein, ich atme aus. Ich spüre den Schmerz, ich spüre mich, werde ruhiger, und der Schmerz weniger. Dann fällt mir tatsächlich etwas ein, das ich gerne mache, das mache ich dann, 15 Minuten lang, und dann was, das ich nicht so gerne mache, aber ein Haken auf der To-do-Liste und ein bisschen Serotonin, und so weiter, ein Schritt nach dem anderen.

Ich würde gerne einen Ratgeber schreiben, Hochfunktional durch die Depression, aber ich bin ja nicht depressiv.

Dann der Termin, auf den ich wirklich absolut gar keinen Bock habe. Es ist ein seltsamer Trost, im mittleren Alter zu sein und schon ein paar solcher Scheißtermine absolviert zu haben. Es ist Zeit, und ich performe, volles Abrufen des Leistungspotential, es ist ein Segen, es ist ein Fluch.

Ich fahre nach Hause, Autobahn, Weinberge und Wald im Abendlicht, Rücklichter, leuchtend. Ich bin so hart geworden, ich wundere mich selbst, eine knallharte Businessfrau, und innendrin ganz roh und weich. Hart, weil alles andere alternativlos erscheint, perform or die, dabei wäre der geheimste Wunsch, einmal ganz schwach zu sein, völlig zu versagen, alles fahren zu lassen und gerettet zu werden. Ich kann sie sehr gut verstehen, die Frauen, die sich fesseln lassen und an der Decke schweben. Indes, ich wollte es nie sein, sondern wollte schöne junge Männer vor mir knien und Schmerzen ertragen sehen, sie sollten leiden und ich liebte sie dafür, und so war dann in einer einzigen Szene auf einmal alles, was auch in mir drin ist.

Es war wunderbar, berauschend und groß – und ich konnte, wollte es nicht festhalten. Es krümelte mir so weg – war es mir letztendlich doch zu viel Arbeit? Vielleicht ist es das, mein großes Versagen, aber wenn ich drüber nachdenke, fällt mir sicher noch mehr ein.

Wartung & Inspektion

Urlaubstage, die nicht mit Reisen oder Feiertagen verbunden sind, nehmen stets einen seltsamen Charakter an, nämlich einen werktäglichen, wie zwei Speisen, die zu nah und zu lange unverpackt nebeneinander im Kühlschrank liegen.

Ich mache an solchen Tagen, ohne es so recht zu wollen, das, was irgendwie liegengeblieben ist: Überweisungen, Ablage, ein Bild aufhängen, Wäsche waschen, Backup des Computers, Bett beziehen, ein Geburtstagsgeschenk organisieren, einen Beistelltisch für den Balkon kaufen, die Treppe wischen. Ganz nett ist es, ohne allzugroßen Zeitdruck und nicht erst kurz vor Ladenschluss durch den Supermarkt zu schlendern.

Nehmen wir an, ich arbeite etwa 50 Stunden die Woche. Die Arbeit findet aber nicht einfach so statt, es braucht eine Art von Wartung, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Die Wartung bezieht sich auf einen rund laufenden Haushalt, der Arbeit ermöglicht, indem er mich sauber, satt, warm und bekleidet hält. Dazuhin braucht der Körper Schlaf und ein bisschen Erholung, um die Arbeitskraft zu regenerieren, vorzugsweise in einer aufgeräumten Wohnung und mit einem gut gefüllten Kühlschrank.

Aus einem bestimmten Blickwinkel scheint es mir, als würde fast die gesamte Lebenszeit für Arbeit & Aufrechterhaltung der Arbeitskraft draufgehen. Die Zeit “nur für mich” kommen mir wie Krümel vor. Oder erlebe ich diese Zeit einfach nicht bewusst genug?

Jedenfalls. Den Urlaub auch dazu genutzt, ein weiteres Thema anzugehen, nämlich einen möglichen Autokauf. Das Auto brauche ich, um zur Arbeit zu kommen (so diese im Büro stattfindet), um meinen Status auf der Arbeit zu festigen und ein kleines bisschen auch: nur für mich.

