6/30 – who will produce the media?

Heute noch ein bisschen eingeklemmt gewesen zwischen Dinge erledigen wollen und einer leicht verbissenen „aber ich habe Urlaub!“-Haltung.

Am Nachmittag dann aber mit sehr großer Freude aus den Empfehlungen der letzten beiden Monate die Fanfics zusammengestellt, die ich lesen möchte. 22 Stück sind das, zwischen Kurzgeschichte und 400.000 Worten ist alles dabei. Ich kann es kaum erwarten.

Die Dreharbeiten (genauer: Table Reads) für Heated Rivalry Season 2 haben in Toronto begonnen.

Martha Wells hat eine sehr gute Buchreihe über den Murderbot geschrieben (All Systems Red, auch als Serie verfilmt). Ein Killerroboter knackt seine Programmierung, nutzt seine neu gewonnene Freiheit aber vor allem, um eine Seifenoper („Sanctuary Moon“) in seinem Helm zu streamen, während alle denken, dass er ausgeschaltet ist. Gelegentlich kontempliert er, die Menschheit auszulöschen, diese stinkenden, unhygienische, laute, unangenehme, unvernünftige und zerstörerische Bagage. Aber, wenn es keine Menschheit mehr gäbe – who will produce the media?

Abends meiner Mutter in ihrem Garten geholfen, eine der schönen Momente, die ich mal sehr vermissen werde.

Eine Handvoll Tomaten gegessen von meinem eigenen Balkon, winzigklein wie Perlen und zuckersüß. Mich an meinen Wunsch nach Tomaten züchten erinnert und gedacht, dass es eigentlich darum geht, Wege zu finden, meine Wünsche in mein jetziges Leben zu integrieren und nicht nach hinten zu schieben in eine unbekannte Zukunft. Paradise now. Es wäre vielleicht mehr möglich, als ich annehme.

5/30 – Referrer

Anstrengend war das heute. Von den 8 Items auf meiner nicht-beruflichen To-do-Liste habe ich nur zweieinhalb abgearbeitet: das Auto von der Werkstatt abgeholt, das Mobilfunkthema weiter vorangetragen und das Hotel für morgen storniert. Ich wollte mit meiner Mutter drei Tage wegfahren, wir haben das jetzt aber in gemeinsamen Einvernehmen auf zwei Tage gekürzt.

Wirres hat in seinem Blog über mein Blog geschrieben, wie in den Frühzeiten des Internets. Wir hatten ja damals nichts, kein Twitter etc, und haben dann in den Kommentarspalten und über die Referrer miteinander kommuniziertund es „die Blogosphäre“ genannt. Als ich Teenager war, gab es gar kein Internet und auch keine Mobiltelefone, also kein SMS. Da habe ich manchmal Botschaften für meine Schulfreunde mit Kreide auf den Gehweg geschrieben: „die fünfte Stunde ist ausgefallen, sitze im Cafè Huber!“.

Bloggen verändert das Denken, meint Wirres. Ich weiß nicht, ob ich soweit gehen würde. Es verändert auf jeden Fall den Blickwinkel: anstatt jemand zu sein, dem die Dinge widerfahren, werden wir zu einem Autor, einer Autorin, die die Dinge erzählt, und das Erzählen gibt uns Macht über die Dinge. Kreativ sein fühlt sich außerdem oft sehr lebendig an. Ich schreibe zwar nicht gerne, aber ich mag das Gefühl, etwas geschrieben zu haben.

Zum Thema Urlaub findet Wirres, zuhause sei es doch am schönsten. Es gibt in der Tat nur selten Ferienhäuser, die mir denselben Komfort bieten wie meine Wohnung (mit Ausnahme eines Pools). Mit dem Wegfahren ist es aber wie mit dem Bloggen: es ist der Rollenwechsel, der mir gut tut. Nichts tun, oder doch zumindest nur tun, worauf ich gerade Lust habe, fällt mir daheim nicht so leicht. Denn ich könnte ja jederzeit den Badezimmerschrank durchsortieren oder die Steuererklärung machen oder den Laptop aufklappen und nur ganz kurz diese Email…Vielleicht auch eine Übungsfrage, oder, wie Frau Novemberregen seit kurzen sehr gerne zu mir sagt: „du hast es ja in der Hand!“. Morgen kann ich es auf jeden Fall einmal ausprobieren, denn ich habe frei und bleibe zuhause.

