Mit Titel

Angenommen, mein Doktortitel säße mir gegenüber, als Person, dort auf dem Stuhl an dem Tisch, an dem ich gerade sitze. Blass sähe er aus, der Titel, schmal und ein wenig verlottert, wie das halt ist mit Kellerkindern.

Ich arbeite in einem völlig anderen Bereich als in dem, in dem ich promoviert habe. Konsequenterweise trage ich beruflich meinen Doktortitel nicht. Das war zunächst notwendige Überlebensstrategie und hat sich dann so eingeschliffen. Die gute Nachricht ist: inhaltlich geht es aufwärts, seit ich vor fast einem Jahr den Arbeitgeber gewechselt habe; ich mache dort komplexere Aufgaben und bin zunehmend die Frau für Spezialaufgaben. Das macht zum einen sehr viel Freude. Zum anderen erhoffe ich mir, in absehbarer Zeit einen Spezialtitel tragen zu dürfen. Diesem würde ich dann meinen Doktortitel voranstellen. Nix mehr Kellerkind!

Ich werde dazu das Gespräch mit meinem Chef suchen, und habe davor ganz schön schiß. Ich hab Schiß, dass ich zu emotional werde, weil das Thema mir manchmal vom Solarplexus aus die Brust hochkommt, bis in die Kehle, bis in die Tränendrüsen. Ich hab Schiß, dass ich in diesem Gespräch, das ja ein Dialog sein wird, Dinge hören werde, die mir nicht passen. Zum Beispiel: nein, es geht nicht, es sind nicht die Rahmenbedingungen vorhanden. Dann müsste ich gehen, hätte wieder viel Kraft investiert, viel Leistung erbracht, nicht viel dafür zurückbekommen. Oder: ja, schon, aber noch nicht jetzt. Dann muss ich mich in Geduld üben, was mir sowieso schwer fällt, und umso mehr, weil ich ja immer glaube, zu wenig Zeit zu haben. Und ich gehe das Risiko ein, dass es etwas später wiederum heißt: ja, schon, aber auch jetzt noch nicht. Es schnürt mir die Kehle zu, wenn ich mir das vorstelle, denn dieses Spiel habe ich mit meinem Doktorvater bis zum bittersten Ende gespielt: noch drei Monate, dann kannst du abgeben. Noch dieses Experiment, dann.. jetzt solltest du aber noch dieses.. ja, aber jetzt musst du nochmal…

Es sind andere Zeiten, und ich bin eine andere, die Machtverhältnisse sind weniger absolut, ich habe mehr Möglichkeiten. Der Kopf weiß das, ich könnte sowas von cool bleiben, aber das Herz und die Kehle, bei denen ist es noch nicht angekommen.

Sticky

Auf meinem Laptop befindet sich ein Snoopy-Sticker. Er dient dazu, die Webcam zu verdecken. Ich denke zwar nicht, dass jemand die technische Möglichkeit ausnutzen wird, mich durch meine Webcam auszuspionieren, aber andererseits ist der Laptop häufig an, wenn ich zuhause bin, und ich bin öfter mal nackt, schlecht frisiert, popele in der Nase, und in den goldenen Zeiten meines Privatlebens hatte ich auch schon gelegentlich Herrenbesuch auf meinem Sofa (beide Parteien gut frisiert, ggf. nackt). Ich schweife ab. Die relevante Frage lautet: wieso besitzt eine Frau wie ich einen Snoopy-Sticker? Zum einen ist Snoopy natürlich der coolste. Zum anderen besitze ich eine ganze Sammlung von Stickern (Define, Pandas, Sterne, Herzen, Glitzer..), und das ist eigentlich eine traurige Geschichte. Ich habe fünf Jahre promoviert, was mindestens zwei Jahre mehr waren, als gut und nötig gewesen wäre. Mein Doktorvater war sehr ambitioniert, und hat mich (und andere Doktoranden) als billige Arbeitskraft ausgenutzt. Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Problematik so in einem Satz zusammenfassen lässt oder nicht doch komplexer ist, aber so ganz falsch liest es sich nicht. Das Machtverhältnis Doktorvater – Doktorand ist ziemlich hart, es gibt da wenig zu verhandeln und letztendlich nur die Möglichkeit, durchzuziehen oder abzubrechen. In dieser Entscheidungsfrage habe ich mich von einem Coach beraten lassen, und habe mich fürs durchziehen und durchhalten entschieden. Das Durchhalten war ganz schön schwierig, weil meine Doktorarbeit für mich schon längst gestorben war, eine Leiche, neben der ich saß und der ich beim verwesen zusah. Mein Doktorvater aber wollte Ergebnisse, immer mehr und mehr, Abbildungen für Publikationen, und ich stand im Labor und pipettierte, tagelang, nächtelang, kein Wochenende, keine Feiertage. Ich habe mir eine Liste gemacht mit dem, was ich mir für die Woche vorgenommen habe, und abends habe ich mir Sticker gegeben für das, was ich erledigt hatte. Total bekloppt, aber es waren wirklich verzweifelte Zeiten.

