Pläne

Gestern mit meiner Mutter telefoniert. Zum Abschied sagte sie:

Machs gut, bis wir uns wiedersehen.

Sie kriegt morgen ihr zweites künstliches Hüftgelenk. Ich fahre zu ihr und bin – so der Plan – genau zum Zeitpunkt ihres Erwachens aus der Narkose da.

Ihr Satz hat mich ein wenig erschreckt. Ich habe dann nochmal nachgeschlagen, weil ich glaubte, es wäre ein Zitat aus einem Stück von Shakespare. Der läßt nämlich Julia zu ihrer Mutter sagen:

Gott weiß, wann wir uns wiedersehn.

Das ist nicht das gleiche. (Wie es für Julia ausging, wissen wir ja.)

warum eigentlich Südamerika?

Hagen Boyle ist ein Spieler. Eine gescheiterte Beziehung hat ihn dazu gebracht, aus seiner bürgerlichen Existenz nach Südamerika auszubrechen, wo er in zweit- und drittklassigen Casinos Poker spielt. Meistens verliert er.
Am Spieltisch trifft er June, fällt erst in ihre Arme, dann in zwielichtige Geschäfte und schließlich in sein Verderben. Das Cover von „jenseits der Feinde, nahe dem Meer“ zeigt einen Haifisch, der auf den Betrachter zuschwimmt – nur noch einen Moment, dann wird sich das Wasser rot färben. Genau um diese kurze Zeitspanne vor dem Ende geht es in diesem Buch. Hagen Boyle analysiert präzise und genau die Geschehnisse und seine Situation und ist doch nicht in der Lage, die richtigen Schlüsse zu ziehen und sein Unglück abzuwenden – genau wie beim Pokern: er kennt die Stärken und Schwächen seines eigenen Blattes, kann die Karten der Gegner abschätzen, und doch: ein Sieger ist nur jemand, der gerade nicht verliert.

„Jenseits der Feinde, nahe dem Meer“ ist eher ein Manuskript denn ein Buch. Bei Book on Demand erschienen, nerven gelegentlich Tippfehler; auch inhaltlich ist die Geschichte nicht ganz rund. Einzelne Episoden hingegen sind brilliant und begeistern durch ihre Detailschärfe – in Pappe eingepackte Kreditkarten, das Spiel, der Puff, das große Finale. Gürteltaschen.
Leogrande hat Stil und erzählt so schonungslos, ehrlich, messerscharf und so kraftvoll, daß es einen manchmal umhaut.

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Jörn Leogrande
ältere Geschichten von Leogrande via archive.org

feinde

(Hier ruiniert sich gerade jemand anderes in Südamerika.)

genug.

1. Mache ich meine Arbeit gut genug? Bin ich fleißig genug? Bin ich belastbar genug? Bin ich klug genug? Bin ich verläßlich genug? Trage ich genügend zur Wertschöpfung bei? Kann man mir vertrauen? Kann man mir schwierige Aufgaben anvertrauen?

2. Bin ich Frau genug?
Bin ich Frau genug, als daß ein Mann mich lieben kann?
Bin ich schön genug, um gefickt zu werden? Habe ich genug Erotik, um einen Mann darin ertrinken zu lassen? Habe ich genug Weiblichkeit, damit ein Mann sich mit mir fühlen kann, als wäre er angekommen?

3. Bin ich als Tochter gut genug? Bin ich als Schwester gut genug? Bin ich als Freundin gut genug?

4. Wenn die Antwort nein lautet, was dann?
Was, wenn ein Teil dessen wegbricht, aus dem man seine Identität baut?

[Nachtrag:] 5. Erwartungshaltungen waren schon vor Jahren Thema.

to be good.

Gisela im Krankenhaus besucht. Krankenhäuser sind @$#*%!.