Der erste Autoverkäufer hat das Renteneintrittsalter deutlich überschritten, lässt mich im Eingangsbereich warten, und wirkt insgesamt leicht depressiv. Die Probefahrt ist interessant, das Auto fährt spritzig, die Ausstattung und die Sicherheitssysteme finde ich allerdings etwas karg. Der Autoverkäufer bittet mich anschließend zu sich ins Büro, beide mit Maske natürlich, aber ohne Spuckschutz. Jede Fläche in seinem kleinen Büro ist mit Papieren übersäht, keine Ordnung erkennbar. Er benutzt einen Wochenkalender gespickt mit gelben Post-Its, darauf die personenbezogenen Daten der Kaufinteressenten. Der Computer sieht eingestaubt aus, die Tastatur klebrig. Email läge ihm nicht so, sagt er. Neben einem Osterhasen und mehreren Schoko-Ostereiern liegt ein großer Schokoweihnachtsmann. Es ist alles aus der Zeit gefallen, und wirkt wie eine kurze Szene aus einem großen Roman, deren Hauptfigur nicht ich bin.

Der zweite Autoverkäufer macht es geschickter, erwartet mich im Eingangsbereich, gut gelaunt und jovial. Das Auto ist luxuriöser, besser ausgestattet, mit einer Menge fürsorglicher Sicherheitssysteme, aber ohne die Spritzigkeit des ersten Wagens. Ein bisschen zu groß, eigentlich, aber sehr akkurat bei niedrigen Geschwindigkeiten, und bei hohen ruhig wie Segelboot bei glatter See. Der zweite Autoverkäufer hat kein eigenes Büro, sondern einen Schreibtisch in einer Ecke der Verkaufshalle, er bietet mir einen Kaffee an, den ich aus COVID-19-Gründen natürlich ablehne. Der Spuckschutz aus Sperrholz und Klarsichtfolie bricht das Corporate Design der Verkaufshalle auf beinahe erfrischende Art. Der Autoverkäufer und ich plaudern ein wenig, er druckt mir ein Angebot aus, das war’s, und ich sage danke und werde ein bisschen nachdenken.

So richtig scharf darauf, mir ein Auto zu verkaufen, war keiner von beiden. Ist das die derzeit angesagte Verkaufsstrategie, oder haben sie einfach gewartet, bis der Termin vorbei ist und sie wieder Zeit haben für anderes, oder sich selbst?

vier Tage

Der erste Tag: ein großes Staunen. Die Straßen überraschend voll, aber ein gutes Gefühl, unterwegs zu sein. Im Büro dann großes Hallo, echte Freude auf allen Seiten. IT hatte mir, das erste Mal seit Pandemiebeginn, den Arbeitsplatz an meinem Schreibtisch aufgebaut, mit zwei Monitoren und einer Dockingstation, alles ordentlich verkabelt. Das ist nicht ganz überraschend, denn es gab eine Veränderung in IT, und anscheinend findet mich IT nun wichtiger als vorher. Es ist aber insofern bemerkenswert, als dass ich einige Monate im Frühjahr und dann wieder im Herbst, jeweils wochenweise das gesamte Equipment hin- und hergewuchtet habe, bis ich im Winter einfach irgendwo zwei weitere Monitore beschlagnahmt hatte und nun also vier Monitore an zwei Orten im Betrieb habe. Seit Montag also auch zwei Dockingstationen, so dass ich jetzt nur noch den Laptop einrasten lassen muss.

Mit den Dokumenten und Papieren war es gar nicht so schlimm, ich habe einfach alles erst einmal in den Konferenzraum gebracht und dann stückweise weggearbeitet. Neue Visitenkarten sind auch für mich gekommen, schöne Titel überall.

Mittags endlich wieder mein Lieblingsgericht mit Vorspeise beim Thai bestellt. Hat leider ein bisschen anders als sonst geschmeckt, zu viel Kaffirblätter. Ob es was mit der Pandemie zu tun hat – Verlust des qualifizierten Personals?

Ein Gebäude in der Nähe wird abgerissen und legt ganz neue Sichtachsen frei. Überhaupt glitzert alles sehr an diesem ersten Tag. Ich wünschte, es könnte immer so sein, dieser Wechsel zwischen der Ruhe zuhause, alles grün und weit, und dem Luxus der Urbanität, dem Funkeln jener Rolle, die ich einnehme, wenn ich physisch vor Ort bin.