Heute habe ich im Auto einen Vortrag über Prokrastination, also die Schwierigkeit, Motivation zu finden und Aufgaben zu beginnen, gehört. Am Fall einer jungen Studentin wurde aufgezeigt, dass Prokrastination auch eine Schutzfunktion haben kann, und zwar dann, wenn sie davor schützt, in den Burn out zu kommen, sich selbst zu überfordern, Grenzen zu überschreiten.

Ich war damals ganz schön nah an meiner Grenze. Rückblickend ganz schön armselig, dass ich mich so habe bescheißen müssen, mit Stickern… Zum Glück war ich dem Suizid stets fern, denn ich liebe das Leben in guten wie in schlechten Zeiten. Suizide unter Doktoranden sind zumindest von Hörensagen her nicht gerade selten: eine Kollegin von mir fand eines morgens einen Kollegen, der sich im Büro erhängt hatte. Eine andere hatte eine Freundin, die viel davon sprach, sich zu suizidieren, bis sie es eines Tages auch tat. Ich kann ein Stück weit nachvollziehen, wie man in eine solche Situation geraten kann, von der man meint, sie nicht anders auflösen zu können als mit einem endgültigen Schnitt. Das System des akademischen Elfenbeinturms mit seiner Selbstreferenz und seiner Geschlossenheit begünstigt solche Abwärtsspiralen sicherlich.

Ich hätte auf diese Grenzerfahrung gerne verzichtet. In meinem jetzigen Berufsleben beobachte ich an mir, dass ich ziemlich belastbar und leistungsfähig bin, vielleicht als Ergebnis der Erlebnisse in der akademischen Welt. Manchmal verlasse ich mich aber zu sehr darauf, in schlimmen Zeiten gut funktioneren zu können, und ruhe mich zu sehr auf dem Status Quo aus. Mehr könnte ich aber erreichen, wenn es mir gelänge, positiv etwas aufzubauen, nachhaltig Strukturen zu schaffen.

Werte

Auf meiner Hassliste ganz oben stehen Taxifahrer, die möchten, dass ich als Fahrgast ihnen den Weg erkläre. In meinem Verständnis ist die zuverlässige Beförderung von A nach B im Preis inbegriffen, ob nun per Gedächtnis und Ortskenntnis oder mit Navigationsgerät und Google Maps – mir egal. Ich hatte lange ein ziemlich kleines Einkommen (und auch jetzt nur ein mittelmäßiges), weil ich lange studiert, dann auf einer halben Stelle promoviert, und dann arbeitslos war. Taxi fahren ist für mich immer noch ein gefühlter Luxus, den ich mir gönne, wenn der Tag oder der Abend sehr lange und intensiv waren, oder wenn ich bis in die Nacht oder den frühen Morgen gearbeitet habe. Ich habe dann keine Kraft und keine Nerven mehr, um jemanden den Weg zu erklären. Wenn ich nämlich noch fit wäre, dann würde ich vierzig Minuten auf die nächste U-Bahn warten, oder eine halbe Stunde durch dunkle Straßen laufen. Außerdem habe ich meine Arbeit für diesen Tag schon getan. Und dich erwarte, dass andere ihre Arbeit auch gut machen, oder zumindest so gut sie können. Deshalb habe ich Achtung vor der Frau, die abends unsere Büros reinigt, gut möglich, dass sie ihre Tätigkeit mit mehr Gründlichkeit erledigt als ich die meine. Und ich freue mich, wenn ich im Restaurant gut bedient werde, in Geschäften gut beraten und Prozesse effizient ablaufen.