Es geht ihr mittel. Sie hat Harnsteine und hofft, nächste Woche wieder entlassen zu werden. Insofern: kein Krebs, nichts lebensbedrohliches, aber auch keine Bagatellerkrankung. Gesund sah sie nicht aus.
Sie hat sich gefreut, daß ich gekommen bin. Nach kurzem Update über ihre Situation hat sie sehr viel über Ali gesprochen. Sie mußte weinen und hat mit mir relativ offen darüber gesprochen, daß Ali Alkoholiker ist und Leberzirrhose hat. Ihr Weinen war Wut und Trauer: Trauer, weil sie weiß, daß ihre Zeit mit Ali begrenzt ist; Wut, weil sie nichts verändern kann. „So oft habe ich ihm schon gesagt, er soll aufhören zu trinken!“ Weggeschüttet hätte sie das Zeug, es hätte alles nichts gebracht. Wenn es nicht besser wird, dann will sie ihn verlassen und zu ihrem Sohn ziehen. Eine leere Drohung?
„Es ist eben eine Sucht“, sage ich, und daß Ali es wohl nicht ändern könnte, selbst wenn er wollte. Daß er großes Glück hat, daß er sie gefunden hat, daß er ohne sie wahrscheinlich schon gar nicht mehr leben würde, und daß sie die Last der Verantwortung für sein Trinken nicht tragen soll, nicht tragen muß.
Es ist keine romantische Liebe zwischen den beiden, aber sie sind einander Gefährten.

Ich taste das Thema Haushaltshilfe/ Pflegekraft an. Gisela winkt ab. Sie will das nicht. Noch einmal taste ich mich vor, die Krankenkasse würde das bezahlen, sage ich, und daß ich gerne helfen würde mit dem Papierkram. Dann lasse ich das Thema ruhen, vielleicht keimt der Samen dennoch.
Morgen kommt ihr Sohn, erzählt Gisela. Ali hat einen Freund, der sich um ihn kümmert, manchmal kümmert sich auch eine Nachbarin. Zwei Neffen gibt es, die mal mehr, mal weniger präsent sind.
„Was soll ich tun, wenn es ihm schlecht geht?“, frage ich. Den Notarzt rufen, meint sie. Mehr könne man nicht tun.

Ich schreibe ihr meine drei Telefonnummern auf, verabschiede mich. Die Stimmung ist gelöst und herzlich, nur getrübt von jenem Hellgrün des Krankenhausflures, das in den Siebzigern oder frühen Achzigern sehr modisch gewesen sein muß und nun im Neonlicht verblaßt.
Auf dem Rückweg fröhne ich meiner eigenen Sucht und kaufe mir an der Tankstelle ein Kit Kat Chunky (immerhin muß ich tatsächlich tanken). Es schmeckt sehr süß und nicht so gut wie in meiner Erinnerung.
Ich bin ein mittelguter Mensch. Alles sind Fragmente. Der Krankenhausbesuch ist Fragment eines langen Tages. Die anderen: Meeting, Schulung, Adrenalin, der Blumenhändler kurz vor Ladenschluß, der Starkregen, die Kollegin, die mir heute den Nacken massiert hat. „Du hast da was“, sagt sie. „Ja, ich hab Streß“, antworte ich.
Aber meine Nieren und meine Blase und meine Leber und mein Geist funktionieren. Alles andere sind Luxusprobleme.

soziale Verantwortung

Kurz vor Weihnachten klingelte es an meiner Tür. Es war Gisela, die Nachbarin von gegenüber, und sie war in Tränen aufgelöst. Ali hätte ein Bad genommen, erzählt sie, und jetzt kriegt sie ihn nicht mehr aus der Badewanne raus.

Natürlich ist das lustig. In einer Studie – Sie haben es vielleicht in der Zeitung gelesen – wurde kürzlich herausgefunden, daß Kinder Clowns nicht lustig finden. Clowns sind traurig, Clowns sind tragisch.

Ali Meghar ist: alt, verbraucht, Diabetiker, geschieden, arm, Gastarbeiter, bierbäuchig, Alkoholiker. Er ist auch: freundlich, warmherzig, freigiebig, musikalisch. Er ist in Algerien geboren. Sein Vater hat sich jahrelang bemüht, Alis Geburtsurkunde von der von Franzosen verwalteten Behörde zu bekommen. Als ihm das endlich gelang, war Ali schon zwölf und damit zu alt für die Schule. Nur in die Koranschule hatte er gehen können, erzählt er mir. In Deutschland hat er Schuhe in der Fabrik gemacht.