4/30 – durchs Teleskop

Heute mal wieder den großen Fehler gemacht, einerseits ganz viel erledigen zu wollen und mir andererseits einen gemütlichen Tag zu wünschen. Das führt dann zu einem kleinen Kurzschluss in meinem Gehirn. Prokrastination und erhöhte Bildschirmzeit.

Beruflich wollte ich dieses Jahr drei Dinge erreichen: im Aufsichtsrat vortragen, eine Initiative zu einem Fachthema gründen, und einmal durchdenken, wie ich meine Abteilung aufstellen würde, wenn ich gänzlich frei von Zwängen wäre. Die Initiative hatte heute ihr Kick-off Meeting. Und bei allem jammern darüber, dass mich niemand mehr anleitet, mir niemand mehr Themen vorgibt: es ist schon ganz schön cool, die Themen selbst bestimmen zu können. Ich wollte das machen, und ich habs einfach gemacht. Knapp zwanzig Leute waren da heute im Call, einer hatte sich für seinen Vortrag extra ein weißes Hemd angezogen, es kamen gute Fragen und einmal auch eine blöde, die habe ich aber gleich unterbunden. „Deine Einleitung war zu lang“ hat der Kollege zu mir gesagt. Bei mir bleibt aber ein ziemlich beschwingtes Gefühl. Ich glaube, das wird gut.

Wenn die Disziplin ein Tier wäre, was wäre sie dann? Eine Katze, schlafend in der Ecke, weich, aber mit scharfen Krallen, schreckhaft und nie kommt sie, wenn man sie ruft? Oder ist sie wie ein Heizlüfter, der nicht mehr angeht, wenn er sich überhitzt hat? Oder eine dieser handwerklichen Geräte aus Vorkriegszeiten, eine Teigknetmaschine oder ein Weintrauben-Entsafter oder eine Häkelmaschine – absolut brilliant, wenn sie funktioniert, aber es gibt keine Ersatzteile mehr und nur noch zwei Rentner, die sie bedienen können?

Heute ist sie jedenfalls nicht hier.

Morgen trenne ich als allererstes meine Entscheidungsinstanz von der Exekutiven. Ich mache mir selbst einen Stundenplan, und arbeite den dann einfach stumpf runter. Das gefällt der Disziplin, meistens kommt sie dann von selbst, schaut ein bisschen zu und bekommt ein Leckerli.

Zwischen dem zweiten und dem dritten Absatz dieses Textes war ich auf dem Balkon und habe durch mein Teleskop den Vollmond angeschaut. Schön und rund war er, und ich habe die Krater und Mondmeere gesehen. Bin jetzt mit allem wieder milde versöhnt.

3/30 – the end is getting faster

Müde.

In den ersten dreieinhalb Stunden im Büro heute sehr gerockt. Es galt, eine sensitive und risikoreiche Anfrage in einen gut dokumentierten, technisch soliden Prozess zu verwandeln. Ich hatte dazu gestern Abend, als die ersten Mails dazu wirr durcheinanderflogen, längere Zeit mit einem leicht blöden Gesichtsausdruck vor mich hingestarrt, weil ich so hart nachdenken musste. Ich fühle mich da immer an den ehemaligen Europachef von vor zwei Arbeitgeber zuvor erinnert, der ein wunderschönes Eckbüro in einem Büroturm im 38. Stock besass und den ich häufig aus dem Fenster stierend angetroffen habe. Damals kam mir das komisch vor, jetzt kann ich es verstehen.