Ich glaube, dass ich hier eine Schwachstelle habe in meinem moralischen Kompass, dass der Ärger und die Verachtung, die ich für jene spüre, die schlampig arbeiten, übermäßig groß sind. Ich konnte noch nicht ganz ergründen, woran das liegt. Vielleicht bin ich einfach so gestrickt, und alles andere geht mir gegen den Strich, eine Art von inneres OCD?

Bei aller Moral, bei allen Bemühungen, ein guter Mensch zu sein, habe ich aber auch eines gelernt: manchmal kommt es allein darauf an, das System zu bedienen, als wäre es ein Computerspiel, bei dem es virtuelle Punkte zu erringen gibt. Viele Prüfungen, zum Beispiel die in der Schule, prüfen gar nicht das tatsächlich vorhandene Wissen. Sie prüfen, ob man die richtigen Antworten auf Variationen von Standardfragen weiß, ob man sie entschlüsseln kann, ob man den Code versteht. Sie prüfen systemkonformes Handeln, und das ist eine Rolle, in die man hinein- und auch wieder herausschlüpfen kann. Hoffe ich. Jeder hat da so seinen Preis.

Neulich gedacht, dass die Lösung der Griechenlandkrise darin bestehen könnte, herauszufinden, unter welchen Bedingungen Kapitalanleger und institutionelle Fonds bereit wären, in Griechenland zu investieren, das Land zu rekapitalisieren. Den Gedanken dann aber sofort als neoliberal verworfen.

Die griechischen Staatsschulden liegen, wenn ich richtig informiert bin, bei um die 300 Milliarden Euro. Kaum vorstellbar, und auch nicht fassbar: Geld, das in Bits und Bytes in Rechnern existiert, allenfalls noch als bedrucktes Papier, Schuldscheine und so. Geld an sich hat ja ohnehin keinen Wert, nur den, auf den wir uns als Gesellschaft mehr oder weniger geeinigt haben. Wir glauben, dass Geld einen gewissen Wert besitzt, dass ein bestimmter Geldbetrag einen bestimmten Gegenwert rechtfertigt. Es ist also alles eine Frage des Vertrauens in das System. Es wackelt ein bisschen, unser System, aber es wird noch lange nicht fallen.

(ohne Titel)

Gestern, als ich über das Reisen schrieb, habe ich einen Absatz wieder gelöscht. Ich wollte etwas über die Wahrnehmung des Reisens schreiben: dass die Vorfreude darauf schön ist (Zukunft), und der Rückblick, wenn die Erlebnisse Erinnerung geworden sind (Vergangenheit). Interessanterweise ist es oft die Gegenwart, die ich weniger schön finde: der Sand ist zu sandig, die Füße tun weh, die anderen Leute stören mich usw. Überhaupt ist vieles im Rückblick schöner: der Schrank aus dem schwedischen Möbelhaus ist am schönsten in dem Moment, in dem er endlich aufgebaut ist; die Wohnung ist am schönsten, wenn sie gerade aufgeräumt wurde, und die Texte sind am schönsten, wenn sie geschrieben sind. „I hate to write, but I love having written“.