So war es einmal, in jenem vorher.

Der zweite Tag ist fast noch schöner. Ich bestelle griechisch, trage meine Dienstagshose, und gehe nachmittags mit einem Lieblingskollegen ein Eis essen. Wir sitzen am Brunnen, es ist belebt, aber nicht vorpandemisch unangenehm voll, gut die Hälfte der Leute trägt auch draußen im Freien Maske. Die Sonne scheint, über zwanzig Grad, aber der Druck nimmt zu. Als ich zurückkomme, bin ich ein paar Minuten zu spät für ein Meeting, auch willentlich, weil der Kollege und das Eis mir wichtiger waren. Die Aufgaben beginnen, sich zu stauen, und ich beginne, wie so oft, Triage zu machen.

Erst so gegen halb acht aus dem Büro, dann großer Feiertagslebensmitteleinkauf, gegen halb zehn nach Hause, um zehn im Bett. Wachgelegen. Zu viel Adrenalin.

Der dritte Tag ist, wie so manche Tage, ein Ritt auf einem schwarzen Hengst, rückwärts, ohne Sattel, ich werde vielen und vielem nicht gerecht und spüre es genau. Manche Tage sind auch zuhause so, es liegt also nicht nur an der physischen Präsenz. Ich weiß, was ich tun müsste, um Abhilfe zu schaffen, aber ich weiß noch nicht, wie ich dahin komme, und welchen Preis der Torwächter von mir verlangt.

Fürs Archiv: wir laufen gerade mitten hinein in die dritte Welle, sehendes Auges. Es müsste einen Lockdown geben, hart, aber es gibt keine Änderung der Maßnahmen. Die Schulen sind offen. Man kann nicht reisen, außer nach Mallorca. Das Leben läuft weiter, nicht wie zuvor, sondern irgendwie stotternd, nicht flüssig und nicht fest. Ich denke derzeit häufig an eine Feststellung, irgendwo gehört: Erdöl ist wertlos ohne Konsum (und ohne Mobilität). Ich denke mir: jetzt einmal hart alles runterfahren, dann wieder ungebremster Konsum. Aber die, die dieses Land regieren, und die, die hinter den Kulissen ihre Interessen durchsetzen, die scheinen nicht so zu denken.

Das Spice muss fließen – ist es das?

in der Rückschau

Frau Novemberregen sieht heute sehr gut aus, in einem altrose, sehr elegant geschnittenem Business-Oberteil, drüber ein schwarzes Jäckchen, die Haare akkurat geschnitten. Im Hintergrund läuft mal wieder ihre Waschmaschine, gerade hat sich ihr Mann ein Bier vom Balkon geholt, und eine der beiden Katzen liegt hinter ihr zusammengerollt. Wir sind – wie fast das ganze letzte Jahr – per Videokonferenz miteinander verbunden.

Den März über, vielleicht auch schon seit Februar, bin ich in so einem seltsamen Rückschaumodus. Nicht unbedingt nostalgisch, nein. Ich erinnere mich intensiv daran zurück, wie vor gut einem Jahr die Pandemie hochgekocht ist. Wie ich das letzte Mal mit einer Freundin essen war. Wie wir einen Faschingsumzug angeschaut haben. Wie ich im Büro ins Komitee aufgenommen wurde. Wie wir damals noch dachten, das wird wie die Schweine- oder Vogelgrippe, jede Menge Notfallpläne, die in der Schublade verschwinden werden. Wie die Meetings dann häufiger wurden, größer, prominenter besetzt, und dann, beinahe schlagartig, aufgehört haben. Eingebrannt in mich, wie bei einer der letzten Meetings ein sehr erfahrener Kollege aus Italien beinahe geheult hat, oder vielleicht auch tatsächlich.

Ich habe darüber geschrieben, wie es für mich war – am Tiefpunkt oder am Beginn davon: for want of a screw. Es erschien mir damals möglich, dass wir untergehen könnten. Darüber hinaus gab es für mich vor allem eine absolut bedrohliche Sorge: was mache ich, wenn jemand von denen, für die ich mich verantwortlich fühle, stirbt?

Ich kann es nicht verhindern.

Ich habe es vielleicht verhindert, ohne es je zu wissen.

