Abschied

Manchmal träume ich von meinem Hund. Es ist immer ein freudiges Wiedersehen nach einer langen Trennung. Es kommt vor, daß sie mich fragt, warum ich mich so lange nicht um sie gekümmert habe, warum ich sie nicht besucht habe. Ich bin selbst verwundert darüber, es ist doch so schön, Zeit mit ihr zu verbringen. Erst lange nach dem Aufwachen erinnere ich mich, daß ich mich nicht mehr um sie kümmern kann, daß es mir nicht frei steht, sie zu besuchen, wann immer ich will. Ich erinnere mich an den Tag, als ich beschließen mußte, daß man ihr die Spritze gibt, und ich nach zehn Jahren Abschied nehmen mußte.
Letzte Nacht träumte ich wieder von ihr. Mein träumendes Selbst wußte von ihrem Tod und freute sich umso mehr, sie zu sehen: wie sie mit hoch erhobenem Kopf einen Stock apportiert. Wie sie mit gewohnten Bewegungen vorne weg trabt. Wie sie den Kopf dreht. Wie sie pustet. Wie sie guckt. Ihre Zunge, ihre Zähne, ihre großen Ohren.
Wir gingen gemeinsam durch die Gänge der Universität, an der ich recht erfolglos studiert hatte, bevor ich nach Berlin gegangen bin. Ich war nur auf der Durchreise, die Berliner Zeit abgeschlossen, eine neue Stelle an einem fernen Ort schon sicher. Nun war ich hier, um drei meiner ehemaligen Professoren zu besuchen und ihnen zu sagen: „seht ihr, ich habe es doch geschafft. Es ist doch noch etwas aus mir geworden.“

Ein Traum voller Abschiede. Freudig und gleichzeitig wehmütig der Abschied von meinem Hund, triumphierend und nicht gerade von Größe zeugend der Abschied von Wegbegleitern des vermeintlichen Scheiterns.
Auch im Leben immer wieder Abschied. Von Orten, von Sehnsüchten, von Lebensabschnitten. Im Wachen fällt es mir schwer, ich hasse Veränderungen. Ich wünschte, es gäbe eine Gebrauchsanweisung. So oder so: ich muß lernen, Abschied zu nehmen, denn man kann nichts festhalten. Im Leben genauso wenig wie im Traum.

so I’ll see your face in dreams
where nothing’s what it seems
you still appear some kind of friend

Dr. Zorn

Ich bin dann doch zu Dr. Zorn gegangen. Erstens habe ich selbst genügend Zorn, um jedem Doktor entgegentreten zu können, und zweitens machte mein Bein mit heftigen Schmerzen darauf aufmerksam, daß es gerne in ärztliche Behandlung möchte. In der Nacht von Samstag auf Sonntag schwoll es auf bislang nicht gekannte Größe an, wurde rot und pochte. Schlaf war nur in zwei-Stunden-Häppchen möglich. Okay, dachte ich, dann kriegt mein Bein eben seinen Willen. Ich laß‘ mir doch nicht die Nachtruhe versauen.
Nach zweieinhalb Stunden Warten (empfehlenswert: Nicolas Bouvier, „japanische Chronik“) nahm sich Dr. Zorn vier Minuten Zeit für mich. In den ersten zehn Sekunden und beim ersten Blick aufs Bein diagnostizierte er eine Infektion des angeschwollenen Gewebes durch die offene Wunde. Dennoch hielt er es ungeachtet meiner Schmerzenslaute für nötig, am Bein rumzudrücken, wo die Frauen sanft gestreichelt haben. So ist das eben mit den Männern. Schmerz kann aber auch etwas katharsisches haben.
Als ich nach Hause ging, war mir etwas zum Heulen zumute. Eine Woche krankgeschrieben, das kann ich mir eigentlich gar nicht erlauben. In vielerlei Hinsicht.
Ist kein gutes Jahr bis jetzt.

