11/30 – Cleveland, Ohio

Mehr Zeit würde meinen Texten guttun. Ich hatte mir vorgestellt, mich einmal die Woche nach der Arbeit in ein Café zu setzen oder eine Bibliothek. Ich liebe Bibliotheken, die Stille, die Atmosphäre, das Licht. Ich arbeite gut in Lesesälen oder in kleinen, versteckten Nischen am Ende der Bücherregale und fühle mich dort immer jung, wie im Studium, konzentriert und voller Energie.

Frankfurt verfügt nicht nur über diverse Fach- und Universitätsbibliotheken, sondern auch über die Deutsche Nationalbibliothek, zumindest eine davon, die andere ist in Leipzig. Der Lesesaal in Frankfurt ist sogar bis 22 Uhr geöffnet! Ich habe dort im Mai digital ein Konto eröffnet, alle Pläne, dort hinzugehen, sind aber bislang versandet. Hatte ich keine Zeit oder wollte ich sie mir nicht nehmen? Beides – die Zeit war bis Juli eng und knapp, und ich war nicht bereit, etwas anderes dafür aufzugeben. Dabei ist ja genau das der Clou, der Schlüssel für mehr Lebensqualität: Zeitinseln schaffen, die den Strom des Alltäglichen unterbrechen, in denen Schönes passiert, wir andere Rollen ausprobieren können, Resonanz mit der Welt möglich wird. An dritte Orte gehen. Schwimmen, Kunst, Karaoke, Konzerte, Freunde treffen, über Bücher sprechen, spazieren gehen, in einer Bibliothek sitzen und etwas schreiben. Machen Sie doch mal einen vhs-Kurs, geben Sie Verantwortung ab meinte meine wir-nennen-es-Coaching-nicht-Therapie-Frau. Frau Novemberregen hat mir neulich die wunderschöne Schale gezeigt, die sie getöpfert hat.

Außerhalb des Alltags fällt es mir leichter, die Zeit für Bibliotheken zu finden. Vor ein paar Jahren hatte ich einen schönen Nachmittag in der Haus-Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin. Wenn meine Fotos besser sortiert wären, wüsste ich auch, wann das war und könnte ein Foto posten. Im März war ich in der Cleveland Public Library in Ohio, und habe dort auch geschrieben, ein paar Fragmente nur. Ein schöner Ort, sehr groß und dennoch leer, wie vieles in den USA. Absolut begeistert war ich von der Vancouver Public Library mitten im Herzen der Stadt. Hier war es voll, die Bibliothek scheint vor allem Begegnungsort und Anlaufstelle bei Fragen aller Art zu sein. Es gibt jede Menge Kurse und eine wunderschöne Dachterrasse.

Ich sollte wirklich die Deutsche Nationalbibliothek besuchen.

(Cleveland Public Library)

10/30 – seidene Fäden

(Fragmente.me war gestern down, ich habe die veraltete PHP-Version im Verdacht. Ich habe daher bei Novemberregen gastgebloggt und diesen Beitrag rückdatiert.)

Ich habe wahrscheinlich mehr als fünf Lieblingsbücher, aber das sind die fünf – je nach Publikum auch nur drei – die mir immer sofort einfallen, wenn ich gefragt werde:

  1. Brideshead Revisited – Evelyn Waugh: wegen der vielen unterschiedlichen Arten von Liebe, die beschrieben werden, und die ich immer wieder neu entdecke, je älter ich werde.
  2. Never let me go – Kazuo Ishiguo: hat zu Recht einen Nobelpreis für Literatur bekommen. Das Allerschwerste wird federleicht erzählt. Es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt keine Rettung, auch durch die Liebe nicht.
  3. The Bone Clocks – David Mitchell: wegen Holly. Und weil das Buch an unerwarteten Stellen sehr witzig ist.
  4. Alchemised/Manacled – Senlinyu. Dieselbe Geschichte, unterschiedlich erzählt. Eine unausweichliche, griechische Tragödie. Alle, die nur das beste wollen, sich dafür selbst opfern, erreichen damit am Ende nur das schrecklichste. Und dann ist die Geschichte nicht zuende. My Roman Empire.
  5. Bloody, slutty and pathetic – whatmurdah. Völlig verrückt, und doch in sich so stimmig. Kaum zu beschreiben.

Jedenfalls: the Bone Clocks besteht aus sechs (kurzen) Teilen, die teilweise ganz unterschiedliche Geschichten erzählen, und in allen kommt Holly vor, mal als Hauptfigur, mal nur ganz am Rande. Der erste Teil spielt 1984, da ist sie gerade fünfzehn und läuft von zuhause weg, wenngleich nur für ein oder zwei Tage, immer am Fluß Thames entlang, es ist sehr heiß. Dann folgen Episoden aus den Jahren 1991, 2004, 2015, 2025 und schließlich 2043. Die Welt ist da schon am Ende, die Ressourcen aufgebraucht, die Klimakatastrophe voll da, und das Internet ist kein Netz mehr, sondern nur noch ein Thread, über den es Holly gelegentlich gelingt, ganz kurz ihren Bruder zu erreichen.

Ihre Tochter ist bei einem Flugzeugabsturz umgekommen, damals, als alle Flugzeuge auf einmal aufhörten zu fliegen. Und von ihrer tausendfach fotografierten und gefilmten Kindheit und Jugend ist Holly nur ein einziges, schlecht ausgedrucktes Bild geblieben. Denn alles war in der Cloud, und die Cloud gibt es nicht mehr.