Ein Glück, wenn man in den Flow kommt. Beim Hämmern von Nägeln kommt er leichter als beim Tippen von Worten, zumindest geht es mir so. Besonders fasziniert mich am Flow das momentane Verschwinden des Zeitempfindens. Ich kann normalerweise recht gut die Uhrzeit schätzen, weil ich ein gutes Gefühl dafür habe, wieviel Zeit wohl vergangen ist, seit ich das letzte Mal auf die Uhr geschaut habe. Das ist wohl ein Relikt aus meiner Zeit im Labor, in der die Inkubationszeiten den Arbeitstag gestaltet haben. Der Flow hebelt dieses Zeitempfinden völlig aus. „Es gibt nicht die Zeit“, sagt der Zeitforscher Karlheinz A. Geißler, „sondern wir sind selbst die Zeit“. Auf eine gewisse Weise betrachtet existiert die Zeit, weil wir sie empfinden.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Sie sollten alle gleich viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich werde besser darin, auch das Stiefkind Gegenwart zu lieben. Wenn ich einen Augenblick lang den Wolken zuschaue, zum Beispiel, oder den Wind auf meiner Haut spüre. Wenn ich Musik höre, ganz bewusst, oder die Erotik (auch so ein vernachlässigtes Stiefkind) hereinbitte. Wenn ich mich frei mache von Erwartungen.

Ich weiß nicht, ob es hier eine Pointe gibt. Rome von Rounders fand Pointen sinnlos, sei auch nur so eine unnötige Erwartungshaltung.

Orte

Wohin ich gerne einmal reisen würde, wurde ich gefragt.

Ich würde gerne die USA bereisen, nicht nur einmal, sondern sehr oft, denn es ist ein großes, weites und sehr unterschiedliches Land. Ich möchte die von den Amish und Mennoniten geprägte Seite Pennsylvaniens kennenlernen, ebenso die Everglades in Florida, mit einem Boot den Mississippi hinauffahren, so weit es geht, amerikanische Kleinstädte zu Füßen der Rocky Mountains besuchen. Ich möchte auch einmal dort sein, wo gar nichts ist: ein Häuschen in Iowa mieten, und in Ohio rumhängen, das hier so schön besungen wird.

Immer mal wieder denke ich, dass es auch in Deutschland überraschend schön ist. Vielleicht nicht in einem nasskalten Februar, und sicher nicht überall, aber die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, mit Streuobstwiesen und Weinbergen, hat einen Charme, der mir jetzt, wo ich weggewesen bin und anderes gesehen habe, sehr gut gefällt. Völlig unterschätzt werden, meine ich, die neuen Bundesländer, aber um mir hier eine endgültige Meinung zu bilden, müsste ich sie intensiv bereisen. Zur Zeit kenne ich sie, abgesehen von den brandenburger Seen, die mich bereits überzeugt haben, und einem unfreiwilligen Ausflug in das Umland von Bitterfeld, hauptsächlich aus der Sendereihe „Kesslers Expeditionen“. Ich mag dieses Format aus mehreren Gründen: erstens ist es gutes Fernsehen (innovativ, charmant, witzig, authentisch, abwechslungsreich). Zweitens finde ich es spannend, dass es in diesem Land, das ja irgendwie das meine ist, Teile gibt, die mir so gänzlich fremd sind. Grzimek berichtete von der Serengeti, Kessler aus der Uckermark. Ich fahre im Herbst übrigens in den Harz. Drittens kann man von Michael Kessler viel lernen, wenn es darum geht, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Der Fachbegriff lautet „einen Rapport herstellen“, und er beherrscht dies meisterhaft. Das Konzept der Sendereihe ist ja, dass er – zu Fuß oder mit stark entschleunigenden Verkehrsmitteln – das Land bereist und mit Leuten auf der Straße ins Gespräch kommt. Er trifft da sehr schnell den richtigen Ton, maßgeschneidert auf die Person. Interessant auch, wie er sein Gegenüber manchmal duzt, manchmal siezt, mit einem feinen Gespür dafür, was die Person angenehmer findet. Im Gespräch ist er respektvoll, ein guter Interviewer, ohne dass es sich förmlich anfühlt. Es ist eine Freude, ihm zuzusehen.