Ali trinkt ganz gerne… obwohl, wer weiß schon, ob er gerne trinkt. Wahrscheinlich eher nicht, denn er trinkt unauffällig: Bier und dazu, oft versteckt, aus einer dieser kleinen flachmannähnlichen Flaschen Korn. Am Anfang fand ich es nett, Kontakt mit meinen Nachbarn zu haben. Dann kam Ali immer öfter, bald jeden Abend, und ich bin abends oft müde. Ich bin den ganzen Tag unter Menschen und freue mich, abends allein zu sein. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, daß Ali eines Abends angetrunken an meinem Ohr gesaugt hat. Ich glaube, daß er einsam ist, ich verstehe, was Einsamkeit bedeutet, es ist verständlich, daß ein sechzigjähriger Mann seine pralle, junge Nachbarin sinnlich findet. Nur leider ist er nicht der Richtige für mich. ( Er ist übrigens der Richtige für Gisela, das ist nicht zu vergessen.) Ich habe mich also ein wenig zurückgezogen, auch weil es mir wichtig ist, zuhause ungestört zu sein. Manchmal, meist gegen Monatsende, klingelt Gisela und leiht sich zehn Euro.

Kurz vor Weihnachten klingelte sie und wir haben zusammen Herrn Meghar aus der Badewanne gehoben. Er war vorher vier Wochen im Krankenhaus gewesen, weil er seinen Diabetes nicht im Griff hat. Ihm ist es zu mühsam, seinen Blutzucker zu kontrollieren, und dann der Alkohol… Es war nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, daß er deswegen länger im Krankenhaus war. Als er zurückkam, hatte er zwanzig Kilo abgenommen (von 95 auf 75 Kilo). Sein Bauch erschien mir beinahe dicker als vorher, dafür waren seine Arme und Beine ganz dünn.

Heute hat es wieder an meiner Tür geklingelt. Herr Meghar mit einem Teller Essen ( mit Essen kriegt man mich ja, und Herr Meghar kocht gut: arabisch und ein bisschen scharf.). Ich nehme also den Teller entgegen und frage, wie es so geht, und Herr Meghar sagt: Gisela ist im Krankenhaus. Als ich ihn frage, wie lange schon, dauert die Antwort lange, und daran merke ich, daß es ihm schlecht geht: nicht primär seelisch, sondern geistig und körperlich. (Vor drei Tagen, sagt er). Gisela hatte Blut im Urin: Nierenprobleme.

Es ist jetzt 21:47. Vor eineinhalb Stunden hat Ali geklingelt. Ich bin durch verschiedenen Phasen der Sorgenentwicklung gegangen. Ich mache mir Sorgen, daß Ali nicht allein leben kann, daß er ohne Gisela nicht zurechtkommt. Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob das der Fall ist. Er wirkte auf mich nicht gut, nicht gesund, kann aber immerhin kochen und hat mir erzählt, daß er jeden Tag Gisela im Krankenhaus besucht. Ich könnte natürlich einfach rübergehen, statt diesen Text zu tippen, und ihn fragen: wie siehts aus? Wie geht es Ihnen? Kann ich etwas für Sie tun? Aber es gibt da das oben hoffentlich deutlich gemachte Problem der Abgrenzung.
Im Moment habe ich folgenden Plan:

1) morgen früh vor der Arbeit klingeln, Teller zurückgeben (super Vorwand!). Fragen, wie es geht. (Braucht er Geld?). Fragen, in welchem Krankenhaus Gisela liegt. Gegebenenfalls Situation neu einschätzen.

2) Gisela im Krankenhaus anrufen oder besuchen. Von ihr nochmal abchecken, wie es läuft, ob z.B. jemand gelegentlich nach Ali sieht. Sie fragen, ob ich etwas tun kann.

3) Wenn ich dann immer noch Anlaß zur Sorge habe, eine Beratungsstelle anrufen und professionellen Rat einholen.

Andere Ideen? Wenn Sie Ratschläge in den Kommentaren geben wollen: gerne. Versuchen wir doch mal, von der Weisheit der vielen zu profitieren.