Ich hab von ihm – und natürlich von SGM – gelernt, dass überstürzter Aktionismus nichts bringt, daher beschlossen, eine Nacht drüber zu schlafen, let’s discuss in a quick call tomorrow morning geschrieben, die Antwort des CEOs morgens kurz vor neun an der roten Ampel stehend wegignoriert und zu dem Call nur die drei Leute eingeladen, die wirklich produktiv mitwirken, und nicht die sechs anderen. Vor dem Call einen Plan entworfen, im Call den Plan besprochen, den Plan mit einigen Fachexperten weiterentwickelt, eine Entscheidung getroffen und jetzt rollt der Zug. Ich find mich gut in solchen Momenten, weil ich weiß, wer was weiß (und wer nicht), weil alle immer gerne mit mir sprechen, weil ich selbst ein grobes Verständnis von fast allem in diesem Unternehmen habe, und weil ich die Dinge einigermaßen auf den Punkt formulieren kann.

Ob es tatsächlich einen Unterschied macht? Wahrscheinlich würden die Dinge ohne mich auch einigermaßen laufen, vielleicht nicht so schnell und nicht so gut, aber man würde es irgendwie hingewurstelt bekommen. Die Welt ist voller Frühstücksdirektoren, es wäre gut, wenn ich es ein bisschen besser annehmen könnte, auch mal einer zu sein.

Ein Interview in der Süddeutschen mit einem Stuttgarter Arbeitsrechtler gelesen, der hauptsächlich Führungskräfte von Porsche, Mercedes, Bosch und Co. in Sachen Abfindung berät. Er hatte bei Mercedes zeitweilig Hausverbot. Ein eher unsympatischer Typ, mit klarem Blick auf das Marionettentheater eines Konzerns. Er erzählt von den aussortierten Top-Managern, die dann zuhause sitzen und „ihren Kindern auf den Geist gehen, weil die plötzlich an ihn reporten sollen.“. Sehr gelacht.

Zum Lunch Novemberregen getroffen, das ist immer schön, und diesmal auch ein bisschen traurig. Mir werden irgendwie die Augen feucht bei Papa N., auch wenn es Zeit war.

Auch ich bin endlich, und finde das eine Zumutung, eine Beleidigung gar. Meine große Sorge ist ja, dass ich, wenn die finale Klappe fällt, noch nicht fertig bin mit dem, was ich mir vorgenommen habe. The world is ending, as it always must, but the end is getting faster.

Ich wollte ursprünglich einen Blogbeitrag über meine To-do-Liste schreiben, lamentierend natürlich, war mir dann aber doch zu peinlich und wäre wahrscheinlich auch zu langweilig. Ich habe außerdem aus Versehen drei größere Items bereits halb gelöst: für das Auto (neue Bremsen), den Mobilfunkvertrag (soll auf meine Mutter übertragen werden), und meinen Weisheiszahn oben (muss wahrscheinlich auch raus) gibt es zeitnah Termine.

Eigentlich ganz schön, vorwiegend lösbare, eher triviale Probleme zu haben. Fast schon paradiesisch.

2/30 – Girlbossed too close to the sun

Irgendwann hatte ich das letzte Mal Sommerferien, sechs Wochen am Stück, und habe es gar nicht so richtig gemerkt, als es vorbei war – also, dass es nicht mehr wiederkommt. Nach der Schule habe ich studiert und hatte Semesterferien, 3 Monate sogar, aber da war dann immer irgendwas: Nachprüfung oder Blockpraktikum oder Geld verdienen bei Schlecker an der Kasse oder kein Geld haben und nichts unternehmen können. Dann kam die Doktorarbeit, auf einmal habe ich sechs Tage die Woche gearbeitet und dann immer und dann hatte ich ein Burnout, einen Doktortitel und war arbeitslos, und die Welt war so klein und eng wie niemals zuvor und niemals danach. Zum Glück.