Bei den Bildern von Landschaften und Dörfern, egal ob im Fernsehen oder aus dem Autofenster heraus, hält mein inneres Auge stets auch ein wenig Ausschau nach einem Ort für mich. Ich habe beruflich noch einiges vor, möchte etwas erreichen, aber ich träume auch davon, ab einem bestimmten Punkt nicht mehr einer Lohnarbeit nachzugehen. Sondern ein Häuschen zu kaufen, irgendwo mit gutem Boden und viel Ruhe, einen großen Gemüsegarten anpflanzen, Obstbäume und Sträucher, Hühner und Enten. Ganz nah an den Jahreszeiten sein, nicht mehr auf die Uhr schauen, sondern nach dem Sonnenstand.

Beim Abendbrot

Abendbrot mit einer Freundin und deren Tochter, die noch nicht ganz ein Jahr alt ist und gerade lernt, eigenständig zu essen. Sie greift nach kleingeschnittenem Gemüse, kleinen Ecken von Brot oder Käse, auch das Essen mit einer Kindergabel wird schon eifrig geübt.

Ich denke an meinen Vater, der im letzten Jahr seiner Erkrankung verlernte, selbst zu essen. Ihm gelang einfach die Koordination zwischen Hand und Essen nicht mehr, zwischen Hand und Gabel oder Löffel schon gar nicht, auch der Pinzettengriff wurde schwierig. Meine naturwissenschaftliche Ausbildung sagt: die Teile des Gehirns, die für diese Funktionen notwendig sind, waren zu diesem Zeitpunkt schon zu sehr geschädigt. Aber meinem Herz hat es damals mehr weh getan als das meiste andere: der Verlust der Gehfähigkeit, die Inkontinenz, all das.

Er war nicht sehr lange im Heim, ein paar Monate, seine letzten Monate. In meiner Erinnerung ist diese Zeit überrepräsentiert, ich habe ein vages Gefühl, warum, aber es tut nichts zur Sache. Ich erinnere mich vor allem daran, wie ich neben ihm beim Abendbrot saß, und ihn gefüttert habe: belegtes Brot, in kleine Häppchen geschnitten, die von mir mit der Gabel in seinen Mund transportiert wurden. Es war elend, dort neben ihm am Tisch zu sitzen, die anderen Erkrankten seiner Wohngruppe um uns herum, zwei Pflegerinnen, die herumwuselten. Ich saß dort, wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder. Es hat mich wahre Demut gelehrt, meinen eigenen Vater zu füttern. Und es war eines der wenigen Dinge, die ich in diesem letzten Jahr noch für ihn tun konnte. Jetzt kann ich nichts mehr für ihn tun; es ist alles getan, was möglich war.

Eine merkwürdige Symmetrie, denke ich, wie ich da am Abendbrottisch mit der Freundin und ihrer Tochter sitze: wie wir am Anfang des Lebens lernen, selbst zu essen, und es dann am Ende des Lebens wieder entlernen. Mit Kindern ist es wie mit einem Gebäude, das von Grund auf neu errichtet wird, immer schöner, prächtiger, detaillierter wird. Bei meinem Vater war es wie mit einem Bankenturm, aus dem alle ausziehen, der dann Stück für Stück entkernt wird, bis auf das Skelett aus Stahl, und auch dieses eines Tages zerfällt. Und so habe ich ihn verloren, ganz und gar, und bleibe doch immer mit ihm verbunden.