Ich habe getan, was mir zum jeweiligen Zeitpunkt vernünftig, richtig und angemessen vorkam.

So ein Archiv hilft jedenfalls bei der Rückschau, und der Blick zurück kann helfen, das semitraumatische besser verarbeiten zu können, auch wenn alle immer nur sagen, man solle nach vorne schauen.

Fürs Archiv also: die Stimmung in Deutschland – zumindest in dem, in dem ich lebe – ist gerade außergewöhnlich schlecht. Der Impfstoff von Astrazeneca wurde aus dem Verkehr gezogen, unklar, ob kurz- oder langfristig. Große Diskussion ob der Verhältnismäßigkeit, und woran man lieber stirbt. Großbritannien hat über 40% aller Erwachsenen zumindest einmal geimpft, Deutschland ungefähr 6%, erstickt in Bürokratie.

Meine Mutter hat heute ihren ersten Impftermin zugeteilt bekommen. Damit hat sich mein derzeit größtes Problem nahezu aufgelöst.

Ich erwarte, heute Nacht gut zu schlafen. Ich erwarte, dass sich eine Last von meinen Schultern hebt, zumindest ein bisschen, dass die bleierne Zeit sich dem Ende entgegenneigt, dass die Erstarrung Risse bekommt und ich wieder Lust, etwas neues zu erleben.

Wir werden sehen, wie gut meine Worte altern werden, in der Rückschau.

zu Archivzwecken

Heute ein bisschen über die Liebe nachgedacht, also meine Liebe zu Männern. Ich lebe ja schon sehr lange ohne Männer und bin, wie meine zauberhafte Freundin Sarah einst sagte, “der glücklichste Single, den ich kenne”. Mir fehlt aber auch was, das ist ganz klar: Schultern und Lippen, Umarmungen, halten und gehalten werden, jemanden anschauen und ganz hin und weg sein von ihm. Jemanden berühren und beobachten, wie sich die Atmung ändert. In Ekstase geraten, sich selbst verlieren, nebeneinander liegen, wachsweich. Vielleicht auch mich selbst in einer anderen Rolle spüren, nicht nur die, die ich im Beruf bin, die, die ich als Freundin bin, oder die, die ich als Tochter bin.

Ich bin ein bisschen vernarbt, was die Männer angeht, innendrin, oder vielleicht das Gegenteil, wund und roh. Ich habe deswegen beschlossen, so gut wie man das überhaupt kann, mich aus allem rauszuhalten. Ich bin nämlich – und das ist mir selbst unerklärlich – sehr begeisterungsfähig, und stehe bei schönen und interessanten Männern sofort meterhoch in Flammen. Kann dann an nichts anderes mehr denken, die Arbeit leidet, erotische Gedanken quälen mich, ich gehe unnötige Risiken ein, und dann endet sie, die Liebe, oder das, was ich dafür gehalten habe. Es endet immer, manchmal früher, manchmal später, meistens in Trümmern.

Es hat sich daher in meiner jetzigen Lebensphase eine interessante Gleichzeitigkeit herausgebildet: ein interessanter Mann sagt hallo, ich gehe sofort in Flammen auf, und wende mich schnellstmöglichst aus Angst um mein ruhiges Leben ab. Mein Leben bleibt ruhig, aber die scharfen Kanten der Fehlstellen drücken ein paar Tage schmerzhaft.

Die Angst, die ich spüre, kommt mir ein bisschen außerhalb des Normalbereichs vor – aber noch nicht therapiebedürftig. Ich halte es trotzdem zu Archivzwecken hier einmal fest.

Es gilt auch hier die Parabel vom Torwächter. Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen? So wie es aussieht, bleibe ich lieber draußen.

swimming the same deep water as you is hard

Mein Einstieg ist heute ein bisschen langweilig, zumindest für Aussenstehende, aber bear with me:

The Cure hatten mal ein Bandmitglied namens Lol (Abkürzung für Laurence). Lol ist Gründungsmitglied von The Cure, denn er hatte das Glück, mit Robert Smith zur Schule gehen zu dürfen. Das ist ja oft so bei den Bands, einer hat Talent, und ein paar andere gelangen Huckepack zum Erfolg, weil sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort etc.