zorn

Dr. Zorn

Ich bin dann doch zu Dr. Zorn gegangen. Erstens habe ich selbst genügend Zorn, um jedem Doktor entgegentreten zu können, und zweitens machte mein Bein mit heftigen Schmerzen darauf aufmerksam, daß es gerne in ärztliche Behandlung möchte. In der Nacht von Samstag auf Sonntag schwoll es auf bislang nicht gekannte Größe an, wurde rot und pochte. Schlaf war nur in zwei-Stunden-Häppchen möglich. Okay, dachte ich, dann kriegt mein Bein eben seinen Willen. Ich laß‘ mir doch nicht die Nachtruhe versauen.
Nach zweieinhalb Stunden Warten (empfehlenswert: Nicolas Bouvier, „japanische Chronik“) nahm sich Dr. Zorn vier Minuten Zeit für mich. In den ersten zehn Sekunden und beim ersten Blick aufs Bein diagnostizierte er eine Infektion des angeschwollenen Gewebes durch die offene Wunde. Dennoch hielt er es ungeachtet meiner Schmerzenslaute für nötig, am Bein rumzudrücken, wo die Frauen sanft gestreichelt haben. So ist das eben mit den Männern. Schmerz kann aber auch etwas katharsisches haben.
Als ich nach Hause ging, war mir etwas zum Heulen zumute. Eine Woche krankgeschrieben, das kann ich mir eigentlich gar nicht erlauben. In vielerlei Hinsicht.
Ist kein gutes Jahr bis jetzt.

zorn

Verletzungen

„Sei nicht traurig“, sagt Frau Modeste, „sei nicht traurig.“
Es sind immer die gleichen Geschichten, die mir passieren. Kleine Anekdoten von Verrat, die man mit siebzig beim Kaffeekränzchen erzählen kann. Games people play, scripts people live. Der Vorteil ist, daß man schon weiß, wie die Geschichte ausgeht. Man weiß, daß die, die einen so unbedingt verletzten wollen, Kleingeister sind, emotionale Krüppel, und daß es nur Verlierer gibt, keine Gewinner. Es trifft einen dennoch unvorbereitet, wie einen Autounfall, ein Schockmoment. Aber man kennt die Geschichte, man erholt sich schneller.
Was bleibt einem auch übrig. Was soll man tun. Wie soll man leben. Müde fragt man sich, weshalb alles Gute immer kaputt gemacht wird. Wieso alles Gute immer geborgt ist auf Zeit. Und eines Tages stehen die Kredithaie vor der Tür und schlagen einem ein paar Zähne aus, und man versetzt die Stereoanlage und das Heiligenbild und kommt gerade noch einmal davon. Und fängt wieder von vorne an. Besinnt sich auf den Reichtum im Inneren, streichelt allen Makeln, die man mit Namen kennt, über den Kopf. In der Summe bin ich ganz okay.

Verletzungsphoto (und ich geh‘ nicht zum Arzt)