Vor fünfzehn Jahren habe ich angefangen zu arbeiten, also außerhalb der akademischen Welt, in einem Angestelltenverhältnis, und ich habe seither nicht mehr aufgehört. Erst hatte ich 26, dann 28 und mittlerweile 30 Tagen Jahresurlaub. Aber mehr als drei Wochen am Stück hatte ich nie frei.

Es fehlt mir. Diese langen, staubigen, heißen Tage. Pläne immer nur bis übermorgen. Ein Badeanzug, irgendwas drüber, Sandalen und seit Wochen keine Socken. Schwimmbadpommes und Cornetto-Eis und Gummitiere. Mit dem Fahrrad unterwegs. Grillenzirpen und Rasensprenger.

E war so nie, außer in meiner Erinnerung. Trotzdem.

Und jetzt? Girlbossed too close to the sun. Mehr als drei Wochen am Stück sind nicht drin, dann muss zwingend der Rechner hochgefahren werden. Aufs Handy kann ich immerhin ein paar Tage nicht schauen. Wahrscheinlich ist es auch eine Willensfrage: loslassen wollen und können. In meinen Träumen werde ich am 31. März betriebsbedingt mit dicker Abfindung gekündigt, drei Monate freigestellt bis zum 30. Juni, finde im April einen neuen Job zum 1. Oktober und bin von Mai bis September auf Sardinien in einem schönen Ferienhaus mit Pool und Blick aufs Meer. Tomaten züchten, auf den Markt gehen, lesen, schwimmen, spazieren gehen. Dem Rasensprenger zuhören und den Grillen. In die Sterne schauen, Venus, Mond und Milchstraße.

Es wird nicht passieren, aus guten und aus weniger guten Gründen. Ich bleibe eingeschnürt. An Tagen wie heute, wo mir vieles Freude gemacht hat und ich zumindest einiges auch bewegen konnte, ist das auch sehr okay so. Aber irgendwie schon absurd, dass wir es kollektiv so hinnehmen. Dass dies unser Leben ist. Dass es so weitergeht, bis ich in Rente gehe, in zwanzig oder vielleicht auch nur fünfzehn oder bestenfalls zehn Jahren. In der Hoffnung, dass sie bis dahin nicht abgebrannt ist, diese Welt.

1/30: things could be a lot better!

Beschlossen, ab heute jeden Tag zu bloggen, 30 Tage lang. Liest zwar keine(r), aber darum geht es ja nicht. Dance like nobody is watching, blog like nobody is reading.

„Warum machen Sie das eigentlich?“

Ich weiß, was ich mir von diesem Experiment erhoffe, aber ich kann es nicht genau in Worte fassen. Ich hoffe, dass ich es nach den 30 Tagen präziser benennen kann. Schreiben ist ja auch immer Übungssache.

Heute kann ich dazu folgendes aufschreiben: manches in meinem Leben ist mir gerade zu flüchtig. Ich bin immer irgendwie unterwegs, packe Koffer ein und aus, checke in Hotels ein und eile gleich darauf wieder zum Boarding. Wasche Wäsche und beackre die To-do-Liste und bin im Meeting und bin in auf der Autobahn und wenn ich dann Zeit habe, dann habe ich die Löffel nicht mehr und scrolle viel zu lang durch TikTok. Ich lese zu wenig.

Das ist eine subjektive Klage, es ist ja auch ein subjektives Weblog. Und ja, ich weiß, dass man im Leben nie fertig wird, und dass das auch gut ist, und dass die schönen Sachen passieren, während man gerade Wäsche aufhängt oder auf der Autobahn ist.

„Things could be a lot worse!“, sagt Calvins Mutter, und Calvin sagt: „things could also be a lot better!“.

Für eine Frau, die so viele Möglichkeiten hat, bleibe ich hinter ihnen zurück.

Deshalb also 30 Tage bloggen. Das Unbehagen benennen, die Ideen sammeln, aufschreiben, was schön war und was nicht. Die Dinge festhalten Vielleicht bin ich danach schlauer, dümmer wahrscheinlich nicht.