Es klingt so melodramatisch. Aber es ist ja auch ein Buch. In meinem Leben gibt es ein paar Fotoalben, von meiner Mutter angelegt, unten im Keller. Ein paar Schuhkartons mit Fotoabzügen, 1995 – 2005, vielleicht auch 2010, in einer Truhe in meinem Arbeitszimmer. Eine große Lücke, in der ich schon digital fotografiert habe, vielleicht auf Ordern auf meinem PC, oder auf Speicherkarten, oder auf einem iPhone 5. Und seit 2017, sicher auf jeden Fall seit 2019 in der Cloud: 20.000 Fotos, auch ein paar Videos, alle unsortiert.

Ich sollte nicht bis zur Rente warten, mich darum zu kümmern. Oder bis zum Ende der Welt, je nach dem, was zuerst eintritt.

9/30 – Jupiter

Ich war glücklich heute. Morgen vielleicht wieder?

Das Glück fühlt sich federleicht an, und macht mich stillvergnügt. Komm, wir erledigen heute ALLES!, sagt es zu mir, und ich wasche die Wäsche, hänge sie im Sonnenschein auf, mache eine Einkaufsliste, bringe den Biomüll runter, entsorge Altpapier und den gelben Sack, und gebe der Geschirrspülmaschine eine Grundreinigung, bringe das Altgals weg und schon ist die Wäsche trocken. Im Einkaufszentrum fließe ich geschmeidig and den urlaubsmüden Eltern mit ihren Kindern vorbei, alle können es kaum erwarten, dass die Schule endlich wieder anfängt. In der langen Schlange am Pfandautomaten bleibe ich gelassen und laufe dem Pärchen hinterher, das den Pfandbon hat stecken lassen (been there, done that). An der Kasse ein junger Mann, er hat auf seinem gesamten linken Arm ein Weltraummotiv tätowiert. „Schönes Tattoo!“, sage ich, und er sagt: „die Erde habe ich hier, und auf dem Rücken: Jupiter!“

Und dazwischen: wir. Unterwegs auf einem Planeten, der sich um die Sonne dreht. Ich habe daran gar nichts zu bemängeln, nur, dass mir die Tage, so wie heute, viel zu kurz sind.

8/30 – in Bernstein

Ich interessiere mich grundsätzlich für die Welt, wie sie funktioniert und was sie zusammenhält, und wie wir Menschen wurden, was wir sind. Dinosaurier interessieren mich nicht so, Ammoniten dagegen sehr. Vor hundert Millionen Jahren war hier ein Meer.

Menschen sind in Europa erst seit kurzem zu Gast, etwa 40.000 Jahre. Wir wissen wenig über sie, auch deshalb, weil viele Materialien, zum Beispiel aus Pflanzenfasern, die Jahrtausende nicht überstanden haben. Wir haben auch erkannt, dass vieles, was wir zu glauben wussten, in Wirklichkeit nur eine Projektion unserer eigenen Kultur ist: dass Männer immer Jäger sind und Frauen stets Sammlerinnen, dass eine Person, die mit einem Schwert oder einer Axt bestattet wurde, nur ein Mann gewesen sein kann, oder: dass in diesen Gesellschaften nur das Überleben und Weitergeben der eigenen Gene wichtig war.

Wir wissen wenig über diese Menschen, aber die Spuren, die sie hinterlassen haben, beeindrucken mich sehr: ihre Umrisse von Händen an den Wänden von Felshöhlen, daneben filigrane Zeichnungen von Auerochsen und Mammuts. In Fels geritzte Füße, und daneben die eines Kindes. Die astronomische Genauigkeit von Stonehenge und Newgrange. Flöten, aus Knochen gearbeitet. Winzige Muscheln, durchbohrt und auf eine Kette aufgezogen, als Grabbeigabe eines Säuglings. Verheilte Wunden als Zeichen dafür, dass eine verletzte Person gesundgepflegt wurde. Tierfiguren aus Bernstein, die zehntausend Jahre später immer noch leuchten, und von jemand in einem Museum angeschaut wird, die sich denkt, dass die Menschen damals schon geliebt haben und getrauert, Dinge nur zum Spaß gemacht haben und verstehen wollten, mit ihren sehr begrenzten Mitteln, wie die Welt funktioniert und was sie zusammenhält.

Vielleicht sehe ich nur mich selbst. Wir wissen es nicht.

7/30 – Teelichter

Das letzte Mal war ich in den Nullerjahren in Halle, also vor mehr als zwanzig Jahren. In Erinnerung geblieben ist mir vor allem, dass mitten durch Halle eine Autobahn führte, in Armeslänge von zerfallenen Häusern, bröckelnden Fassaden, gesprungenen Fensterscheiben. Unser Ziel war ein Jugendclub im Keller eines Plattenbau-Hochhauses, wo eine Cure-Party stattfand. Als ich die Treppe ins Dunkle hinunterkam, stand dort ein gerahmtes Bild von Robert Smith, umringt von zahllosen Teelichtern. „Alles nur ironisch“, meinte der Gastgeber, aber ich war lange genug katholisch, um zu verstehen.

Ich hörte dann auf, zu Fan-Treffen zu gehen. Ich hatte gehofft – und das ist mit Anfang zwanzig ein legitimer Wunsch – über The Cure meinen Tribe zu finden, my people. Aber so einfach war es leider nicht.

Heute habe ich mir die Himmelsscheibe von Nebra angeschaut, sehr beeindruckend. So gut wie alles in der Innenstadt scheint saniert zu sein, viele Gebäude sind sehr liebevoll restauriert. Am Samstagabend vibriert die Stadt, sie wirkt jung und lebendig und ein bisschen wie Leipzig, bevor Leipzig hip wurde.

Junge Menschen gehen heute Abend durch diese Stadt, und suchen ihren Tribe. Ich wünsche ihnen viel Glück dabei, ganz ohne Ironie.