Bei Lol war es sicherlich nicht das musikalische Können, das ihn ausgezeichnet hat. Erschwerend kam hinzu, dass in der Band immer viel gesoffen wurde, und Lol wohl ganz besonders viel, er war Alkoholiker. Seine eingeschränkte Leistungsfähigkeit wurde dadurch kompensiert, dass er vom Schlagzeug zum Keyboard (einem weniger wichtigen und möglicherweise auch automatisierbaren Instrument in der Musik von The Cure) wechselte, in den späteren Jahren wurde dann ein zweiter Keyboarder eingestellt, gerüchteweise wurde das Keyboard von Lol während der Konzerte nicht mehr an die Lautsprecher angeschlossen.

Zum Bruch kam es während den Aufnahmen zu Disintegration 1989: seine Meinung zum neuen Album, nämlich dass es Shit wäre, brüllte er im Studio hemmungslos heraus. Dann, und erst dann, konnte sich Robert von ihm trennen, und hat ihn gefeuert. Lols eigener Beitrag zum Album war praktisch nichtexistent. Disintegration gilt bis heute als das beste Album von The Cure und möglicherweise als eines des besten Alben der Musikgeschichte.

Vor ein paar Jahren ist Lol wieder aufgetaucht, er hat ein Buch geschrieben über seine Zeit in der Band und über seine Alkoholkrankheit. Es ist ein mittelmäßiges Buch, stark im ersten Fünftel, als es um das Heranwachsen im Thatcher-England der 1970er geht; dann hauptsächlich auf die Suchterkrankung abzielend, mit kurzen Momenten der Selbsterkenntnis und Selbstreflektion, letztendlich aber voller Entschuldigungen und Ausflüchte, wo ich mir die Übernahmen von Verantwortung gewünscht hätte. Über seine Zeit in der Band erzählt er wenig, und fast nichts, dass ich nicht anderswo schon besser gelesen hätte. Ich hoffe, dass er sich mit seiner Erzählung zurückgehalten hat, um die Privatsphäre von Robert und den anderen zu wahren, vermute aber, dass er schlicht keine Erinnerungen mehr hat an mehr als zwei Dekanden in einer großartigen Band.

Was mich an der Geschichte fasziniert, das ist, dass die Band Lol sehr lange mitgetragen hat, jahrelang sogar, ohne dass er etwas beigetragen hat. Und dass es so noch jahrelang hätte weitergehen können, wenn Lol sich nur ein winziges kleines bisschen zusammengerissen hätte.

Dieses Phänomen, dass jemand durch Glück und Privileg in eine Rolle hineinrutscht, um die ihn viele beneiden, und dies dann grob fahrlässig zerschlägt, das beobachte ich interessanterweise auch im beruflichen Kontext, zum Beispiel in meiner eigenen Organisation. Die mit den Privilegien sind meist ältere, weiße Männer – keine Ahnung, ob das Zufall ist oder eine Regel. Die Organisation hält an ihnen fest, jahrelang, es gelten allerhand Ausnahmen, Leistung wird schon längst keine mehr erbracht. Die Männer benehmen sich schlecht, sie machen anderen das Leben schwer, sie sind lästig, sie sind peinlich, alle reden hinter vorgehaltener Hand schlecht über sie. Aber man hat sich auch irgendwie an sie gewöhnt. Zur späten Stunde und im vertrauten Kreis sagt man man müsste mal und dem müsste man es mal so richtig zeigen, aber dann wird es Morgen, und man macht es doch nicht.

Die Trennung kommt, wenn sie überhaupt kommt, erst sehr spät, und erst nach dem Eklat, wenn wirklich alle Masken gefallen, alle Worte gesprochen und nichts mehr zurückgenommen werden kann.

Danke, liebe Lesenden, dass sie bis hier durchgehalten haben, ich komme nun zum Punkt:

Ich frage mich, was in diesen Menschen, in diesen Männern vorgeht. Ich versuche, mich in sie hineinzuversetzen, es gelingt mir ganz besonders schlecht, weil ich als Charakter recht leistungsorientiert bin. Ich versuche es trotzdem. Ich versuche mich in jemand hineinzuversetzen, der nicht dumm ist, und der – aus den unterschiedlichsten Gründen – beschlossen hat, nur noch das absolute Minimum zu tun, um gerade so durchzurutschen. Und gerade hier scheitere ich, denn sie tun ja nicht einmal mehr das absolute Minimum, die Limbostange liegt praktisch auf dem Boden, und dann wird sie abgefackelt und draufgepinkelt.