Gepäck

Ich habe von Frau Novemberregen schon viel gelernt, und ich glaube, das wird auch so weitergehen. Manche von den Dingen, die sie sagt und die mein Leben besser machen, mich zum nach- oder umdenken anregen, sagt sie so nebenbei, in einem Nebensatz. Zum Beispiel hat sie mir vor ein paar Jahren erzählt, dass man, wenn man irgendwo hingeht, gar nicht immer alles dabeihaben und auf alle Eventualitäten vorbereitet sein muss, denn: man kann in Deutschland in der Regel alles käuflich erwerben. Ich konnte mir heute ein Bild machen von der ländlichen Region zwischen Bitterfeld und Dessau-Süd, und… nein, jetzt keinen Witz über die neuen Bundesländer, weiter im Text. Man sieht aber schnell ein, dass diese goldene Regel von der sie anwendenden Person ein wenig mitdenken erfordert, aber unter den Bedingungen von Frau Novemberregen und mir (wir verdienen beide einigermaßen okay, und bewegen uns meist im urbanen Raum) ist sie sehr vernünftig. Es ist schön, ein Erfrischungstüchlein oder einen Labello aus der Tasche ziehen zu können, aber ein Getränk kaufe ich mir doch lieber vor Ort (ggf. eisgekühlt), anstatt es mitzuschleppen. Weitere Beispiele fallen mir nicht ein, aber unter besonderen Umstände sind sicherlich auch extravagantere Anschaffungen gerechtfertigt.

Jedenfalls: ich bin gerade verreist. Koffer packen war viel schwieriger als erwartet. Das hat mich insofern überrascht, als dass ich vor ein paar Wochen zehn Tage in der Wohnung einer Freundin gewohnt habe, um deren Katzen zu hüten. Gepackt hatte ich in zwanzig Minuten: eine blaue Ikea-Tüte mit Hosen, Oberteilen, Unterwäsche und meinem Laptop; und eine zweite blaue Ikea-Tüte mit Schuhen, Necessaire, Tablet, iPod, Ladekabeln, Kopfhörer, eBook-Reader. Das war’s, mir hat nichts gefehlt. Krass, dachte ich damals, wie leicht es ist, ein Leben zu verpflanzen. Und jetzt dieser Kontrast, dass ich für eine kurze, innerdeutsche Reise Stunden zum packen brauche.

Es liegt vielleicht am Leben: bei der Freundin lebte ich mein Alltagsleben: Arbeit, Couch, Internet. Jetzt möchte ich anderes erleben, weiß noch gar nicht genau, wie meine Pläne sind. Ich habe dafür gepackt, so gut ich konnte. Und wenn etwas fehlt, dachte ich heute, als ich den Koffer schloss: ich werde es kaufen, leihen oder anderweitig organisieren können.

Rumgurken

Ich habe eine Arbeitshypothese, dass alle Konflikte, die man mit sich selbst oder mit anderen hat, auf eines von drei Themen zurückzuführen sind: Angst, Entscheidung oder Respekt. Obwohl mir diese Hypothese ein wenig zu einfach vorkommt, funktioniert sie erstaunlich gut.

Heute war ein gurkiger Tag, der mir zwischen den Fingern zerronnen ist, ohne dass ich auf die eine oder andere Art viel davon gehabt hätte. Das ist insofern ärgerlich, als dass ich gerade Urlaub habe, und freie Tage für mich zur Zeit das Kostbarste überhaupt sind. Gut möglich, dass dies für mich der erste Urlaub seit fünf Jahren ist – sicher, es gab arbeitsfreie Tage, aber diese waren in der Vergangenheit geprägt von Pflege, Weiterbildung oder Bewerbungen schreiben. Jetzt also freie Tage, und einen davon habe ich vergurkt. Und warum? Weil ich mich nicht entscheiden kann. Erholen kann ich mich nämlich auf zwei Arten: Variante A besteht darin, gar nichts zu machen, oder zumindest nichts geplantes, sondern mich treiben zu lassen. Zuhause bleiben, im Internet surfen, Buch lesen, vielleicht einen Film schauen, nachmittags ein Nickerchen, mich von Serendipity leiten lassen. Variante B bedeutet, etwas zu unternehmen und zu erleben: Leute treffen, Orte besuchen, Sightseeing, unterwegs sein. Das ist sehr schön, macht die Tage reich und voll, aber dafür muss man vorbereiten, planen, organisieren, sich mit Freunden abstimmen, Wäsche waschen und Autos betanken. Wenn ich etwas unternehmen will, mich aber nicht entsprechend vorbereiten will, weil mir eigentlich nach Nichtstun ist, dann schieße ich mir selbst ins Bein. Bin dann am Ende des Tages weder vorbereitet noch erholt, sondern habe mich den ganzen Tag nur gedrückt, nur aufgeschoben und verschoben, bin schlecht gelaunt und gereizt.