(Ältere Einträge zu Herrn Meghar: eins, zwei, drei.)

abgehakt

Seit ich ungefähr fünfzehn bin – also schon mein halbes Leben lang – wundere ich mich immer wieder über die Wellen an zu erledigenden Aufgaben, die über einen hereinbrechen.
Ich habe wirklich den Eindruck, es handelt sich um Wellen. Manchmal kommen sie langsam, manchmal schnell, heben einem auf ihrem Gipfel leicht an, dann sinkt man wieder ins Wellental. Man muß sich konzentrieren, im Rhythmus bleiben, dann kann man gerade so mitschwimmen. Ganz schnell kann die Situation umschlagen: ein paar Tage gefaulenzt, zusätzlich mag sich die Frequenz der Wellen erhöhen, und schon brechen sie einem über dem Kopf zusammen und drücken einen unter Wasser. Man versteht kaum, was passiert, sie scheinen aus allen Richtungen zu kommen, man kennt den Rhythmus nicht mehr und ringt atemlos nach Luft.
Seit ich ungefähr fünfzehn bin, gibt es keine Tage mehr, an denen es nichts zu erledigen gäbe. Dennoch bleibt die Illusion verankert, man könne irgendwann den ganzen Berg abgearbeitet haben, Inbox auf null, alles Geschirr gespült, alle Besorgungen erledigt. Dabei ist selbst der Urlaub keine Zeit der Tatenlosigkeit, sondern nur eine Pause von den alltäglichen To-Do-Listen, oft genug gefüllt mit Urlaubs-To-Do’s.
Die meisten Aktionen und Projekte scheinen neue Aktionen nach sich zu ziehen und unsere Umwelt stellt immer, immer Ansprüche an uns. Von der Nobelpreisträgerin Christiane N**lein-Vo**** wird erzählt, sie hätte sich von dem für einen ihrer beiden Nachnamen verantwortlichen Gatten getrennt, weil sie nach einem anstrengendem Tag in der Forschung nicht mehr abends nach Hause kommen wollte und da ist dann noch jemand, der etwas von einem will. Sie hat jetzt Katzen.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn ich nie mehr auf Emails oder Anrufe von Freunden antworten würde. Nach einiger Zeit würde sich sicherlich die Anzahl an noch zu beantwortenden Emails und Anrufen gegen Null bewegen.
Dann fällt mir wieder ein, daß meine Freunde nicht einfach Posten auf To-Do-Listen sind. Und die Dinge auf den To-Do-Listen macht man nicht nur, um sie abzuhaken, sondern weil sie kleine Schritte auf dem Weg zu Zielen sind, die man sich gesteckt hat. Man kann ja nicht den ganzen Tag die Rauhfasertapete anstarren.

Aber eine Geschirrspülmaschine, das wär‘ schon was.

Titel sind so letztjährig.

2007, die alte Sumpfkuh. Habe Jahresrückblick getippt und dann gedacht, ach egal. Übrig blieb dieser Absatz:

Die schönste Musik des Jahren kam von José Gonzales, den ich auch live erleben durfte. Zu den bewegensten Weblogs zählen Ker0zene, Sakana und Dieseldunst. 2007 ist meine Tante gestorben, und die Gesprächsfetzen vermisse ich auch. Der schönste und gleichzeitig traurigste Tag in 2007 war dieser hier.
Gebloggt habe ich eher wenig, dafür gabs eine Handvoll längere, vom schwarzen Humor rußverschlierte Einträge. Witzig.

Aktuell siehts hier so aus: die Weihnachtsdepression ging an mir vorbei, dafür hats mich jetzt erwischt. Ich bin eine kleine Fliege, die kräftig mit den Beinen strampelt, aber im Fliegenfänger festgeklebt ist. Man kommt nicht voran. Willkommen, 2008.

(ohne Titel)

Nachdem ich mich gestern beim Universum über den Mangel an erotischen Träumen im Hause Fragmente beschwert habe, wurde mir folgender Traum geschickt:

The Cure haben ihre Fans eingeladen, vorab das Veranstaltungsgelände des Promokonzertes für ihr neues Album zu besuchen. Ich wandere an der Bühne vorbei durch verschiedene Räume, alles ist in jenes blaue und violette Licht getaucht, daß The Cure auch in der Realität bei ihren Bühnenshows benutzen. Schließlich gelange ich backstage. Ich dürfte eigentlich nicht hier sein, mich hat aber auch niemand aufgehalten.
Und wie ich da so stehe, läuft Robert Smith an mir vorbei. Ich bin aufgeregt, fasse mir aber ein Herz und spreche ihn an. Nach ein bisschen small talk fragt er, wie mir der Veranstaltungsort, das neue Album und das Konzept gefallen würde. Er selbst findet es super, so gut wie Sex, sagt er.

Und ich sage: no, not like Sex. It’s like falling in love…