Warum? Wo ist der Gewinn? Cui bono?

Wenn du gehen willst, dann geh doch? Geh und mach eine eigene Band, die viel bessere Musik macht, geh zu einer anderen Frau, die viel schöner und interessanter ist, oder geh zu einem anderen Arbeitgeber, der dir einen besseren Titel und viel mehr Geld gibt. Geh, und halte den Kopf oben, aber geh.

Warum also? Geht es darum, geliebt werden zu wollen, dazuzugehören, auch wenn man alles immer nur kaputtschlägt? Ich kenne solche Leute auch, instabile Bindungen in der Kindheit, aber hier wechseln sich Phasen der Leistung, gar der Brillianz, mit Phasen der Verweigerung und Unzugänglichkeit ab. Die Unzuverlässigkeit, die als Kind erlebt wurde, wird abgebildet.

Aber diese komplette Leistungsverweigerung, die absolute Non-Compliance, being a pain in the ass, jahrzentelang – was hat es damit auf sich? Wenn es so viel zu verlieren gibt?

Vielleicht weiss jemand eine Antwort in den Kommentaren.

Aneinanderreihungen

Ich habe heute auf Twitter gefragt, worüber ich schreiben soll. Die Antworten, in keiner besonderen Reihenfolge, waren:

Frau Novemberregen. Musik. Geschmacks- und Geruchserinnerungen. WmdedgT. Das Atomkraftwerk. Augenarzt. Frühling. Meine Mutter. Seifenblasen. Nicht über Corona.

Frau N. liess mich etwas warten und isst nun Taboulé mit Halloumi. Sie ist heute sehr gut gelaunt, möglicherweise wegen des bald anstehenden Friseurtermins. Wir sprechen erst über Halloumi (findet sie nicht akzeptabel wegen Mundgefühl, ich hingegen mag Halloumi gerade deswegen manchmal sehr gerne, dafür halte ich nichts von Fallafel, das ist wie frittierter Pappkarton, meine Meinung!), dann ausführlich über Kochboxen (es sind interessante Ideen und Tricks dabei, das ganze ist aber zu normiert). Zum Schluß zeige ich ihr meine kleine Vorratshaltung (wegen mottensicheren Behältern) und nochmal kurz meinen Kühlschrank (wegen unserer synchronen Hüttenkäse-Obsession). Zwischendurch sprechen wir noch kurz über ihr Büro (“alle irre”) und über jemanden, den ich verachte.

Ich freue mich immer, wenn es Frau N. gut geht, so wie heute. Vor zwei, vielleicht drei Jahren hatten wir mal ein Gespräch über Ziele und Weiterentwicklung im Leben. Frau N. sagte – und ich konnte das damals noch nicht so gut verstehen – dass sie sich eigentlich nur wünscht, dass alles so bleibt, wie es ist.

Es ist nichts so geblieben, wie es war.

Frau N. hatte die letzten Tage, vielleicht auch die letzten Wochen, sehr schlechte Laune. Das ist eben manchmal so, sagt sie, zu viel los, zu wenig Schlaf, zu müde tagsüber. Sie nimmt es mit einem Achselzucken hin, aber in mir bleibt ein Gefühl der Ungerechtigkeit Frau N. gegenüber, auch wenn ich weiß, dass einem das Leben nichts schuldet, es kein Schicksal gibt, nur Zufall, eine Aneinanderreihung von Ereignissen.

Ich würde ganz gerne mal den Film mit der alternativen Realität sehen, wo die Würfel für Frau N. an der einen oder anderen Stelle anders gefallen wären. Sie hätten besser fallen können, fallen sollen, aber – und das wird mir erst beim Tippen klar – auch sehr viel schlechter. Schrecklich, das zuende zu denken.

Heute wieder viel Billie Eilish gehört. London Grammar bringen ein neues Album raus, aber erst im April. The Cure sagen ja schon seit zehn Jahren, dass sie ein neues Album raus bringen, hoffentlich stirbt niemand vorher. Manchmal höre ich auch gerne Fahrstuhlmusik, oder besser Loungemusik, die genau so auch beim Hotelfrühstück in Dubai gespielt werden könnte.