Das Dilemma im Leben – oder zumindest in meinem – ist, dass ich immer zu viel vorhabe, mehr tun möchte, als die Zeit zulässt, mich dabei gnadenlos überschätze. Langeweile ist ein exotisches Gefühl, an das ich mich nur schemenhaft erinnere. Ich habe Giardino versprochen, einmal etwas über die Zeit zu schreiben, und unseren Irrtum, wir könnten die Zeit weiter & breiter machen, indem wir mehr hineinpacken. Ich hoffe, ich finde dafür die Zeit, entscheide mich dafür, meine Zeit diesem Thema zu widmen, und entscheide mich damit gegen alle anderen Möglichkeiten, wie ich diese bestimmte Zeiteinheit verbringen könnte. Ein geradliniges Leben, klare Linien. Es schreibt sich so einfach.

Wenn ich Glück habe und alles gut läuft, dann habe ich noch etwa 16.000 Tage zu leben. Die genaue Zahl weiß man meistens nicht, nur, dass sie sich jeden Tag um einen Tag verringert. Es wäre schön, jeden Tag bedeutungsvoll zu machen, reich und tief. Kann sein, dass es auch dazugehört, Tage zu verschwenden. Aber gerade tut es mir ziemlich weh.

ein guter Platz

Sheldon Cooper, eine Figur aus der Serie The Big Bang Theory, hat ganz genaue Vorstellungen, welcher Sitzplatz auf der Couch für ihn der richtig ist. Ich habe ganz genaue Vorstellungen, wo ich gerne in der U-Bahn sitze: im mittleren der drei Wagen, auf einem der drei Klappsitze, parallel zur Fahrtrichtung. Ich könnte jetzt die genauen Gründe aufführen, weshalb dieser Platz mein perfekter Platz ist, aber ich will auf etwas anderes hinaus. Nämlich auf die unbeabsichtigte Nebenerscheinung, dass ich an der Station Hauptwache einen exzellenten Blick auf eine Treppe habe, die die S-Bahn mit der Mitte des U-Bahn-Steigs verbindet. Meist gibt es dort nichts besonderes zu sehen, manchmal hektisch rennende Menschen, manchmal solche, die von außen auf den Türknopf drücken, während die U-Bahn schon weiterfährt, und zurückgelassen werden. Man muss kein Mitleid mit ihnen haben: die nächste kommt in zwei Minuten.

Nur ein Typ, der wird mir in Erinnerung bleiben. Mitte dreißig, kein Anzug, sondern legere Kleidung, schlacksig. Er kommt die Treppe runter, während des Gehens ein Buch lesend. Sein Schritt bleibt gleichmäßig, er beschleunigt kein bisschen, tritt in die U-Bahn, die Türen schließen hinter ihm. Er setzt sich mir schräg gegenüber, und liest ohne Unterbrechung, konzentriert und ohne hochzuschauen. An der Leine führt er einen alten Hund, ein gelber Mischling, mittelgroß, die Schnauze grau, die Bewegungen steif und von den Schmerzen des Alters gezeichnet, die Augen trüb, vielleicht schon blind. Der Hund drückt seine Nase gegen den Schenkel des Mannes. Es ist ein kurzes, eingespieltes Zeichen der beiden. Dann beginnt der Mann, den Hund zu streicheln, mit drei Fingern in kleinen Bewegungen am Kopf, massierend wie Shiatsu. Durch den Hund geht eine Woge der Wonne, er ist so glücklich, dass es eine Freude ist, ihn anzusehen.