beinoffen

Kürzlich ging der Schorf ab. Es hat ein wenig gejuckt, ich habe sanft rumgepopelt und zack, ab wars. Drunter – Eiter. Nachdem ich meine Krankheitssituation und die Tatsache, daß das Bein unverändert angeschwollen ist, drei Tage lang mit meinen mütterlichen Kolleginnen besprochen habe, gab es keine Ausrede mehr: ich mußte zum Arzt gehen.
Meine Hausärztin, eine nette ältere Dame ausm Osten, begutachtete ausführlich das Bein und erzählte mir 20 Minuten lang, wie schlimm und ungewöhnlich das ist und daß man da wohl nichts machen kann. Dann rief sie „Schwester Claudia“, die mir eine kühlende Creme auf die Schwellung, eine desinfizierende Creme auf die Wunde und einen dicken Verband um die Gesamtsituation gemacht hat. Zum Abschluß gab es eine Überweisung an einen Unfallchirurgen namens Dr. Zorn. Auf meine kecke Nachfrage, ob der denn auch nett sei, konnte ich keine eindeutige Antwort erlangen.
Bislang hat die Ärztin mich jedes Mal, wenn ich bei ihr war (Halsentzündung u.ä.) zum Spezialisten überwiesen. Damit bin ich nicht so ganz glücklich, weil mich das viel Zeit und Geduld kostet und die Spezialisten am Ende auch nichts machen, das nicht auch die Hausärztin hätte tun können (ein Antibiotikum verschreiben; mir die Auskunft geben, daß man da nix machen kann etc.). Dementsprechend verweigere ich mich momentan einem Besuch bei Dr. Zorn und wäge noch ab, ob ich mich mit Salben selbstmedikamentiere oder einfach gar nix mache.
Positiv ist jedoch, daß sowohl die Ärztin als auch „Schwester Claudia“ mich so richtig bemitleidet haben, das tut ja auch mal gut. Auch hier viel mir auf, daß mein Bein auf eine Weise berührt wurde, die man schon beinahe zärtlich nennen kann und für die keine medizinische Notwendigkeit bestand. Meine Freundinnen umarmen mich zwar jedes Mal zur Begrüßung, aber aufgrund meiner langen Partnerlosigkeit ist es doch selten, daß mir jemand übers Bein streicht, oder über den Kopf. Ich weiß erst, wenn es in solchen außergewöhnlichen Situationen passiert, daß es mir fehlt.

(In meiner Jugend hörte ich manchmal „Fettes Brot“. Ich meine mich an einen Song namens „Und ich geh‘ nicht zum Arzt“ zu erinnern. Spukt mir im Kopf herum, zur Zeit.)

Hoffnung

„Ich habe erleben müssen, wie zerstörerisch Hoffnung sein kann.“ , sagt Jan Phillip Reemtsma. Auf den ersten Blick wirkt diese Aussage widersprüchlich; im allgemeinen Verständnis gilt die Hoffnung als positive, gar lebenswichtige Kraft, die den Menschen nützt, nicht schadet. Was Reemtsma erlebt hat, ist extrem, dennoch scheint in seinem Verständnis von Hoffnung eine Wahrheit zu stecken, die auch Durchschnittsmenschen betrifft. Mich jedenfalls. Ich verspüre wieder Hoffnung dieser Tage; sie pusht mich ganz nach oben, es geht mir glänzend, und dann habe ich wieder Zweifel – oder ist es ein Flash von Realismus? Ausgeleiert wie ein Gummiband, das ständige hin und her.

Mittwoch

Zur Zeit Frust mit meiner Arbeit, weniger aufgrund äußerer Einwirkungen als vielmehr, weil ich mit meiner Leistung selbst unzufrieden bin. Diese Unzufriedenheit, das Ausbleiben von Ergebnissen und eine bisher so nicht gekannte Unsicherheit beim Experimentieren rauben mir die Freude und den Elan. Manchmal sehe ich mich aus der Vogelperspektive, wie ich abends viel zu lange aufbleibe, um den Morgen aufzuschieben, und am nächsten Tag viel zu müde bin. Wie ich mit fadenscheinigen Ausreden Experimente auf den nächsten Tag verschiebe, viel zu früh nach Hause gehe und dann nicht viel mit mir anzufangen weiß, weil die erschwindelte Freizeit einen seltsamen Beigeschmack hat. Dabei würde sich meine Situation am schnellsten verbessern, wenn ich mehr und besser arbeiten würde. Dann könnte ich auch wieder zufriedener mit mir sein.

(ohne Titel)

Das schöne am Essen ist, daß sich Sehnsüchte nach bestimmten Speisen relativ einfach befriedigen lassen.