Hotelfrühstück mit Wassermelone, draußen sitzen, es wird dreißig Grad werden, sind aber gerade erst fünfundzwanzig im Februar, die Farben strahlen, knallblauer Himmel, der Pool, das Meer, ein sanfter Wind wie ein Streicheln über die Oberarme, die nackten Zehen, und gleich Sonnencreme und ein Strandspaziergang.

Indes, wir sind hier. Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Schlecht geschlafen, so um halb sechs aufgewacht, liegengeblieben bis um sieben, matt gefühlt, kraftlos, keine Lust, bisschen Magenprobleme. Kleine Morgentoilette, Emails auf, Todesfall in der Familie einer Kollegin. Verschiedenes hin- und herorganisiert. Telefonate zu verschiedenen Themen. Mit einer Mitarbeiterin telefoniert. Blumen geliefert bekommen. Mit meiner Mutter gesprochen, ihr geht es ganz gut und sie hatte sich schick gemacht für den Hausarzttermin, Stimmung aber manchmal doch sehr schwankend. In der Mittagspause Lebensmitteleinkauf. Schlechten Fertignudelsalat zu Mittag. Bisschen auf dem Balkon gestanden und die Frühlingsluft genossen, fast zwanzig Grad, auch nicht schlecht, und der Himmel hellblau mit schwachem Mond. Videokonferenz, Brötchen tiefgefroren, längeres Telefonat, Feierabend.

Mit den Augen habe ich aktuell ein Problem. Das Problem war so groß, dass ich zum Arzt gegangen bin, was ich bekanntlich nur im äußersten Notfall tue. Der Arzt hat gesagt: zu viel Bildschirmarbeit.

Ich nehme jetzt Augentropfen und immer meine Mittagspause.

Aktuell verschafft mir die Organisation wahrscheinlich eher ungewollt eine kleine Atempause, und ich kriege täglich nicht mehr 150 Emails, sondern nur noch 100. Mal sehen, wie lange es hält.

Im Bürgermeisteramt bin ich mittlerweile gut angekommen, auch das Atomkraftwerk läuft rund, vielen Dank. Visitenkarten habe ich mittlerweile auch drucken lassen. Verschiedene Kolleg:innen arbeiten ein bisschen daran, dass ich mittelfristig sowas wie Ministerpräsidentin werde. Eine meiner Emails heute war ein Hinweis, ich solle doch dringend Committee Member werden, das ist anscheinend ein guter Karriereschritt und fördert die Visibilität. Augen braucht man dafür aber auch.

Die Seifenblasen schillern, leicht und klar und regenbogenbunt, eher sie zerspringen.

Das Schöne am Schreiben ist, dass es eine gewisse Sinnhaftigkeit erzeugt. Das, was erlebt wurde, zufällig, wird umgedichtet in eine Geschichte, die ein Anfang, einen Spannungsbogen, einen Sinn und vor allem eine Pointe hat. Wenn ich schlechte Laune habe, dann kann ich keinen Sinn entdecken in den aktuellen Aneinanderreihungen, die mein Leben sind: Arbeit, TikTok, schlafengehen. Arbeit, Supermarkt, bloggen. Arbeit, Wäsche waschen, Twitter. Vielleicht habe ich gerade deswegen schlechte Laune.

Das ist eben manchmal so, sagt Frau N., und wir reden, und wir bloggen, und es geht wieder besser.

Knöpflein

Sonntagsausflug mit meiner Mutter in den Wald, ordentlich Schnee, leider machen auch alle anderen Menschen einen Sonntagsausflug in den Wald, deshalb ist es nicht so leer, wie meine Fotos auf Twitter vermuten lassen. Was will man sonst auch machen, an einem Sonntag.