Zwei oder drei Mal sind wir zusammen U-Bahn gefahren, und ich halte noch immer ein wenig nach den beiden Ausschau.

 

Frontrow Experiences

Als junge Frau habe ich siebzehnmal The Cure live gesehen. Ich sah sie auf Festivals, in großen Hallen und kleinen Clubs, die meisten Konzerte innerhalb einer Tour im Jahr 2000. Ich habe kein Buch darüber geschrieben, auch kein Weblog, aber ich hätte einen guten Titel dafür gehabt: frontrow experiences. Denn ganz vorne zu stehen, das war uns damals sehr wichtig, ganz nah dran, möglichst tief in der Musik drin, jede Note spürbar, jede Songzeile unter die Haut. Vorne links, das war mein Lieblingsplatz. Mittig war man zwar näher an Robert Smith, aber das war mir irgendwie nicht so wichtig, außerdem war’s da immer so voll, und der Punk drückte unangenehm von hinten. Überhaupt – die Mitte, nein danke. Bloß kein Mainstream sein.

Left of center heißt auch ein Song von Suzanne Vega, die ich neulich zusammen mit der wunderbaren Frau Novemberregen sehen durfte. Es war ein sehr heißer Sommertag, wir hatten beide tagsüber hart in unseren jeweiligen Büros gearbeitet, genossen nun die klimatisierte Konzerthalle, und standen ganz hinten, ein kühles Getränk in der Hand, kein Gedränge mehr, nur ein lockeres Zusammenstehen von Leuten. Dann kam Suzanne Vega auf die Bühne, eine exzellente Performerin mit hervorragenden Songs, sie hat das Publikum schnell für sich begeistert. Sie macht das anders als Robert Smith, aber auch sehr gut: sie hat eine Freude an ihrer Musik, die die Menschen ansteckt, ihre Töne und Worte haben eine Klarheit, die nur jene nicht berührt, die innerlich bereits betäubt sind. Bei The Cure ist das anders: es kommt – meist im zweiten Drittel der Show, wenn es eine gute Show ist – eine Stimmung auf, bei der alle zehntausende Konzertbesucher eingestimmt sind auf Robert Smith und die Musik, konzentriert auf ihn und das Geschehen, minimalste Gesten genau wahrnehmend, präsent im Augenblick und doch im Fluß. Ich würde fast sagen, es sind Momente der Transzendenz, aber vielleicht habe ich damit Unrecht.

Beim Konzert von Suzanne Vega hat mich enorm gestört, dass im Publikum teilweise sehr viel geredet wurde. Vorne steht diese großartige Frau und singt mit ihrer Stimme, like the bells of the cathedral, und neben mir wird gequatscht. Was kann es zu bereden geben, das nicht warten kann? Ich hatte nicht den Eindruck, dass es Dinge sind, die Gewicht haben, kurze Beobachtungen, die sofort geteilt werden müssen, nein, es war Gelaber, es war ein running commentary, eine dilettantische Untertitelung des Geschehens. Es ist mir schwer gefallen, mich davon zu lösen, mich in die Musik hineinfallen lassen zu können. Ob es daran liegt, dass ich älter geworden bin? Ich habe es letzendlich dadurch gelöst, dass ich weiter nach vorne gegangen bin, noch keine Frontrow, aber näher dran. Und ich weiß, Glashaus, Steine, denn ich äußere mich ja auch zu den Dingen, jetzt gerade zum Beispiel, aber ich weiß auch, wann es Zeit ist, die Klappe zu halten, den ewigen Strom der Kommentierung und Bewertung auszuschalten. Nämlich beim Sex und bei der Musik, denn dann geht es darum, ganz da zu sein. Man sagt, beides seien Überbleibsel aus dem Paradies, und wer es zulässt, kann das wirklich spüren.