Manchmal verzweifele ich an der Ungenauigkeit von Sprache: ich würde ein besseres Wort für Sehnsucht brauchen. Oder es immer in einen Kontext einbauen müssen, so wie oben, mit dem Finger drauf deuten und sagen: diese Art von Sehnsucht, ja genau. Oder von yearning sprechen, und von craving .

Heute habe ich einfach nur Hunger, keinen Appetit, nichts, daß nach etwas bestimmtem verlangt. Ihn zu stillen, ist deshalb nicht Lust, kein Vergnügen, sondern nur Pflicht.

hart aufgeschlagen.

bein6

Treppensturz am Ostbahnhof. Die Sanitäter gehen von einem Bruch aus und bringen mich ins Krankenhaus. Übertriebenerweise mit Blaulicht.
Eine sehr kühl wirkende Ärztin mittleren Alters, leicht ausgebrannt, begutachtet mich drei Minuten lang. Sie glaubt, daß ich mir Unterhaut und Gewebe beim Sturz abgeschabt habe, daher die starke Schwellung. Neues Wort gelernt: „Einblutung“.
Röntgen, zur Sicherheit, darauf warte ich mit fünf bis sechs anderen Unglücklichen, alle auf Liegen in einem langen Gang. Decken und Kissen gibt es nicht. Nach einer Stunde des Wartens erlaube ich mir, nachzufragen. Für das gesamte Klinikum gäbe es genau zwei Röntgenassistentinnen, erfahre ich, die gleichzeitig auch für das CT zuständig sind und gerade mobil auf den Stationen gebraucht werden.
Ich verbringe die Zeit, indem ich lese. Carlos Ruiz Zafón bringt mich in das Barcelona der 50er Jahre. Das funktioniert nicht immer, manchmal lese ich eine ganze Seite, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Ich habe Schmerzen und ich habe Angst. Bei einer Unterschenkelfraktur muß operiert werden, wird mir gesagt. Krankenhausaufenthalt, mehrere Wochen Gipsbein. Meine Eltern würden kommen müssen und wahrscheinlich auch kommen wollen. Meine Wohnung sieht schlimm aus, unordentlich, dreckig, Töpfe und Teller mit angetrockneter Tomatensoße; das würden meine Eltern dann zu sehen bekommen. In meinem Socken ist ein Loch.
In einer ruhigen Minute versammeln sich zwei Krankenschwestern und der Zivi um meine Liege, blicken auf mein verbogenes Bein. Eine der Frauen streicht mir sanft, ganz sanft über die verletzte Stelle. In meinem Kopf geht sofort die Analysemaschine los: ein uralter, unbewußter Impuls, denke ich, einen anderen Menschen durch eine Berührung heilen zu wollen. Mein Herz aber wird mir leicht bei dieser Geste, aus der so viel menschliche Wärme, so viel Mitgefühl spricht.
Nach drei Stunden werde ich geröntgt und vor das Zimmer der behandelnden Ärztin geschoben. Die Tür steht offen, sie telefoniert, ich kann ihren Rücken sehen. Ein Gespräch mit ihrem Vater, der anscheinend der Meinung ist, die Kinder der Ärztin hätten sich beim Weihnachtsfest nicht angemessen verhalten. Die Ärztin verteidigt ihre Kinder, will gleichzeitig ihren Vater beschwichtigen; immer wieder fällt er ihr ins Wort.
Sie legt auf und ruft mich ins Zimmer, ich könne laufen. Kein Bruch also. Auf einmal ist die Atmosphäre sehr gelöst, nicht nur, weil ich enorm erleichtert bin, sondern auch, weil ich viel Sympathie für diese Ärztin empfinde, nachdem ich einen Blick auf ihre Bürden erhascht habe.

Ich nehme mir ein Taxi, zum dritten Mal in meinem Leben, lasse das Klinikum hinter mir, froh, dem institutionalisiertem, fremdbestimmten Krankenhausalltag entkommen zu sein.
Als ich zuhause bin, räume ich erstmal auf.

bein3