Beim Einsteigen ins Auto, während wir Mäntel auszogen und Schneeschuhe zu Autofahrschuhen wechselten, über Knöpfchen nachgedacht. In meiner Kindheit war das ein häufig gesprochener Satz, mach doch mal das Knöpfchen hoch, oder mach doch mal das Knöpfchen runter, oder das Knöpfchen ist oben!, und es bezeichnete das Entriegeln der Autotüren. Ich hatte noch relativ lange, bis etwa 2008, ein solches Auto. Nach Konzertbesuchen oder nach dem Club sagte ich manchmal zu meiner Beifahrerin: mach sofort das Knöpfchen runter nach dem Einsteigen, das war so eine Urangst, dass jemand hinten eine Tür aufmacht und einsteigt, ungefragt, ungewollt, bedrohlich.

Auf der Rückfahrt mit meiner Mutter über Knöpfchen gesprochen, sie ergänzt noch ist überall das Knöpfchen unten?, häufige Panik bei diversen Urlaubsreisen. Ich hab ja so eine kleine Zwangshandlung, nach dem Abschließen immer überprüfen zu müssen, ob das Auto auch wirklich abgeschlossen ist, und mir wird gerade klar, woher das kommt. Einklappende Seitenspiegel haben mir hier sehr geholfen.

Frau N. hat heute auch schon über Autos gesprochen, morgen darf sie nämlich ins Büro, sie ist schon ein bisschen aufgeregt und sehr gut gelaunt, im Anschluß noch in die Werkstatt, Rücklicht reparieren lassen, dass man das auch selbst machen kann, spare ich mir ihr zu sagen, irgendwann will man im Leben manche Sachen nicht mehr selbst machen. Außerdem möchte sie noch durch die Waschstraße und ist total entzückt, weil wohl wahrscheinlich auch die Innenreinigung geöffnet ist. Wir reden eine Weile gleichzeitig über Börsengänge und Waschstraßen, beides gleich wichtig.

Meine Mutter hat auch eine Autogeschichte, und zwar erzählt sie mir, während wir nach Hause fahren und der Schnee immer weniger wird und entfärbten Februarwiesen weicht, vom ersten Auto ihrer Mutter, also meiner Großmutter. Das erste Auto war natürlich ein VW Käfer, interessanterweise war es auch das letzte Auto, allerdings ein moderneres Modell. Meine Großmutter hat recht früh den Führerschein gemacht, 1955 oder so, ungewöhnlich für eine Frau, aber sie war ja auch verwitwet und wusste, dass Mobilität der Schlüssel zur Unabhängigkeit ist. Meine Mutter erzählte, dass sie als Kind in jenem ersten VW Käfer beim Abbiegen einen Knopf drücke durfte, und dann sprang an der Seite der Blinker heraus, also ein gelbes, reflektierendes Teil, das den Richtungswechsel anzeigte.

Ich staune. Ich frage meine Mutter, ob der Käfer damals Sicherheitsgurte hatte, und sie verneint.

Ich kann mir keine Welt vorstellen, in denen es keine Sicherheitsgurte gibt. Ich meine – und vielleicht irre ich mich da – dass ich mich mein ganzes Leben lang anschnallen musste, auch auf der Rückbank, und zumindest, wenn man nicht in der Mitte sitzen musste, auch schon mit einen Dreipunktgurt.

Als ich Kind war, gab es noch kein Internet.

Noch so ein Gedanke, der mir neulich kam, eine Feststellung irgendwo auf den kleinen Wegen zwischen Schreibtisch, Kühlschrank, Badezimmer und Bett, die einem gerade noch so bleiben: dass ich mich an das Leben, wie es gerade ist, gewöhnt habe. Zuhause arbeiten, Videokonferenzen, niemanden treffen, nirgendwo hingehen. Es ist normal geworden, ich nehme es schulterzuckend hin. Resilienz ist das, eigentlich gut, aber sollte ich nicht mehr Rage haben, wütender sein – nur, wogegen?

Alles ändert sich, immer. Wenn ich darüber nachdenke, bin ich damit grundsätzlich unzufrieden, aber wenn ich nicht darüber nachdenke, dann nehme ich es hin, einfach so, ohne es so richtig zu merken.

Wir haben lange geglaubt, dass alle Änderungen eher Verbesserungen sein würden: Zentralverriegelungen, Internet, Streaming-Dienste, Handyticket. Es könnte auch eine Zukunft kommen, in der wir viel mehr verlieren als nur die Möglichkeit, zum Friseur zu gehen.

Besser nicht drüber nachdenken.